Nuriye Gülmen und ihr Kollege Semih Özakça wurden wie etwa 150.000 weitere Staatsbedienstete an den Unis, im Sicherheits-, Verwaltungs- und Justizapparat seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 per Dekret entlassen. Gülmen war Literaturdozentin an einer Uni in Konya, Özakça war Lehrer an einer Grundschule in Mardin. Allgemein wird diesen Entlassenen unterstellt, Verbindungen zu den mutmaßlichen Putschisten zu haben.

Wenige Tage nach ihrer Entlassung setzte sich Nuriye Gülmen mit einigen Kollegen vor das Menschenrechtsdenkmal (es zeigt eine Frau, die die universelle Erklärung der Menschenrechte liest; hier finden häufig regierungskritische Kundgebungen statt) im Herzen Ankaras. Sie hängte Plakate auf, auf denen stand: "Ich wurde entlassen. Ich will meine Arbeit zurück." Seitdem stand und saß sie dort jeden Tag. Aber ihre Arbeit bekam die 35-Jährige nicht zurück.

Seit dem 11. März nun befinden sich Gülmen und Özakça im Hungerstreik. Zunächst öffentlich, jeden Tag vor dem Menschenrechtsdenkmal. Doch mittlerweile ist Gülmen zu schwach, um dort den ganzen Tag auszuharren. Wir haben sie telefonisch in Ankara erreicht. Nuriye Gülmen spricht zwar langsam, aber mit klarer Stimme.

 

ZEIT ONLINE: Frau Gülmen, wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Nuriye Gülmen: Heute ist der 65. Tag unseres Hungerstreiks. Es geht uns gesundheitlich gut, natürlich leiden wir unter den Begleiterscheinungen, die ein solcher Hungerstreik mit sich bringt. Ich habe Muskelschmerzen, Magenbrennen, ich kann nicht mehr laufen, habe Kopfschmerzen, Schwindel und sehr niedrigen Blutdruck.

ZEIT ONLINE: Sie haben seit 65 Tagen nichts mehr gegessen, sondern nur gezuckertes Wasser zu sich genommen?

Gülmen: Ja, gezuckertes, aber auch gesalzenes Wasser. Kräutertees und Vitamin B, das ist alles.

ZEIT ONLINE: Wann war der Punkt erreicht, an dem Sie beschlossen haben, in den Hungerstreik zu treten?

Gülmen: Es gab nicht "diesen Augenblick". Mein Kollege Semih Özakça und ich demonstrieren ja bereits seit Monaten gegen unsere Entlassung. Ich wurde ständig festgenommen, insgesamt 20 Mal. Einmal sprangen die Polizisten sehr hart mit mir um. Doch bei der obligatorischen Untersuchung schrieb der Amtsarzt meine Verletzungen nicht ins Protokoll. Das hat meinen Glauben daran, dass mir Gerechtigkeit widerfahren wird, nachhaltig zerstört. Sie haben eine legitime Forderung, aber diese Forderung wird mit aller Gewalt niedergedrückt. Sie werden ständig festgenommen und geschlagen. Darauf wollen Sie eine Antwort geben.

Hungerstreiks sind keine Seltenheit in der Türkei, wir haben das oft in Gefängnissen. Es geht dabei darum, für das kleinste Recht, das Ihnen zusteht, Gehör zu finden. Die Türkei ist ein Land, in dem Sie für die Einforderung des kleinsten Rechts einen sehr großen Preis bezahlen müssen. Einige Hungerstreiks hatten auch Erfolg. Eine Lehrerin streikte vor zwei Jahren, nachdem sie suspendiert worden war, weil sie an einer Kundgebung teilgenommen hatte. Nach zehn Tagen Hungerstreik wurde ihr die Rückkehr an ihren Arbeitsplatz genehmigt. Es ist kein Verbrechen, an einer Kundgebung teilzunehmen.

Sehen Sie, wir leisten Widerstand. Wir spüren die Ungerechtigkeiten, die den Menschen hier tagtäglich passieren, sehr tief. Die Türkei ist heute ein Land, das uns da keine Pause lässt.

Wir hatten bereits 120 Tage auf der Straße protestiert, als wir beschlossen, in den Hungerstreik zu treten. Wir waren jeden Tag auf der Straße und haben friedlich darauf aufmerksam gemacht, was uns widerfahren war. Sie haben uns festgenommen und geschlagen. Wir sind wieder an den Platz gegangen. Haben weitergemacht. Die Polizei war ständig dort, um zu verhindern, dass sich Menschen trauen, sich mit uns zu solidarisieren. Während einer Festnahme wurde mir die Nase gebrochen. Wir haben Unterschriften gesammelt, die Menschen über unseren und ähnliche Fälle aufgeklärt, sind von Tür zu Tür gelaufen. Wir haben die Presse informiert. Wir haben eigentlich alles getan, was wir tun konnten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen verstehen, warum Sie das tun?

Gülmen: Generell schon, sogar jene, die sich als Anhänger der Regierungspartei beschreiben, fragen, wie so etwas passieren könne. Das kommt zwar selten vor, aber es kommt vor.

ZEIT ONLINE: Gab es Reaktionen? Von Ihrem Arbeitgeber oder der Regierung? Sie saßen schließlich monatelang mitten in der türkischen Hauptstadt ...

Gülmen: Außer dass Polizisten geschickt wurden, gab es keine Reaktionen. Der Vorsitzende der Republikanischen Volkspartei, Kemal Kılıçdaroğlu, hat mit dem Premierminister telefoniert, es hieß, dieser würde sich mit der Sache beschäftigt. Aber bislang gab es keine Erklärungen zur eigentlichen Sache. Ein stellvertretender Premierminister äußerte im Fernsehen, dass man über unseren Protest informiert sei.