Dies ist meine letzte Kolumne vor Weihnachten und Neujahr. Was also schreiben? Einen Jahresrückblick? Er bräuchte viel mehr Platz. Einen Artikel über die Peristaltik der Sozialdemokraten? Alle schreiben darüber und lassen sich an dem unglückseligen Martin Schulz aus. Einen Kommentar zum Palästina-Konflikt, den Donald Trumps gemeingefährliche Botschaftsverlegung nach Jerusalem mit einem Schlag wieder ins Zentrum der großen Krisenregion gerückt hat? Noch lassen sich die Konsequenzen nicht verlässlich erkennen.

Ich begnüge mich daher mit ein paar kurz hingeworfenen Gedanken über Dinge, die mich im Moment wahnsinnig aufregen.

Thema Nr. 1: die Regierungsbildung. Ich finde es unerträglich, dass wir 75 Tage nach der Bundestagswahl noch immer keine handlungsfähige, sondern nur eine geschäftsführende Regierung haben; abgesehen vom Außenminister und Innenminister amtiert sie so gut wie nicht. Unerhört finde ich es, dass sich alles und alle mit dem Gedanken abzufinden scheinen, es könne Ostern werden, Mai sogar, bis wir wieder eine richtige Regierung haben. Ja, wo leben wir denn?

Die Welt brennt an allen Ecken und Kanten. Alte Regionalordnungen zerfallen, ehrgeizige neue Mächte – so China, so Saudi-Arabien – werkeln an neuen Ordnungen. Die Atlantische Gemeinschaft verliert ihren Rückhalt durch die USA; die Europäische Union, vor allem Emmanuel Macron, wartet auf Deutschland. Wir aber nehmen uns eine Auszeit. Island kann sich so etwas leisten, die Niederlande auch oder Belgien; nicht jedoch Deutschland. Die Partner beklagen sich über deutsche Führung, wenn sie ausgeübt wird, aber sie mögen es noch weniger, wenn sie ausbleibt. Schon höhnt der Economist, die SPD sei "intellektuell bankrott, politisch steuerlos", "Merkel, eine schlafende Schönheit".

Tatsächlich wirkt die Bundeskanzlerin wie abgetreten – als feile sie nur noch an ihrer Neujahrsbotschaft. Zugleich versteigt sich der SPD-Vorsitzende zu aberwitzigen Projektionen. Vereinigte Staaten von Europa bis 2025 – das hat so viel Realitätsgehalt wie seine monatelang wider besseres Wissen endlos wiederholte Behauptung "Ich werde Bundeskanzler". Unsere Enkel, so hoffe ich, werden eines Tages die Vereinigten Staaten von Europa erleben. Das Nahziel ist indes das Vereinigte Europa der Staaten. Darauf muss die Politik hinarbeiten, doch das geht nur Schritt für Schritt – im Konkreten, nicht mit abstraktem Gewäsch.

Thema Nr. 2: Donald Trump. Eigentlich fällt mir zu ihm nichts mehr ein, jedenfalls nichts Neues. Er ist ein Twitterer, der mit dem Daumen denkt; ein Mann, der keine Ideen hat, sondern nur Impulse. Sein Jerusalem-Beschluss ist nur die bisher letzte seiner weltpolitischen Unausgegorenheiten – siehe TPP, Nafta, Klima, Iran-Abkommen, Katar.

Das treffendste Urteil über Trump fand ich beim Wiederlesen der Rede eines amerikanischen Politikers. "Unglücklicherweise ist unsere Außenpolitik vom richtigen Kurs abgekommen", steht da. "Wir versagten an der Aufgabe, eine neue Vision für eine neue Zeit zu entwerfen. Tatsächlich machte unsere Außenpolitik je länger, je weniger irgendeinen Sinn. Die Logik wurde durch Torheit und Arroganz ersetzt, was zu einem außenpolitischen Desaster nach dem anderen führte."

Dem ist nichts hinzuzufügen. Das Zitat stammt übrigens aus der ersten außenpolitischen Rede Donald Trumps – einer maßlosen Schelte seiner drei Amtsvorgänger.

Thema Nr. 3: die Dämonisierung Putins. Mich ärgert, wie amerikanische Politiker so tun, als sei Russland an allem Elend in der Welt schuld. Ich habe hier oft genug geschrieben, dass ich Russland nicht für eine lupenreine Demokratie halte; dass seine Außenpolitik, seine Handelspolitik und seine Informationspolitik so machiavellistisch sind wie die einer jeden Großmacht; und dass man dem Kreml ohne Illusionen gegenübertreten muss. Aber ich warne auch vor gefährlichen Obsessionen. Dazu gehört die Unterstellung, Russland bedrohe seine westlichen Nachbarn (US-Außenminister Rex Tillerson); es unternehme einen "dreisten Sturmangriff auf das Fundament der westlichen Demokratie in aller Welt" und versuche, die Demokratien des Westens durch weaponizing information, cyberspace, energy and corruption zu schwächen und zu untergraben (Ex-Vizepräsident Joe Biden). Was Letzteres betrifft, so handelt Russland nicht anders als andere Mächte. Für eine aktuelle militärische Bedrohung werden jedoch nie die Beweise geliefert (das Thema hebe ich mir für 2018 auf).

Handfeste Beweise fehlen auch dafür, dass der Kreml Trump zum Präsidenten gemacht, die Brexit-Entscheidung bewirkt, den Aufstieg der AfD heraufbeschworen und weiß Gott was sonst noch herbeigeführt hat. Alles ohne Belege, schreibt Jakob Augstein in einer herrlichen Persiflage im Spiegel, als sei Putin allmächtig und wir an unserem Schlamassel unschuldig. In der Tat: Die eigenen Schwächen werden da der – vermeintlichen – Stärke des Kremlherrn zugeschrieben.

Thema Nr. 4: ganz etwas anderes. Christine Keeler, das ehemalige englische Model, Nackttanzmädchen und Callgirl, ist vergangene Woche gestorben, 75 Jahre alt. Als 21-Jährige war sie gleichzeitig die Geliebte des Britischen Kriegsministers John Profumo und des sowjetischen Marineattachés Jewgeni Iwanow. Als die Affäre 1963 aufflog, musste Profumo zurücktreten und kurze Zeit später auch Premierminister Harold Macmillan.

Ich erinnere mich sehr gut an den damaligen Skandal, denn es gab deswegen einen heftigen Krach in der Redaktion. Ich war im fünften Jahr bei der ZEIT. Die Redaktion war klein, das politische Ressort zählte neben Gräfin Dönhoff nur drei Mann. Im Juni 1963 waren die Kollegen alle auf Reisen. Ich hatte Dienst und hob als Umbruchverantwortlicher ein Foto der Keeler auf die Seite 3. Es zeigte sie nackt, alles Wesentliche jedoch verdeckt von der Lehne eines Arne-Jacobsen-Stuhls. Verleger Gerd Bucerius war empört, ebenso Marion Dönhoff; viele Leser auch. Einer schrieb: "Ist denn alles Geschäft?" Ein anderer aber schrieb: "Wenn Sie mich fragen: Ich hab' nur was gegen den Stuhl!"

Ich habe den Krach damals überstanden. Er hatte allerdings Nachwirkungen. Sechs Jahre danach protestierte die Gräfin gegen eine Bertelsmann-Anzeige, die ein nacktes Mädchen zeigte, von dem nichts Anstößiges, geschweige denn Anmachendes zu sehen war: "Nackte Mädchen gehören nicht in die Zeitung!" Bucerius jedoch, flexibel bis zur Wetterwendischkeit wie stets, schrieb zurück: "Bertelsmann weiß, wie man an den ZEIT-Leser herankommt. Und Ihre Leser haben mal mit Vergnügen die total nackte Christine Keeler im Blatt gesehen. Das waren noch Zeiten!"

Auf zwei Fragen hätte ich gern eine Antwort. Würde die ZEIT das Foto heute bringen? Und wie würden im #MeToo-Zeitalter die Leserinnen und Leser darauf reagieren?