Aktuell Aus der Zeit 33/2005

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Forsa-Chef Güllner: „Ich sehe keine Chance mehr für Schröder“

Der Leiter des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, sieht für die SPD und Bundeskanzler Gerhard Schröder keine Chance mehr bei der geplanten Bundestagswahl. „Selbst wenn man die Unentschlossenen hinzuzählt, kommt die SPD maximal auf 33 Prozent. Mehr ist nicht drin“, sagt Güllner der ZEIT. „Ich sehe keine Chance mehr für Schröder.“
Güllner, selbst SPD-Mitglied, kennt Schröder seit 30 Jahren und galt in den vergangenen Jahren als enger Berater des Kanzlers. Schröder könne diesen Wahlkampf nur führen „wie Helmut Kohl 1998, er muss sich in einen Trance- Zustand versetzen“, so Güllner.

Studie: Deutlich mehr Tötungsdelikte an Kindern in ostdeutschen Bundesländern

In den ostdeutschen Bundesländern kommen nach einer neuen Studie des niedersächsischen Kriminologen Christian Pfeiffer, die der ZEIT vorliegt, prozentual deutlich mehr Kinder im Alter bis sechs Jahren durch Mord oder Totschlag ums Leben als im Westen. Die Statistik für das Jahr 2004 weist im Westen 1,08 Totschlagsfälle pro 100 000 Einwohner aus, im Osten liegt die Zahl fast dreimal so hoch, bei 2,9.
Bei Mordfällen an Kindern liegt die Quote bei 0,46 im Westen und bei 0,72 im Osten, also auch hier deutlich höher. In Thüringen ist das Risiko sogar fünfmal größer als in Rheinland-Pfalz. Noch dramatischer fallen die Unterschiede in der Statistik aus, wenn man die Situation vor zehn Jahren zugrunde legt. 1995 standen bei Morden an Kindern 0,47 Fälle im Westen 1,36 Fällen je 100 000 Einwohnern im Osten gegenüber.
In den vergangenen Tagen hatte die Tötung von neun Neugeboren durch die Mutter im Land Brandenburg eine Diskussion über dieses Thema ausgelöst.

Regierungsbericht: Mehr Geld für Familien kann Geburtenschwäche nicht überwinden

Die Geburtenschwäche in Deutschland kann mit zusätzlichen staatlichen Zahlungen an Familien nicht überwunden werden. Das geht aus dem siebten Familienbericht der Bundesregierung hervor, der der ZEIT vorliegt. Stattdessen müsse es vor allem jungen Müttern leichter gemacht werden, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, stellen die von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt beauftragten Experten in ihrem 500-Seiten-Werk fest, das kommende Woche veröffentlicht werden soll.
In der Studie heißt es über junge Frauen: „Ihre Doppelorientierung auf Familie und Beruf kollidiert mit den steigenden Anforderungen in der Erwerbswelt (…). Diese biografischen Entscheidungsdilemmata führen entweder zum Verzicht auf die Gründung einer Familie oder aber zu einer erheblichen Doppelbelastung bei Berufstätigkeit.“
Die Autoren der Studie sind außerdem der Auffassung, dass ein großer Teil der Familienförderung nicht zielgerichtet ausgegeben werde: „Die jüngsten arbeitsmarkt- und familienpolitischen Reformen folgen keinem eindeutig erkennbaren beziehungsweise einheitlichen familialen Leitbild und sind nur in geringem Umfang koordiniert“, heißt es im Familienbericht. Laut Bundesbank fällt für Familien ein Leistungsvolumen von 150 Milliarden Euro im Jahr an. Die Fachleute halten daher die Einführung einer Nationalen Familienkasse nach französischem Vorbild für sinnvoll, um die Bedeutung der Familienförderung zu betonen.

Pleitgen sieht Risiken für ARD und ZDF durch Fusion von Springer und ProSiebenSat.1

Der geplante Zusammenschluss des Springer-Konzerns mit der Sendergruppe ProSiebenSat.1 kann nach Ansicht des WDR-Intendanten Fritz Pleitgen Gefahren für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach sich ziehen. In der ZEIT sagt Pleitgen, die Springer-Presse habe die Möglichkeit, „Programme in den eigenen Fernsehsendern hochzuschreiben und Sendungen des öffentlichrechtlichen Rundfunks abzuwerten. Sie hätte sogar die Macht, über eine breite Medienplattform den öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt infrage zu stellen.“
Pleitgen macht aber klar, dass er die öffentlich-rechtlichen Sender durch die Übernahme nicht als geschwächt ansehe. „Man darf das Publikum nicht unterschätzen. Es hat ein feines Sensorium dafür, wenn es instrumentalisiert werden soll“, sagt er. „Eine zu offensichtliche Parteilichkeit könnte sich ruinös auswirken.“
Auch vor dem Hintergrund, dass einige ARD-Sender durch Schleichwerbung und Korruption ins Gerede gekommen sind, sieht der WDR-Intendant keinen Grund, „in Sack und Asche zu gehen“. Es habe Auswucherungen gegeben, diese seien zu beseitigen. „Insofern lösen die Springer-Absichten bei uns keine Panik aus.“

Neues Insolvenzrecht soll unabhängig vom Wahlausgang kommen

Die von der Bundesregierung geplanten Änderungen am Insolvenzrecht sollen unabhängig vom Ausgang der Bundestagswahl umgesetzt werden. „Bis Ende September wird das Bundesministerium der Justiz einen Referentenentwurf formulieren. Dieser dürfte unabhängig vom Ausgang der voraussichtlichen Neuwahlen Bestand haben. Schließlich haben wir das treuhänderlose Entschuldungsverfahren im Konsens mit allen Bundesländern entwickelt“, sagt Bundesjustizministerin Brigitte Zypries in der ZEIT.
Zypries plant eine Vereinfachung der Privatinsolvenz für Bürger, die völlig mittellos sind. „In diesen Fällen sind die Kosten, die der Staat für ein Verbraucher- insolvenzverfahren aufwendet, unnötig“, sagt die SPD-Politikerin. Nach dem geplanten neuen Verfahren solle die Entschuldung nach acht Jahren eintreten, sehe aber im Gegensatz zum geltenden Recht keinen Treuhänder mehr vor und entlaste die Gerichte. Bisher habe der Schuldner Kosten von bis zu 2.000 Euro für das Verfahren zahlen müssen, bei mittellosen Schuldnern habe der Staat das Geld vorgestreckt. Das neue Verfahren koste „praktisch nichts mehr“.

EnBW-Vorstandschef Utz Claassen fordert: Leistungsprinzip für Spitzenmanager

Für eine konsequentere Umsetzung des Leistungsprinzips bei deutschen Spitzenmanagern spricht sich der Vorstandsvorsitzende des Energierversorgers EnBW, Utz Claassen, in der ZEIT aus: „Ich würde mir wünschen, dass sich die ökonomische Elite als Leistungselite und nicht als Verhaltens- beziehungsweise Statuselite definiert“, sagt Claassen.
Topentscheider positionierten sich oft „durch große Distanziertheit, gewisse Rituale und Insignien der Macht“. Der Verhaltenskodex der Spitzenmanager würde oft hart sanktioniert, Fehlleistungen hingegen würden nicht konsequent genug bestraft. Claassen fordert eine Umkehr dieses Prinzips. Er will, „dass wir im Umgang miteinander tolerant und unkompliziert sind und dafür die Anerkennung von Leistung und im Zweifelsfalle auch die Sanktionierung von Fehlleistung konsequenter und auch härter handhaben“.

Pisa: Kanadische Provinzen besser als deutsche Bundesländer

Mit spielerischer Pädagogik und strenger Zuwanderungspolitik hat es Kanada im Pisa-Ranking an die Spitze geschafft. Ein direkter Vergleich der deutschen Bundesländer mit den kanadischen Provinzen zeigt: Selbst der Deutschlandinterne Pisa-Sieger Bayern ist im internationalen Schulvergleich von der Weltspitze noch ein gutes Stück entfernt. Bayern erreichte im Teilbereich Mathematik 533 Punkte und liegt damit gerade im kanadischen Durchschnitt, während die Schüler in Kanadas bester Provinz Alberta 549 Punkte erzielten. Das bedeutet einen Vorsprung von fast einem halben Schuljahr.
11 von 16 deutschen Bundesländern schneiden in dem Direktvergleich schlechter ab als die schwächste kanadische Provinz, Prince Edward Island, die mit 500 Punkten fast noch den deutschen Durchschnittswert von 503 schafft. Das gute Abschneiden der meisten kanadischen Provinzen hängt vor allem mit den weitaus besseren Leistungen von Einwandererkindern und Schülern aus sozial schwächeren Schichten zusammen, die an Kanadas Schulen eine gezieltere Förderung erfahren.

Patti Smith: Meine „irrationale Liebe“ zu Bayreuth

Die Rocksängerin Patti Smith liebt die Musik von Richard Wagner. Für die ZEIT war sie zum ersten mal bei den Bayreuther Festspielen und hat Tagebuch geführt. Nach der Tannhäuser-Aufführung schreibt die 58-jährige Patti Smith: „Als ich in meinem ruhigen Hotelzimmer saß, wurde mir plötzlich bewusst, dass mich in jenen kurzen, halb wachen Stunden eine irrationale Liebe zu diesem Ort gepackt hatte. Ich wünschte mir aufrichtig, ich könnte für die gesamten Festspiele bleiben und gleich einem lumineszierenden Zombie zwischen meinem kleinen Zimmer und der gewaltigen Schatzgrube des Festspielhauses hin- und herpendeln. Wie ein Traum von Thomas Mann. Bayreuth als Zauberberg. Wagner die Heilung.“
Über die Parsifal-Welt des Regisseurs Christoph Schlingensief notiert die Rocksängerin: „Industriemüll. Barbarische Stadtghettos. Hier herrschte multidimensionales, brutal notdürftiges Leben. Dieser Parsifal ist ein kubistisches Erlebnis, das seine Anregungen, wie einst Picasso, aus der afrikanischen Kultur bezieht und Räume in metaphysischem, körperlichem und spirituellem Sinn verschiebt ... Aus Schlingensiefs Hasen strahlt das Leben, auch wenn er verwest. Das Blut seines Hasen pulsiert. Seine politische Sicht ist humanistisch, sein Ansatz pietätlos. Auch sein Parsifal vereinigt, wie schon bei Wagner, die Themen Erneuerung, Emanzipation und die heilende Kraft der Liebe.“
Patti Smith gilt als eine der einflussreichsten Rockmusikerinnen der 70er und 80er Jahre.

Mickey Rourke: Boxen ist wie eine Droge

Der Schauspieler Mickey Rourke vermisst das Boxen, nachdem er den Sport auf Rat seiner Ärzte aufgegeben hat. „Das Boxen habe ich mittlerweile aufgegeben. Und vermisse es entsetzlich. Es ist wie eine Droge. Das Adrenalin. Das Training. Die Disziplin. Ich hatte jeden Tag eine Aufgabe: Ich musste mich um meine Körper-Maschine kümmern“, sagt Rourke der ZEIT. Doch dann sei das Aus gekommen: „Die Ärzte haben meinen Kopf untersucht und mich eindringlich gewarnt“, begründet er das Ende. „Ich trainiere noch am Sandsack und mit dem Springseil. Aber das ist alles“, fügt der 48-Jährige hinzu. Rourke war Amateurboxer, ehe er 1979 für den Film entdeckt wurde. Nachdem seine Kinokarriere einen Knick bekam, versuchte er sich ohne Erfolg als Profiboxer. Rourke berichtet in der ZEIT, dass sich seine Einstellung zum Leben geändert habe: „Mein früheres Verständnis von Stärke kam von der Straße. Es ging um den Ehrenkodex ... Ich mochte mich, wie ich war. Ich hatte ein Bild kultiviert, in dem alles an mir hart war. Mein Geist. Mein Körper. Mein ganzes Leben. Ich war stolz darauf.“ Doch habe sich diese körperliche Kraft für ihn nicht als die beste Lösung erwiesen. „Ich bin wie durch einen Tunnel gegangen. Bis der Tunnel komplett schwarz wurde und ich beinahe zehn Jahre in absoluter Dunkelheit lebte.“
Rourke, der in dem neuen Kinofilm „Sin City“ spielt: „Früher bin ich wütend schlafen gegangen und wütend aufgewacht. Ein Mensch voller Wut ist nicht so stark wie einer, der vergeben kann. Jemand, der glücklich ist, ist viel stärker als jemand, der immer wütend ist. Das lernt man allmählich, und manche Leute lernen es auch nie.“

Dokumentarfilmerin Aelrun Goette kritisiert Schönbohm

Die Filmemacherin Aelrun Goette sieht in Jörg Schönbohms Äußerungen über die „Proletarisierung“ in der DDR ein Beispiel von „emotionaler Verrohung“: In der ZEIT sagt sie: „Über die Gründe, warum eine Mutter neun ihrer neugeborenen Kinder tötet, darf man nicht leichtfertig spekulieren.“ In der DDR habe es Strukturen gegeben, „die einen Großteil der Bevölkerung nicht nur kontrolliert, sondern auch gehalten haben. Durch die staatlich verordneten Eingriffsmöglichkeiten ins Privatleben war Kindererziehung keine Privatsache. So schlimm das ist, hat es jedoch manchen Menschen das Leben vereinfacht.“ Schlimme Fälle von Kindstötung gibt es für Aelrun Goette auch im Westen.
Aelrun Goette hat den Dokumentarfilm „Die Kinder sind tot“ gedreht, der 2004 mit dem Bundesfilmpeis ausgezeichnet wurde.

Schriftsteller Kumpfmüller kritisiert „Opfer“-Mentalität im Osten

Der Schriftsteller Michael Kumpfmüller kritisiert in der Debatte über den neunfachen Babymord in Frankfurt/Oder die „Opferhaltung“ im Osten Deutschlands. Der ZEIT sagt er: „Der Osten ist das Opfer, in der Fremdwahrnehmung nicht weniger als in der Eigenwahrnehmung, und das seit Jahrzehnten.“ Diese Haltung ist für Kumpfmüller „nicht einfach ein harmloses Ding, sondern eine Zeitbombe ... Der Status als Opfer wird zum Fetisch. Wer den Opferstatus infrage stellt, erntet Aggression.“
Michael Kumpfmüller ist der Autor des Romans „Durst“, der eine zweifache Kindstötung in Frankfurt/Oder zum Thema hat.

Iran steht nach Expertenansicht Zukunft als Touristenziel bevor

Nach Ansicht des Hotelentwicklers Axel Donald Sauer steht Iran eine große Zukunft als Reiseziel für Touristen bevor. „Die umliegenden Länder wie Saudi- Arabien, Irak, Pakistan und die Emirate sind ein großer Markt für einen Pilgertourismus zu den heiligen Stätten des Islams. In zehn Jahren will Iran 80 Millionen Touristen aus der Region haben. Bereits heute pilgern nach offiziellen Angaben fast 15 Millionen allein in die heilige Stadt Maschad im Norden des Landes“, sagt Sauer der ZEIT.
Iran erwartet aber in den nächsten Jahren auch vier Millionen westliche Gäste. Allerdings sollten Badeurlauber nicht auf Ferien in Iran spekulieren: „Iran ist laut Verfassung eine Islamische Republik. Deshalb ist ein Tourismus nach westlichem Muster, also klassischer Badetourismus, nicht vorgesehen“, sagt Sauer, Geschäftsführer der in Iran tätigen Firma Proleisure. „Es geht vor allem um Kultur-, Öko- sowie Geschäfts- und Konferenztourismus. Natürlich wird es besonders der informierte Kulturtourist sein, der sich durch die politischen Verhältnisse in Iran nicht vom Reisen abhalten lässt.“
Sauer: „Iran kann durch den Tourismus in kurzer Zeit einen Teil der Wirtschaft ankurbeln. Zweitens kann Iran für sich werben, wenn Touristen berichten, wie schön und friedlich das Land ist. Und drittens kann das Geld der Touristen dazu beitragen, die vielen historischen Kulturstätten zu restaurieren.“ Insgesamt will Iran 30 Milliarden Dollar in den nächsten fünf Jahren investieren.

Für Rückfragen stehen Ihnen Elke Bunse oder Iliane Weiß, ZEIT-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, (Tel. 040/3280-217, Fax: 040/3280-558, e-mail: bunse@zeit.de bzw. weiss@zeit.de) gern zur Verfügung.

 
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    • Quelle © ZEIT ONLINE, 10.8.2005
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