Globalisierung Wem nützt die Globalisierung? - Märkte, Institutionen, Regelungsbedarf
Der Politikwissenschaftler und Wirtschaftsexperte Prof. Dr. Elmar Altvater im Rahmen der "Hamburg Lectures", 30. Januar 2003
Triebkräfte der Globalisierung und deren ungleiche Wirkungen
1. Die Globalisierungstendenzen, von denen in den letzten Jahren so aufgeregt
die Rede ist, sind tatsächlich nichts Neues und seit dem "langen 16.
Jahrhundert" (zwischen 1492 und 1648, also von der Entdeckung Amerikas bis zur
Entstehung des "Konzerts" der modernen Nationalstaaten durch den Westfälischen
Frieden) wirksam. Doch inzwischen haben Beschleunigung und Expansion Zeiten und
Räume so zusammengedrängt, dass Distanzen fast verschwunden sind, zumal das
westlich-kapitalistische System seit 1990 innerhalb des Weltsystems ohne
Alternative zu sein scheint. Seit der Entstehung des kapitalistischen
Weltsystems und erst recht in der Folge der Industrialisierung (und des
Übergangs zur Nutzung fossiler Energieträger) wächst die Wirtschaft (gemessen am
Pro-Kopf-Einkommen) so schnell wie niemals zuvor in der hunderttausendjährigen
Menschheitsgeschichte. Das hat vielen Menschen einen höheren (materiellen)
Wohlstand beschert.
2. Gleichzeitig vergrößern sich die Ungleichheiten zwischen den Kontinenten und
Weltregionen, die zuvor niemals existiert hatten. Von der Ungleichheit und von
der Verschiedenheit der Lebensbedingungen in den fernen Kontinenten berichten
die Abenteurer und Weltumsegler, die schiffbrüchigen Seefahrer und flüchtenden
Krieger - doch bedeutete die qualitative Verschiedenheit nicht unbedingt auch
quantitative Ungleichheit. Erst als man angefangen hatte, die Dinge des
täglichen Lebens in Waren zu verwandeln und ihnen auch einen Preis zu geben, und
als man dann lernte, zum Austausch über Währungsgrenzen hinweg die Preise in
verschiedenen Währungen auszudrücken und schließlich eine Weltwährung entstand,
konnte man im Vergleich über die zeitlichen und räumlichen Grenzen hinweg
quantitative Ungleichheiten ausmachen.
3. Diese kultur- und ökonomiegeschichtlichen Voraussetzungen gegeben, kann man
wie Angus Maddison verfahren und die Einkommen der Menschen auf den Kontinenten
dieser Erde seit Beginn unserer Zeitrechnung mit dem Jahre 0, also seit Christi
Geburt, in Dollarwerten von 1990 kalkulieren. Trotz aller unvermeidlichen
Ungenauigkeiten ist das Ergebnis beeindruckend und plausibel: Bis zur globalen
Dominanz Westeuropas im 16. Jahrhundert hatten Afrikaner und Asiaten ein
Pro-Kopf-Einkommen, das nicht niedriger, sondern manchmal sogar höher als das
der Europäer war. Erst seit der Industrialisierung änderte sich dies. Alle
wurden reicher (gemessen am Pro-Kopf-Einkommen) - das ist die positive Seite der
Globalisierung. Aber die Ungleichheit nahm ebenfalls zu - und das ist die
negative Seite der Globalisierung, zumal die Menschen über die
Kommunikationsmedien verfügen, die ihnen die Unterschiede deutlich machen.
Globalisierung bedeutet Wachstum und zugleich Zunahme der Ungleichheit der
Einkommen und Vermögen. Die eine Seite betonen die Globalisierungsenthusiasten,
die zweite Seite die Globalisierungsskeptiker, und sie können sich auch auf
jüngere Entwicklungstendenzen beziehen. Denn in vielen Ländern ist das
Pro-Kopf-Einkommen gestiegen; die Industrieländer und einige Schwellenländer
haben am meisten davon profitiert. Doch ist das Pro-Kopf-Einkommen in 30 Ländern
in den letzten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gefallen. Der Abstand
zwischen Reich und Arm in der Welt ist nicht geringer geworden sondern größer.
Die Weltbank zeigt in ihrem Weltbericht von 2001 über die Armut, dass die
absolute Anzahl der Armen mit weniger als 1 Dollar pro Tag fast in allen
Entwicklungsländern gewachsen ist, auch wenn der Anteil an der Gesamtbevölkerung
in manchen Weltregionen gefallen ist. In den nächsten zehn Jahren werden in
Afrika südlich der Sahara an die 116 Mio und in Lateinamerika etwa 52 Mio
Menschen mehr zum Heer der Armen gehören als heute.
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Tabelle 1 Niveau und Wachstumsrate des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts in verschiedenen Weltregionen vom Jahre 0 bis 1998 | |||||||
| Region | 0 | 1000 | 1820 | 1998 | 0-1000 | 1000-1820 | 1820-1998 |
| In internationalen Dollar von 1990 | Durchschnittliche jährliche Wachstumsraten | ||||||
| Westeuropa | 450 | 400 | 1232 | 17921 | -0.01 | 0.14 | 1.51 |
| Westliche Siedlungskolonien | 400 | 400 | 1201 | 26146 | 0.00 | 0.13 | 1.75 |
| Japan | 400 | 425 | 669 | 20413 | 0.01 | 0.06 | 1.93 |
| Durchschnitt der Gruppe A | 443 | 405 | 1130 | 21470 | -0.01 | 0.13 | 1.67 |
| Lateinamerika | 400 | 400 | 665 | 5795 | 0.00 | 0.06 | 1.22 |
| Osteuropa und ehemal. UdSSR | 400 | 400 | 667 | 4354 | 0.00 | 0.06 | 1.06 |
| Asien (ohne Japan) | 450 | 450 | 575 | 2936 | 0.00 | 0.03 | 0.92 |
| Afrika | 425 | 416 | 418 | 1368 | -0.00 | 0.00 | 0.67 |
| Durchschnitt der Gruppe B | 444 | 440 | 573 | 3102 | -0.00 | 0.03 | 0.95 |
| Welt | 444 | 435 | 667 | 5709 | -0.00 | 0.05 | 1.21 |
| Quelle: Maddison, Angus (2001): The World Economy - A millenial Perspective, OECD, Development Center Studies), Paris, Table 1-2, S. 28 | |||||||
4. Die Daten zeigen, wie langsam die Entwicklung die meiste Zeit in der zweitausend jährigen Geschichte seit dem Jahre 0 verlaufen ist und dass mit der Beschleunigung der Entwicklung auch die Unterschiede der Tempi hervortreten, die dazu führen, dass in der globalisierten Welt eine Ländergruppe (A) vorausrennt, die andere Ländergruppe (B) den Anschluss verliert. Ein Blick auf die Tabelle lässt auch erkennen, dass das langfristige Wachstum des BIP über Jahrhunderte niedriger als 0,2% geblieben ist und erst seit der industriellen Revolution in der Ländergruppe A auf 1,5% - 2% hochgetrieben werden konnte. Im aktuellen wirtschaftspolitischen Diskurs reichen Wachstumsraten dieser Größenordnung für das Urteil "Sklerose". Die globale Konkurrenz der Standorte verlangt heute etwas, was 2000 Jahre nicht erreicht worden ist: nicht nur Wachstum schlechthin, sondern beschleunigtes Wachstum. Dass dies nur durch Rückgriff auf die Nutzung fossiler Energieträger gelingt und gewaltige ökologische Folgewirkungen aufweist, soll an dieser Stelle nur vermerkt, nicht näher analysiert werden. Eines ist jedenfalls klar: Die Dynamik der Globalisierung ergibt sich aus einem Zusammenspiel von fossilen Energieträgern, kapitalistischer Organisation der Gesellschaft, europäischer Rationalität der Weltbeherrschung und der daraus hervorgehenden technischen Trajektorie und nicht zuletzt auch politisch gestü tzter Liberalisierung und Deregulierung.
Hohe Realzinsen, finanzielle Innovationen, finanzielle
Krisen
5. Es ist kaum zu bezweifeln, dass das widersprüchliche Bild der Globalisierung
seine harten Konturen heute vor allem durch die Wirkungsweise der Finanzmärkte
erhält. Nur auf zwei Aspekte möchte ich in diesem knappen Vortrag zu sprechen
kommen. Auf die im Hinblick auf die Dynamik der Finanzmärkte häufig
unterschätzte Bedeutung der hohen Realzinsen, die weltweit seit Anfang der 80er
Jahre über der realen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts liegen, und auf
die immanente Instabilität der Finanzmärkte.
Realzinsen unterhalb der realen Wachstumsraten sind gut für Schuldner und für
jene Investoren, die in industrielle Projekte investiert haben und diese
Investitionen mit Krediten finanzierten. Das ist eine "keynesianische" Lage.
Realzinsen oberhalb von Wachstums- und Profitraten sind gut für
Geldvermögensbesitzer und deren Kapitalanlagen. Die Liberalisierung der
Finanzmärkte hat ihnen bislang geschlossene Märkte geöffnet und hohe Renditen
ermöglicht.
Eine Berechnung von David Felix (2002), die nur mit Vorsicht und in der Tendenz
interpretiert werden darf, zeigt den Bruch in der langfristigen historischen
Tendenz sehr deutlich. In den G7-Ländern (USA, GB, Japan, Deutschland, Italien,
Frankreich Kanada) lagen die Realzinsen nur in den "ruhigen Jahren" der
Akkumulation vor dem Ersten Weltkrieg unterhalb der realen Wachstumsrate, und
dann wieder in dem golden age nach dem Zweiten Weltkrieg. In den Krisenjahren
der Zwischenkriegszeit und dann wieder seit Ende der 70er Jahre liegen die
Realzinsen beträchtlich über der realen Wachstumsrate. Der empirische
Sachverhalt ist unstrittig, auch wenn es beträchtliche Messprobleme von realen
Zinssätzen gibt (vgl. Enquete-Kommission 2002).
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Tabelle 2 Realzinsen auf 10-jährige Staatsanleihen der G7-Staaten abzüglich des realen Wachstums des Bruttosozialprodukts | ||||||||
| Kanada | Frankreich | Deutschland | Italien | Japan | UK | USA | Ø G-7 | |
| 1959-71 | -2,05 | -3,93 | -1,99 | -3,02 | -8,74 | -0,38 | -1,91 | -3,15 |
| 1972-81 | -3,57 | -2,06 | 0,69 | -6,44 | -3,82 | -2,76 | -2,13 | -2,87 |
| 1982-91 | 4,20 | 3,11 | 1,93 | 1,75 | 0,39 | 1,93 | 2,80 | 2,30 |
| 1992-01 | 2,14 | 2,76 | 2,61 | 3,15 | 2,25 | 1,38 | 0,62 | 2,13 |
| 1946-58 | -0,36 | |||||||
| 1919-39 | zum Vergleich | 2,40 | ||||||
| 1919-40 | -0,03 | |||||||
| Quelle: Felix, 2002: 3 | ||||||||
6. Es gibt Gründe für die hohen Realzinsen. Neben vielen anderen, die im
einzelnen dargelegt werden können (vgl. Felix 2002; Enquete-Kommission des
Deutschen Bundestages "Globalisierung..." 2002), ist es die Globalisierung der
Finanzmärkte, also die Konkurrenz um das global mobile und volatile Kapital, die
die Renditen überall nach oben treiben. Kapital muss durch hohe
Renditeversprechen an "Kapitalflucht" gehindert werden. Obendrein verschiebt
sich in den G7-Ländern (besonders ausgeprägt in der Euro-Region) das Niveau der
realen Wachstumsrate des BIP nach unten, so dass selbst sinkende Nominalzinsen
wie in Japan immer noch real sehr hoch liegen. Keynes nannte eine diese Lage
eine "Liquiditätsfalle". Später wurde dieser Sachverhalt auch mit der
Bezeichnung "financial repression" charakterisiert.
7. Die Folgen dieser Entwicklung sind dramatisch. Einige sollen benannt werden,
weil sie bei den Versuchen des Design einer "neuen Finanzarchitektur" zur
Erzeugung des global public good finanzieller Stabilität und Integrität
bedeutsam sind.
7a. In dem opulenten Umfeld hoher Realrenditen sind "Finanzinnovationen"
entwickelt worden, mit denen eine so hohe Diversifizierung der Finanzprodukte
erreicht worden ist, dass faktisch für jeden "etwas dabei ist". Alle Welt ist in
die globalen Finanzmärkte einbezogen; sie dringen in die Lebenswelten der
Menschen ein. Börsenkurse sind alltagsweltlich so wichtig wie das Wetter,
Schulkindern ist die Spekulation mit Aktien nichts Fremdes. Die Kultur verändert
sich, vor allem in den Gesellschaften der Industrieländer.
7b. Preise für Finanzprodukte - Renditen, Zinsen, Kurse - verändern sich schnell
und in alle Richtungen, nach oben wie nach unten. Das wäre nicht nur kein
Problem, sondern löste sogar sehr viele Probleme, wenn nicht die Preise in der
realen Wirtschaft - Löhne, Preise für Güter und Dienste - viel weniger flexibel
als Zinsen und Kurse reagieren würden. Die realen Verhältnisse im Produktions-
und Arbeitsprozess, aber auch in den Haushalten und bei den sozialen und
kulturellen Beziehungen und institutionellen Festlegungen können sich der
monetären Flexibilität und Volatilität nur mühsam oder gar nicht anpassen. Das
Gerede von der notwendigen Aufbrechung von "Verkrustungen" zur Beschleunigung
verkennt, dass soziale, kulturelle und ökologische Prozesse ein geringeres Tempo
haben als volatile kurzfristige Kapitalbewegungen.
7c. Hier sind wir mit der von Paul Virilio in anderen Zusammenhängen
beobachteten Ungleichzeitigkeit der Tempi und der Beschleunigung konfrontiert.
Arbeit und Lohnfindung werden flexibilisiert, die "Rigiditäten" des Fordismus
werden flüssig gemacht, also jene sozialen Verhältnisse, die mit ihren sozialen
Normen und Formen sozioökonomische Sicherheiten vermittelten. Politik und
Gesellschaft geraten unter einen erheblichen, von den Finanzmärkten ausgehenden
Stress.
7d. Freier Kapitalverkehr schränkt die Handlungsspielräume von Regierungen ein.
Politische Weichenstellungen, die zu Lasten der Rentabilität der Kapitalbildung
im Inland gehen, können Kapitalflucht auslösen. Die Anpassung erfordert auch
institutionelle Modernisierung in allen Politikbereichen, von der Bildungs- bis
zur Patentrechtspolitik. Wie schwer dies ist, zeigen die Erfahrungen mit
institutioneller Anpassung in allen Gesellschaften und die notorischen Mahnungen
internationaler Institutionen und der EU-Kommission, doch endlich nach der
Flexibilisierung der Finanzmärkte auch die Arbeitsmärkte (einschließlich der
Organisation der Arbeit in den Betrieben und der Lohnbildung) ebenso gründlich
zu flexibilisieren.
7e. Im übrigen haben die restriktiven Wirkungen der monetären Größen
Anpassungsstrategien des Unternehmensmanagements zur Folge: Der Übergang zum
shareholder value-Konzept erklärt sich zu einem Teil aus dieser Entwicklung.
Denn nun werden die Aktien nicht mehr überwiegend von Familien oder Banken auch
dann gehalten, wenn der Kurs fällt, weil man mit dem Unternehmen verbunden ist.
Institutionelle Anleger vergleichen den Kurs von Wertpapieren in ihrem
Portefeuille mit alternativen Anlagemöglichkeiten von Kapital überall in der
Welt, und sie trennen sich von Aktien, wenn diese den Renditevergleich, den
Rating-Agencies und Consulting Firms durchführen, nicht aushalten. Im übrigen
verführt die Strategie der Steigerung des Shareholder value, zumal wenn von
seiner Höhe die Managergehälter abhängen, zu Lug und Trug, zu Bilanzfälschung
und Korruption - so sehr, dass Polemiker "economics" in "enronomics" umbenennen
und sich das diesjährigen World Economic Forum vor allem um die
Wiederherstellung des verlorenen Vertrauens in Politik und Wirtschaft bemü
hte.
8. Zur Schattenseite der Globalisierung gehört auch die Instabilität der
Finanzmärkte. Die immensen ökonomischen und sozialen Kosten der Finanzkrisen
haben deutlich werden lassen, dass finanzielle Stabilität wie die intakte Natur
ein (globales) öffentliches Gut ist (zum Konzept öffentlicher Güter vgl. Kaul
u.a. 1999). In einer kapitalistischen Geldwirtschaft sind "financial
instabilities" - dies wissen wir seit Marx und Keynes - unvermeidlich. Aber
möglich ist es, sie in Grenzen zu halten und die Zuspitzung zu schweren Krisen
wie in den vergangenen Jahrzehnten zu vermeiden. Denn die Kosten der
Finanzkrisen der 90er Jahren in den betroffenen Gesellschaften (vgl. Tab. 1)
sind gewaltig; sie betragen mehr als ein Fünftel des Sozialprodukts - und sie
tragen zur Verschärfung schon existierender Ungleichheit bei. Selbst die
Weltbank musste ihren professionellen Optimismus angesichts der Verarmung
breiter Schichten in Indonesien und anderswo zügeln. Auch im neuen Jahrhundert
gibt es keine Besserung. Unter dem Debakel der Finanzkrise ist die argentinische
Gesellschaft ins Chaos gestürzt. Das sind alles Menetekel der Regellosigkeit
globaler Finanzmärkte.
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Tabelle 3 Bankenkrisen in ausgewählten Ländern | |||
| Land | Deregulierung oder Privatisierung und Liberalisierung des Finanzsektors | Bankenkrise | Kosten der Bankenkrise für den staatlichen Haushalt in % des BIP |
| Mexiko | 1989 - 1992 | 1995 - 2000 | 20 |
| Ecuador | 1992 - 1996 | 1998 - | 25 |
| Argentinien | 1990 - 1993 | 1994 - 1997 | 30 |
| Venezuela | 1989 - 1992 | 1994 - 2000 | 35 |
| Südkorea | 1992 - 1996 | 1998 - 2000 | 25 |
| Thailand | 1992 - 1996 | 1998 - 2000 | 22 |
| Indonesien | 1992 - 1996 | 1998 - 2000 | 50 |
| Russland | 1990 - 1994 | 1994 - 2000 | 40 |
| Quelle: Nach Daten der World Bank, de Luna Martínez 2002 | |||
9. Auf eher implizite Weise wird finanzielle Stabilität als öffentliches Gut
schon dadurch anerkannt, dass es regelmäßig die öffentliche Hand ist, die mit
ihren Stützungskrediten dafür sorgt, dass eine Finanzkrise überwunden und -
zumeist nur - eine prekäre Stabilität hergestellt werden kann. Über die
Größenordnung der internationalen Hilfspakete gibt die nachfolgende Tabelle
(vgl. Tab. 2) Auskunft. Sie zeigt, aus der Perspektive derjenigen, die
"Rettungspakete" bereit gestellt haben, wie hoch die Kosten von Finanzkrisen
sind, und welche Umverteilungspotentiale realisiert werden. Denn die Beträge,
die als Kosten bei den Gebern verbucht werden, sind saldenmechanisch irgendwo
bei irgendwem auf globalen Finanzmärkten Einnahmen. Die internationale
"Gemeinschaft" der Steuerbürgerinnen und -bürger zahlt also, wenn auch
tausendfach vermittelt, an die Finanzakteure, um ihnen die Verluste der
Spekulation abzunehmen. Nur selten müssen diese die Konsequenzen des
"irrationalen Überschwangs" bei ihrem Anlageverhalten (Shiller 2001) tragen.
Spätestens wenn das Risiko "systemisch" zu werden droht, wird es ihnen
abgenommen - vordergründig zur Vermeidung von Schlimmerem, also von noch höheren
Kosten .
10. Hier zeigt es sich, dass das hohe globale öffentliche Gut finanzieller
Stabilität von der Öffentlichkeit durch Hilfspakete und andere
"bail-out-Mechanismen" geradezu "gekauft" werden muss, und zwar von
Finanzjongleuren, die risikoreich systemische Risiken in Kauf genommen,
Finanzkrisen ausgelöst und in der Konsequenz soziale Not und politische
Konflikte verursacht, also ein öffentliches Gut zerstört haben. Es sind in den
90er Jahren zur Bewältigung der Finanzkrisen an die 250 Mrd US Dollar gezahlt worden,
um das öffentliche Gut finanzieller Stabilität für einen gewissen Zeitraum,
dessen Länge niemand einzuschätzen vermag, wiederherzustellen. Diese Mittel
haben dafür gesorgt, dass Vermögenswerte nicht abgeschrieben werden mussten,
sondern weiter als finanzielle Forderung gegenüber Schuldnern existieren.
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Tabelle 4 Internationale Hilfspakete für Schwellenländer in Krisen (Milliarden US- Dollar) | ||||||
| Quellen | ||||||
| Land | Zeitraum | IWF | Weltbank | Andere multilaterale Quellen | bilaterale Quellen | Total |
| Mexiko | Feb. 1995 | 17,8 | .. | .. | 30,0 | 47,8 |
| Thailand | Aug. 1997 | 3,9 | 1,5 | 1,2 | 10,5 | 17,1 |
| Indonesien | Sep. 1997-März 1999 | 12,0 | 5,5 | 4,5 | 26,1 | 48,1 |
| Korea | Nov. 1997 | 21,0 | 10,0 | 4,0 | 23,3 | 58,3 |
| Russland | Juni 1998-Juni 1999 | 11,2 | 2,3 | .. | 10,0 | 23,5 |
| Brasilien | Dez. 1998 | 18,1 | 4,5 | 4,5 | 14,5 | 41,6 |
| Türkei | Dez. 2000 | 10,4 | .. | .. | .. | 10,4 |
| Argentinien | Dez. 2000 | 11,7 | 2,4 | 2,6 | 21,0 | 37,5 |
| insgesamt | 106,1 | 26,2 | 16,6 | 135,4 | 284,3 | |
| Quelle: World Bank 2001, Global Development Finance. Washington, DC, S. 124. | ||||||
11. Darüber hinaus ist in den Jahrzehnten der Deregulierung von Finanzmärkten das globale öffentliche Gut der finanziellen Integrität extrem in Mitleidenschaft gezogen worden. Der IWF schätzt das Volumen des schmutzigen Geldes, das innerhalb des globalen Finanzsystems weiß gewaschen wird, auf jährlich bis zu 1,5 Billionen US Dollar. Der Geldwäsche gehen immer illegale und kriminelle, offensichtlich auch terroristische Vortaten voraus, die in jedem Fall einzelne oder die Gesellschaft insgesamt geschädigt haben: Vom Drogenhandel angefangen über den Menschenhandel und Waffenschmuggel bis zur großen Korruption. Das sind Aktivitäten, die in extremer Weise für menschliche Unsicherheit verantwortlich sind. Die Banken und anderen monetären Dienstleistungsunternehmen, die an der Geldwäsche und daher an der Weißwäsche krimineller Vortaten beteiligt sind, erzeugen ein public bad", ein öffentliches Übel - und sie verdienen dabei. Selbst die Terrorattacken von New York und Washington konnten nur finanziert werden, weil formelle Finanzinstitute mitmachten. Dabei war schon vorher klar, dass bei der Wäsche von Geldern aus illegalen bis kriminellen Machenschaften, z.B. in den kriegerischen Auseinandersetzungen in Afrika, formelle Bankinstitute und bekannte Bankenplätze (auch in Zentraleuropa) in grandiosem Maße involviert sind. Die sozialen und moralischen Kosten sind unermesslich, auch wenn sie nicht in Euro und Cent angegeben werden können.
Arbeitslosigkeit und Informalisierung der Arbeit
12. Zwar gibt es keinen ebenso liberalisierten globalen Arbeitsmarkt wie die
Waren- und Finanzmärkte. Die Hürden gegen Migrationsbewegungen sind hoch und
zwingen viele Menschen in die Illegalität und in die Fänge von professionellen
und kriminellen Menschenschmugglern und -schleusern. Trotz der Segmentation der
globalen Arbeitsmärkte sind die Mengen und Preise der nachgefragten Arbeitskraft
auf jedem nationalen Segment von anderen Segmenten beeinflusst. Die
"Standortkonkurrenz" wird daher als Argument für eine Senkung der Lohn(stü
ck)kosten verwendet. Der Druck auf die Löhne ist insgesamt konterproduktiv, denn
er drückt auch die kaufkräftige Nachfrage und ist verantwortlich für die
Überproduktion, die das Kennzeichen der weltweiten Wirtschaftsflaute ist. Auch
die Steigerung der Produktivität hat für den Arbeitsmarkt per Saldo negative
Folgen. Zwar kann an "erfolgreichen" Standorten zeitweise Arbeitslosigkeit
exportiert werden. Aber die globale Arbeitslosigkeit steigt in einem
beschäftigungspolitischen Negativsummenspiel. Die ILO vermeldet daher Anfang
Januar 2003 weltweit mehr als 125 Millionen arbeitslose Menschen. Tendenz
steigend. Wir wissen aus den OECD-Ländern, dass bei einem neuen Aufschwung
niemals wieder das Beschäftigungsniveau des vorher gehenden Zyklus erreicht
wird.
Viele Menschen werden gar nicht als arbeitslos gezählt. Sie befinden sich im
"informellen Sektor" prekärer Arbeitsverhältnisse, ohne Vertrag, mit geringer
sozio-ökonomischer Sicherheit. In Afrika sind dies bis zu 90% der
Erwerbspersonen, in Lateinamerika an die 60%, in Asien etwa die Hälfte. Auch in
den Industrieländern finden mehr und mehr Menschen nur noch einen Arbeitsplatz
als Scheinselbständige, zu prekären Bedingungen. In der Globalisierung sind also
nicht nur Niveau, sondern auch die Qualität der Arbeit betroffen. Darauf sind
die Institutionen und Organisationen des Arbeitsmarktes kaum vorbereitet. Wie
die ILO angesichts dieser Veränderungen von Arbeitsmarkt und Arbeitswelt
schlussfolgert, sind neue Formen der sozioökonomischen Sicherheit zu entwickeln.
Dies kann nur gelingen, wenn öffentliche Güter zur Bildung,
Gesundheitsversorgung, zur Wasser- und Nahrungsmittelversorgung bereit gestellt
werden. Diese politische Norm widerspricht freilich der dominanten Tendenz der
Privatisierung, die gerade durch die Entwicklung der Finanzmärkte unterstützt
wird.
Umrisse einer neuen internationalen Finanzarchitektur
13. Während in den 70er Jahren die Reform des Währungssystems im Zentrum stand
und in den 80er Jahren im Zusammenhang mit der Schuldenkrise nach Wegen einer
Entlastung der Schuldner und ihrer Befähigung zum Schuldendienst (durch
"Strukturanpassung") gesucht wurde, ist in den 90er Jahren und im ersten
Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts die "Architektur" des Finanzsystems das Thema
der Reformdebatte. Spätestens der argentinische Fall hat gezeigt, dass auch
"gute" Schuldner, die beispielhaften Vorzeigeländer des IWF, in eine schwere
Krise geraten können, wenn die globalen Finanzmärkte, Regeln und Institutionen
nicht reformiert werden.
14. Die groben Linien einer stabileren Finanzarchitektur sind rasch skizziert.
Eine Vereinbarung von Schwankungsbreiten (Zielzonen) für die Kursrelationen
zwischen den großen Währungsblöcken ( Dollar-, Euro- und Yen-Raum) wäre eine
Möglichkeit zur Verringerung der Volatilität. Die Stabilisierung der
Währungsrelationen erfordert allerdings auch eine in etwa gleichgerichtete
Entwicklung der Lohnstückkosten und der Preise. Mit anderen Worten: Es geht
nicht nur um Währungspolitik, sondern um Politik-Koordination zwischen
verschiedenen Feldern der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik und zwischen
Ländern (Währungsräumen) sowie um die Herstellung eines gesellschaftlichen
Basiskonsenses über Ländergrenzen hinweg. Davon sind die ökonomischen und
politischen Hauptakteure auf den Devisenmärkten weit entfernt. Folglich sind
Zielzonen derzeit unrealistisch.
15. James Tobin hat die Alternative zwischen (bzw. die Kombination von)
Integration und Segmentation von Währungsmärkten ins Gespräch gebracht; dies
wird in den Debatten um die "Tobin-Steuer" zumeist vergessen. Die Alternative
zur Verteuerung von Währungstransaktionen und daher der Segmentierung von
Währungsmärkten ist die Integration von Währungen zu einem Währungsraum mit
möglichst festen Kursrelationen. In Europa ist eine multilaterale Währungsunion,
die Eurozone entstanden. Also entfällt die Spekulation zwischen diesen
Währungen. Voraussetzung für die gemeinsame Währung war die fast fünf Jahrzehnte
andauernde ökonomische, politische, soziale und teilweise auch kulturelle
Integration. Es sind nur Währungen von Ländern beteiligt, die sich nicht in
einer Netto-Schuldnerposition in fremder Währung (z.B. in US Dollar) befinden. Daher
kann das Euroexperiment nicht einfach übertragen werden; nirgendwo in der Welt
gibt es eine Region mit vergleichbarer 50-jähriger Integrationserfahrung, deren
Währungen obendrein stark und nicht schwach sind. Schwach sind die Währungen
aller Länder, die in Fremdwährung (in US Dollar) verschuldet sind. Daher sind Ansätze
und Chancen der Bildung eines regionalen Währungsblocks im südlichen
Lateinamerika eher skeptisch zu beurteilen.
16. Doch gibt es in Lateinamerika eine Reihe von Beispielen "unilateraler"
Integration durch " Dollarisierung". Einige Länder haben entweder die nationale
Währung zu Gunsten der Einführung des Dollar aufgegeben (Panama schon seit
langem, Ecuador seit Anfang 2000, El Salvador seit dem 2.1.2001, Guatemala im
Mai 2001) oder die nationale Währung fest an den Dollar im Rahmen eines currency
board gebunden (Argentinien bis Ende 2001; zuvor Brasilien, wenn auch weniger
rigide, bis Januar 1999). " Dollarisierte" Länder geben freilich ihre geld- und
währungspolitische Souveränität vollständig auf bzw. an das Federal Reserve
System der USA ab. Der Schritt zurück ist zumeist schwierig. Argentinien ist
derzeit eine Art Übungsgelände für die "Ent- Dollarisierung".
Der Dollarisierung in Lateinamerika entspricht in einigen europäischen Ländern
die "Dmarkisierung" bzw. "Euroisierung"- im Kosovo, in Montenegro, wo die DM
(bis Ende 2001, danach der Euro) gesetzliches Zahlungsmittel ist. Bei der
unilateralen Währungsintegration gibt es eine Fülle von Problemen, darunter das
zentrale, wie ein Land an US- Dollar oder Euro gelangen kann. Es gibt ja nur den
Leistungsbilanzüberschuss und verschiedene Arten des Kapitalimports. Da mit der
Dollarisierung aber die Währung aufgewertet wird, leidet zunächst die
Wettbewerbsfähigkeit. Die Dollar- oder Euro-Devisen bleiben aus. Privater
Kapitalimport braucht attraktive Anlagemöglichkeiten, also hohe Renditen. Diese
sind für Investitionen und daher Wachstum nachteilig, unterminieren also die
Bildung einer ausgeglichenen Wirtschaftsstruktur. Die Privatisierung
öffentlichen Eigentums bringt zumeist weniger als sich die Regierungen wünschen,
fördern die Korruption und geraten sehr bald ans "Ende der Fahnenstange", wenn
nichts mehr zu privatisieren da ist. In einigen Ländern kommen die Euro und
US- Dollar durch internationale Hilfsorganisationen herein, wie im Kosovo oder
durch die organisierte Kriminalität (Menschenschmuggel, Prostitutionsringe,
Zigarettenmafia). In El Salvador stammen die US- Dollar aus Überweisung von
Gastarbeitern in den USA. Ecuador bezieht (noch) die Dollar durch Kredite des
IWF und ebenfalls aus Überweisungen von Arbeitsemigranten. Die Ärmsten, die das
Land verlassen mussten, weil sie keine Arbeit fanden, finanzieren nun das
Dollarisierungsexperiment. Die Frage ist, wie lange das geht. Es wäre in diesem
Zusammenhang von theoretischem und politischem Nutzen, die Lehren der
deutsch-deutschen Währungsunion von 1990 erneut zu studieren.
17. Im Gegensatz zur prekären Integration trennt eine Strategie der Segmentation
Währungsräume mit dem marktkonformen Mittel der Erhöhung der Transaktionskosten
beim Tausch einer Währung gegen eine andere. Dazu dient (1) die viel diskutierte
Tobin tax auf Devisenumsätze. Eine Devisentransaktionssteuer könnte die
Volatilität kurzfristiger Kapitalströme beruhigen - nicht mehr, aber auch nicht
weniger. Einen ähnlichen Effekt können (2) härtere Eigenkapitalvorschriften, ein
Kreditregister, die Kontrolle der Umschlagszentren (Offshore-Zentren) der
internationalen Finanztransaktionen etc. haben. Auch Kapitalverkehrskontrollen
(an nationalen Grenzen) separieren (3) Währungsmärkte. Die Maßnahmen (1) bis (3)
unterscheiden sich hinsichtlich des Grades internationaler Kooperation. Eine
Tobin tax erfordert Kooperation zumindest im Bereich der OECD-Länder.
Kapitalverkehrskontrollen können einzelne Länder autonom beschließen.
Eine Tobin tax wird im übrigen auch unter dem Aspekt diskutiert, dass den
nationalen Steuerstaaten die Steuerbasis mehr und mehr schwindet und daher der
am wenigsten mobile Produktionsfaktor (Arbeit) einen immer größeren Anteil der
Steuerlast trägt (in Europa ist der Anteil der Kapitalsteuern am Steueraufkommen
von 50% zu Beginn der 80er Jahre auf 35% um die Jahrhundertwende zurü
ckgegangen). Die Tobin-Steuer belastet hingegen den mobilsten Produktionsfaktor:
das hochgradig volatile, kurzfristige Kapital. Dafür sprechen folglich auch
Erwägungen der Steuergerechtigkeit. Im übrigen könnten die Einnahmen aus der
Tobin-Steuer für soziale und/ oder Entwicklungsprojekte verwendet werden. Dies
war ein Vorschlag des französischen Präsident Mitterand auf dem Weltsozialgipfel
1995 in Kopenhagen und er ist auf der UNO-Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung
in Monterrey in Mexiko im März 2002 wieder aufgegriffen worden.
18. Darüber, dass der Ordnungsrahmen von Kreditmärkten verbessert werden muss,
besteht nach den Erfahrungen mit den Finanzkrisen der 90er Jahre breiter Konsens
- vom IWF bis zu den NGOs. Denn die contagion-effects konnten sich ausbreiten
(die Währungsräume sich sozusagen wechselseitig "infizieren"), weil die Märkte
weitgehend dereguliert sind. Die Reformüberlegungen des 1998 eingerichteten
Financial Stability Forum (FSF) beziehen sich folglich vor allem auf die
kurzfristigen Kapitalflüsse mit besonders ausgeprägter Volatilität, auf die
Off-Shore-Finanzzentren (OFCs) und bestimmte hoch spekulative Akteure
(Hedge-Fonds), die wegen der "Hebelwirkung" ihrer Anlagen besonders riskante
Geschäfte betreiben und ein permanentes systemisches Risiko darstellen.
19. Durch die Liberalisierung des Kapitalverkehrs ist die Rolle der gut 50
Offshore-Zentren gewachsen, in denen laxe Finanzaufsicht, geringe
Steuerbelastung und absolute Geheimhaltung von Informationen über Konten und
Kontoinhaber Die Attraktivität begründen. OFCs sind in den 90er Jahren zunehmend
zu den Geschäftssitzen von Spekulationsfonds (die so ihre Geschäfte verdunkeln
konnten), zum Ziel für Steuerflucht und zum Umschlagsplatz und "Waschsalon"
schmutzigen Geldes geworden. Inzwischen hat die OECD auch im Zusammenhang mit
den Empfehlungen des FSF die Einhaltung bestimmter Regeln seitens der OFCs
verlangt. Nicht-kooperative OFCs sollen mit Sanktionen belegt werden. Daraufhin
haben einige der als Offshore-Zentren deklarierten special jurisdictions ihre
Kooperation zugesagt (teilweise auch die Schweiz, zögerlich Liechtenstein, gar
nicht: Nauru), andere haben nicht reagiert. Ein Problem im Zusammenhang der
Regelung der OFCs ist der Sachverhalt, dass special jurisdictions auch in den
großen Finanzzentren New York, Tokio, London, Bangkok zu finden sind, dass
einige US-amerikanische Bundesstaaten ihre Standortpolitik auf die Begünstigung
von Finanzinstitutionen durch laxe Gesetzgebung ausrichten, und Staaten wie
Israel oder Russland globale Geldwaschanlagen sind. Hier vermischen sich
offensichtlich ökonomische und politische Fragen mit dem Ergebnis, dass
Stabilität und Integrität des Finanzsystems unterminiert werden.
20. Die Stabilität der globalen Finanzarchitektur hängt entscheidend von den
Bretton Woods-Institutionen ab. Deren Struktur muss gründlich überholt werden,
um die Blockademöglichkeiten eines Landes (der USA) zu unterbinden und dem
Gewicht der Industrieländer (mit mehr als 50% der Stimmen) ein Gegengewicht
entgegen zu setzen. Das würde zu einer Demokratisierung der Finanzinstitutionen
beitragen. Es müssen aber auch die Regeln geändert werden. Gläubiger sind an den
Kosten der Finanzkrisen, für deren Zustandekommen sie mindestens ebenso
verantwortlich sind wie Schuldner, zu beteiligen. Nur so können sie dazu
gebracht werden, sich für das öffentliche Gut finanzieller Stabilität überhaupt
einzusetzen und nicht alle Versuche in diese Richtung zu torpedieren, also
"moral hazard" zum Prinzip ihres "imprudential behaviour" zu erheben..
21. Daher ist auch eine Regelung in Richtung eines ordentlichen
Insolvenzverfahrens für souveräne Schuldner zu treffen. Der private Sektor muss
in Schuldenrestrukturierungen mehr eingebunden werden als in der Vergangenheit
geschehen; er darf vor allem nicht mehr damit wie selbstverständlich rechnen,
dass Schuldner nicht bankrott gehen können, weil sie durch IWF und andere
offizielle Institutionen, letztlich also durch Zahlungen der Steuerzahler,
gerettet werden. Der argentinische Fall hat auch den IWF dazu veranlasst, die
Idee eines "orderly debt work-out", sprich eines internationalen
Insolvenzverfahrens in die Debatte über die neue internationalen
Finanzarchitektur einzubringen. Noch in den 80er Jahren trommelte der IWF die
zehn oder fünfzehn Gläubigerbanken zusammen, um die Umschuldung eines Landes zu
vereinbaren und gleichzeitig dem verschuldeten Land die berüchtigten
Strukturanpassungsmaßnahmen ("Konsens von Washington") abzuverlangen. Das geht
heute nicht mehr, da Argentinien nicht gegenüber wenigen und leicht
identifizierbaren Kreditgebern, sondern gegenüber einer großen Zahl von
Wertpapierbesitzern verschuldet ist, die über Investmentfonds argentinische
Staatspapiere "günstig", d.h. zu hohen Renditeversprechen gekauft haben. Allein
im Euro-Raum haben Investmentsparer für 20 Mrd Euro argentinische Staatspapiere
erworben, die nach der Finanzkrise fast wertlos geworden sind. Also helfen nicht
mehr die Rundtischgespräche zwischen einigen zehn Gläubigerbanken und der
Regierung des verschuldeten Landes unter Regie des IWF.
Dies ist möglicherweise der Grund dafür, dass der IWF die Kredittranche an
Argentinien im Dezember nicht auszahlte und durch die stellvertretende
Direktorin des IWF, Anne Krueger, eine Insolvenzregelung ins Spiel brachte: Es
sollte ein Land mit unsustainable debt ordentlich, vergleichbar dem Konkursrecht
in Nationalstaaten, Pleite gehen dürfen, um später wieder auf die Beine zu
kommen (orderly debt work-out). Es ist sicherlich nicht Sympathie für die
Schuldner, die Anne Krueger zu diesem Vorschlag veranlasste. Infolge der
Deregulierung der globalen Finanzmärkte hat sich auch die Gläubigerseite
verändert und Lösungen für Krisen wie die argentinische erfordern Innovationen
bei der Regulation von Krisen. Neu ist an diesem Vorschlag jedenfalls, dass nun
auch die Gläubiger an den Kosten der Finanzkrise beteiligt würden und nicht
durch die internationalen Institutionen wie in der Vergangenheit aus der Krise f
ür sie fast risikolos "herausgehauen" (bail out) werden.
22. Zur Reform der Finanzmärkte gehört auch die Entwicklungsfinanzierung. Denn
große Teile der Welt sind von den (privaten) Finanzflüssen sehr weitgehend
abgekoppelt, handele es sich um Direktinvestitionen, Portofolioinvestitionen
oder Bankkredite. Von sich aus sorgen die Finanzmärkte nicht für Entwicklung.
Die Konferenz über Entwicklungsfinanzierung im März 2002 in Monterrey hat
verschiedene Quellen der Entwicklungsfinanzierung genannt, die "angebohrt" oder
deren Mittel sinnvoll verteilt werden sollten. Das reicht von vermehrten
ausländischen Direktinvestitionen, der Mobilisierung heimischer Ressourcen, der
Nutzung von Entwicklungspotentialen aus verbessertem Marktzugang bis zur
öffentlichen Entwicklungshilfe, die auch in den nächsten Jahren nicht das
zugesagte und anvisierte Ziel von 0,7% des BIP der Industrieländer erreichen
wird (derzeit sind es im Durchschnitt gerade einmal 0,23%). An erster Stelle
aber steht die Mobilisierung interner Ressourcen der Entwicklungsländer selbst,
und daher die Förderung aller Maßnahmen der "good governance", die diesen Ansatz
unterstützen.
23. Zur neuen internationalen Finanzarchitektur gehört auch die unnachsichtige
Bekämpfung der Geldwäsche, aber auch der Steuer- und Kapitalflucht. In dieser
Frage herrscht vielleicht am wenigsten Einigkeit, da viele meinen, so etwas wie
Kapitalflucht könne es auf freien Märkten nicht geben und Steuerflucht sei
nichts anderes als Ausdruck von Steuerwettbewerb. Man kann so argumentieren,
muss dann aber zu entsprechenden globalen Regeln und Steuern bereit sein. Denn
wie sollen sich die Gemeinwesen finanzieren, wie sollen jene (globalen)
öffentlichen Güter bereit gestellt werden können, die über den Frieden, die
finanzielle Stabilität wachen, aber auch für soziale und ökologische
Nachhaltigkeit sorgen? Und wie soll Geldwäsche wirksam bekämpft werden können,
wenn Kollateraldelikte nicht diskriminiert werden?
24. Eine neue internationale Finanzarchitektur wird aber die in sie gesetzten
Erwartungen nur einlösen können, wenn es gelingt, mit den angedeuteten Maßnahmen
das Niveau der Realzinsen abzusenken. Wie schwierig dies ist, und wie sehr
Interessengruppen strukturkonservativ gegen eine solche Strategie arbeiten, hat
der Vorsitzende des Bundesverbands der deutschen Banken, Rolf Breuer, dargelegt,
als er dazu riet, die Senkung des Diskontsatzes durch die EZB nicht an die
Klienten der Banken weiter zu geben und die höhere Zinsdifferenz zur Bildung von
Rücklagen zu nutzen... Munition für eine nächste Spekulationsrunde, der
unweigerlich neue Finanzkrisen folgen.
25. Denn eine Erhöhung der realen Wachstumsrate des BIP ist allenfalls vorü
bergehend möglich. Dafür sind ökologische, aber auch ökonomische Gründe
verantwortlich. Der von einigen Ökonomen erwartete Sprung auf einen höheren
Wachstums- und Produktivitätspfad im Verlauf der "new economy" hat sich als -
voraussehbarer - Flop herausgestellt. Daher ist das wirtschaftspolitische Gerede
von der notwendigen Steigerung des Wachstums nur ein trister Ausdruck von
wishful thinking, wo doch thinkful wishing angesagt wäre. Die Wirtschaftspolitik
wird sich angesichts der Globalisierung darauf einstellen müssen, nach einer
menschheitsgeschichtlich einmaligen Wachstumsbonanza im Verlauf der vergangenen
230 Jahre wirtschaftspolitische Ziele auch bei niedrigen Wachstumsraten, so wie
zu Adam Smith Zeiten realisieren zu müssen.
Literaturauswahl
Altvater, Elmar/ Mahnkopf, Birgit 2002: Globalisierung der Unsicherheit. Arbeit
im Schatten, schmutziges Geld und informelle Politik, Münster.
de Luna Martinez, José 2002: Die Herausforderungen der Globalisierung für die
Schwellenländer: Lehren aus den Finanzkrisen von Mexiko und Südkorea:
Inauguraldissertation am Fachbereich Politik und Sozialwissenschaft der FU
Berlin
Deutscher Bundestag 2002: Endbericht der Enquete-Kommission "Globalisierung der
Weltwirtschaft - Herausforderungen und Antworten" (erscheint im Juni 2002)
Felix, David 1998: "Asia and the Crisis of Financial Globalization", in: Baker,
Dean/ Epstein, Gerald/ Pollin, Robert (eds.), Globalization and Progressive
Economic Policy, Cambridge, New York, S. 163ff..
Kaul, Inge/ Grunberg, Isabell/ Stern, Marc A. (eds.) 1999: Global Public Goods -
International Cooperation in the 21st Century, New York, Oxford.
Maddison, Angus (2001): The World Economy - A Millenial Perspective, OECD,
Development Center Studies), Paris
World Bank 2000: World Development Report 2000/ 2001: Attacking Poverty,
Washington D.C.
World Bank 2001: Global Development Finance, Washington, DC.
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