Frankreich: Das Aus für das Traumpaar

Selten waren sich die Franzosen so einig: "Eine sehr schlechte Nachricht für Europa", titelt die linksliberale Pariser Tageszeitung Le Mondeüber das Jamaika-Aus in Berlin. Fast wortgleich kommentiert der konservative Figaro: "Das große europäische Projekt von Emmanuel Macron muss warten. Auch für Europa ist die Krise in Berlin eine ärgerliche Nachricht."

Was erstaunlich ist: Kein Franzose scheint sich zu freuen, dass "Macron jetzt der de facto stärkste Regierungschef Europas ist", wie die New York Times schreibt. Stattdessen scheinen politische Beobachter zu ahnen, dass die deutsche Krise auch Frankreich einholen könnte. "Die deutsche politische Landschaft ist jetzt genauso zersplittert wie die französische", sagt ein Kommentator im populären BFM-TV-Fernsehen, das in fast jedem französischen Eckcafé läuft. Bei den Franzosen schwingt die Sorge mit, dass es den Deutschen bald wie in den Jahren vor Staatspräsident Macron ergeht, unter den Ex-Präsidenten Sarkozy und Hollande. Damals fielen die Altparteien in Ungnade, die Rechtsextremen kamen hoch und Neues war nicht in Sicht.

Eine solche Situation wünschen die Franzosen den Deutschen nicht. Und sie wollen, dass Merkel auch ihnen als starke Kanzlerin erhalten bleibt. Macron und Merkel waren für Frankreich in den vergangenen Monaten so etwas wie ein politisches Traumpaar. Traten Präsident und Kanzlerin gemeinsam auf, schmückte ihr Bild jedes Mal die Titelseiten. Doch dieser Traum scheint jäh beendet. "Die Nach-Merkel-Zeit hat begonnen", heißt es unmissverständlich auf BFM-TV. Auch den Präsidenten treibt das Aus der Sondierungsgespräche in Berlin um: Noch Sonntagabend telefonierte er mit der Kanzlerin. Es sei nicht im französischen Interesse, "dass sich das verkrampft". Macron zählt auf Merkel als Partnerin in Brüssel, um tiefgreifende Reformen in der Europäischen Union durchzusetzen.

Doch nicht alle Franzosen nehmen die deutsche Krise gleichermaßen ernst. "Die Deutschen werden wieder Deutsche werden und Kompromisse finden. Alles wird wieder wie vorher unter Merkel", glaubt der Bestsellerautor und Macron-Freund Alain Minc. Der Außenpolitikexperte Dominique Moïsi vom Französischen Institut für Internationale Beziehungen in Paris aber verzweifelt an der Lage ein bisschen. Es sei schrecklich, dass man es in Europa nie erlebe, dass mehrere Länder zu gleicher Zeit in guter Verfassung seien. "Gestern war Frankreich der kranke Mann, heute ist es Deutschland."  

Großbritannien: Die Brexit-Schlussrechnung senken

Offiziell wiegelt Downing Street ab: Nach Angaben eines Sprechers von Premierministerin Theresa May geht die Regierung nicht davon aus, dass das Scheitern der Jamaika-Sondierungen Folgen für die Brexit-Verhandlungen mit der EU habe. "Mir wäre nicht bewusst, dass es breitere Bedenken gäbe."

Doch natürlich sind die Entwicklungen im politischen Berlin auch Thema in London. Führende Brexit-Unterstützer in der konservativen Partei drängen laut Times May dazu, die "Merkel-Krise" auszunutzen, "um die Brexit-Schlussrechnung zu senken". Der konservative Abgeordnete Jacob Rees-Mogg, ein prominenter Brexit-Befürworter und potenzieller neuer Parteivorsitzender, gibt sich kämpferischer. Es sei "unklug", ausgerechnet jetzt finanzielle Zugeständnisse gegenüber Brüssel zu machen. Trotzdem ist man sich im Brexit-Lager bewusst, dass die Verhandlungen nicht einfacher werden. Die Times zitiert den früheren Minister und Brexit-Hardliner Iain Duncan Smith mit den Worten, Merkels Eingeständnis, dass sie sich Neuwahlen stellen müsse, hätten die Brexit-Verhandlungen "ins Chaos gestürzt".

Ein entscheidender Partner Großbritanniens in der Handelspolitik sei nun geschwächt, findet der liberale Guardian. Zwar sei es Deutschland, das die unnachgiebige Haltung Brüssels gegenüber London unterstütze. Zugleich sei aber Deutschland wegen seiner exportorientierten Wirtschaft "zumindest potenziell ein freundlicherer Verbündeter". Das sei nun nicht mehr garantiert: Eine geschwächte Regierung in Berlin werde wohl weniger in der Lage sein, protektionistischere Stimmen in der EU umzustimmen.