FlüchtlingeWer hilft, wird bestraft

Ein deutscher Kapitän steht in Italien vor Gericht. Er hat Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet und gilt nun als Schleuser. Das Urteil könnte andere Retter abschrecken. von Khuê Pham

Cap Anamur Bierdel Kapitän Schmidt

Sie retteten 37 Afrikaner aus Seenot im Mittelmeer und stehen deswegen in Italien vor Gericht: Elias Bierdel (rechts) und der Kapitän Stefan Schmidt  |  © Insa Korth/AFP/Getty Images

Stefan Schmidt fuhr 20 Jahre lang zur See. Der 67-jährige deutscher Kapitän kennt die große weite Welt: Westafrika, Südamerika, den Nahen Osten und den Orient. Nur Europa, das scheint er nicht zu kennen, das versteht er nicht. "Europa, was ist das überhaupt?", fragt er. Die EU, die existiere nur auf dem Papier, sie sei keine Solidargemeinschaft. Für den früheren Seemann ist Solidarität ein hohes Gut, gerade auf See. Seine Solidarität kann ihn nun für einige Jahre ins Gefängnis bringen.

Schmidt sitzt in einem Lehrerzimmer der Seemannsschule Schleswig Holstein in Travemünde. Seit zehn Jahren bildet er als Honorardozent dort Schiffsbesatzungen aus. Er streicht sich über den weißen Kinnbart, äußerlich wirkt er ruhig, doch in ihm brodelt es.

Anzeige

In Italien steht Stefan Schmidt vor Gericht, weil er vor fünf Jahren 37 afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet hat. Damals war er Kapitän auf dem Schiff der Hilfsorganisation Cap Anamur. Schmidt, ein eigentlich unpolitischer Mensch, wurde durch die Rettung und das, was danach kam, zu einem Symbol. Zum Symbol dafür, wie tief Seeleute hineingesogen werden in den Strudel der europäischen Flüchtlingspolitik, wenn sie Menschen in Seenot helfen, so wie es ihnen der Seemanns-Kodex vorschreibt.

Fast zwei Wochen schipperten Schmidt und der damalige Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel im Sommer 2004 mit den Flüchtlingen herum. Kein Land wollte das Schiff in seine Häfen einlaufen lassen. Schließlich steuerte Schmidt Porto Empedocle auf Sizilien an. Empfangen wurden die Cap Anamur und die Besatzung von italienischen Polizisten. Die Beamten brachten die Flüchtlinge in ein Abschiebelager und Schmidt, Bierdel und den ersten Offizier in Untersuchungshaft.

In Deutschland wurde die Rettungsaktion von vielen, darunter dem Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, als Medieninszenierung gegeißelt. Es gibt ein Foto, das Bierdel mit hochgestreckten Armen zeigt, im Vordergrund ein Boot voller Schwarzafrikaner, die weiße Cap-Anamur-T-Shirts tragen. "Dann haben sie alle geschrieben: Er als Triumphator!", sagt Schmidt. Ungerecht findet er die Kritik. "Elias und ich haben nichts verkehrt gemacht", sagt der Kapitän.

2006 wurden Schmidt und Bierdel im sizilianischen Agrigent vor Gericht gestellt: Als Menschenschlepper, die nach Forderung der Staatsanwälte mit vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 400.000 Euro pro Person bestraft werden sollten. Das gleiche Gericht verhandelt auch über einen tunesischen Fischer, der ebenfalls das Verbrechen Flüchtlingsrettung begangen hat.

Das Urteil, das Schmidt und Bierdel für Anfang Oktober erwarten, hat Präzedenzcharakter. Schmidt meint, die Richter könnten ihn unmöglich für schuldig erklären: "Das würde ja bedeuten, dass Hilfe kriminalisiert wird!" Er will an die Gerechtigkeit der europäischen Justiz glauben, aber in letzter Zeit rauben ihm die Zweifel den Schlaf.


Stefan Schmidt steht auf, verlässt das Lehrerzimmer, um etwas zu zeigen, was ihm Mut macht. Er läuft über den Schulflur, an der Wand hängen Schwarzweißfotos von Schiffen und ein Solidaritätsschreiben für ihn. Stolz zeigt er darauf, denn er versteht sich auch als Vorbild für den Nachwuchs.

Die 20-jährige Schülerin Marte Rath begegnet ihm auf dem Gang. Sie kommt aus dem schleswig-holsteinischen Großenbrode und träumt davon, nach ihrer Ausbildung als Schiffsmechanikerin eines Tages Kapitänin zu werden. "Gott sei Dank!", sagt sie, muss sie jetzt noch nicht entscheiden, was sie tun würde, wenn sie ein Flüchtlingsboot auf hoher See treffen würde.

Leserkommentare
  1. 1. Pfui!

    Aber leider nicht selten. In Frankreich gibt es sogar ein Gesetz dass die Hilfe für illegale Flüchtlinge kriminalisiert. Gemeint sind damit nicht nur die Schlepper etc. sondern Bürger die sich für den Schutz und für humane Lebensbedingungen der Sans-Papier einsetzen indem sie ihnen beispielsweise etwas zu Essen geben.

  2. Man sollte die Aufgeregtheit mal beiseite lassen und der Realität Raum geben.
    Leider ist nicht jeder "Helfer" und Lebensretter mehr das was er sein sollte. Auch kriminelle Schleuser berufen sich zwecks Erlangung von Straffreiheit darauf.
    Gelegentlich machen sich auch naive Helfer unbeabsichtigt zu Mittätern.

    Der Prozess als Solches ist also erst einmal ein rechtsstaatliches Instrument, der das hoffentlich zweifelsfrei feststellt.
    Das das Schiff einer Hilfsorganisation angehört ist jedenfalls keine Garantie für die Seriösität des Kapitäns.
    Ich denke wir alle sind gewillt, dem Kapitän zu glauben. Dann wird das wohl auch vor Gericht bewiesen werden.

    H.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .. ja zuletzt. Aber der Prozess findet in Sizilien statt, ausgerechnet eine der Regionen die Europaweit mit dem größten Ansturm von Bootsflüchtlingen zu kämpfen hat. Die Behörden vor Ort sind nicht unbedingt dafür bekannt kooperativ in dieser Thematik zu agieren s. http://www.nonviolentprot...

  3. .. ja zuletzt. Aber der Prozess findet in Sizilien statt, ausgerechnet eine der Regionen die Europaweit mit dem größten Ansturm von Bootsflüchtlingen zu kämpfen hat. Die Behörden vor Ort sind nicht unbedingt dafür bekannt kooperativ in dieser Thematik zu agieren s. http://www.nonviolentprot...

    • bediko
    • 29. September 2009 13:57 Uhr

    Haben Sie schon einmal etwas von dem Recht zur Selbstverteidigung gehört? Wissen Sie z.B., dass es bald in Afrika 1 Milliarde Menschen geben wird, wovon vielleicht die Hälfte hier bei uns das Recht zum Asylantrag hätte (wegen der dortigen Potentaten)? Möchten Sie persönlich in Ihrem Vorgarten Zeltplätze für die provisorische Unterbringung der Flüchtlinge einrichten? Haben Sie Einfluss auf die zukünftige Geburtenrate in diesen Ländern? Denken Sie doch einmal darüber nach, bevor Sie die Richtlinien beklgen!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Krisse
    • 29. September 2009 14:14 Uhr

    Mit welchem Recht verwehren wir den Menschen, die nicht der so genannten 1. Welt zugehören, die Lebenschancen, die uns von Geburt an mitgegeben werden (auch den Ärmsten unter uns).

    Diese Welt ist zutiefst ungerecht. Und das zu einem erheblichen Teil darum, weil ein kleiner Teil der Länder die anderen Länder übervorteilt oder übervorteilt hat und ihnen die Möglichkeiten der Entwicklung verwehrt.

    Aus ökonomischen Interessen mag das gut begründet sein, aber die Gemeinsamkeiten von Mammon und Menschlichkeit enden mit dem Anfangsbuchstaben.

    .. nach was das Wort Xenophobie bedeutet. Sie banalisieren auf eine Art und Weise die einem Stammtisch noch nicht einmal gleich kommt ( Zelt im Vorgarten)..

    Es geht hier nicht um das Recht auf Selbstverteidigung sondern um Humanitäre Hilfe. Sie gebrauchen einen Begriff der kriegerisch konnotiert ist, das sollten Sie sich klar machen aber ich ahne aus welcher Ecke das jetzt kommt.

    • werkor
    • 29. September 2009 21:14 Uhr

    Geben Sie mal 'nen trifitgen Grund an, diesen Leuten ihre Selbstverteidigung durch Flucht abzusprechen. Wir verteidigen unsere Freiheit ja auch am Hindukusch. Und nicht durch Flucht.

    • Krisse
    • 29. September 2009 14:14 Uhr

    Mit welchem Recht verwehren wir den Menschen, die nicht der so genannten 1. Welt zugehören, die Lebenschancen, die uns von Geburt an mitgegeben werden (auch den Ärmsten unter uns).

    Diese Welt ist zutiefst ungerecht. Und das zu einem erheblichen Teil darum, weil ein kleiner Teil der Länder die anderen Länder übervorteilt oder übervorteilt hat und ihnen die Möglichkeiten der Entwicklung verwehrt.

    Aus ökonomischen Interessen mag das gut begründet sein, aber die Gemeinsamkeiten von Mammon und Menschlichkeit enden mit dem Anfangsbuchstaben.

    Antwort auf "Selbstverteidigung"
  4. .. nach was das Wort Xenophobie bedeutet. Sie banalisieren auf eine Art und Weise die einem Stammtisch noch nicht einmal gleich kommt ( Zelt im Vorgarten)..

    Es geht hier nicht um das Recht auf Selbstverteidigung sondern um Humanitäre Hilfe. Sie gebrauchen einen Begriff der kriegerisch konnotiert ist, das sollten Sie sich klar machen aber ich ahne aus welcher Ecke das jetzt kommt.

    Antwort auf "Selbstverteidigung"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    daß es weltweit inzwischen über 6 Mrd. Menschen gibt, von denen ein Großteil unter nichtdemokratischen Verhältnissen lebt und lieber heute als morgen nach Deutschland und Europa kommen würde? Allein aus den nordafrikanischen Staaten werden sich in den nächsten Jahren auf Grund der dortigen Geburtenüberschüsse ca. 300 Mio Menschen, meist junge Männer, auf den Weg nach Europa machen, weil sie sich dort bessere wirtschaftliche Chancen versprechen. Wohlgemerkt: Diese Leute leiden meist keinen Hunger und sind auch sonst nicht aus politischen Gründen an Leib und Leben bedroht, sondern sie haben im eigenen Land auf Grund der fehlenden Qualifikation keine Chance zum Aufstieg. Verständlich, aber nicht machbar, denn diese Leute kommen mit ihren Normen und Ansichten, die oftmals mit denen hiesigen westlichen und europäischen Normen nicht vereinbar sind. Wenn auch nur ein Teil dieser Leute den Weg nach Europa findet, dann entstehen hier neue Mehrheiten, mit allen verheerenden sozialen und politischen Verwerfungen, die damit verbunden wären. Angesichts der bereits jetzt offenkundigen Problemen bei der Integration würde das die Integrationsfähigkeit der europäischen Länder endgültig überfordern. Das würde ich allen Leuten ins Stammbuch schreiben, die von den hiesigen Regierungen verlangen, alles Unheil der Welt zu heilen. Die Aufgabe der innenpolitischen Stabilität hier in Europa wäre da jedenfalls kein geeignetes Mittel dazu.

  5. kann man bei der Aktion von Pro Asyl und anderen Aktionsbündnissen für Asylanten zeigen:
    http://www.proasyl.de/de/...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    vielleicht ist das im ersten Kommentar nicht klar geworden:
    wenn man dem Link folgt, kann man den offenen Brief an den italienischen Justizminister unterschreiben, der dazu auffordert, dass die Angeklagten freigesprochen und komplett rehabilitiert werden.

  6. vielleicht ist das im ersten Kommentar nicht klar geworden:
    wenn man dem Link folgt, kann man den offenen Brief an den italienischen Justizminister unterschreiben, der dazu auffordert, dass die Angeklagten freigesprochen und komplett rehabilitiert werden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service