In der jahrhundertealten Beziehung zwischen Deutschland und Russland hat es immer wieder sehr gute und sehr schlechte Zeiten gegeben. Einst waren die Länder enge Verbündete, etwa gegen die Expansion Napoleons; zu anderer Zeit waren sie erbitterte Feinde, so im Ersten und im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Ende des Kalten Krieges schienen sie zunächst wieder in Freundschaft vereint. Der russische Präsident Michail Gorbatschow ließ sich auf die deutsche Wiedervereinigung ein, obwohl er sie hätte verhindern können. Und der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker warnte: "Wir müssen verhindern, dass die Mauer, die wir jetzt niederreißen, einfach tausend Kilometer nach Osten verschoben wird."

Doch seit der Jahrtausendwende haben sich Moskau und Berlin politisch allmählich wieder voneinander entfernt. Nach dem Ausbruch der Ukraine-Krise und der Annexion der Krim schlug die frühere Nähe aufs Neue um in Entfremdung – mit dem Ergebnis, dass die deutsch-russischen Beziehungen heute so schlecht sind wie lange nicht. Auch der Petersburger Gesprächskreis, der diese Woche in Berlin zusammentritt, wird daran nichts ändern. Die aktuelle Stimmung lässt es nicht zu.

Da sind vor allem jene Vertreter eines neuen Kalten Krieges, die jeden Versuch zum Ausgleich mit Russland für Appeasement halten, für unzulässiges In-die-Knie-gehen. So wird Bundespräsident Steinmeier als heimlicher Russlandfreund dargestellt, weil er – wie er selbst sagt – "trotz der noch offenen Wunden", die von der Annexion der Krim herrühren, sich um Normalisierung bemüht. Vor allem wird Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder angegriffen, weil er bei den Ostsee-Pipelines Nordstream 1 und 2 des Energiekonzerns Gazprom eingestiegen ist und nun auch noch Aufsichtsratsvorsitzender des halbstaatlichen Erdöl-Konzerns Rosneft wurde.

Es wird ihm nicht nur vorgeworfen, dass er Geld von den falschen Leuten bekommt; er gilt geradezu als Landesverräter. Als ob Deutschland, wenn es aus der Atomkraft aussteigen und sich auch noch von der Kohle verabschieden will, nicht bitter auf russisches Öl und Gas angewiesen wäre.

Damit kein Missverständnis aufkommt: Ich halte Russland nicht für eine lupenreine Demokratie. Ich sehe auch, dass es im Nahen wie im Fernen Osten seine machtpolitischen Ambitionen mit neuem Elan verfolgt. Es ist mir nicht entgangen, dass russische Hacker sich mit ihren Desinformationskampagnen massiv in die Wahlkämpfe westlicher Staaten einmischen. Die Luftangriffe auf syrische Städte finde ich entsetzlich (nicht minder freilich die saudisch-amerikanischen Luftangriffe auf Zivilisten, Städte, Hospitäler im Jemen). Und ich leugne nicht, dass die Annexion der Krim technisch ein Völkerrechtsbruch war. Ich mache mir also keine Illusionen.

Aber ich habe auch keine Obsessionen. Wir kennen keinen handfesten Nachweis, dass die Wahlkampf-Einmischung der Russen – ob staatlich, staatlich gefördert oder geduldet – in einem einzigen Land den Ausgang der Wahlen beeinflusst hat. Hillary Clinton scheiterte an ihrer Hoffärtigkeit, nicht an Putin; Theresa May wurde das Opfer ihrer Unfähigkeit, und auch der Brexit ist nicht den Machenschaften Moskaus zuzuschreiben, sondern David Camerons Unvermögen oder Unwillen, gegen die Brexiteers anzukämpfen. Putins Unterstützung hat auch der französischen Nationalistin Le Pen nicht geholfen; statt Marine residiert jetzt Macron im Élysée. Und es wäre aberwitzig, den Erfolg der AfD etwa auf den Einfluss von RT Deutschland zurückzuführen. Ich würde seinen Einfluss nicht höher einschätzen als den von BBC, Radio Liberty oder Deutschlandfunk auf das russische Wahlverhalten.

Gewiss ist Wladimir Putin ein Autokrat – aber ein gewählter Autokrat. Achtzig Prozent der Russen sind für seine Politik. Machen wir uns nichts vor: Wir haben es nicht mit Putins Russland zu tun, sondern mit Russlands Putin. Seine Nachfolger werden uns nicht viel anders gegenübertreten als er. Wer immer in Russland regiert, wird die russischen Interessen auf russische Weise auslegen.