Was einen dann auch nicht mehr wundert nach fast 60 Minuten TV-Duell zwischen Hannelore Kraft und Armin Laschet: Ganz am Ende, als die Moderatorinnen die Redezeitkonten der beiden Duellanten vorführen, hat Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin zehn Sekunden länger gesprochen als ihr Herausforderer von der CDU. Kraft lächelt halb in die Kamera und halb zu ihrem Herausforderer und sagt: "Aber er hat ja dafür das Schlusswort." Dann lachen sie zusammen. Dieses gemeinsame Lachen ist der beste Schluss, den dieses merkwürdige Duell, das kaum eines war, haben konnte.

Es sind keine zwei Wochen mehr, bis am 14. Mai das größte deutsche Bundesland sein Parlament wählt und damit indirekt seine Landesregierung. Auch Bundeskanzlerin und ihr Herausforderer Martin Schulz touren deshalb durch den Westen, letzterer hat gar seine eigenen Erfolgschancen offiziell mit dem Ausgang der Wahl in NRW verknüpft. SPD und Grüne regieren hier seit 2010, aber sicher ist ihr Sieg laut jüngsten Umfragen nicht mehr. Soweit die politisch eigentlich aufregenden Umstände dieses TV-Duells.

Und dann das. Wie würden Sie sich selbst in drei Sätzen bewerben, fragen die Moderatorinnen Sonia Mikich und Gabi Ludwig die Kandidaten. Kraft sagt: "Leidenschaft für NRW, das Herz am rechten Fleck, Durchhaltevermögen." Laschet sagt: "Eine Idee, wo das Land hin soll, den Anspruch in Spitzenplätze zu kommen, viel Leidenschaft." Nächste Frage. Wurde bei Ihnen schon mal eingebrochen? Nein, sagt die Ministerpräsidentin, aber bei Freunden, und deshalb könne sie, na klar, das Gefühl nachvollziehen. Nein, sagt auch der Herausforderer, aber bei seinem Schwager, und das sei schrecklich gewesen. Besonders für die Kinder.

Man muss nicht so zynisch sein und den beiden Politikern zu ihren Einbruchsopfern im nahen Umfeld gratulieren, aber man kann doch feststellen: Betroffenheit ist Pflicht. Beide erledigen sie routiniert. Was aber ist die Kür? Die eher losen Regeln und die zurückhaltende Moderation der Sendung würden den Kandidaten genug Raum geben, eigene Schwerpunkte zu setzen.

Beide entscheiden sich aber nicht etwa dafür, ihre Menschen- und Weltbilder möglichst zwingend und schillernd zu inszenieren. Sie werden nicht grundsätzlich, auch nicht pathetisch. Auch die "Ideen, wo das Land hin soll", die Laschet versprochen hatte, tauchen bis zum Ende der Diskussion kaum auf. Die Zukunft kommt fast nicht vor an diesem Abend.  

Vielleicht passt die Zurückhaltung der beiden zur begrenzten Landespolitik. Was soll man hier große Bögen spannen, wenn doch die großen Dinge sowieso nicht hier entschieden werden, sondern in Berlin oder Brüssel – oder gleich an ganz anderen, unpolitischen Orten.

Denn das wäre eine zweite Lesart: Dass die politische Sprache dieser beiden geschrumpft ist, weil auch die Politik insgesamt geschrumpft ist. Von den großen Utopien auf die Verwaltung des Jetzt. Kraft und Laschet bewerben sich als Manager der Gegenwart.

Gegenseitige Schuldzuweisungen im Fall Amri

Da ist es nur logisch, dass sie sich manchmal im Zahlen-Klein-Klein verlieren. Wer, wann, wie viel Lehrer entlassen oder eingestellt hat, gebaute und nicht gebaute Autobahnbrücken, und ob es nun 150 oder 351 Polizeiverwaltungsassistenten gibt und wem das eigentlich zu verdanken sei, der jetzigen Regierung oder doch der davor?

Das ist eine der Merkwürdigkeiten im NRW-Wahlkampf: dass beide Seiten auch nach sieben Jahren rot-grüner Regierung noch ständig auf die Zeit davor verweisen, auf die schwarz-gelbe Mehrheit von 2005 bis 2010. Ihr habt doch damals alles falsch gemacht, was wir nun noch immer reparieren müssen, sagen SPD und Grüne. Ihr macht unsere Erfolge von damals kaputt, sagen CDU und FDP. So wird die Vergangenheit zum Munitionslager für die politischen Deutungsschlachten der Gegenwart.