In den frühen Morgenstunden hat die französische Polizei damit begonnen, den "Dschungel" von Calais aufzulösen. Jene Siedlung auf den Dünen, in der etwa die Hälfte der Migranten lebt, die sich nahe der nordfranzösischen Hafenstadt niedergelassen hat. Diejenigen, die nicht rechzeitig verschwinden konnten, wurden verhaftet; man wird die Personalien aufnehmen und die meisten von ihnen wieder freilassen - "das Problem werden wir damit nicht beseitigen", sagte am Montag früh ein hoher Polizeibeamter.

Das einzige, was auf diese Weise beseitigt wird, sind die armseligen Unterkünfte der Flüchtlinge aus Afghanistan, Darfur und Eritrea. Ihre Hütten, gezimmert aus Holzpaletten und einer Polizeibarriere, abgedichtet mit Schlafsäcken und Plastikplanen. Die Bewohner sind woandershin verschwunden, hausen aber immer noch an der Küste des Kanals, an dessen anderem Ufer sie das ersehnte England sehen.

In den Flüchtlingscamps bei Calais regiert die Angst. Vor den Schleusern, vor der Polizei, und vor Räubern, denn das Reisegeld befindet sich ja nicht auf der Bank. Oder vor aggressiven Trinkern, oft Moslems aus Nordafrika, die erst in Europa den Alkohol kennengelernt haben. Der zwischen den Büschen herumliegende Müll ist nicht nur ein Zeichen der Unbehaustheit, sondern auch eine Sicherheitstechnologie: Wenn jemand durchs Gestrüpp gezogen kommt und eine Plastikflasche streift, hat er bereits eine Spur hinterlassen.

Hier regieren die Schleuser, die bestens organisiert und bewaffnet sind. Den Flüchtlingen gelten sie nicht als Feinde, sondern als Dienstleister. Deren "Unterlinge" gehören oft derselben Ethnie wie der der Migranten an, einige verdienen sich auf diese Weise ihr Reisegeld. Sie geben wertvolle Tipps, wie etwa den, Fingerabdrücke zu verbergen: Man nehme Plastikhandschuhe, fülle sie mit Alkohol und stecke die Hände drei Tage lang hinein - dann kann für die folgenden Tage kein Polizist die Abdrücke nehmen. Die Chefs der Schleuser sieht man nicht. Werden sie festgenommen, dann entpuppen sie sich oft als Franzosen, Briten und Deutsche.

Der Küstenstreifen am Kanal ist ein Stück Dritter Welt mitten in der Ersten. Mit einer eigenen Ökonomie. Manche Einwohner fahren mit dem Zug weite Strecken, um Schwarzarbeit zu finden, oder sie handeln mit Drogen. Halbwüchsige Flüchtlinge verkaufen ihre Körper in Paris und anderswo. Und die meisten leiden unter Hautjucken, sie haben die Krätze. Der 17jährige Nouri zum Beispiel, ein Pashtune aus Afghanistan. Seine Familie hat sich verschuldet, um ihm die 12.000 Euro für die Schleuser zu geben. Nouri hat keine Wahl, er muss nach Großbritannien. Nouri soll dort arbeiten und Geld nach Hause überweisen. Seine Reise ist eine Familieninvestition. Stolz zeigt er seine blaue Kappe, "England" steht darauf, es ist in Afghanistan für viele das verheißene Land.

"Bei Calais finden Sie 1500 bis 2000 Migranten", sagt Radoslaw Ficek, ein naturalisierter Pole und Mitarbeiter von France Terre d’Asile, einer Hilfsorganisation, die als erste Anlaufstelle für Asylbewerber dient. Allein im ersten Halbjahr 2009 wurden bei Lkw-Kontrollen mehr als 14.000 Menschen festgenommen, die den Kanal ohne Papiere überqueren wollten. "Für die meisten ist Großbritannien das Ziel", bestätigt Ficek, "denn sie haben dort Freunde oder Verwandte, kennen die Sprache und hoffen, dort Arbeit zu finden".

Wie Masur, der wie die meisten Eritreer in Calais nicht im Dschungelgestrüpp, sondern in einem Gebäude haust, das einmal ein Wohnhaus war und jetzt eine vollgemüllte Drecksruine ist. Masur ist 17 Jahre alt, vor zwei Jahren machte er sich zu Fuß auf den Weg, zwei Wochen lang, dann war er im Sudan, und dann ging es im Lkw durch die Sahara nach Libyen; ein Mitreisender hat die Strapaze nicht überlebt. Und dann? Dann war das Geld alle. Er sagt nicht, wie er wieder an die Summe kam, die es ihm schließlich erlaubte, ein Fischerboot mit etwa 100 anderen Flüchtlingen zu besteigen, das ihn nach Italien brachte.