Erst eine Woche ist es her, da machten die italienischen Behörden erstmals Fotos von einem vor der kalabrischen Küste gesunkenen Frachter, der vermutlich mit Gift- oder Atommüll beladen ist. Nun allerdings schockiert die Staatsanwaltschaft mit einer erschreckenden Einschätzung. Das gefundene Wrack sei wohl kein Einzelfall, sagte der Staatsanwalt von Paola in Kalabrien, Bruno Giordano, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur, dpa. "Wahrscheinlich liegen noch weit über 32 Wracks mit Giftmüll im Mittelmeer. Das Wrack ist nur das erste, das wir gefunden haben."

Giordano hatte 2008 die Ermittlungen nach den von der Mafia versenkten Gift- und Sondermüll-Transporten übernommen. Nach Funden von Schwermetallen und künstlicher Radioaktivität in dem nahe gelegenen Fluss Oliva konnte der regionale Umweltschutz ARPACAL vor einigen Monaten einen Schatten auf dem Meeresgrund vor Cetraro ausmachen. Giordano wandte sich daraufhin an den Meeresbiologen und Umweltbeauftragten der Region, Silvio Greco, der ihm einen meeresbiologischen Spezialroboter verschaffte. Der gesunkene Frachter, der sich etwa 20 Seemeilen vor Cetraro in einer Tiefe von rund 500 Metern befindet, war am Samstag zum ersten Mal mithilfe des Roboters besichtigt worden.

"Auf den Fotos sieht man zwei Fässer, die aus einem riesigen Loch am Bug hervorragen. Eines ist fast völlig zerquetscht. Ihre Versiegelung lässt auf Gift- oder Atommüll schließen. Bevor wir den Inhalt der Fässer nicht genau untersucht haben, können wir jedoch seine Identität nicht mit Sicherheit bestimmen", sagte Giordano. Die Aufnahmen des Roboters ließen außerdem im Inneren des Schiffes zahlreiche weitere Tonnen erkennen, die allerdings zum Teil mit Meeresschlamm verdeckt seien.

Die Ermittler verdanken den Fund unter anderem einem reumütigen Ex-Anhänger der kalabrischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta namens Francesco Fonti. "Fonti hatte bereits 2006 über ein 1993 mit seiner Hilfe versenktes Schiff namens Cunsky berichtet, das mit 120 Fässern Atommüll beladen gewesen sei", sagte Giordano. Die Cunsky war mit anderen drei Frachtern in den Jahren 1988 und 1989 von der italienischen Regierung eingesetzt worden, um radioaktiven Müll aus dem Libanon zu entsorgen. Offiziell war sie im Januar 1992 verschrottet worden. Die Identität des Schiffes sei jedoch bisher nicht zweifelsfrei geklärt.

 "Das Schiff, das wir gefunden haben entspricht zwar in seinen Maßen der von Fonti genannten Cunsky, die Namenszüge sind jedoch bisher unleserlich. Außerdem ist der Frachter offensichtlich am Bug durch eine Explosion zerstört worden. Auch das würde Fontis Angaben bestätigen", erklärte der Staatsanwalt. Nach ersten Untersuchungen sei das Schiff in den 1960er oder 1970er Jahren gebaut worden.

Das weitere Vorgehen liegt nun bei der Regierung in Rom. "Die kleine Staatsanwaltschaft von Paola hat nicht die Mittel, um die verdächtigen Fässer zu entnehmen oder gar das Wrack zu heben. Dazu braucht es Spezialvorrichtungen", sagte Giordano, aber die Regierung habe zugesagt, sich darum zu kümmern. Eines sei auf jeden Fall gewonnen: "Es kann keiner mehr sagen, dass es die verschwundenen Müllschiffe nicht gibt."