USA Das post-rassistische Zeitalter ist noch fern

Obama ist der erste Schwarze im Weißen Haus, doch der Rassismus in den USA sitzt tief – dem Präsidenten schlägt tiefe Verachtung entgegen. Von Martin Klingst, Washington.

 Protest gegen die Gesundheitsreform – und Obama

Protest gegen die Gesundheitsreform – und Obama

Barack Obama wäre es sicherlich lieber gewesen, Präsident Nummer 39 hätte geschwiegen. Er mag diese Auseinandersetzungen nicht. Doch Jimmy Carter, Herr im Weißen Haus von 1977 bis 1981, sagte soeben: Manche Feindseligkeiten, die Obama derzeit entgegenschlügen, seien darin begründet, "dass er ein schwarzer Mann" sei. "Es gibt bei vielen in diesem Land ein tief verwurzeltes Gefühl, dass ein Afroamerikaner nicht Präsident sein sollte."

Das saß – und wieder einmal führt Amerika eine heftige Rassismusdebatte. Wie damals, als Obama seine Kandidatur erklärte. Oder als er im Wahlkampf wegen der hetzerischen Predigten seines ehemaligen schwarzen Pastors unter Druck geriet. Oder als sich Ehefrau Michelle wegen ihrer Äußerung verteidigen musste, Baracks erfolgreiche Kandidatur mache sie zum ersten Mal stolz auf ihr Land.

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Jimmy Carter, der Friedensnobelpreisträger, gescheiterte Präsident und weiße Erdnussfarmer aus dem Südstaat Georgia, hat dabei wohl eines übersehen (jedenfalls hat er diese herausragende Tatsache nicht groß erwähnt): Amerika hat soeben – rund 200 Jahre nach seiner Gründung, 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei und knapp 50 Jahre nach dem formalen Ende der Rassentrennung – erstmals einen Schwarzen ins Oval Office gewählt. Wider vieler Vorurteile und Erwartungen.

Und das, weil selbst in der Abgeschiedenheit der Wahlkabine sehr viele Weiße in einem immer noch mehrheitlich weißen Land für Obama gestimmt haben. Außerdem: hätte der Bundesstaat Iowa – zu 93 Prozent weiß! – nicht Obama zum ersten Vorwahlsieger gemacht und damit allen gezeigt, dass ein Schwarzer für weiße Amerikaner des Mittleren Westens durchaus wählbar ist, der Afroamerikaner wäre wahrscheinlich nie Präsident geworden.

Trotzdem haben Carters Bemerkungen einen wahren Kern: Der Hass, der sich gegenwärtig auf den Veranstaltungen und Demonstrationen zur Gesundheitsreform entlädt, hat auch damit zu tun, dass Obama schwarz ist.

Natürlich gibt es berechtigte Kritik an Obamas Reformplänen. Gegen den rasant wachsenden Schuldenberg und den Staatsinterventionismus lässt sich viel einwenden, real wie ideologisch. Doch wenn Unzufriedene mit hochrotem Kopf schreien, "Obama, du bist kein Amerikaner!" oder "Gib uns unser Amerika zurück!", wenn sie Obama mit Hitler vergleichen oder auf Protestveranstaltungen skandieren, "Wir sind unbewaffnet gekommen, dieses Mal noch!", dann schwingt in dem Protest abgrundtiefe Verachtung mit und das von Jimmy Carter beschriebene Gefühl, dass ein Schwarzer nicht in Amerikas höchstes politisches Amt gehört.

Im Wahlkampf hat der Verfasser dieser Zeilen mit eigenen Augen gesehen, wie weiße Republikaner und Demokraten verächtlich auf den Boden spuckten, wenn der Name Obama fiel. Wie sie offen eingestanden, einem Schwarzen nicht über den Weg zu trauen. Wie sie bezweifelten, dass ein Afroamerikaner das Zeug zum Präsidenten und Patrioten habe.

Die Wahl Obamas hat diesen tief sitzenden Rassismus nicht beseitigt. Allerdings ebenso wenig die Neigung Weißer wie Schwarzer, mitunter leichtfertig mit der Rassismuskeule um sich zu schlagen. Sie ist eine beliebte Waffe, um den politischen Gegner auszuknocken.

Erst vor wenigen Tagen wurde der weiße Abgeordnete Wilson aus South Carolina zum "Rassisten" gestempelt, weil er Obama als "Lügner" beschimpfte. Auch die wütenden Ausfälle des schwarzen Obama-Freundes Henry Louis Gates gehören in diese Kategorie. Der Harvard-Professor beleidigte einen weißen Polizisten, der ihn irrtümlich, jedoch nachvollziehbar für einen Einbrecher gehalten hatte, als "Rassisten".

Zwar zeigt die allgemeine Lebenswirklichkeit in Amerika: Polizisten packen Schwarze in der Regel härter an, führen sie schneller in Handschellen ab und sperren sie öfter in einer Zelle ein als Weiße. Doch dieser Fall aus Harvard bot dafür keinen Anlass. Er passte dem Professor allerdings in sein Konzept und Weltbild.

Die Wahl vom 4. November 2008 verleitet zu einem Trugschluss: Zwar hat für Weiße und Schwarze an diesem Tag eine neue hoffnungsvolle Epoche begonnen. Sie bestimmen ihr Verhältnis neu – und dies dauerhaft, selbst wenn es Rückschläge geben sollte. Aber anders als oft fälschlich behauptet demonstriert die Wahl von Barack Obama noch lange nicht den Beginn des "post-rassistischen" Zeitalters.

 
Leser-Kommentare
  1. ...was versuchen Sie uns mit Ihrem Beitrag zu sagen ?

    Eine Aneinanderreihung von Beobachtungen und Schlußfolgerungen, die die Leser der Zeit unschwer selbst machen und ziehen können.

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    ...was ja sehr häufig der Fall ist.
    Das machen Berichterstatter nun mal so, sie tragen Informationen zusammen und erstatten Bericht.

    • Spez
    • 18.09.2009 um 14:20 Uhr

    Dann lesen Sie doch bitte die Bild.
    Da kriegen sie Bericht, mit Meinung, zusätzlich der vom Leser einzunehmenden Haltung gratis dazu.
    Die Widerrufe ignorieren Sie einfach und schon ist alles ganz einfach.

    ...was ja sehr häufig der Fall ist.
    Das machen Berichterstatter nun mal so, sie tragen Informationen zusammen und erstatten Bericht.

    • Spez
    • 18.09.2009 um 14:20 Uhr

    Dann lesen Sie doch bitte die Bild.
    Da kriegen sie Bericht, mit Meinung, zusätzlich der vom Leser einzunehmenden Haltung gratis dazu.
    Die Widerrufe ignorieren Sie einfach und schon ist alles ganz einfach.

  2. Mit diesem Anspruch ist Barack Obama angetreten und merkt nun langsam, dass er in zahlreichen Bereichen Schiffbruch erleiden wird (Irak, Afghanistan, Schuldenkrise, Gesundheitsversicherung usw.). Für mich war er von Anfang an ein Charismatiker, der die Menschen mit seinen Reden verzaubert hat (in unserer jüngeren Geschichte gab es auch einen grossen Redner, der uns Not und Elend gebracht hat). Nur - wie heißt es: "An ihren Werken wird man sie erkennen...! Barack Obama wird offensichtlich immer mehr gehasst. Ich denke aber nicht nur wegen seiner Hautfarbe. Die beiden Kennedy's, die ermordet wurden, waren Weiße. Kürzlich unterhielt ich mich mit einem älteren US-Amerikaner (jüdischer Abstammung) hier in Hildesheim über die grosse Gefahr für Barack Obama, Opfer eines Attentats zu werden. Und gestern las ich in der ZEIT einen Beitrag von Martin Klingst "Schüsse in Kentucky" zu diesem Thema. Die militanten Ku-Klux-Klan scheinen sich zu formieren...!

    Herzliche Grüsse

    Klaus Metzger
    HILDESHEIM
    www.twitter.com/klmmetzger
    www.talker.co.il/klmmetzger

    • Hagane
    • 18.09.2009 um 9:11 Uhr

    Wer sich etwas mit dem Thema auseinandersetzt, weiss das die Amerikaner (und ihre Presse) zu wirklich harschen Worten greift, wenn es um kritisieren und demonstrieren geht. Da fliegen die extremen und persönlichen Beleidigungen reihenweise, da den Leuten nunmal absolute Freedom of Speech gegeben ist. (nicht das deutsche besser waeren, aber hier kommt man halt wegen beleidigung vor den richter).

    Das Obama schwarz ist, ist halt fuer manche ein Angriffspunkt, waere er 1,60 gross wuerde er halt als Zwerg beschimpft werden. Sicherlich mischen sich auch Rassisten darunter, aber ich denke nicht man ein Aufflammen des rassismus aus den Demonstrations-Motiven ableiten kann.

  3. Auch die Zeit kann sich davon nicht ausnehmen, der Obama-Mania erlegen zu sein. Wie unpopulär war es doch, wenn man als aufmerksamer Beobachter darauf hinwies, dass die Weisse Mehrheit für McCain gestimmt hatte. Dies wurde schon fast als Rassismus ausgelegt. Detaillierte Wahlanalysen gab es hier nicht. Doch wen verwunderts, ein Jahr später, greift die Redaktion das auf, was bereits prognostisch festgestellt wurde. Die Rechte sieht Obamas Wahl als "Unfall der Geschichte" an, den man einfach aussitzen muss. Obamas Bilanz ist bisher sehr bescheiden, er ist ein schwacher Präsident. Militantismus und Rassismus setzen ihm zu, auch wenn er versucht, "the all american president" zu sein, ist das konservative Lager unversöhnlich. Will er etwas erreichen, muss er Position beziehen. Es ist hoffnungslos, die Unverbesserlichen bekehren zu wollen. Man muss sie einfach hinter sich lassen, wie eine schlechte Angewohnheit. Er wird polarisieren müssen, den Gegener frontal angehen. Es wäre schade, wenn nur eines übrig bliebe: "yes, i meant". Dafür hat er zu viele Hoffnungen bei den progressiven US-Amerikanern geweckt.

  4. ...was ja sehr häufig der Fall ist.
    Das machen Berichterstatter nun mal so, sie tragen Informationen zusammen und erstatten Bericht.

  5. Nachdem die Begeisterung für Obama vor der Wahl teilweise schon etwas irrational anmutete, ist jetzt die Enttäuschung vorprogrammiert. Obama ist in den Niederungen der Tagespolitik angekommen und sein "Yes, we can" droht angesichts der Probleme, welche sein Vorgänger ihm und Amerika hinterlassen hat, zu verpuffen. Angesichts dessen die Latte dafür, was man als blanken Rassismus erachten wolle, zu niedrig zu setzen, wird den politischen Diskurs in Amerika vergiften und das Land spalten - damit ist keinem geholfen, und Obama scheint das verstanden zu haben. Zumal ist hinter dem Rassismus-Vorwurf durchaus selber Rassismus verstecken kann. Ich darf auch daran erinnern, dass auch sein Vorgänger von seinen Gegnern nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wurde, es gibt etwa Seiten im Netz, welche dem Nutzer erlauben herauszufinden "What type of bush-hater you are?". Das scheint in den USA dazuzugehören.

  6. sondern das amerikanische Volk in seinem rationalen Denken. Es grenzt schon an Lächerlichkeit, wie Obamas längst überfällige Gesundheitsreform als böser Sozialismus abgetan wird. Was soll man auch erwarten, von einem Volk in dem ein nicht zu übersehbarer Teil anfängt, an der Evolutionstheorie zu zweifeln (Kreativisten). Das spricht auch nicht gerade für den Rest. Es ist leider so, dass hier ein intelligenter, vernünftiger Mensch versucht eine Horde verblendeter Neandertaler zu regieren. Wer etwas anderes glaubt, oder gar meint McCain hätte die bessere Politik, muss unter Wahrnehmungsstörung leiden.

    [Anmerkung. Bitte verzichten Sie auf pauschale Beleidigungen. Die Redaktion/ mwe]

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    "Es ist leider so, dass hier ein intelligenter, vernünftiger Mensch versucht eine Horde verblendeter Neandertaler zu regieren. Wer etwas anderes glaubt, oder gar meint McCain hätte die bessere Politik, muss unter Wahrnehmungsstörung leiden."

    Ihre Meinung ist da aber nicht ausschlaggebend. Es sind die amerikanischen Wähler, deren Sicht zählt. So funktioniert eine Demokratie nun einmal. Wenn die Amerikaner mehrheitlich der Meinung sind, daß jeder seines Glückes Schmied ist und eine in ihren Augen sozialistische Gesundheitsfürsorge nicht zu benötigen, werden sie auch alle Konsequenzen tragen, in welcher Richtung auch immer. Zwangsbeglücken, wie das die einheimischen Politiker und Medien gern tun, lassen sich die Leute dort jedenfalls nicht.

    • joG
    • 18.09.2009 um 13:31 Uhr

    sondern das amerikanische Volk in seinem rationalen Denken. Es grenzt schon an Lächerlichkeit, wie Obamas längst überfällige Gesundheitsreform als böser Sozialismus abgetan wird"

    Eigentlich nicht. Das tat er, indem er es als soziale Tat zunächst verpackte. Aber das ist weniger das Problem. Seine Pläne erfordern eine Verschlechterung der Gesundheitsfürsorge der älteren und teilweise der ärmeren Bevölkerung. Dort lassen sich aber die Menschen nicht gerne behandeln wie hier Kassen- und Hartzivmenschen. Vertrag ist dort Vertrag und zu erfüllen. Der Staat hat Geld genommen und Versorgung versprochen. Diese Versorgung wird eingefordert.

    "Es ist leider so, dass hier ein intelligenter, vernünftiger Mensch versucht eine Horde verblendeter Neandertaler zu regieren. Wer etwas anderes glaubt, oder gar meint McCain hätte die bessere Politik, muss unter Wahrnehmungsstörung leiden."

    Ihre Meinung ist da aber nicht ausschlaggebend. Es sind die amerikanischen Wähler, deren Sicht zählt. So funktioniert eine Demokratie nun einmal. Wenn die Amerikaner mehrheitlich der Meinung sind, daß jeder seines Glückes Schmied ist und eine in ihren Augen sozialistische Gesundheitsfürsorge nicht zu benötigen, werden sie auch alle Konsequenzen tragen, in welcher Richtung auch immer. Zwangsbeglücken, wie das die einheimischen Politiker und Medien gern tun, lassen sich die Leute dort jedenfalls nicht.

    • joG
    • 18.09.2009 um 13:31 Uhr

    sondern das amerikanische Volk in seinem rationalen Denken. Es grenzt schon an Lächerlichkeit, wie Obamas längst überfällige Gesundheitsreform als böser Sozialismus abgetan wird"

    Eigentlich nicht. Das tat er, indem er es als soziale Tat zunächst verpackte. Aber das ist weniger das Problem. Seine Pläne erfordern eine Verschlechterung der Gesundheitsfürsorge der älteren und teilweise der ärmeren Bevölkerung. Dort lassen sich aber die Menschen nicht gerne behandeln wie hier Kassen- und Hartzivmenschen. Vertrag ist dort Vertrag und zu erfüllen. Der Staat hat Geld genommen und Versorgung versprochen. Diese Versorgung wird eingefordert.

    • Burak
    • 18.09.2009 um 11:29 Uhr

    Was mich sehr verwundert in diesem Artikel ist die Tatsache, dass beim Thema Rassismus "Weiße" und "Schwarze" gleichberechtigt einander gegenübergestellt werden. Ich finde das nicht überzeugend.

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