Der stellvertretende Vorsitzende der FDP, Wolfgang Kubicki, hat der CDU nahegelegt, einen personellen Neuanfang zu wagen. Es gebe "eine ganze Reihe von guten Leuten, die für die Erneuerung stehen", sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Als Beispiele nannte er den CDU-Finanzexperten Jens Spahn oder Schleswig-Holsteins Ministerpräsidenten Daniel Günther. Die Union müsse selbst wissen, wie sie aus "dem Jammertal der knapp 30 Prozent" herauskommen wolle.

Es sei auch nicht seine Aufgabe, Merkels Rücktritt zu fordern. Veränderungen bei der Union seien aber notwendig, sagte er mit Blick auf mögliche zukünftige Koalitionen zwischen Union und FDP. "Die Freien Demokraten sind nicht dafür gewählt worden, eine Kanzlerschaft von Angela Merkel zu sichern." Mit Merkels "Rezepten der letzten zwölf Jahre" werde Deutschland in Zukunft nicht bestehen können, so Kubicki.

Unter den derzeitigen Umständen sieht Kubicki keine Chance für eine Regierungsbeteiligung der FDP. "Aber: Eine neue Lage bedeutet neues Denken und neues Personal bedeutet neue Gesprächsebenen." Die FDP müsse abwarten, wie sich die anderen Parteien aufstellten. "Robert Habeck und Annalena Baerbock sind noch nicht als neue Parteichefs der Grünen gewählt, Markus Söder hat sich in der CSU nur mittelprächtig durchgesetzt." Bei der CDU habe sich hingegen noch gar nichts getan.  

Der Kanzlerin warf Kubicki vor, die Jamaika-Verhandlungen bewusst zum Scheitern gebracht zu haben. "Sie hat daran gebastelt, die Fortsetzung der großen Koalition zu erreichen. Das ist ihr gelungen." Die SPD sei heute genau da, wo Merkel sie haben wolle, sagte Kubicki weiter. Die Chance für eine Neuauflage von Schwarz-Rot liege "bei 80 Prozent".

Stegner warnt Union vor "Muskelprotzerei"

Am 7. Januar wollen Union und SPD mit Sondierungen für eine erneute große Koalition beginnen. Die potenziellen Koalitionäre mahnten derweil einander, nicht mit überzogenen Forderungen in die Gespräche zu gehen. Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Ralf Stegner warnte die Union vor Beginn der Sondierungen vor "Muskelprotzerei". "Wenn CDU-Politiker wie Frau Klöckner nun die SPD öffentlich ermahnen und unter Druck setzen wollen, schadet das den Sondierungen bereits, bevor sie beginnen", sagte Stegner der Welt. Es brauche vielmehr Ernsthaftigkeit und reflektierte Gespräche.

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner hatte gesagt: "Unser Wahlergebnis liegt mehr als zwölf Prozentpunkte über dem der SPD. Das muss sich niederschlagen, wenn es zu einer Koalition kommt." Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin warnte die Sozialdemokraten zugleich vor zu weitgehenden Forderungen.

DIHK fordert Steuersenkungen nach US-Vorbild

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) forderte Union und SPD auf, im Falle einer erneuten großen Koalition auf Steuererhöhungen zu verzichten. Es seien vielmehr Entlastungen nötig, auch für Besserverdienende, sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer der Rheinischen Post. "Die SPD wird ihre Steuererhöhungspläne begraben müssen", so Schweitzer. Deutschland könne es sich nicht leisten, im Wettbewerb mit anderen Industrieländern ins Hintertreffen zu geraten. "Die USA senken ihre Unternehmenssteuerbelastung gerade auf insgesamt 25 Prozent, die Franzosen senken auch und die Briten wollen runtergehen auf 17 Prozent", sagte Schweitzer.

Er forderte eine Einkommensteuersenkung auch für Besserverdienende. "80 Prozent der Unternehmen in Deutschland sind Personengesellschaften. Sie zahlen Einkommensteuer, und viele von ihnen fallen unter den Spitzensteuersatz." Auch die Körperschaft- und die Gewerbesteuer müssten reduziert werden.

Die Sozialdemokraten wollen bei den Sondierungen höhere Steuern für Spitzenverdiener durchsetzen. Damit widerspreche sich die SPD, kritisiert Schweitzer. "Man kann nicht Sonntag in der Kirche sagen, der Mittelstand ist mir heilig, und am Montag im Bundestag die Steuern für den Mittelstand erhöhen", sagte er.