Afghanistan Deutscher Wahlbeobachter prangert massiven Betrug an
Gefälschte Stimmzettel, geringe Beteiligung, fehlendes Vertrauen, die Präsidentenwahl droht in einem Desaster zu enden. Amtsinhaber Karsai wird dank Mauscheleien gewinnen
© Daniel Berehulak/Getty Images

Afghanische Wahlhelfer stapeln Urnen, die aus der Provinz nach Kabul gebracht wurden. Wahlbeobachter werfen den afghanischen Behörden massiven Wahlbetrug vor
Wahlbeobachter pflegen in der Regel einen diplomatischen Tonfall, sie suchen meist nach Worten, die einen Zweifel ausdrücken, ohne zu beleidigen. Doch bei den gravierenden Wahlmanipulationen in Afghanistan verliert selbst ein routinierter Wahlbeobachter wie Gunter Mulack die Contenance: Er spricht von einem "massiven Wahlbetrug", der sich am Hindukusch zugetragen habe.
In Berlin präsentiert Mulack, der im Auftrag der EU seit Juli in Afghanistan Wahlbeobachter war, eine lange Liste der anrüchigen Manipulationen: In 214 Wahllokalen wurden mehr Stimmen abgegeben, als Wähler registriert waren, in 2451 Lokalen erhielt ein Kandidat jeweils 90 Prozent oder mehr der Stimmen. Von 5,5 Millionen ausgezählten Stimmen seien 700.000 fragwürdig.
"Wenn Sie eine Wahlurne öffnen und ein Kandidat hat 95 Prozent der Stimmen bekommen und es gibt keine ungültigen Zettel, dann riecht das übel", sagt Muckel, Direktor des Deutschen Orient-Instituts. Gestunken hat es in so manchem afghanischen Wahllokal. Doch während die USA und die Europäische Union andere Regierungen für Wahlbetrug an den internationalen Pranger stellen, lassen die Staatschef den afghanischen Präsident Hamid Karsai mit vorsichtiger Kritik und Ermahnungen davonkommen. Gestern meldete die Karsai unterstehende Wahlkommission, dass der Amtsinhaber eine absolute Mehrheit erzielt habe.
In Afghanistan sagen viele, dass der Wahlausgang schon vor dem Stimmenauszählen feststand. "Gerade die jungen Akademiker haben das Vertrauen verloren", sagt Mulack. Und die Versuche, das Wahlergebnis zu fälschen, waren noch schlimmer, als Pessimisten vorhergesagt hatten: Wahlurnen verschwanden und tauchten Tage nach der Wahl gut gefüllt wieder auf. Manche enthielt exakt 600, 700 oder 1000 Stimmzettel. "So saubere Hunderterschritte haben sie sonst nie", sagt Muckel. Karsais Konkurrent Abdullah Abdullah präsentierte dann in Kabul auch noch bündelweise auf dem Schwarzmarkt gekaufte Wahlscheine und bereits ausgefüllte Stimmzettel. Angekreuzt war Karsai.
Wahlbetrug sei in Entwicklungsländern nichts Ungewöhnliches, sagte Mulack. "Das gehört einfach dazu." Der frühere deutsche Botschafter in Pakistan ist von dem Ausmaß in Afghanistan jedoch geschockt. "Ich habe nicht geglaubt, dass man so weit mit den Manipulationen geht", sagt Mulack. "Wir haben uns alle gewünscht, dass das afghanische Volk den Präsidenten bestimmen kann – daran muss man nun sehr zweifeln."
Es scheint, als haben die Fälschungen den Stand einer Diktatur erreicht. Selbst berüchtigte Autokraten haben erkannt, dass Wahlen wichtig sind. Sie können einer Regierung den Anschein von Legitimität verleihen, sie dienen als Beweis für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Doch wenn die Machthaber sich selbst mit plumpen Tricks zum Sieger krönen, geraten Wahlen schnell zur peinlichen Farce. Gewählt wird schließlich fast überall: Selbst in Weißrussland oder auf Kuba lassen die Regime ihr Volk in der Wahlkabine antreten.
In Afghanistan war die Wahl freiwillig, doch die schlechte Beteiligung von rund 35 Prozent nutzten laut Mulack Gouverneure und Beamte aus, um unzählige Geisterstimmzettel in die Zählung einzuschmuggeln.
Mulack berichtet, wie die Manipulation ablief: In einem Fall brachten Helfer die Urnen nach dem Schließen der Wahllokale in das Haus eines Gouverneurs. Dort blieben sie einige Tage, ohne dass Wahlbeobachter sie im Blick hatten. Als sie dann bei einer zentralen Stelle eintrafen, waren sie voller Stimmzettel – überall war Karsai angekreuzt. In einem anderen Fall tauschten die Wahlhelfer nach dem Zählen Wahlzettel aus, um eine Mehrheit für Karsai zu schaffen. An anderen Orten wurden mit gekauften Wahlkarten fiktive Stimmen abgegeben – für Karsai.
Auch hörte Mulack von Wahlbüros, in die sich nur 20 Wähler verirrten. Mehr als 100 Stimmen wurden aber in die Zentrale gemeldet. Aus anderen Wahllokalen kamen Urnen wieder, die mit 1200 Wahlzetteln gefüllt waren, obwohl sie eigentlich nur für rund 700 ausgelegt waren. Mit Gewalt waren die Zettel hineingepresst worden.
Im Süden des Landes konnten die Wahlbeobachter fast gar nicht arbeiten, dort herrschen die Taliban. Sie bedrohten Wähler und Beobachter vor der Wahl, die Einschüchterung wirkte. "Wir sind keine Helden, keine Einzelkämpfer – wir wollten den Einsatz überleben", sagt der Asienkenner.
"Afghanistan ist ein Land, das im mittelalterlichen Islam und tribalen Strukturen tief verwurzelt ist", sagt Mulack. Solange Warlords wie Dostum an der Macht sind, werde es keine Demokratie geben. Hamid Karsai hatte mehrere der alten Kriegsherren in sein Schattenkabinett aufgenommen und arbeitet mit manchem dubiosen Provinzfürsten zusammen. Dennoch will er die Hoffnung nicht aufgeben. Wichtig sei, eine Lösung zu finden, die das Vertrauen der Afghanen wiederherstelle.
Mulack sieht eine Wiederholung der Wahl in einzelnen Regionen oder auch eine Stichwahl zwischen Karsai und Abdullah als Chance. Neuwahlen scheinen ausgeschlossen zu sein, sie würden die Sicherheitslage erneut dramatisch verschlechtern.
Hoffnung setzt Mulack in die unabhängige Wahlbeschwerdekommission (ECC), die von den Vereinten Nationen unterstützt wird. Sie überprüft bereits die ersten Auszählungsergebnisse. Sie wies die afghanische Wahlkommission an, mehrere Wahllokale neu auszuzählen. Die ECC ordnete an, dass so lange kein offizielles Endergebnis veröffentlicht werden darf. Doch die afghanische Behörde, die von einem Freund Karsais geleitet wird, will erst die Auszählung beenden und prüfen, wenn Tatsachen geschaffen sind: Wenn ein Wahlsieg Karsais feststeht – mag es noch so übel riechen.
- Datum 10.09.2009 - 19:01 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
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Und nun? Unterstützen wir den Falschen? Müssen wir für Wahlwiederholung sorgen? Den Präsidenten im Amt ordentlich schwächen? Tiefer Orient .... große Probleme... http://kallewestrich.blog...
eben an seinem Vorbild George W. Bush und dessen vom Bruder gefakte Wahl in Florida. Entscheidend ist nicht, wie gewählt, sondern wie ausgezählt wird. Dort hat sich nach kurzer Zeit auch niemand mehr um die dubiosen Umstände gekümmert.
Und Karsai ist "unser" Gauner, auf dem Petersberg ausgekungelt und als Marionette hampelt er als Bürgermeister von Kabul herum. Wenn er nicht mehr konvenabel sein sollte, passen seine Blackwater Bodygards mal einen Moment nicht richtig auf. Dann sucht sich die NATO einen genehmen Ersatz.
Erst so wurde Karzai überhaupt Präsident, wieso sollte er das Risiko eingehen einen anderen Weg einzuschlagen.
Es wird viel geredet über Afghansitan von Illner über Plasberg und nun auch Christane Sabinsen und Stefan Aust (das möchtegern-mega-investigativ-double in einer US-like Umgebung)
Aber wenig bis keine Worte über die Machthaber (wenn man sie denn so nennen mag) in Kabul! Die dt. Regierung und damit auch die BW stütz sich auf einen NICHT demokratisch gewählten Präsidenten und nicht näher beschrieben Warlords!
Was für eine Schande nach Jahren des Mühens und des Sterbens dt. Soldaten im afghanischen Sand! Ist das die Bilanz? Wir müssen anerkennen: Afghanistan ist keine Dempkratie! Karzai ist eine Spielfigur des Westens mit einem korrupten System: Da wird ein Drogenbaron schon mal "Antikorruptionsminister" von Karzais Gnaden!
Wir im Westen tun so, als würde Karsai unabhängig sein und nur für unser gewünschtes Ziel arbeiten, Nachfragen und krit. Töne unerwünscht.
Auch in den Medien fehlt eine objektive Einschätzung der Person Karzai! DIE ZEIT hat sich der Person bislang auch nur spärlich angenommen.
Wir werden in Afghanisten keine Demokratie nach dt. Vorbild errichten können! Auch nicht mit massiver Militärgewalt! Es ist nicht unser Land und nicht unser "Kreuzzug". Es gibt eben Länder ohne Demokratie. Wir müssen das akzeptieren, den Weg in die Demokratie können letztendlich nur die Afghanen selbst gehen. Im Moment schützen wir nur eine nicht demokratisch gewählte Führungsclique und den Drogenanbau, von dem das Land lebt, wir auch ungern von der Kanzlerin/ Regierung thematisiert
Wenigstens wird mitlerweile die Wahrheit relativ ungeschminkt weiter gegeben. Peinlich.
Das Problem liegt m.E. darin, dass der Westen auf seiner Lebenslüge beharrt, die formale Befolgung demokratischer Rituale (Wahlen nach westlichem Muster) verleihe den Wahlgewinnern eine Art "Mandat des Himmels". Da er keine andere Art der Legitimierung von Obrigkeit anerkennen mag, stülpt er diesen Legitimierungsmechanismus auch Ländern und Kulturen über, wo dieser ungefähr so gut mit den örtlichen Gebräuchen und tatsächlichen politischen Mechanismen konform geht wie eine Burkaträgerin im Düsseldorfer Altbier- Viertel.
Man darf sich nun fragen, ob die stattgefundenen Manipulationen in Afghanistan quantitativ das Ausmaß der jüngsten "Mahmoud wählen!"- Wahlen Irans erreichen oder gar übersteigen. Und hier kommt dann das einzige Korrektiv zum Einsatz, das der Westen an ein demokratisch geheiligtes Wahlergebnis noch anzulegen bereit ist: ist der Gewinner "our son of a bitch" oder nicht? Ahmadinejad mit seinem großen und unbedachten Mundwerk ist dies nicht, Karzai dagegen "talks the right talk" - never mind the walk.
Deswegen wird auf Ahmadinejad verbal und bald auch wieder mit neuen Sanktionen eingedroschen, während Karzai nach allen Regeln der Kunst exkulpiert wird.
Wer oder was dabei Schaden nimmt? Natürlich die Demokratie. Solcherart gezwungen, sich auf orientalischen Bazaars feilzubieten, darf man sich nicht wundern, wenn sie hinterher halt auch ein wenig anders aussieht: den Bazaar von Kabul verlässt sie mit einer schmucken hellblauen Burka - Darunterschauen verboten...
greift nun gegen eine auf zwielichtige Weise an die Macht gelangte Regierung bzw. ihre lokalen Machthaber zu den Waffen oder demonstriert auch nur, wie z.B. in Ghazni, vor kurzem. Nachdem jemand mit Steinen auf ANSF-Soldaten wirft, eröffnen die das Feuer auf Demonstranten und schießt ein Dutzend Leute nieder.
Auf der einen Seite beklagen wir lauthals die Schauprozesse eines iranischen Regimes und die fragwürdige Legitimation des iranischen Präsidenten, auf der anderen Seite schützt die Bundeswehr ein ebenso fragwürdig legitimiertes Regime mit Waffengewalt.
Wenn in Östereich ein Haider Demokratisch gewählt wird, oder im Iran Wahlbetrug vermutet wird, werden schärfste Diplomatische Geschütze aufgefahren! Wenn in Afgahnistan offensichtlich Wahlbetrug begangen wird, ist es eine Randnotiz!
Bleibt nur zu hoffen das wir in unserem Dornröschen Schlaf bleiben und nicht etwas tun, was anderen nicht gefällt!
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