Aktuell Aus der Zeit 26/2005

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Oskar Negt sieht Lafontaine in der Nähe von Rechtspopulisten

Der renommierte Soziologe Oskar Negt vergleicht Oskar Lafontaine mit Rechtspopulisten wie dem Österreicher Jörg Haider. „Der Unterschied ist tatsächlich nicht groß“, sagt Negt der ZEIT. Lafontaine hatte in der vergangenen Woche auf einer Wahlveranstaltung mit dem NS-Begriff „Fremdarbeiter“ Stimmung gegen ausländische Arbeitnehmer geschürt. Statt die grundsätzlichen Probleme der Arbeitsgesellschaft zu sehen, suchten die Rechtspopulisten nach einem Feindbild. „Aber auch wenn ein vormals Linker diese Position vertritt, ändert das nichts an ihrem rechtsradikalen Kern“, erklärt Negt.
Er erwarte nicht viel von einem Bündnis zwischen PDS und „Wahlalternative“, sagt Negt. Er finde es „bestürzend“, dass Lafontaine sich „mit den meisten seiner politischen Botschaften über die Bild-Zeitung an die Öffentlichkeit wendet“. PDS-Politiker Gregor Gysi und Lafontaine seien „eine merkwürdige Verbindung von zwei Narzissten ohne politische Perspektive“. Negt schliesst dennoch nicht aus, dass die Verbindung von PDS und „Wahlalternative“ „auf Anhieb sechs oder sieben Prozent“ gewinnen könne.
Der Wissenschaftler bezeichnet die Neuwahl-Entscheidung von Bundeskanzler Gerhard Schröder als einen Fehler. „Er hat sein Scheitern so früh bekundet, dass daraus keinesfalls eine Bewegung zum Erhalt seiner Koalitionsregierung entstehen kann. Die Entmündigung der eigenen Partei dadurch, dass eine derart wichtige Entscheidung von zwei Personen allein getroffen wird, obwohl sie für viele Menschen weitreichende Folgen haben wird, war die falsche Entscheidung. Er hatte in dieser Frage offenbar auch keine Berater“, sagt Negt.

Union erwägt höhere Mehrwertsteuer auch auf Nahrungsmittel und Zeitungen

Die Union denkt daran, bei einer Erhöhung der Mehrwertsteuer auch den ermäßigten Steuersatz anzuheben, der für Nahrungsmittel und Personennahverkehr sowie für Zeitungen und Bücher gilt. In der ZEIT erklärt der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion Michael Meister, man könne die Debatte „nicht nur auf den regulären Satz beschränken“, der zur Zeit noch 16 Prozent beträgt. Meister lehnt es aber ab, einzelne Vergünstigungen bei der Mehrwertsteuer zu streichen, etwa den niedrigeren Steuer-satz für Blumen oder Hundefutter. Damit sei Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) schon einmal gescheitert. Der Gesetzgeber solle „sich neutral verhalten und nicht darüber debattieren, welche der 50 Ausnahmetatbestände gerechtfertigt sind und welche nicht“.
Insgesamt sei aber über eine Erhöhung der Mehrwertsteuer in der Union noch keine Entscheidung fallen, erklärt der CDU-Finanzpolitiker. Bevor über eine Erhöhung des Mehrwertsteuersatzes nachgedacht werde, müsse zunächst der Umsatzsteuerbetrug bekämpft werden, durch den dem Staat rund 20 Milliarden Euro im Jahr entgingen.
Meister ist auch dagegen, einfach mehr Geld aus dem Steuersystem in die Sozialversicherungen zu lenken. Die sozialen Sicherungssysteme müssten „in sich tragfähig“ werden. So würden bestimmte Leistungen wie Krankengeld und Zahnersatz nicht mehr von der gesetzlichen Krankenversicherung gezahlt. Sie könnten privat abgesichert werden, „finanziert aus dem höheren Nettoeinkommen“, das den Bürgern nach der geplanten Einkommenssteuerreform bleibe.

Deutschland nicht auf Hitzewellen vorbereitet

Die deutschen Behörden sind nach einem Bericht der ZEIT nicht ausreichend auf eine längere Hitzewelle vorbereitet, wie sie etwa im Sommer 2003 mehrere tausend Todesopfer gefordert hatte. So hatte der Leiter für Medizin- Meteorologie beim Deutsche Wetterdienst, Gerd Jendritzky, am vergangenen Wochenende für den Südwesten Deutschlands Hitzealarm ausgelöst. Besonders alte und kranke Menschen sollen bei extrem warmen Wetter gewarnt werden. Die Warnungen verpuffen allerdings in weiten Teilen Deutschlands, da die Gesundheitsämter vieler Bundesländer nicht einmal alle Adressen der Altenheime kennen.
Bis auf Hessen hat kein Bundesland ausreichende Notfallpläne für den Hitzealarm, heißt es in der ZEIT. Welche Konsequenzen extreme Temperaturen haben können, zeigte der Jahrhundertsommer 2003: In Frankreich starben 14805 Menschen durch einen tödlichen Hitzekollaps, in Deutschland waren es 7000 Menschen. „Ich war völlig hilflos“, sagt Gerd Jendritzky, „ich hab noch nie in meinem Leben so oft die Worte ‚nicht zuständig’ gehört, wenn ich versuchte, irgendwelche Behörden darauf aufmerksam zu machen, was hier abgeht.“ In Frankreich liegen für solche Fälle bereits umfassende Notfallpläne vor, in den USA sind sie schon seit einigen Jahren in Kraft. Der Deutsche Wetterdienst betreibt seit Mai einen Hitzewarndienst.

Sportwissenschaftler Oliver Höner: Guter Fußball hat nichts mit Intelligenz zu tun

Der Sportwissenschaftler Oliver Höner von der Universität Mainz hat mit Hilfe von ungezählten Videoanalysen und praktischen Tests zu ermitteln versucht, was einen guten Fußballspieler ausmacht. Demnach grübeln Spielmacher vergleichsweise lange über Alternativen zu ihren Spielzügen. Im Gegensatz dazu schalte der Stürmer frühzeitig den Kopf aus; offensichtlich bringe ihm das im gegnerischen Strafraum Vorteile. Bedenkenträger schössen seltener Tore, fand er heraus.
„Unbekümmertheit“ gefällt ihm als Qualitätskriterium für einen Torjäger. Wie beispielsweisde Lukas Podolski. „Der redet direkt und philosophiert nicht herum“, sagt Höner. Er räumt ein, dass ein schlichtes Gemüt auch einen Spielmacher nicht unbedingt hindern müsse: „Gute Entscheidungen im Fußball haben nichts mit Intelligenz zu tun.“
Das ideale Maß sowohl an kognitiven Fähigkeiten als auch an Entschlusskraft auf dem Rasen besitzt nach Ansicht des Wissenschaftlers ein Deutscher. „Ballack halte ich für den komplettesten Spieler der Welt“, sagt Höner. Der Spielmacher der Nationalmannschaft besitze die seltene Fähigkeit, sowohl in schwierigen Situationen die Übersicht zu behalten, als auch viele Tore zu schießen.

Woody Allen kommt mit seinem Hörgerät nicht zurecht

US-Regisseur Woody Allen kommt mit seinem Hörgerät nicht zurecht. „Ich habe zwar ein Hörgerät, benutze es aber nie. Es ist furchtbar kompliziert. Man muss es ständig saubermachen und winzige Batterien hineintun“, sagt der 69-Jährige in einem ZEIT-Gespräch. Er habe sich im Alter „sehr verändert“, obwohl er noch „die gleichen Cordhosen und die gleiche Brille“ trage, fügt er hinzu. Seinen in diesem Jahr anstehenden 70. Geburtstag würde Allen am liebsten ausfallen lasen: „Ich mag keinen dieser runden Geburtstage. Und die kleinen gemeinen, die dazwischen liegen, auch nicht.“ Und von der Idee der Unsterblichkeit halte er erst recht nichts: „Neulich sagte jemand zu mir, dass ich in den Herzen und im Geist meiner Landsleute weiterleben werde. Ich will aber in meinem Apartment weiterleben!“ Es sei ein Schreck, in den Zeitungen ständig 20 Jahre alte Fotos von sich ansehen zu müssen, sagt er. Entwaffnend ehrlich sieht der Regisseur seine Neigung, die eigenen Ängste und Neurosen im Film wie im Leben mit Nihilismus und existenzialistischer Verzweiflung zu veredeln: „Nun, es gibt da – und ich möchte mich keineswegs ausnehmen – eine etwas lächerliche Tendenz, die eigenen Neurosen zu glorifizieren, indem man sie an etwas Großes hängt. Narzisstische, von sich selbst besessene Menschen reden gern vom Schicksal der Menschheit, von der Welt als einem bedauerlichen, verworfenen, schrecklichen Ort. Dabei geht es in Wahrheit nur um ihr eigenes blödes kleines Problem.“

Der französische Schriftsteller Camille de Toledo: „Der Kapitalismus ist hässlich“

Der französische Schriftsteller Camille de Toledo kritisiert, dass der weltweite Kapitalismus nur als ungerecht wahrgenommen werde, nicht aber als „hässlich“. Tatsächlich aber, so schreibt de Toledo in der ZEIT, sei das Wirtschaftssystem ästhetisch oft „abstoßend“. Die Einsicht in die Hässlichkeit der Gegenwart könne uns vielleicht vom „makabren Programm“ des Geldaufhäufens abbringen. „Nach einigen Jahrzehnten würden sich so viele angewidert von der abscheulichen Ökonomie des Sparens, des Eigentums, der Flughäfen, der Duty-free-Shops, der Großstadtgeländewagen abwenden.“ Der Schriftsteller Camille de Toledo stammt aus einer französischen Großindustriellenfamilie, zu deren Besitz unter anderem der Lebensmittelkonzern Danone gehört. De Toledo schlug das Erbe aus und arbeitet als Autor, Regisseur und Fotograf. Im September erscheint im Berliner Tropen-Verlag sein Buch „Goodbye Tristesse“.

Juli Zeh, Andreas Maier, Uwe Tellkamp und Hans-Ulrich Treichel: Was soll der Roman?

Die Schriftsteller Martin R. Dean, Thomas Hettche, Matthias Politycki und Michael Schindhelm haben für die ZEIT ein „Manifest für einen Relevanten Realismus“ verfasst, in dem sie sich einerseits von der Literatur der Altvordern wie Grass und Walser absetzen, andererseits gegen die Literatur der jüngsten Generation, wie sie etwa im Leipziger Literaturinstitut sichtbar wird, Stellung beziehen. Der Roman war immer eine unreine Mischung aus Wirklichem und Erdachtem, aus schöner Willkür und moralischer Botschaft. Heute ist seine Aufgabe unklarer und der Reichtum der Formen größer denn je. Was also soll der Roman?
Die ZEIT hat die Schriftsteller Juli Zeh, Andreas Maier, Uwe Tellkamp und Hans-Ulrich Treichel gebeten, darauf zu antworten:
Juli Zeh: „Die Entscheidung dafür, überhaupt irgendetwas zu wollen ist zwar ein guter Anfang – aber sie ist auch ein sehr, sehr kleiner Schritt, und wenn ihr nichts folgt, ist sie nichts wert. Was unter diesen Gesichtspunkten vom Relevanten Realismus übrig bleibt, ist im Grunde nur die Forderung nach ‚echtem Erzählen’, vielleicht sogar im ‚amerikanischen Stil’, die in Deutschland in regelmäßigen Zeitabständen immer mal wieder ertönt.
Andreas Maier: „Nein, ich möchte als Romanschreiber nicht den höheren Weihen dieser Gesellschaft oder überhaupt einer Gesellschaft dienen. Ich möchte nicht zur Diskursausrede taugen.“
Uwe Tellkamp: „Werte Kollegen vom Relevanten Realismus! Wir müssen gute Bücher schreiben und schlechte vermeiden. The rest is irrelevant.“
Hans-Ulrich Treichel: „Der Romanautor ist jemand, der immer zurückblickt. Egal, wohin er sich wendet. Der Romanautor ist, auf seine Weise, immer schon tot. (Da hilft auch die schönste Kritik nichts.)“

Bap-Gründer Niedecken auf den Spuren seiner Vergangenheit

Wolfgang Niedecken, Sänger, Maler und Gründer der Gruppe Bap träumt davon, einmal in die Welt seines Großvaters einzutauchen – „in seine Schuhe zu schlüpfen, mit seinen Augen seine Zeit zu erleben“. Niedecken, der eigentlich Malerei studiert hat, erinnert sich in der ZEIT an seinen Großvater, den er nur von Photos kennt: „Hermann Platz war Kirchenmaler gewesen. In etlichen Kirchen in Köln gab es Fresken von ihm, viel hatte er auch restauriert. In Bad Münstereifel, am Rathaus, sind außen so Figuren dran. Ich erinnere mich, wie meine Mutter sie mir einmal zeigte und sagte: ‚Die hat der Opa gemalt.’ Sie erzählte auch vom ‚Jesus mit dem Nudelbart’ in der Maternuskirche in Köln.“
Niedecken: „Ich möchte gern erfahren, was zwischen meinem Großvater und meinem Vater abgegangen ist. Sie müssen sich so fremd gewesen sein, der Schwiegervater und sein Schwiegersohn. Ein Künstler, Bohemien und Thekensteher der eine, der andere treu katholisch, der jüngste Sohn einer Bauern- und Winzerfamilie aus Unkel am Rhein, der in der Südstadt einen kleinen Gemischtwarenladen aufgemacht hatte.“ In seinem Lied „Verdamp“ geht es um ein nie geführtes Gespräch mit seinem Vater.

Deutsche wollen kürzere Schulferien

Die Deutschen halten laut einer Umfrage des Zentrums für empirischpädagogische Forschung (zepf) der Universität Koblenz-Landau nur knapp zehneinhalb Wochen Schulferien statt der jetzt üblichen zwölf Wochen für angemessen. Wie die ZEIT berichtet, wurden für die Umfrage, das so genannte Bildungsbarometer, Anfang Juni rund 1000 repräsentativ ausgewählte Personen zu aktuellen Bildungsthemen befragt.
Wie bei der letzten Veröffentlichung des Bildungsbarometers im Februar geben die Deutschen ihrem Bildungssystem die Schulnote vier plus und lehnen mehrheitlich Studiengebühren ab. Eine knappe Hälfte der Befragten würde den Religionsunterricht streichen, um mehr Zeit für Mathematik und Deutsch zu haben. Rund 90 Prozent der Befragten fordern darüber hinaus mehr Lebensnähe in der Bildung und wollen den Schulen das Recht geben, über die Einstellung der Lehrkräfte selbst zu entscheiden.

Für Rückfragen stehen Ihnen Elke Bunse oder Iljane Weiß, ZEIT-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, (Tel.: 040/3280-217, Fax: 040/3280-558, e-mail: bunse@zeit.de) gern zur Verfügung.

 
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  • Quelle © ZEIT.de, 22.6.2005
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