Vorabmeldungen Aus der ZEIT 45/2006

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FDP-Chef Westerwelle geht auf Distanz zu SPD-Vorsitzendem Beck

Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle hat Signale sozialliberaler Annäherung, die SPD-Chef Kurt Beck vergangene Woche in der ZEIT ausgesendet hatte, vorerst zurückgewiesen. Für eine Koalition mit der SPD sieht Westerwelle zurzeit keine Chance: „Mit einer SPD, wie sie derzeit in Berlin regiert, nicht“, schreibt er in einer Entgegnung auf Beck in der ZEIT. Allerdings will er für die Zukunft eine solche Koalition nicht ausschließen. „Keiner kann heute vorhersagen, wohin die Programmdebatten von Union und SPD diese noch führen werden ... Wenn sich andere Parteien von uns entfernen, laufen wir nicht hinterher. Wenn sich andere uns annähern, rennen wir nicht davon.“ Außerdem gelte der Satz: „Panta rhei – alles fließt.“ Becks Behauptung, die FDP käme nur mit einer sozialliberalen Ausprägung wieder zu sich selbst, widerspricht der FDP-Chef: „Bindestrich-Liberalismus hat mich nie überzeugt.“ Der SPD-Vorsitzende Beck hatte vergangene Woche in der ZEIT Signale der Annäherung an die FDP geschickt. In einem Beitrag erinnerte er die Freidemokraten an ihre sozialliberale Tradition und gratulierte zum 35. „Geburtstag“ der Freiburger Thesen, mit denen die Liberalen ihre Koalition mit der SPD im Bund programmatisch begründet hatten. In der nächsten Woche wird in der ZEIT der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Norbert Röttgen, die Debatte über künftige politische Konstellationen fortsetzen.

EKD-Präsident Huber will Elite wieder für die Kirche gewinnen


Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Berliner Bischof Wolfgang Huber, will bei seinem Projekt der Erneuerung des Protestantismus stärker auf die bürgerliche Elite zugehen. „Jedenfalls kann die Erneuerung des Protestantismus nicht dadurch gelingen, dass wir an dieser Schicht vorbeigehen. Wer die ganze Gesellschaft erreichen will, der darf nicht die Meinungsführer, die die gesellschaftliche Atmosphäre prägen, ausschließen“, sagt Huber in der ZEIT. Er möge zwar das Wort Funktionselite nicht, aber „dass es eine Verantwortungselite immer gibt und dass der Protestantismus mehr tun muss, um diese Verantwortungselite zu erreichen und selbst in ihr vertreten zu sein – das ist eine wichtige Dimension des Erneuerungsprozesses.“ Huber hatte vor wenigen Monaten ein Papier zur Erneuerung der von Mitgliederschwund geplagten evangelischen Kirchen in Deutschland vorgestellt. In der ZEIT plädiert er dafür, angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen die Qualität „in den Kernaufgaben“ der Kirche zu verbessern: „Unser Grundkonzept ist: Qualitätssteigerung in den Kernaufgaben, hohe Aufmerksamkeit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und deren Qualität, große Achtung gegenüber ehrenamtlichem Engagement – und in den gesellschaftszugewandten Aktivitäten ein besonderer Akzent auf Bildung und Diakonie.“

Hubert Burda: Als deutscher Verleger kann man mit Yahoo! nicht wetteifern


Der Verleger Hubert Burda schätzt die Chancen deutscher Verlage als gering ein, eine führende Stellung im internationalen Internetgeschäft zu erlangen. „Als deutscher Verleger kommen Sie nicht zum Zug, wenn Sie mit einem amerikanischen Unternehmen wie Yahoo! wetteifern müssen“, sagt Burda der ZEIT. So sei es der Hubert Burda Media nicht gelungen, Anteile an Flickr, der heute weltgrößten Internet-Plattform für Fotos, zu erwerben, obwohl man früh um das Start-up gewusst habe. „Wir wären gern eingestiegen“, sagt Burda. Flickr gehört heute zu Yahoo! Gleichzeitig sieht Burda sehr wohl die Chance, sich in Europa an „Internet-Marktplätzen und Communitys“ zu beteiligen, „die auch in Übersee erfolgreich werden können“. Als Beispiel nennt er die Firma Abebooks aus Köln, die mehrheitlich zu Burda gehört und heute das weltweit größte Online-Antiquariat ist. Generell hält es Burda „kaum für machbar“, dass revolutionäre Internetfirmen wie die Suchmaschine Google oder das Video-Portal YouTube in etablierten Konzernen entstehen. „Manche im Unternehmen sagen, wir sollten jetzt ein paar Garagenfirmen aufmachen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir die Unternehmenskultur dafür haben.“ Zur Zukunft der Nachrichtenmagazine Focus und Spiegel sagt Burda: „Zeitschriftenmacher müssen schauen, was sich dadurch verändert, dass ein so schnelles Medium wie das Internet entstanden ist. Sie müssen sich fragen: Haben Nachrichtenmagazine wie Spiegel oder Focus die gleiche Funktion wie früher? Wie kann man mit einer Ausgabe am Montag noch die Agenda für die Woche setzen?“ Auf die Frage, ob die seit gut einem Jahr zu beobachtenden Auflagenverluste der Magazine direkt mit dem Reichweitengewinn der zugehörigen Online-Angebote zusammenhängen, sagt Burda: „Das würde ich so sehen.“ Über seine eigene Zukunft und die von Helmut Markwort und Jürgen Todenhöfer an der Spitze des Burda-Verlags sagt der Verleger: „Wir haben unsere Vorstellungen, und die lassen sich sicher nicht mit dem Wort ‚ewig’ beschreiben.“ Eines spräche allerdings für alte Konzernlenker wie etwa den US-Medien-Tycoon Rupert Murdoch, der Mitte 70 ist. „In bewegten Zeiten ist es ganz gut, wenn man 40 Jahre Berufserfahrung hat, damit man nicht verrückt wird und nicht zu schnell auf alles aufspringt ... Im Übergang zum digitalen Zeitalter braucht man momentan viel Klugheit.“ Am Donnerstag und Freitag dieser Woche treffen sich die Mitglieder des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) in Berlin zu ihrem jährlichen Kongress. Dort geht es fast ausschließ-lich um die Frage, wie sich die Verlage auf das digitale Zeitalter einstellen können.

Hugo Boss-Chef Sälzer rechnet mit Aufstieg Chinas zur Modenation


China ist nach Ansicht von Hugo Boss-Vorstandschef Bruno Sälzer dabei, die Modewelt zu erobern. „Ich warne jeden davor, Asien immer nur mit billiger Machart gleichzusetzen. Dort gibt es eine große Tradition in der Mode, die Chinesen können jedes Qualitätsniveau liefern und sie sind mindestens so gut wie die Europäer“, sagt Sälzer der ZEIT. „Die Asiaten haben ein unglaubliches modisches Selbstbewusstsein. Kollektionen werden mehr und mehr durch fernöstliche Einflüsse bestimmt, es gibt heute auch viel mehr asiatische Models als noch vor zehn Jahren“, sagt der Chef von Hugo Boss. Er rate seinen Mitarbeitern, nicht fünfmal im Jahr nach Italien zu fliegen: „Einmal Italien reicht, fliegt lieber viermal nach China.“ Laut Sälzer prüft Hugo Boss zurzeit den Einstieg in die Kindermode: „Wir testen gerade, ob sich eine größere Kollektion für Zwei- bis Zwölfjährige lohnen würde ... Wir werden dabei sein, auch wenn wir uns davon kein Megageschäft versprechen.“ Für Sälzer sind Einkaufsstraßen in Deutschland zunehmend trostloser geworden, weil überall die Filialen derselben Modeketten eröffnen: „Die deutschen Innenstädte sind langweiliger geworden, da macht Einkaufen nicht soviel Spaß. Da fehlt oft Sinn für Ästhetik und Individualität.“ Große Einkaufspassagen, die derzeit in vielen Innenstädten errichtet werden, seien keine Lösung, sondern „Teil des Problems“.

Woody Allen: „Morgens habe ich all meine Energie“

Der amerikanische Regisseur Woody Allen ist ein absoluter Morgenmensch: „Ich gehe früh zu Bett, schlafe wie ein Toter und stehe früh auf. Ich mache dann meine Übungen – Gymnastik, Heimtrainer, Gewichte stemmen, Dehnungsübungen –, dann frühstücke ich und bringe die Kinder zur Schule. Morgens habe ich all meine Energie.“ Allen, der in diesem Jahr 70 wurde, denkt mittlerweile über seine Sterblichkeit nach: „Bis vor kurzem lebte ich in dem Glauben, sehr alt zu werden. Mein Vater wurde über 100 Jahre alt, meine Mutter 96. Es heißt ja immer, ‚die Gene, die Gene, die Gene!’, also dachte ich mir: Ich achte auf mich, hatte hochbetagte Eltern, alles klar. Dann las ich eines morgens in der New York Times: Gene bedeuten überhaupt nichts, Langlebigkeit ist nicht erblich. Na ja, solange ich gesund bin, Ideen habe und es Leute gibt, die das finanzieren, werde ich weiter Filme machen. Warum sollte ich das nicht tun?“ Woody Allen hat sich schon als kleiner Junge für Zauberei begeistert und dauernd irgendwelche Tricks geübt: „Ich mochte überhaupt alles, was es mir erlaubte, stundenlang allein in meinem Zimmer zu bleiben. Ich liebte es, Klarinette zu spielen, zu schreiben oder Tricks mit Karten, Münzen, Zigaretten, Seilen oder Taschentüchern zu lernen. Ich schloss die Tür, und der Rest der Welt war verschwunden.“

Wolf Biermann: „Ich bin immer sechseinhalb Jahre alt geblieben“

Anlässlich seines 70. Geburtstages erinnert sich der Lyriker und Sänger Wolf Biermann in der ZEIT an traumatische Erfahrungen seiner Kindheit: „Meine Lebensuhr ist stehen geblieben, als ich sechseinhalb Jahre alt war. Da ist meine Mutter mit mir auf dem Rücken durch den Kanal geschwommen, um uns herum das brennende Hamburg. Es ist ein Wunder, dass ich aus diesem Feuersturm herausgekommen bin. Was heißt Wunder – meine Mutter Emma war das Wunder. Als ich viel später das berühmte Foto der Uhr aus Hiroshima mit den geschmolzenen Zeigern sah, da dachte ich: Das kenne ich. Die Uhr in meiner Brust ist stehen geblieben in dieser Nacht. Deshalb bin ich auch immer sechseinhalb Jahre geblieben.“ Biermann erzählt auch, warum er „als kleiner asthmatischer Junge, als Drachentöter mit der Gitarre“ erfolgreich war: „Ich hatte ein Holzschwert mit sechs Saiten drauf. Ich fühlte mich oft verzagt und war in Gefahr, dass nicht ich Furcht hatte, sondern dass die Furcht mich hatte. Einfacher gesagt: dass ich zu Kreuze krieche, im Streit mit diesen totalitären Lumpen. Und da kamen immer die Toten, nicht nur mein Vater, auch meine Großmutter, mein Großvater, meine Tante Rosi Biermann, mein Cousin Peter. Die alle habe ich noch gesehen, als sie hier auf der Moorweide abtransportiert wurden. In Minsk hat man sie erschossen. Also: Wenn ich anfing zu wackeln, kamen immer diese Toten, und mein Vater sagte mir: Los, kleiner Wolf! Ich hab mein Leben aufs Spiel gesetzt und verloren. Da wirst du doch wohl dein Wohlleben aufs Spiel setzen können, der Preis ist zum Glück nicht mehr so hoch.“

 
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