Habemus papam – oder so: Denn man muss schon an Wunder glauben, wenn man darauf setzen möchte, dass Horst Köhler nicht zum nächsten Bundespräsidenten gewählt wird. Aber Wunder, so das kitschige Lied, Wunder gibt es immer wieder…

Ich wundere mich über etwas anderes! Nicht so sehr darüber, dass noch vor dem vergangenen Wochenende die Auswahl dieses Kandidaten als Zufallsprodukt eines chaotischen Verfahrens dargestellt wurde, während es seit dem Wochenende als Element einer langfristig angelegten Veränderungsstrategie der Angela Thatcher-Merkel erscheint. Was diesen vermeintlichen oder offenkundigen – wie heißt das heute? – Paradigmenwechsel angeht, könnte ja beides zugleich wahr sein: Strategie durchtrieben, Taktik durcheinander…

Nein, ich wundere mich über den Stellenwert, den "wirtschaftspolitische Kompetenz", gar deren internationale Dimension, in unserem Denken, genauer in unseren Vorurteilen einnimmt. Gewiss, ein Bundespräsident – das darf nicht nur ein Fachmann sein, ein Fachidiot (wie das früher hieß, als man seine eigene Inkompetenz – und die Unwilligkeit, sie zu beheben - durch ein ideologisches Konstrukt überhöhen musste). Was hätten wir von einem – sagen wir: - ausgezeichneten Zahnarzt in diesem Amt, der aber den Mund und den Geist nicht öffnen kann, wenn in einer republikanischen Angelegenheit geredet werden muss, und zwar an die Adresse aller?

Wie weit das Gemüt und die republikanischen Aussprache von Horst Köhler reichen, das möchte ich schon auch noch erfahren. Aber ich lehne es ab, darüber eine nur negative Prognose zu erstellen, weil der Mann etwas von Wirtschafts-, Finanz- und damit ja auch etwas von Sozialpolitik (und deren Voraussetzungen) versteht – und davon, wie einem wirklich einsichtige Leute versichern, mehr als alle amtierenden und viele amtiert habende Politiker.

Wer allein dieses für einen Nachteil hält, ja sozusagen für einen Charakterfehler, der gibt nur eines zu erkennen. Ein politische Einstellung, die vorweg eingesteht, dass sie im Lichte des ökonomischen Sachverstandes nicht aufrechtzuerhalten ist. Wie gesagt: Sachverstand ist nicht alles, Ökonomie auch nicht. Aber vielleicht hat es diesem Lande und seiner Politik schon seit langem geschadet, dass man – mehr aus Vorurteil, ja aus Ressentiment, jedenfalls nicht aus Wissen, ja gar aus besserem Wissen – Ökonomie im schlimmsten Falle für Teufelszeug, im harmlosesten aber für Fachidiotie hielt. Aber warum soll die Aufklärung gerade auf diesem Feld suspendiert werden? Wer sich selber dumm stellt, darf sich nicht wundern, wenn er für dumm gehalten wird, ja vor allem: es tatsächlich ist.

Intelligent wäre es, Horst Köhler zu fragen: "Schön, dass Sie ein exzellenter Ökonom sind – und was darüber hinaus?". Dumm ist es zu sagen: "Schon weil Sie Ökonom sind, wollen wir mit Ihnen nichts zu tun haben." Wir haben also die Wahl – nicht nur zwischen verschiedenen Kandidaten für das höchste Amt, sondern auch was unsere Einstellung angeht zu einem der wichtigsten Sektoren gegenwärtiger Politik.