Endlich hat Deutschland eine Afghanistan-Debatte. Sie war überfällig. Doch so wichtig das sein mag, so auffallend ist, dass es in der Diskussion eine Leerstelle gibt: al-Qaida . Anlässlich der achten Wiederkehr der Attentate des 11. September stand in den Medien auffällig wenig über den Zustand dieser Terrororganisation. Auch die Politiker schwiegen sich aus, selbst die Geheimdienste gaben keine Warnungen über angeblich bevorstehende Attentate.

Dabei war doch al-Qaida der Kriegsgrund – und ist es angeblich bis heute. Die Nato hat vor sieben Jahren militärisch in Afghanistan interveniert, weil al-Qaida von dort aus die Attentate des 11. September plante. Heute ist al-Qaida aus Afghanistan so gut wie verschwunden. Das sagt keine geringerer als der Oberkommandierende der Nato in Afghanistan, der amerikanische General Stanley McChrystal: "Ich habe keine Hinweise darauf, dass al-Qaida derzeit in Afghanistan eine größere Präsenz hat!" Die Intervention der Nato – das kann man mit Blick auf das ursprüngliche Ziel also sagen – hat Erfolg gehabt.

Aber was macht die Nato mit knapp hunderttausend Soldaten in Afghanistan, wenn al-Qaida dort schon "besiegt" ist? Die Standardantwort ist: Wir bleiben, damit al-Qaida nicht zurückkommt. Denn, das wird weiter hinzugefügt, es ist so gut wie sicher, dass die Terroristen zurückkommen, wenn die Nato jetzt rausgeht.

Al-Qaida hat seinen Sitz heute wohl in Pakistan , aber bis zum vergangenen Montag, als von Osama bin Laden eine Audio-Botschaft auftauchte, hatten wir von ihm und seinem Stellvertreter Ayman al Zawahiri wieder sehr lange nichts gehört. Wenn der Name al-Qaida heute mal auftaucht, dann meist im Zusammenhang mit der Rolle der Gejagten, so wie zuletzt, als US-Einheiten im ostafrikanischen Südsomalia den Al-Qaida-Anführer Saleh Ali Saleh Nabhan töteten.

Die französische Tageszeitung Le Monde war eine der wenigen, die die richtige, die wichtige Frage zum Terrornetzwerk stellte: "Wie viel Angst macht al-Qaida acht Jahre nach dem 11. September?" Die Zeitung widmete der Frage acht Seiten. Sie kam zu einem ähnlichen Schluss wie General McChrystal: Man muss sich vor al-Qaida nicht fürchten.

Es höchste Zeit zu überprüfen, ob die Kriegsgründe aus dem Jahr 2001 heute überhaupt noch Gültigkeit haben. Eine Afghanistan-Debatte ohne eine Debatte über al-Qaida ist keine Afghanistan-Debatte.