Populismus ist ganz einfach. Die Politik von Rechtspopulisten beruht nur auf einem einzigen Grundgedanken, einem selbst gestrickten Bild der Gesellschaft. Hier sind WIR und dort sind die ANDEREN. Diese beiden Gruppen braucht der Rechtspopulismus. Sonst nichts.

Erfinden Sie eine Gesellschaft, die aus nur zwei Gruppen besteht: den WIR und den ANDEREN.

Rechtspopulisten haben stets dieselbe Erzählung: jene von einer zutiefst gespaltenen Welt, in der zwei Gruppen gegeneinander kämpfen. Ihr zentraler Begriff ist "das Volk". US-Präsident Donald Trump hat in seiner Antrittsrede versprochen: "Wir nehmen die Macht von Washington D.C. und geben sie an euch, das Volk, zurück."

"Das Volk" und die WIR im demagogischen Weltbild sind eine reine Erfindung, ein Märchen, eine Fiktion. Denn die WIR sind idealisierte Menschen, die nirgendwo anzutreffen sind. Sie sind nur "brav", "arbeitsam", "bürgerlich", "modern", "tüchtig" und so fort.

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Kein erfundenes "Volk" ohne seine erfundenen Gegenspieler. Davon gibt es drei Gruppen: DIE DA OBEN, DIE DA DRAUẞEN und DIE DA UNTEN. DIE DA OBEN sind Personen, denen Macht zugesprochen wird, die "Elite". Für Demagogen gibt es keine verschiedenen Eliten, die vielleicht unterschiedliche Interessen verfolgen und gegeneinander agieren. Es gibt nur eine einzige Elite, die in ihrer Gesamtheit bösartig ist. Diese Elite hat sich gegen "das Volk" verschworen: "Es ist ein politisches Kartell, das die Schalthebel der staatlichen Macht und die gesamte politische Bildung eisern im Griff hat. Nur das Volk kann diesen selbstherrlichen Gewaltinhabern die illegitime Macht wieder entreißen", so das Parteiprogramm der AfD.

Alle drei Gruppen werden zu einer einzigen gleichartigen Gruppe zusammengedacht: Das sind die ANDEREN, die UNS in ihrer Gesamtheit bedrohen.

Machen Sie die WIR schön und die ANDEREN hässlich.

Das Gleichmachen verlangt das Einhalten strenger Sprachvorschriften: Versehen Sie die WIR ausschließlich mit positiven Eigenschaften. Sie sind "brav", "anständig", "ehrlich", "fleißig", "arbeitsam", "charaktervoll", "authentisch". Die Motive der WIR sind immer EDEL und GUT. Die WIR sind prinzipiell friedfertige Menschen. Nur wenn die ANDEREN sie provozieren, werden die WIR gewalttätig. Aber das kann man ja verstehen, schließlich sind nicht die WIR, sondern die ANDEREN daran schuld.

Belegen Sie die ANDEREN ausschließlich mit negativen Merkmalen. Machen Sie ja keine Ausnahme! Die ANDEREN sind prinzipiell "kriminell", "faul", "unmoralisch", "gewissenlos", "charakterlos". Ihre Gefühle sind "falsch" und lächerlich zu machen. Die Motive der ANDEREN sind immer SCHLECHT. Die ANDEREN sind prinzipiell aggressive Menschen. Wenn sie gewalttätig werden, dann ist das lediglich der augenscheinliche Beweis ihrer wahren Natur.

Das große Vorbild der europäischen Demagogen ist heute Donald Trump. Er hat die "politische Korrektheit"  in früher ungeahnte Schranken verwiesen. Trump folgt dem Prinzip, dass alles, was man denken kann, im öffentlichen Raum auch gesagt werden darf. Sei es noch so frauenfeindlich. Über Rosie O’Donnell, eine in den USA sehr bekannte Moderatorin und Filmproduzentin, sagte Trump: "Rosie  O’Donnell  ist furchtbar – von innen und von außen. Wenn man sie anschaut, ist sie eine Gammlerin. Wie hat sie es überhaupt ins Fernsehen geschafft? Wenn The View mir gehörte, würde ich Rosie feuern. Ich würde ihr direkt in ihr fettes, hässliches Gesicht schauen und sagen: 'Rosie, du bist gefeuert.' Wir sind alle ein bisschen pummelig, aber Rosie ist schlimmer als die meisten von uns. Aber es ist nicht ihre Pummeligkeit – Rosie ist eine sehr unattraktive Person – von innen und von außen."

Erfinden Sie Sündenböcke

Sündenböcke sind eine wunderbare Sache. Mit ihnen lässt sich jedes Problem erklären:

  • Warum gibt es eine Budgetkrise? Weil es zu viele Sozialschmarotzer gibt. Weil die anderen Parteien den Staat ruiniert haben. Weil die Flüchtlinge zu viele Kosten verursachen.
  • Warum gibt es so viele Gewaltverbrechen? Weil es zu viele Ausländer gibt. Weil die Politiker zu ausländerfreundlich sind. Weil die Gutmenschen der Polizei zu wenig Macht geben.
  • Warum werden UNSERE Politiker so angefeindet? Weil sie so super-mutig unsere Interessen vertreten. Weil DIE DA OBEN Angst um ihre Privilegien haben.
  • Warum gibt es islamistischen Terror in Europa? Weil die EU und die Regierung der ANDEREN UNSER Land destabilisieren wollen. Weil die Moslems ausnahmslos zu den ANDEREN zählen und UNS den Krieg erklärt haben. Und wenn es nicht die Moslems waren, dann die USA oder die jüdische Weltverschwörung oder die Radfahrer (da muss man als SUPER-WIR super-flexibel sein).

"Ausländer" sind ideale Sündenböcke. Sie kombinieren in geeigneter Weise alle drei Gruppen der ANDEREN:

Sie kommen von AUẞEN.

Sie werden von DENEN DA OBEN ins Land gelassen, weil DIE UNS "umvolken" wollen.

Sie gehören zu den "Sozialschmarotzern" DA UNTEN, weil sie als Arbeitslose oder Sozialempfänger die Staatskasse belasten.

Widerstehen Sie den Demagogen

Lügen Sie! Setzen Sie Fakten außer Kraft

Als Demagoge brauchen Sie sich nicht mit Fakten herumzuschlagen. Wichtig ist es, das Bild der gespaltenen Gesellschaft für wahr zu halten. Wenn das erreicht ist, spielen Fakten keine Rolle mehr. Psychologen wissen auch warum: Kognitive Dissonanzen sind für die meisten Menschen schwer auszuhalten. Wenn Fakten Überzeugungen widersprechen, werden in der Regel die Fakten für falsch gehalten. Oft kann sogar das Gegenteil eintreten: Bei Personen, die von etwas Unsinnigem felsenfest überzeugt sind, kann die Konfrontation mit wahren Informationen bewirken, dass sie noch mehr in ihren falschen Überzeugungen bestärkt werden. Die Psychologie nennt das den Backfire-Effekt.

Der frühere AfD-Politiker Bernd Lucke hatte in einem Interview behauptet, die Meinungsforscher von Forsa würden die Umfragewerte seiner Partei nach unten manipulieren. Forsa-Chef Manfred Güllner nannte den AfD-Chef daraufhin "Lügen-Lucke". Nach einer Klage entschied das Landesgericht Hamburg, Lucke dürfe so bezeichnet werden. Lügen zu verbreiten hat Trump als Politikstil perfektioniert. Tony Schwartz, Ghostwriter von Donald Trumps Bestseller The Art of the Deal, meint, Lügen sei Trumps zweite Natur: "Er lügt aus strategischen Gründen. Er hat überhaupt kein Bewusstsein darüber."

Widerstehen Sie den Demagogen

1. Demagogen sollte man nicht unterschätzen, vor allem nicht in ihren kommunikativen Fähigkeiten. Man sollte sie weiter nicht dämonisieren (d.h. das Schwarz-Weiß-Denken auf die Demagogen anwenden, das funktioniert nicht und ist unehrlich). Man sollte auch nicht ihre Wähler verteufeln oder Eliten unkritisch verteidigen, das befördert Demagogie.

2. Demagogen sind Gefühlsmanager. Sie knüpfen an Gefühle an, wollen sie anfeuern und für ihre Pläne nützen. In Begegnung mit einer Kritikerin oder einem Kritiker haben sie ein großes Ziel: diese Person in negative Emotionen zu versetzen. Denn hier steht ein FEIND und ein FEIND soll sich ärgern und im Ärger agieren. Hier gilt: Es genügt, dass Demagogen heute über so viel Einfluss verfügen, ich muss mich nicht auch noch ärgern. Wenn ich weiß, dass Demagogen darauf aus sind, mich zu ärgern, dann kann ich das erwarten und bin gewappnet, mich weniger zu ärgern.

3. Demagogen sind Angstspezialisten. Sie sprechen Ängste an, heizen sie an und schieben Ängste als Argument vor sich her – bis hin zu Visionen von Krieg und Bürgerkrieg. Aber viele Ängste haben auch reale Hintergründe. Wenn Trump vom Schicksal verödeter Städte und arbeitsloser Menschen spricht, dann sind diese Ängste realer Natur. Sie handeln von Lebenswirklichkeiten, die angstauslösend sind und Angst machen müssen. Der Umgang mit Demagogie verlangt auch ein entspanntes und menschliches Reden über Ängste, auch die eigenen – ohne Angst vor der Angst.

4. Dass so viele Menschen Demagogen zulaufen, ist auch Ausdruck einer Gegenposition zu jenen, die einen positiven Zukunftsdiskurs verweigern. Auf Deutschland bezogen: Jahrelang wurde gesagt, es gäbe keine Alternative, und die Antwort war die Alternative für Deutschland.

Wenn es kollektiv nicht gelingt, attraktive Bilder über mögliche Zukunftsszenarien zu entwerfen, dann werden die Demagogen in ihrer Bedeutung weiter steigen. Aber hier liegt auch die große Chance für alle, die über das Anwachsen der Demagogie in Europa und in den USA besorgt sind. Ihr Ziel sollte es sein, einen neuen Diskurs über attraktive Zukunftsbilder zu starten: Wie sollte die Gesellschaft in fünf, zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Viele machen sich genau darüber kluge Gedanken. Sie zu stärken ist das wichtigste Moment im Kampf gegen Demagogie. Denn eines ist gewiss: Demagogen können die Zukunft nur als Hölle der ANDEREN oder als illusorischen Himmel der WIR entwerfen – und aus diesem "Paradies" ist bereits ein Großteil der Bevölkerung vertrieben. Die Zukunft der Demokratie liegt aber nicht in Ausschluss und Spaltung (die Stärke der Demagogen), sondern in Einschluss und Integration.

Aus: Walter Ötsch/Nina Horaczek: Populismus für Anfänger. Anleitung zur Volksverführung, Westend Verlag, 256 S., € 18,-