Stefan Schmidt fuhr 20 Jahre lang zur See. Der 67-jährige deutscher Kapitän kennt die große weite Welt: Westafrika, Südamerika, den Nahen Osten und den Orient. Nur Europa, das scheint er nicht zu kennen, das versteht er nicht. "Europa, was ist das überhaupt?", fragt er. Die EU, die existiere nur auf dem Papier, sie sei keine Solidargemeinschaft. Für den früheren Seemann ist Solidarität ein hohes Gut, gerade auf See. Seine Solidarität kann ihn nun für einige Jahre ins Gefängnis bringen.

Schmidt sitzt in einem Lehrerzimmer der Seemannsschule Schleswig Holstein in Travemünde. Seit zehn Jahren bildet er als Honorardozent dort Schiffsbesatzungen aus. Er streicht sich über den weißen Kinnbart, äußerlich wirkt er ruhig, doch in ihm brodelt es.

In Italien steht Stefan Schmidt vor Gericht, weil er vor fünf Jahren 37 afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet hat. Damals war er Kapitän auf dem Schiff der Hilfsorganisation Cap Anamur. Schmidt, ein eigentlich unpolitischer Mensch, wurde durch die Rettung und das, was danach kam, zu einem Symbol. Zum Symbol dafür, wie tief Seeleute hineingesogen werden in den Strudel der europäischen Flüchtlingspolitik, wenn sie Menschen in Seenot helfen, so wie es ihnen der Seemanns-Kodex vorschreibt.

Fast zwei Wochen schipperten Schmidt und der damalige Cap-Anamur-Chef Elias Bierdel im Sommer 2004 mit den Flüchtlingen herum. Kein Land wollte das Schiff in seine Häfen einlaufen lassen. Schließlich steuerte Schmidt Porto Empedocle auf Sizilien an. Empfangen wurden die Cap Anamur und die Besatzung von italienischen Polizisten. Die Beamten brachten die Flüchtlinge in ein Abschiebelager und Schmidt, Bierdel und den ersten Offizier in Untersuchungshaft.

In Deutschland wurde die Rettungsaktion von vielen, darunter dem Cap-Anamur-Gründer Rupert Neudeck, als Medieninszenierung gegeißelt. Es gibt ein Foto, das Bierdel mit hochgestreckten Armen zeigt, im Vordergrund ein Boot voller Schwarzafrikaner, die weiße Cap-Anamur-T-Shirts tragen. "Dann haben sie alle geschrieben: Er als Triumphator!", sagt Schmidt. Ungerecht findet er die Kritik. "Elias und ich haben nichts verkehrt gemacht", sagt der Kapitän.

2006 wurden Schmidt und Bierdel im sizilianischen Agrigent vor Gericht gestellt: Als Menschenschlepper, die nach Forderung der Staatsanwälte mit vier Jahren Haft und einer Geldstrafe von 400.000 Euro pro Person bestraft werden sollten. Das gleiche Gericht verhandelt auch über einen tunesischen Fischer, der ebenfalls das Verbrechen Flüchtlingsrettung begangen hat.

Das Urteil, das Schmidt und Bierdel für Anfang Oktober erwarten, hat Präzedenzcharakter. Schmidt meint, die Richter könnten ihn unmöglich für schuldig erklären: "Das würde ja bedeuten, dass Hilfe kriminalisiert wird!" Er will an die Gerechtigkeit der europäischen Justiz glauben, aber in letzter Zeit rauben ihm die Zweifel den Schlaf.


Stefan Schmidt steht auf, verlässt das Lehrerzimmer, um etwas zu zeigen, was ihm Mut macht. Er läuft über den Schulflur, an der Wand hängen Schwarzweißfotos von Schiffen und ein Solidaritätsschreiben für ihn. Stolz zeigt er darauf, denn er versteht sich auch als Vorbild für den Nachwuchs.

Die 20-jährige Schülerin Marte Rath begegnet ihm auf dem Gang. Sie kommt aus dem schleswig-holsteinischen Großenbrode und träumt davon, nach ihrer Ausbildung als Schiffsmechanikerin eines Tages Kapitänin zu werden. "Gott sei Dank!", sagt sie, muss sie jetzt noch nicht entscheiden, was sie tun würde, wenn sie ein Flüchtlingsboot auf hoher See treffen würde.