SüdamerikaEin Kontinent rüstet auf

Venezuelas Präsident Chávez hat in Moskau viele Panzer und Raketen eingekauft. Doch die wahre Militärmacht Lateinamerikas ist heute Brasilien. von 

Hugo Chavez ,  Lula da Silva aus Brasilien

Venezuelas Präsident Chávez lauscht seinem Amtskollegen Lula da Silva aus Brasilien: Chávez kauft in Russland Rüstungsgüter, Brasilien in Frankreich  |  © Evaristo Sa/AFP/Getty Images

Wer in Venezuela politisch auf dem Laufenden bleiben möchte, muss keine langweiligen Parlamentssitzungen schauen, sondern schaltet einfach "Aló Presidente" ("Hallo Präsident") ein. In seiner Fernsehshow verarbeitet Präsident Hugo Chávez Politik in mediale Häppchen, so auch in der vergangenen Ausgabe: "Venezuela hat nicht die Absicht, ein anderes Land anzugreifen", versicherte Hugo Chávez Millionen Zuschauern.

Und im selben Atemzug teilte der venezolanische Präsident den Kauf von neuem Kriegsmaterial in Russland mit. 92 Panzer sowie Boden-Luft-Raketen habe er bei seinem jüngsten Besuch in Moskau bestellt – dank eines Zwei-Milliarden-Dollar-Kredites der russischen Regierung.

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Der US-Kritiker Chávez hat nach Einschätzung des venezolanischen Politikwissenschaftlers Victor Mijares den Zeitpunkt für seine Einkaufstour bedacht gewählt. Das Nachbarland Kolumbien und das verhasste "US-Imperium" haben unlängst den Ausbau ihrer Militärkooperation angekündigt. Kolumbiens konservativer Präsident Álvaro Uribe hat der US-Armee die Nutzung von sieben Militärstützpunkten erlaubt.

Venezuelas Präsident fürchtet US-Spionage

Laut Bogotá und Washington sollen die GIs im Kampf gegen Drogenkartelle und marxistische Rebellen mithelfen. Chávez und sein Verbündeter, der ecuadorianische Präsident Rafael Correa, betrachten die US-Präsenz dagegen als potenzielle Einmischung. Nach Bekanntwerden des Abkommens zwischen den USA und Kolumbien tönte Chávez prompt in bekannter Manier, dieses könne der Anstoß für einen "neuen Krieg in Südamerika" sein.

In Russland erwirbt der venezolanische Revolutionsführer nun unter anderem S-300-Raketen. "Ausländischen Flugzeugen wird es künftig schwer fallen, uns zu bombardieren", begründete er die Wahl. Tatsächlich gilt das russische System als äußerst treffsicher, bis zu sechs feindliche Raketen oder Flieger soll es gleichzeitig abfangen können. Von wem er sich bedroht fühlt, ließ Chávez offen. Doch hat er der US-Regierung häufig genug vorgeworfen, sich die Ölreserven seines Landes unter den Nagel reißen zu wollen.

"Venezuelas Präsident fürchtet insgeheim vor allem die Überwachung seines Territoriums durch US-Spionageflugzeuge", sagt der Chávez-Kenner Mijares. Der Angriff der kolumbianischen Luftwaffe auf ein Camp der marxistischen Farc-Rebellen im März 2008 auf ecuadorianischem Territorium liegt noch nicht lange zurück – angeblich wurde er durch US-Spionagetechnik ermöglicht. Bei dem Überfall fiel der kolumbianischen Regierung auch der Computer des Farc-"Außenministers" Raúl Reyes mit angeblichen Beweisen für die Zusammenarbeit zwischen den Rebellen und Chávez in die Hände. Ein Fiasko für den venezolanischen Staatschef.

Der Konflikt zwischen dem Rechtsaußen-Politiker Uribe und dem Linkspopulisten Chávez hat sich zu einem regelrechten "Wettrüsten in den Anden" entwickelt, sagt Mijares. Kolumbien hat seine Streitkräfte mit dem Ziel hochgerüstet, die Drogenkartelle und die marxistischen Rebellengruppen Farc und ELN auszuschalten. Washington hat dafür in den letzten sechs Jahren neun Milliarden Dollar überwiesen.

Leserkommentare
    • Tico-D
    • 18. September 2009 19:20 Uhr

    "Da die USA noch nie in Lateinamerika militärisch eingegriffen haben, ist die Reaktion Venezuelas absolut unverständlich." - Soll das ein Witz sein? Ich erinnere an die Panama Invasion im März 1989...
    Herr Chavez hat durchaus solide Gründe paranoid zu sein, nicht nur wegen des oben genannten Grundes, sondern auch weil die CIA Anfang 2002 maßgeblich an seinem Sturz beteildigt war.
    Natürlich ist Chavez ein Populist mit überzogen-aggressiver Außenpolitik. Allerdings haben die gegenwärtigen politischen Entwicklungen in Lateinamerika ihre Ursprünge.

  1. Ich freue mich schon auf "South of the Border" von Oliver Stone...vielleicht hat dieser Film endlich mal eine aufklärende Wirkung.

  2. 11.

    bei diesen ländern sitzt erfahrungsgemäss der revolver relativ locker im halfter.da wird gleicheinmal wegen eines verlorenen fussballspiels drauflos geballert.wenn die jetzt hochrüsten, muss man fragen gegen wen.angeblich gegen die hegemonialmacht usa, wahrscheinlich aber viel eher gegen den nachbarn.bei der wildwestmentalität der südamerikaner eine horrorvorstellung.ist doch -neben anderen problemen-der eine bzw.andere grenzverlauf noch nicht klar geregelt.ein problem;vor allem wo bodenschätze vermutet werden.möglich, dass, bei einer hochgerüsteten armee, der eine oder andere staatsmann dann die dinge in die faust nimmt und sie auf ausserdiplomatischem weg, in seinem sinn zu regeln versucht.

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    Der Revolver sitzt in Lateinamerika nicht locker im Halfter. Wenn Sie mal vergleichen würden in wie viele militärische Konflikte die USA bzw. die europäischen Staaten im letzten Jahrhundert verwickelt waren, würden Sie Ihre Meinung ändern.

  3. Warum fällt z.B. in Südamerika es so vielen Verantwortlichen so schwer eine effiziente Verwaltung zu etablieren und brauchbare(sprich sowohl für Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber tragbare) Rahmenbedingungen für die eigene Wirtschaft zu schaffen um so einen mehr oder weniger prosperierenden Staat zu schaffen? Auf diese Weise könnte man mit ein wenig Kompetenz periodische (wenn nicht gerade eine internationale Krise über das Land hinwegfegt) Überschüsse erwirtschaften, mit welchen man sich unter anderem ein kleines aber gut ausgebildetes und ausgerüstetes Heer unterhalten könnte. Auf diese wie ich meine nachhaltige Weise könnte man sich z.B. die Aufnahme von Milliardenkredite sparen, welche mit den Ressourcen des jeweiligen Landes (siehe Venezuela als Negativbeispiel) besichert oder gar bezahlt werden. Wenn ohnehin niemand einen Krieg will, reicht doch eine defensiv ausgerüstete Armee völlig aus, die in Wartung und Ausbildung sehr kostenintensiven Kampfflugzeugflotten könnte man so auf das für Aufklärungszwecke notwendige Maß reduzieren.

  4. Interessant, nicht wahr, dass alle Diktatoren durch die Bank an Verfolgungswahn leiden. Sie sehen sich zu allen Zeiten, überall und immer wieder von einer "Welt von Feinden" umgeben (bekanntlich ein Hitler-Zitat). Doch am Ende ist es nicht selten einer ihrer engsten Mitarbeiter, der sie schließlich umbringt.

    • Kaato
    • 19. September 2009 12:06 Uhr
    14. S-300

    Syrien hat dieses System auch. Was hat es geleistet? Nichts! Konnte man sehr gut beim israelischen Luftangriff auf den syrischen Atomreaktor beobachten. Soll Chaves doch sein Geld für diesen russischen Schrott verplempern, nutzen würde ihm es im Ernstfall nichts!

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    Es hat wohl ein Angriff stattgefunden, aber Syrien hatte keinen Atomreaktor. Das angeblich zerstörte Gebäude können Sie noch unter
    Latitud 35°42'29.25"N
    Longitud 39°50'1.61"E
    auf Google Earth besichtigen.

    Die FARC sind militärsch bereits besiegt, deshalb rechtfertigt die offizielle Begründung keine neuen US-Stützpunkte in Kolumbien. Es geht darum, dass Lateinamerika unter Bush, im Schatten des weltweiten Krieg gegen den Terror in der islamischen Welt, still und heimlich eigene Interessen entwickelt hat. Kolumbien ist mitlerweile der einzige enge Verbündete. Die USA sind aber Hauptabnehmer von venezolanischem Rohöl und überhaupt von Rohstoffen aus der Region, müssen also dafür sorgen, dass ihre Anliegen angemessene Berücksichtigung finden. Traditionell ging dies in Südamerika durch massiven Einfluss auf die Politik und militärischen Druck. Kein Wunder, dass sich die betroffenen Staaten nun davor schützen wollen.

  5. Es hat wohl ein Angriff stattgefunden, aber Syrien hatte keinen Atomreaktor. Das angeblich zerstörte Gebäude können Sie noch unter
    Latitud 35°42'29.25"N
    Longitud 39°50'1.61"E
    auf Google Earth besichtigen.

    Antwort auf "S-300"
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    • Kaato
    • 19. September 2009 15:50 Uhr
  6. 16.

    Die FARC sind militärsch bereits besiegt, deshalb rechtfertigt die offizielle Begründung keine neuen US-Stützpunkte in Kolumbien. Es geht darum, dass Lateinamerika unter Bush, im Schatten des weltweiten Krieg gegen den Terror in der islamischen Welt, still und heimlich eigene Interessen entwickelt hat. Kolumbien ist mitlerweile der einzige enge Verbündete. Die USA sind aber Hauptabnehmer von venezolanischem Rohöl und überhaupt von Rohstoffen aus der Region, müssen also dafür sorgen, dass ihre Anliegen angemessene Berücksichtigung finden. Traditionell ging dies in Südamerika durch massiven Einfluss auf die Politik und militärischen Druck. Kein Wunder, dass sich die betroffenen Staaten nun davor schützen wollen.

    Antwort auf "S-300"

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