Vorabmeldungen Aus der Zeit 04/2006
Informieren Sie sich schon jetzt über Themen der kommenden Ausgabe
Fischer: Haben im Irakkrieg rote Linie nicht überschritten
Der ehemalige Bundesaußenminister Joschka Fischer hat den Einsatz von zwei
Agenten des Bundesnachrichtendienstes in Bagdad während des Irakkrieges
verteidigt: „Eigene Erkenntnisse des BND im Irak-Krieg waren für uns sehr
wichtig. Nach meiner Kenntnis haben wir dabei die rote Linie, die politisch-moralische
Linie, die wir uns selber gesetzt haben, nie überschritten“, sagt er
der ZEIT angesichts der bevorstehenden Einsetzung eines Untersuchungsausschusses
des Bundestages.
Unterdessen übt der frühere FDP-Politiker Burkhard Hirsch in der ZEIT Kritik an
der Überwachung der Geheimdienste durch das Parlamentarische Kontrollgremium
des Bundestages. „Viel zu lange haben wir uns in den kalten Kellern mit
Belanglosigkeiten den Hintern platt gesessen. Und immer wieder haben wir uns
gefragt, ob man den ganzen Laden nicht am besten auflöst.“ Wegen der
Schweigepflicht der neun Abgeordneten werde das Kontrollgremium zur Grabstätte,
„in dem ruchbar gewordene Skandale beerdigt werden“.
Terrorfahnder beschuldigt BKA der Mitwisserschaft bei Folter
Ein Terrorfahnder des Bundeskriminalamtes hat im Zusammenhang mit Foltervorwürfen
schwere Beschuldigungen gegen seine Behörde erhoben. Der ZEIT
sagt Kriminaloberkommissar Ralph Trede, das BKA habe im Jahr 2002 dem
libanesischen Geheimdienst zahlreiche Fragenlisten für die Verhöre von zwei
Terrorverdächtigen übergeben. Beide seien in einem Militärgefängnis festgehalten
worden. „Im BKA war allen klar, dass dort gefoltert wurde. Das war ein ganz
klares Outsourcing“, sagt Trede der ZEIT.
Die beiden vernommenen Häftlinge, ein Libanese und ein Saudi, waren in
Deutschland unter Terrorverdacht geraten, weil sie nach Erkenntnissen der Polizei
einen Anschlag im Raum Frankfurt am Main vorbereiteten. Bei einem Treffen
im Libanon wurden sie festgenommen. Anschließend erstellte die BKA-Außenstelle
Meckenheim laut Trede Fragenkataloge, die von einem BKA-Mitarbeiter
in Beirut auf Arabisch übersetzt und an den libanesischen Geheimdienst
weitergereicht worden seien. „Die haben gesprudelt noch und nöcher“,
sagt Trede über die Verdächtigen, „fast täglich haben wir uns mit den Leuten
vom Geheimdienst getroffen, um Antworten auszutauschen.“
Generalbundesanwalt Kay Nehm streitet in der ZEIT die Vorwürfe ab: „Hätte es
konkrete Anhaltspunkte dafür gegeben, dass Antworten auf Fragen der Beamten
des Bundeskriminalamts unter Anwendung von Folter durch libanesische
Beamte gewonnen werden sollten, wäre die Zusammenarbeit mit den libanesischen
Behörden sofort beendet worden.“ Es gebe keine Beweise für Folterungen,
erklärt Nehm.
Commerzbank-Chef Müller wehrt sich gegen Mittelstandskritik
Klaus-Peter Müller, Chef der Commerzbank und Präsident des Bundesverbandes
Deutscher Banken, wehrt sich gegen Kritik, die Banken behandelten den Mittelstand
schlecht. In der ZEIT räumt Müller zwar Missverständnisse ein: „Es gibt gelegentlich
Ärger, manchmal Unverständnis, und es gibt viel zu oft nur unzureichende Erklärungen
von Bankenvertretern darüber, was sie eigentlich tun.“ Das Problem sei aber: „Der Mit-telstand
hat keinen Mangel an Fremdkapital. Er hat einen Mangel an Eigenkapital. Statt
Eigenkapital zu bilden, haben manche deutsche Mittelständler lieber Mallorca geteert.
Dort liegt viel Geld, das besser in die Unternehmen investiert worden wäre.“ Noch im-mer
liege die Eigenkapitalquote im deutschen Mittelstand bei 7,5 Prozent, während der
Durchschnitt in Euroland über 20 Prozent betrage.
Optimistisch ist Müller für die Gewinnentwicklung der Bank im Mittelstandsgeschäft:
„Die Zahlen unseres Mittelstandsgeschäfts werden überaus positiv sein. Ich kann als
Bank bei den Kreditzinsen immer dann Zugeständnisse machen, wenn ich mit dem
Kunden Zusatzgeschäfte vereinbare, zum Beispiel für ihn den internationalen Zah-lungsverkehr
abwickle. Dann rechnet sich das.“
Deutschland bei den Russen verschuldet
Russland ist für den deutschen Staat zum Netto-Gläubiger geworden. Insgesamt
hat Deutschland nach Schätzungen westlicher Fachleute inzwischen mehr
Schulden bei den Russen als Russland bei den Deutschen, wie die ZEIT berichtet.
Zum Jahresende 2005 wies die russische Zentralbank Währungsreserven
von 182,2 Milliarden US-Dollar aus, darunter 137 Milliarden an Devisenbeständen,
die nach Einschätzung der Experten in erstklassigen Staatsanleihen
angelegt sind.
Die Notenbank in Moskau hält zwar die Zusammensetzung ihrer Bestände geheim
– zudem ändert sie ihr Portfolio immer wieder durch kurzfristige Investitionsentscheidungen.
Kenner des Kapitalmarkts gehen aber davon aus, dass
mindestens 30 bis 35 Prozent der russischen Devisenreserven im Euro-Raum
angelegt sind, von denen wiederum mindestens ein Drittel auf deutsche Staatspapiere
entfällt. Dazu kommen noch die im Ausland angelegten Mittel aus dem
Stabilisierungsfonds Moskaus, der aus staatlichen Erdöl- und Erdgasgewinnen
gespeist wird. Insgesamt halten die Russen damit deutsche Staatsanleihen im
Wert von mindestens 14 Milliarden Euro. Die russischen Staatsschulden bei
den Deutschen betragen dagegen nur zwölf Milliarden Euro.
Bisherigen Impfstoffen gegen Vogelgrippe fehlt die Kraft
Alle bisher erzeugten experimentellen Impfstoffe gegen den Vogelgrippe-Erreger
H5N1 haben nach Angaben des Herstellers GlaxoSmithKline nur gerin-ge
Schutzwirkung für Menschen. „Statt der bei den normalen Grippeschutzimp-fungen
nötigen 15 Mikrogramm waren bei einer Studie mit einer H5N1-Vakzine
zweimal 90 Mikrogramm Impfstoff erforderlich, um einen ausreichenden Schutz
zu erzeugen“, sagt der für die Influenza-Impfstoffherstellung verantwortliche
Experte des Pharma-Unternehmens GlaxoSmithKline, Norbert Hehme, in der
ZEIT. Die ohnehin bestehenden Lieferengpässe würden sich im Falle einer
H5N1-Pandemie daher noch erheblich verschärfen.
Nach Angaben von Hehme ist den Forschern noch unklar, warum die H5N1-
Impfstoffe nicht stark genug sind. Impfstoffhersteller und Labors der Weltgesundheitsbehörde
würden dieser Frage zur Zeit nachgehen.
Unterdessen untersuchen Experten weltweit die genetischen Veränderungen
des Vogelgrippe-Erregers, um frühzeitig Anzeichen für eine befürchtete Anpassung
des Virus an den Menschen zu erkennen. Tierversuche zeigen, dass
H5N1 in den vergangenen Jahren seine Aggressivität gesteigert hat. Sobald
das Virus lerne, sich auch in den menschlichen Atemwegen einzunisten, warnt
der niederländische Influenza-Forscher Albert Osterhaus, „könnte es einfach
durch Husten den nächsten Menschen anstecken“.
Tiefensee:
Mindestens fünf Jahre Verzögerung auf Berliner Schlossplatz
Der Baubeginn für das Humboldt-Forum auf dem Berliner Schlossplatz wird
sich um mindestens fünf Jahre verzögern. „Vor 2012 werden wir mit dem Bauen
nicht beginnen“, sagt Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) der ZEIT.
Sein Vorgänger Manfred Stolpe hatte vor einem halben Jahr noch einen Bau-beginn
für 2007 angekündigt. „Vor 2018, 2020 wird das Humboldt-Forum kaum
eröffnen können“, sagt Tiefensee. „Erst müssen die Geldfragen geklärt werden,
und das ist schwierig.“ Die Gesamtkosten könnten bei bis zu 1,2 Milliarden Euro
liegen. Im Humboldt-Forum sollen die außereuropäischen Sammlungen der
staatlichen Museen in Dahlem, die wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-
Universität und Teile der Berliner Stadtbücherei untergebracht werden.
Der Minister betont: „Auch Berlin wird ohne Zweifel seinen Beitrag leisten müssen.“
Ein Viertel der Kosten müsse vom Land Berlin getragen werden. Bislang
hatte der Erste Bürgermeister Klaus Wowereit stets darauf bestanden, dass
seine Stadt kein Geld beisteuern werde.
Über den weiteren Planungsverlauf sagt Tiefensee: „Ende 2007 soll der Bundestag
den Baubeschluss fassen. Dann kommen Investorenwettbewerb, Architekturwettbewerb,
Ausschreibungen.“ Erwogen werde im Moment, einen Privat-investor
einzubeziehen. „Der Architektenwettbewerb wird unter Federführung
des Investors vorangetrieben“, so Tiefensee.
Regisseur Michael Haneke:
„Ich fühle mich als Störenfried sehr wohl“
Der österreichische Regisseur Michael Haneke begegnet dem Vorwurf, er sei
ein Kulturpessimist, gelassen. Der ZEIT sagt er: „Bin ich’s leid, die böse Unke
zu spielen? Nein, im Gegenteil, inzwischen fühle ich mich als Störenfried sehr
wohl. Nicht dass es immer angenehm ist. Ich fühle mich wohl, weil ich denke,
dass es notwendig ist. Dass ich mich traue, in den Spiegel zu sehen, hat damit
zu tun. Ich wundere mich nur darüber, dass es so wenig Leute gibt, die auch so
empfinden. Das macht mich schon nachdenklich.“
Haneke kann auch an dem Vorwurf, er sei ein Moralist, nichts Negatives sehen.
„Mir wird immer vorgeworfen, ich würde mit der Moralkeule hantieren. Moralist
ist ja inzwischen ein Schimpfwort geworden. Wenn sich jemand Gedanken über
etwas macht, dann ist er irgendwie out.“
Auf die Frage nach seinem Traumberuf sagt der Regisseur: „Wenn ich es mir
aussuchen dürfte – da oben, wo die Geschenke verteilt werden –, wäre ich
schon lieber Komponist und Dirigent. Die Musik ist für mich schon die Königin
der Künste.“
Am 26. Januar kommt Michael Hanekes neuer Film „Caché“ in die deutschen Kinos; einen Tag
später hat in Paris seine „Don Giovanni“-Inszenierung Premiere.
Israelische Bestsellerautorin Shalev leidet lange
nach Selbstmordattentat immer noch an Angstzuständen
Die israelische Bestsellerautorin Zeruya Shalev, die 2004 bei einem Selbstmordattentat
auf einen Bus in Tel Aviv verletzt wurde, hat immer noch mit den
Folgen zu kämpfen: „Sehe ich einen Bus, steigt noch heute die Angst in mir
hoch“, sagt Shalev der ZEIT. „Eine Zeit lang hatte ich nur einen einzigen Traum:
an einem Ort ohne Busse zu leben. Auf Dauer wäre das natürlich nicht sehr
praktisch. Aber nach der Explosion wünschte ich mir einfach, nie wieder in meinem
Leben einen Bus sehen zu müssen.“
Noch heute können sie auch andere unscheinbare Auslöser verunsichern: „Ein
kleines Geräusch wird in meinem Kopf zu einer Explosion. Gehe ich aus dem
Haus, vergesse ich nie, dass ich vielleicht nicht wiederkehren werde. Niemand
kann mir versprechen, dass ich heil zurückkomme.“ Trotzdem will sie ihre Heimatstadt
Jerusalem nicht verlassen, „nur weil es eine gefährliche Stadt ist.
Überall kann einem etwas zustoßen.“
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