ZEIT ONLINE: Seine jüngste Attacke richtete sich gegen Ihren Parteikollegen, den deutschen Außenminister Sigmar Gabriel. Warum traut sich Erdoğan anders als gegen die USA oder Russland einen so harten Kurs gegen Deutschland?

Özoğuz: Ganz nüchtern betrachtet: weil rechnerisch hier immer noch die meisten seiner im Ausland lebenden Wähler sind. Die Gruppe seiner konservativ geprägten Anhänger ist in Deutschland am größten, deshalb sind sie so wichtig für ihn. In den USA haben wir eine völlig andere Situation: Die Türken sind dorthin nicht als Gastarbeiter ausgewandert, viele sind hochqualifiziert und haben ein anderes Selbstbewusstsein. In den USA haben 80 Prozent der Wähler gegen Erdoğans Verfassungsreform im April gestimmt. Um wen soll der Präsident dort also groß buhlen? Da hätte er einfach nichts von.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel für den harten Kurs Erdoğans mitverantwortlich ist? Sie hat sich bisher nur gewohnt zurückhaltend geäußert.

Özoğuz: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und Sigmar Gabriel haben ja bereits klare Kante gegen den türkischen Präsidenten gezeigt und werden dies auch weiterhin tun. Wir dürfen nicht zuschauen, wenn jemand versucht, die in Deutschland lebenden Türken zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen. Deshalb appelliere ich an alle hier lebenden türkeistämmigen Deutschen, zur Wahl zu gehen und ihre Stimme einer demokratischen Partei geben.

ZEIT ONLINE: Die Türkei kontert diesen Vorwurf: Deutsche Politiker, darunter auch SPD-Abgeordnete, hätten sich in die Angelegenheiten der Türkei eingemischt und unter Deutschtürken Stimmung gegen die Regierungspartei AKP gemacht.

Özoğuz: Ich kann mich nicht erinnern, dass wir bei türkischen Parlamentswahlen jemals empfohlen hätten, eine bestimmte Partei nicht zu wählen. Erdoğan will dagegen deutsche Wähler zu einem bestimmten Wahlverhalten in Deutschland drängen.

ZEIT ONLINE: Das stimmt nicht ganz. Die SPD steht hinter der säkularen Oppositionspartei CHP. Zudem haben sich deutsche Politiker öffentlich gegen die Verfassungsreform in der Türkei positioniert. Sie haben damit doch Deutschtürken zu einem gewissen Wahlverhalten animiert, obwohl das Referendum eine innenpolitische Angelegenheit der Türkei war. Sind Sie sicher, dass Erdoğans Aufruf zum Wahlboykott keine Retourkutsche ist?

Özoğuz: Wenn türkische Politiker in Deutschland Wahlkampf für eine Sache machen, die wir als antidemokratisch bewerten, dann muss man etwas dazu sagen dürfen. Eine Abstimmung mit so weitreichenden negativen Folgen für den Rechtsstaat wie das Referendum kann man zudem wohl kaum mit einer Bundestagswahl vergleichen. Die Türkei steht nach dem umstrittenen Verfassungsreferendum sogar unter der Beobachtung des Europarats!

ZEIT ONLINE: Reisen Sie noch in die Türkei?

Özoğuz: Nein, mir wird nach wie vor davon abgeraten. Deshalb habe ich auch meine Familie seit längerer Zeit nicht sehen können. Ich kenne viele, die diese Situation genau wie mich sehr belastet.