Auch rund zwei Wochen nach den Präsidentschaftswahlen in Afghanistan reißen die Betrugsvorwürfe nicht ab. Erneut hat es Hinweise auf Manipulationen im großen Stil gegeben. Wie die New York Times berichtet, haben Anhänger von Präsident Hamid Karsai bis zu 800 "Phantom-Wahllokale" eingerichtet, in denen in Wirklichkeit niemand seine Stimme abgab.

Aus den fiktiven Wahllokalen seien jeweils Tausende Stimmen für Hamid Karsai registriert worden. Das berichtete das Blatt unter Berufung auf Diplomaten. "Wir gehen davon aus, dass 15 Prozent der Wahllokale am Wahltag niemals geöffnet hatten", zitiert die Zeitung einen westlichen Diplomaten. "Dennoch meldeten sie Tausende Stimmen für Karsai."

Zugleich hätten Karsai-Anhänger weitere etwa 800 der 26.000 tatsächlich existierenden Wahllokale "übernommen" und dort Hunderttausende gefälschter Stimmen für Karsai gemeldet, berichtet die New York Times weiter. Als Folge gebe es in einigen Provinzen zehnmal mehr abgegebene Stimmen als Einwohner. Ein westlicher Diplomat sprach von "Betrug en masse".

Die zunehmenden Berichte über Wahlfälschung bereiteten auch der US- Regierung von Präsident Barack Obama immer mehr Kopfzerbrechen, hieß es.

Karsai liegt offiziellen Auszählungen zufolge in Führung vor seinem Konkurrenten Abdullah Abdullah. Auf eine absolute Mehrheit kommt er nach Auszählung aus drei Viertel der Wahllokale aber nicht. Er habe bislang 48,6 Prozent der Stimmen gewonnen. Dies teilte die Unabhängige Wahlkommission am Sonntag mit. Abdullah folge mit 31,7 Prozent. Sollte Karsai auch bei der weiteren Stimmen-Auszählung keine absolute Mehrheit bekommen, wäre ein zweiter Wahlgang im Oktober notwendig.

Karsai warf britischen und US-Medien "mangelnden Respekt" im Umgang mit der Wahl vor. Mit der Berichterstattung über mutmaßliche Wahlfälschungen versuchten die Journalisten, die afghanische Regierung zu destabilisieren, sagte er in einem Interview der Zeitung Figaro. Die Art der Berichterstattung sei "sehr enttäuschend".

"Wenn diese mediale Manipulation das Ziel hat, eine Regierung von Marionetten zu installieren, wird das nicht funktionieren", sagte Karsai unter Verweis auf die Geschichte und gescheiterte Versuche der Sowjetunion und des britischen Königreichs. "Ich hoffe, dass die Amerikaner nicht das Gleiche versuchen werden, weil sie das gleiche Schicksal erleiden würden."

Bei der von den Vereinten Nationen unterstützten Beschwerdekommission (ECC) sind seit dem Wahltag mehr als 2300 Einwände eingegangen. Fast 700 davon wurden als "Kategorie A" eingestuft und könnten den Wahlausgang beeinflussen. Beobachter fürchten, dass daher Kandidaten die Legitimität der Wahl infrage stellen könnten. Unter anderem wirft Ex-Außenminister Abdullah dem Karsai-Lager Manipulationen vor.

Beobachter bemängeln generell fehlende Transparenz und einen erschwerten Zugang zu Informationen. Ein vorläufiges amtliches Ergebnis wird bis Ende der Woche erwartet.

Am Tag der Wahl hatten die radikal-islamischen Taliban vergeblich versucht, die Afghanen davon abzuhalten, ihre Stimme abzugeben. Obwohl 300.000 Sicherheitskräfte im Einsatz waren, kamen binnen weniger Stunden mehr als 50 Menschen bei verschiedenen Anschlägen und Gefechten ums Leben. Rund die Hälfte davon waren Aufständische. Das Verteidigungsministerium zählte insgesamt 135 Zwischenfälle im ganzen Land, darunter vier Selbstmordanschläge.