Wissen Sie noch, was Sie letzten Sommer getan haben? Genauer: Am Wochenende, als der Herbst begann? Noch genauer: Am Sonntag, den 24. September 2017? Ganze fünfzehn Wochen und sechs Tage liegt dieser Tag mittlerweile zurück. Es war ein Tag mit Regentropfen und Sonnenschein, aber keiner wie jeder andere. Denn als Bürger durften Sie an diesem Tag mitbestimmen, was mit diesem Land und der Europäischen Union geschieht.

Damals fand die Bundestagswahl statt. Und heute, mehr als ein Vierteljahr später, gibt es endlich eine Antwort auf die Frage, was das Wahlresultat bedeutet. Kurz gesagt: Was die EU angeht, ist da wieder Hoffnung. Fügt man die Ergebnisse der Sondierungsgespräche als bislang fehlendes Puzzlestück in das Bild einer zukünftigen Europäischen Union, passt vieles zusammen. Deutschlands neue Pläne in der Europapolitik ergänzen die Vorhaben, die aus Brüssel und Frankreich bekannt sind. Die wahrscheinliche neue große Koalition bekennt sich nicht nur zu Europa, sie will es mitgestalten.

Wenn Martin Schulz nicht an der SPD-Basis scheitert, wenn also aus kompromissbereiten Sondierern Koalitionäre werden, wird Deutschland die EU bald nachhaltig prägen. Nach Monaten der Ungewissheit ist das ein Grund zum Durchatmen. Einige globale Herausforderungen brauchen europäische Antworten. Die Planer der möglichen großen Koalition haben das erkannt. Deutschland wird so wieder handlungsfähig. Und damit auch die EU.

"Ein neuer Aufbruch für Europa" lautet die Überschrift im beschlossenen Sondierungspapier. Die EU steht darin an erster Stelle – noch vor Energie-, Finanz-, und Einwanderungspolitik. Auch vor dem Themenkomplex der Digitalisierung. Diese Reihenfolge ist symbolisch und richtig. Sie zeigt dazu, was eine neue deutsche Regierung parteiübergreifend verbinden kann.

Fakt ist, dass sich auch in Deutschland europafeindliches Denken entwickelt. Diesem "immobilen Konservatismus" (Bruno Le Maire), den auch die AfD verbreitet, begegnet man bestenfalls mit einem gemeinschaftlich wiederentdecktem europäischen Ziel. Union und SPD listen deshalb mehr als zwei Dutzend Punkte auf, auf die sie sich für die EU-Ebene geeinigt haben. Für ein Sondierungspapier, was nur die Richtung und noch keine Details eines möglichen neuen Koalitionsvertrages vorgeben soll, ist das immens.

Europa soll aus-, nicht zurückgebaut werden. Dafür können sich die beiden größten deutschen Parteien gemeinsam einen neuen Haushalt für Investitionen in der Eurozone vorstellen. Sogar einen Rahmen für Mindestlohnregeln auf EU-Ebene erwähnt die mögliche große Koalition. Der europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) soll zu einem rechtlich verbindlichen Europäischen Währungsfonds umgebaut werden, der parlamentarisch kontrolliert wird.

Insgesamt soll das Prinzip der Solidarität gestärkt werden und auch für den EU-Haushalt gelten. So steht es fast wortwörtlich im Ergebnispapier. Der Bezug auf den EU-Haushalt bedeutet eine klare Ansage an Politiker wie Jarosław Kaczyński und Viktor Orbán, die mächtigen Männer in Polen und Ungarn, die genau mit dieser Solidarität seit Jahren spielen. Stichwort: Flüchtlingsverteilung.