Am Anfang dieses Jahres sah die westliche Welt vielversprechend aus für Wladimir Putin. Die Amerikaner hatten Donald Trump zum Präsidenten gewählt – und in Westeuropa standen einige Wahlen bevor, in denen Kandidaten gute Chancen hatten, die den russischen Präsidenten in ähnlicher Weise erfreuen könnten. Es schien ein glänzendes Jahr zu werden.

Nach viereinhalb Monaten ist es Zeit, eine erste Bilanz aus Putins Sicht zu ziehen. Der russische Auslandsgeheimdienst, das Kreml-Protokoll, russische Hacker und Banken haben viel und riskant investiert, damit überall die Richtigen gewinnen. Was ist dabei heraus gekommen?

Frankreich hat eine deutliche Antwort geliefert: nichts. Der Sieg des sozialliberalen Kandidaten Emmanuel Macron über die Favoriten Putins hat alle Anstrengungen zunichte gemacht. Was hatte Russland nicht alles unternommen! Der französische Front National bekam Millionen Euro aus russischen Kassen über eine obskure tschechische Bank. Die russische Medienwalze stützte Marine Le Pen. Als der Konservative François Fillon, der Putin gut kennt, zwischenzeitlich eine Chance zu haben schien, schwenkte der Kreml um auf Fillon. Doch weil dieser im selbst angelegten Korruptionssumpf versank, erwärmte sich Putin wieder für Le Pen. Er lud sie mitten im Wahlkampf in den Kreml ein. Gegen Emmanuel Macron bliesen russische Hackerdienste über ihre Lieblingsplattform WikiLeaks noch kurz vor der Wahl allerlei Privates und Anstößiges heraus.

Umsonst. Mit 66 Prozent gewann der jüngste französische Kandidat seit dem Zweiten Weltkrieg die Wahl. Emmanuel Macron weiß nun, was er von Russland zu halten hat. Putin hat mit der Einmischung in den französischen Wahlkampf nichts gewonnen. Macron hat sich für die Verlängerung der Russland-Sanktionen eingesetzt. Paris und Moskau sind ganz weit voneinander entfernt.

Ein ähnlicher Fehlschlag war die überzogene Hoffnung auf einen Wahlsieg von Geert Wilders in den Niederlanden. Der holländische Rechtspopulist hatte 2016 ein Referendum gegen ein Freihandelsabkommen der EU mit der Ukraine losgetreten und gewonnen. Das war ganz im Sinne Moskaus, er bekam viel Lob in der russischen Presse. Die Wahl im Frühjahr aber verlor Wilders eindeutig. Die neue niederländische Regierung ist entsprechend voller Misstrauen gegenüber Moskau.

Frankreich - Für ein europäisches Projekt Emmanuel Macron will die EU reformieren, um sie zukunftsfähig zu machen. Auch das eigene Land will er umbauen. Wie groß sein Handlungsspielraum ist, zeigt unser Video.

Mehr Schaden als Nutzen

Doch selbst in den USA entwickelten sich die Dinge für Putin anders als erhofft. Putins bester Mann, Donald Trumps Sicherheitsberater Michael Flynn, musste wegen seiner umfassenden Russland-Kontakte gehen. Der Skandal weitet sich nun aus, da Trump den FBI-Chef James Comey entlassen hat, der wegen der mutmaßlichen russischen Einmischung in den US-Wahlkampf recherchierte. Es ist absehbar, dass die geheimnisumwitterte Trump-Russland-Connection den neuen Präsidenten in den nächsten Jahren begleiten wird. Das dürfte jede nachhaltige Annäherung zwischen Moskau und Washington behindern. Jeder Schritt Trumps in Richtung Putin wird auch in der Republikanischen Partei beargwöhnt. Eine Lockerung von Sanktionen gegen Russland, die vom Kongress zu beschließen wäre, hätte derzeit keinerlei Aussicht.

Wladimir Putin müsste eigentlich inzwischen klar sein, dass die Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf Russland mehr geschadet als genützt hat. Trump wäre in dem überalterten US-Wahlsystem wahrscheinlich auch ohne Kreml-Hilfe gewählt worden. Doch die Nachbeben der Einmischung zerrütten heute die amerikanisch-russischen Beziehungen und verstellen Chancen, die sich sonst mit dem Russland-Fan Trump ergeben hätten.

Kreml-Ventil WikiLeaks

Bleibt im September Deutschland. Die AfD unterstützt der Kreml nach Kräften. In Russland lagert wahrscheinlich einiges an Kompromat über deutsche Politiker, erbeutet im elektronischen Hacker-Einbruch in den Bundestag vor zwei Jahren. Doch selbst wenn das kurz vor der Wahl über den Kreml-Ventil WikiLeaks herauskommt, wird es Kanzlerin Merkel wahrscheinlich nicht viel schaden. Eher nützen.

Die Einmischung in westliche Wahlkämpfe hat der russischen Regierung und ihren Leitmedien also bislang mehr geschadet. Die Frage ist nun: Lernen sie daraus?

Die Reaktion auf das Ergebnis Macrons lässt darauf nicht hoffen. Russische Politiker und Kreml-Journalisten reden den 66-Prozent-Sieger herunter. Macron wird wechselweise als zu jung und unerfahren, als schwach und schwul, als Rothschild-Zögling verunglimpft. Die Pariser Korrespondentin der Komsomolskaja Prawda schäumte am Ende eines Verrisses: "Die Franzosen haben diesen Gummi-Macron verdient, aber nicht die Demokratie.". Im russischen Fernsehen schauen sie jetzt schon fünf Jahre voraus: "Dann gewinnt Le Pen eben nächstes Mal!"