Bundeswehr Afghanistan ist mit soldatischem Heldentum nicht zu retten
Sechs Jahre lange herrschte in der Region Kundus Ruhe. Dass der Norden Afghanistans nun unsicher wurde, ist auch die Schuld der Nato, die den Süden nicht befrieden konnte
© Massoud Hossaini/AFP/Getty Images

Bundeswehr-Soldaten sichern nach einem Anschlag im Norden Afghanistans eine Straße
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Regierungserklärung zu Afghanistan die Bundeswehr in Schutz genommen. Zu Recht beklagte sie Vorverurteilungen, die aus den Reihen der Verbündeten kamen. Denn noch ist nicht klar, was genau in der Nacht zu Freitag geschah, als Dutzende Afghanen bei einem von der Bundeswehr befohlenen Luftangriff ums Leben kamen. Eine Untersuchung soll Aufschluss bringen. Bis zu deren Abschluss sollte man warten, bevor man weiter über mögliche Fehler der deutschen Soldaten spekuliert.
Eine paar Dinge aber sollten schon jetzt gesagt werden. Sechs Jahre lange herrschte in der Region Kundus Ruhe. Das ist auch ein Verdienst der Bundeswehr und der vielen deutschen zivilen Aufbauhelfer. Natürlich, der Norden Afghanistans war im Gegensatz zum Süden immer ein leichter zu befriedendes Gebiet. Hier sind die Paschtunen, aus denen die Taliban hervorgehen, eine Minderheit – im Süden und Osten des Landes stellen sie hingegen die Mehrheit der Bevölkerung.
Ja, die Bundeswehr hatte eine einfachere Aufgabe als etwa die Amerikaner, die Briten und die Kanadier, die sich im Süden des Landes engagieren. Und ja, die Bundeswehr hat auch zurückhaltender agiert als andere Bündnispartner der Nato. Vielleicht verhielt sie sich sogar passiver als nötig. Und sehr wahrscheinlich war der Ertrag ihrer Arbeit zum Verhältnis der aufgebrachten Mittel viel zu gering. Das alles sei eingestanden.
Doch die Bundeswehr hat eine andere Geschichte als die amerikanische, britische und kanadische Armee. Deutschland tut sich aus gutem Grund schwer mit Militäreinsätzen im Ausland. Das kann man beklagen, vom Tisch wischen kann man es nicht. In der Vergangenheit wurden die Deutschen von den eigenen Verbündeten immer wieder dafür "geprügelt", sie täten zu wenig. Viele Experten – auch im Inland – verlangten, deutsche Soldaten müssten auch in den Süden entsandt werden. Ganz so als würde aus dem Nato-Bündnis nur eine echtes Bündnis wenn man gemeinsam Blut vergoss; ganz so als sei nur der ein Held, der auch im Kugelhagel starb; ganz so als sei Afghanistan nur mit soldatischem "Heldentum" zu retten.
Dazu muss man bei dieser Gelegenheit festhalten: Der Krieg im Süden sah und sieht immer wieder so aus, wie wir es jetzt beim Luftangriff von Kundus erlebt haben. Wer auch immer verlangte, dass Deutsche in den Süden sollten, der sagte auch: "Ja!" zur Möglichkeit solcher Bombardements. Und wo sind jetzt die Stimmen, die verlangen, die Deutschen müssten auch in den Süden? Man hört keine. Aus gutem Grund.
Und noch ein Zweites ist zu sagen: Hätte die Nato im Süden und Osten Afghanistans gesiegt, hätte sich der Krieg nie nach Norden ausgebreitet, wie es jetzt geschehen ist. Der Luftangriff ist insofern mittelbar auch eine Folge des Scheiterns der Nato im Süden. So gesehen, gehört man doch zusammen. Das sollte man nicht vergessen.
- Datum 09.09.2009 - 20:14 Uhr
- Serie opi
- Quelle ZEIT ONLINE
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...:"Doch die Bundeswehr hat eine andere Geschichte als die amerikanische, britische und kanadische Armee. Deutschland tut sich aus gutem Grund schwer mit Militäreinsätzen im Ausland." sollte die Bundesweht überhaupt nicht in Afghanistan präsent sein.
Umsomehr, als es für Deutschland dort weder eine moralische noch wirtschaftliche Verpflichtung gibt.Für das Humanitäre gibt es genügend zivile Einrichtungen.
Die Amerikaner haben, in ihrer üblichen Überheblichkeit, die Taliban geschaffen, um den Russen zu schaden, jetzt kehrt sich die Geschichte gegen sie selbst.
"In die Ecke, Besen! Seid's gewesen. Denn als Geister Ruft euch nur Zu seinem Zwecke Erst hervor Der alte Meister."
Wer wird wohl der alte Meister sein ? Sicher nicht Deutschland!
Ihre Argumentation hat eine entscheidende Schwachstelle - egal wer die Verantwortung für die Taliban am Ende zu tragen hat (mal ganz abgesehen davon, dass Westeuropa ganz akut von der SU bedroht war und auch von der Schwächung der SU profitierte), hat Europa auch Interesse daran, dass aus Afghanistan/Pakistan kein atomar bewaffnetes islamistisches Frankensteinmonster wird. Oder meinen Sie etwa ernsthaft, die Islamisten geben nur den bösen Amis einen auf den Deckel, während sie die pazifizischen, artigen Deutschen in Frieden lassen?
Der Punkt ist - egal was entschieden wird. Der Westen sitzt im gleichen Boot. Wir wollen weder Gottesstaat nach Islamart, noch Anarcho-kapitalismus a la China. Unsere Lebensweise lässt sich nur dann bewahren, wenn der Westen in den entscheidenden Fragen zusammensteht um die Welt so zu gestalten, dass es langfristig Raum für unsere Form der Gesellschaft gibt.
Dazu gehört auch die Frage, wie man es schafft diese entscheidende Region nachhaltig zu stabilisieren.
.. Sie wirklich daran, daß Pakistan nicht schon eine Atombombe hat?
.. Sie wirklich daran, daß Pakistan nicht schon eine Atombombe hat?
...sich nur dann bewahren, wenn der Westen in den entscheidenden Fragen zusammensteht um die Welt so zu gestalten, dass es langfristig Raum für unsere Form der Gesellschaft gibt."
Ich kenne Ihre Lebensweise nicht, meine besteht nicht im Konsum von Burgern, Coca Cola und nachäffen amerikanischer "Kultur".
Man schafft es, die Region zu stabilisieren, wenn man sie einfach in Ruhe läßt. Die Leute dort wollen genausowenig amerikanische Abziehbilder sein wie wir.
"Man schafft es, die Region zu stabilisieren, wenn man sie einfach in Ruhe läßt."
So wie bis 2001 also? Das hat ja richtig geklappt.
"Man schafft es, die Region zu stabilisieren, wenn man sie einfach in Ruhe läßt."
So wie bis 2001 also? Das hat ja richtig geklappt.
dem sachlichen Fehler, daß der BW-Befehlshaber den Luftangriff befohlen hätte (er konnte bestenfalls anfordern und die ISAF-Weisen hätten Nein sagen können!), fehlt hier die einfache Logik.
Logisch ist es meines Erachtens, sich aus dem "harten" Süden in den weichen Norden zu verziehen, wo man mit weniger Risiko mehr "Erfolge" erzielen kann. Das ist geschehen und war vorherzusehen.
Die Behauptung, das Versagen der Anderen im Süden hätte die Taliban in den Norden gelockt, ist einfach nicht nachvollziehbar.
Herr Bergmann:
"Unsere Lebensweise lässt sich nur dann bewahren, wenn der Westen in den entscheidenden Fragen zusammensteht um die Welt so zu gestalten, dass es langfristig Raum für unsere Form der Gesellschaft gibt."
Die "Welt" ist zu gestalten damit "der Westen" sich entfalten kann?
Stellen Sie ihren Satz mal um und dann stellen Sie sich vor sowas käme aus indischen oder chinesischen Mündern.
Und vor allem, was ist westlich? Jede dritte Ehe geschieden, 100.000 Kinder jährlich abgetrieben, der Mensch zählt nur noch als Konsument, die einen füllen sich die Taschen während die anderen für den Preis eines Abendessens den Monat über die Runden kommen müssen...
meinten Sie das?
...was ist die westliche Lebensweise?
Hier ein Anfang: Meinungsfreiheit, Demokratie, soziale Marktwirtschaft, Minderheitenschutz, Religionsfreitheit, Rechtsstaat, Aussicht auf (etwas) Wohlstand, die Freiheit sich als Individuum zu entfalten.
Ich denke Afghanistan hat nicht viele dieser Punkte zu erwarten (ob nun mit oder ohne westliche Truppen), aber vielleicht zumindest ein paar wenige davon.
Das System ist alles andere als perfekt (jede dritte Ehe geschieden, 100k Kinder abgetrieben, Massenarbeitslosigkeit, Zukunftsangst einer ganzen Generation, usw...), wobei natürlich auch einige der Punkte auf die Konkurrenz zu anderen Systemen (insbesondere Autokratie Kapitalismus) zurückzuführen sind.
Jedenfalls gefällt mir (als Kind dieses Systems) unser Gesellschaftskonzept besser als die Alternativen, die momentan auf dem Tisch liegen:
- Autoritäter Staat Kapitalismus (Russland, China)
- Gottesstaat (Taliban)
- Sozialmus/Kommunismus (Nord Korea) (geringste Übel in meinen Augen)
Die Welt ist so zu gestalten, dass auch unsere Gesellschaft existieren kann. Im Falle von Afghanistan hat der Westen interesse daran, dass 1) keine Islamistischen Kräfte in den Besitz einer Atombombe gelagen
2) mit Afghanistan keine Home Base geschaffen wird, aus der staatenlose Kräfte ungehindert operieren können.
"Ich kenne Ihre Lebensweise nicht, meine besteht nicht im Konsum von Burgern, Coca Cola und nachäffen amerikanischer "Kultur"."
siehe: http://de.wikipedia.org/w...
"Man schafft es, die Region zu stabilisieren, wenn man sie einfach in Ruhe läßt. Die Leute dort wollen genausowenig amerikanische Abziehbilder sein wie wir."
Schön wäre es jedenfalls. Nur gibt es irgendwelche nur ansatzweise stichhaltigen Argumente für diese Aussage?
Ich glaube nicht, dass sich unsere Alternativen in
a) Kapitalismus
b) Gottesstaat
c) Sozialismus/Kommunismus
erschöpfen. Es gibt viel mehr Alternativen, aber aus irgendeinem Grund denkt jeder diese Begriffe würden erschöpfend drei konkrete Gesellschaftskonzepte beschreiben. Zunächst haben wir verschiedene Schichten: Philosophie über die Rolle des Einzelnen, Mechanismen der Wirtschaft, Sozialstrukturen und Infrastruktur. Da gibt es Philosophien von einem Menschen als losgelöstes anarchistisches Etwas über mechanistisch-mystischen Funktionalismus bis hin zu ganz engen religös motivierten Menschbildern, die sich in der Art wie man mit persönlicher Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit umgeht niederschlägt. Da gibt es darwinistische Wirtschaftskonzepte (Kapitalismus) mit absurdem Fokus auf Einzelne bis hin zu totalen Durchplanung der Wirtschaft. Aber selbst dieses Spektrum ist nicht eindimensional, sondern wird erst durch die Mischung aus einer Myriade Steuerungsmechanismen und vorhandener Regelkreise definiert. Da gibt es den Gesellschaftskonsens über die Rolle von Kindern, Männern, Frauen, Arbeitern und soz. Schichten im allg., die bestimmte Dinge fördern oder verhindern. Da gibt es unterschiede im Staatstypus.
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