Sexueller Missbrauch findet überwiegend in der Familie und im Bekanntenkreis statt. Das ist das Ergebnis eines Zwischenberichts, den die Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland vorgelegt hat. Demnach wurden rund 70 Prozent der Betroffenen, die sich bei der Kommission gemeldet hatten, von Familienmitgliedern oder Bekannten und Freunden aus dem sozialen Umfeld sexuell missbraucht.

Dabei komme vor allem den Müttern als Mitwissenden eine besondere Rolle zu, schreiben die Autoren. In der großen Mehrheit der berichteten Fälle hätten sie den betroffenen Kindern nicht geglaubt und sie vor weiteren sexuellen Übergriffen nicht geschützt. Laut der Kommission sind Abhängigkeiten, Gewalt in der Partnerschaft, Angst vor dem Verlust des Partners, aber auch eigene Missbrauchserfahrungen Gründe für dieses Verhalten.

Viele Kinder wurden nicht nur von einem, sondern von mehreren Tätern missbraucht. Kinder erlebten beispielsweise gleichzeitig oder nach dem Missbrauch in der Familie erneut sexualisierte Gewalt in der Schule oder in Heimen. Oder sie wurden über mehrere Jahre von verschiedenen Familienmitgliedern missbraucht, zunächst vom Großvater und Jahre später vom Vater. Gerade organisierter Missbrauch finde oft in der Familie statt, schreiben die Experten.

Für die Betroffenen habe der Missbrauch auch jenseits der entstandenen Traumata und psychischen Folgen häufig langfristige Folgen. Viele von ihnen lebten als Erwachsene in ärmlichen sozialen Verhältnissen.

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs war im Januar 2016 vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs einberufen worden. Sie soll durch bundesweite Anhörungen von Betroffenen sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche untersuchen.

Seit Mai vergangenen Jahres wurden rund 200 Betroffene befragt und 170 schriftliche Berichte ausgewertet, insgesamt haben sich knapp 1.000 Menschen gemeldet. Das sind so viele, dass weitere vertrauliche Gespräche aktuell nicht mehr möglich seien, berichtet die Kommission. Die finanziellen Mittel reichten dazu nicht aus.

Bis März 2019 will man nun die restlichen Betroffenen anhören, dann endet das Projekt. In Deutschland sind laut der polizeilichen Kriminalstatistik 2016 rund 12.000 Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden, die Dunkelziffer wird jedoch wesentlich höher eingeschätzt.

Gesetz für Aufarbeitung

In der Gesellschaft herrsche noch längst kein Bewusstsein für die langfristigen Folgen des sexuellen Missbrauchs, betonen die Experten. Deswegen plädieren sie für eine weiterführende Aufarbeitung nach dem Frühjahr 2019. Dies mache aber eine zusätzliche Finanzierung nötig.

Außerdem brauche die Aufklärungsarbeit gesetzgeberische Unterstützung, so die Kommission. Wissenschaftler müssten Einsicht in Täterakten nehmen können. "Die Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe angesehen werden und erfordert eine stärkere Unterstützung durch die Politik", fordert auch Christine Bergmann, ehemalige Familienministerin und Mitglied der Kommission.

Gespräche zu Kindesmissbrauch in Kirchen haben bereits im Mai begonnen, im Herbst dieses Jahres folgt ein Schwerpunkt zu sexuellem Missbrauch in der DDR.