Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Regierungserklärung zu Afghanistan die Bundeswehr in Schutz genommen. Zu Recht beklagte sie Vorverurteilungen, die aus den Reihen der Verbündeten kamen. Denn noch ist nicht klar, was genau in der Nacht zu Freitag geschah, als Dutzende Afghanen bei einem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff ums Leben kamen. Eine Untersuchung soll Aufschluss bringen. Bis zu deren Abschluss sollte man warten, bevor man weiter über mögliche Fehler der deutschen Soldaten spekuliert.

Eine paar Dinge aber sollten schon jetzt gesagt werden. Sechs Jahre lange herrschte in der Region Kundus Ruhe. Das ist auch ein Verdienst der Bundeswehr und der vielen deutschen zivilen Aufbauhelfer. Natürlich, der Norden Afghanistans war im Gegensatz zum Süden immer ein leichter zu befriedendes Gebiet. Hier sind die Paschtunen, aus denen die Taliban hervorgehen, eine Minderheit – im Süden und Osten des Landes stellen sie hingegen die Mehrheit der Bevölkerung.

Ja, die Bundeswehr hatte eine einfachere Aufgabe als etwa die Amerikaner, die Briten und die Kanadier, die sich im Süden des Landes engagieren. Und ja, die Bundeswehr hat auch zurückhaltender agiert als andere Bündnispartner der Nato. Vielleicht verhielt sie sich sogar passiver als nötig. Und sehr wahrscheinlich war der Ertrag ihrer Arbeit zum Verhältnis der aufgebrachten Mittel viel zu gering. Das alles sei eingestanden.

Doch die Bundeswehr hat eine andere Geschichte als die amerikanische, britische und kanadische Armee. Deutschland tut sich aus gutem Grund schwer mit Militäreinsätzen im Ausland. Das kann man beklagen, vom Tisch wischen kann man es nicht. In der Vergangenheit wurden die Deutschen von den eigenen Verbündeten immer wieder dafür "geprügelt", sie täten zu wenig. Viele Experten – auch im Inland – verlangten, deutsche Soldaten müssten auch in den Süden entsandt werden. Ganz so als würde aus dem Nato-Bündnis nur eine echtes Bündnis wenn man gemeinsam Blut vergoss; ganz so als sei nur der ein Held, der auch im Kugelhagel starb; ganz so als sei Afghanistan nur mit soldatischem "Heldentum" zu retten.

Dazu muss man bei dieser Gelegenheit festhalten: Der Krieg im Süden sah und sieht immer wieder so aus, wie wir es jetzt beim Luftangriff von Kundus erlebt haben. Wer auch immer verlangte, dass Deutsche in den Süden sollten, der sagte auch: "Ja!" zur Möglichkeit solcher Bombardements. Und wo sind jetzt die Stimmen, die verlangen, die Deutschen müssten auch in den Süden? Man hört keine. Aus gutem Grund.

Und noch ein Zweites ist zu sagen: Hätte die Nato im Süden und Osten Afghanistans gesiegt, hätte sich der Krieg nie nach Norden ausgebreitet, wie es jetzt geschehen ist. Der Luftangriff ist insofern mittelbar auch eine Folge des Scheiterns der Nato im Süden. So gesehen, gehört man doch zusammen. Das sollte man nicht vergessen.