Türkei Europa ja, Deutschland neinSeite 2/2

Die türkischen Eliten interessieren sich sehr für Europa, schließlich streben sie dorthin seit Atatürks großer Wende nach Westen in den zwanziger Jahren, aber sie streben nicht nach Deutschland. Das mag irrwitzig klingen angesichts der Zahl der Türken in der Bundesrepublik. Aber die Zuwanderer in Deutschland entstammen nicht den Oberschichten.

Die klassischen Eliten der Türkei gingen auf französischsprachige Gymnasien (türkisch: "Lise") und schafften fürs Volk den "otobüs" - Autobus - an, damit die Kinder einfacher Familien wenigstens den Weg zur Grundschule fanden. Die heutigen Eliten lernen vor allem Englisch, studieren auf englischsprachigen Universitäten in der Türkei und lesen über Deutschland bisweilen in englischsprachigen Medien, und dort erfährt man ja auch schon nicht viel.

Aber immerhin mehr als aus türkischen Medien, denn die haben in Deutschland in aller Regel noch nicht einmal ordentliche Korrespondenten. (Übrigens auch selten anderswo.) Passiert irgendetwas Berichtenswertes, wie etwa der Brand eines von Deutschtürken bewohnten Hauses in Ludwigshafen Anfang 2008, dann rufen die Redaktionen aus Istanbul rasch in Frankfurt an, bei den Schwesterblättern von Hürriyet, Milliyet oder Zaman.

Die dort arbeitenden Deutschtürken berichten dann, aber nicht aus der Perspektive eines entsandten Korrespondenten, sondern meist aus der Perspektive eines Zuwanderers. Deshalb haben die Berichte über Deutschland in den Medien der Türkei häufig Migrationsfragen zum Thema: "Wie geht es unseren Brüdern und Schwestern?"

Michael Thumann
Michael Thumann
leitet die Mittelost-Redaktion der ZEIT in Istanbul. Bis Ende 2007 koordinierte er die außenpolitische Berichterstattung der ZEIT. Von 1996 bis 2001 war er ZEIT-Korrespondent in Moskau, zuvor berichtete er als politischer Redakteur der ZEIT über das zerbrechende Jugoslawien. Er ist Mitglied des Advisory Council des Kennan Institute am Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington, D.C..

Dabei hätte die Türkei an diese Wahl interessante Fragen zu stellen: Wie entwickelt sich die Linkspartei und wie steht sie zum türkischen EU-Beitritt? Bedeutet die strukturelle linke Mehrheit von SPD, Grünen und Linken bei den letzten Wahlen, dass es künftig wieder eine für die Türkei günstige politische Konstellation in Deutschland geben kann? Kommt es doch zu Schwarz-Gelb, wie steht der wahrscheinliche Außenminister Westerwelle zur Türkei?

Es ist damit zu rechnen, dass diese Fragen wenigstens am Abend der deutschen Wahl im türkischen Fernsehen kurz auftauchen. Ein schneller Anruf bei den journalistischen Brüdern und Schwestern in Frankfurt wird, so bleibt zu wünschen, gut informierte Antworten bringen.

 
Leser-Kommentare
    • Sirin
    • 23.09.2009 um 8:55 Uhr

    Keine Elite der Welt wird sich von den politischen Launen eines Landes abhängig machen...Denn was zählt, ist am Ende der eigene Fortschritt, das eigene Vorwärtskommen und nicht ein ewiges Vertröstetwerden...

  1. Ganz allgemein ist die Frage, ob Deutschland für eine wie auch immer geartete Elite ein attraktiver Standort ist. Aus folgenden Gründen:

    1. Landessprache ist deutsch (d.h. neben dem obligatorischen Englisch ist eine zweite Fremdsprache notwendig)
    2. hohe Steuern und Sozialabgaben
    3. kein Einwanderungskonzept (führte zudem zu einer Bevölkerungsstruktur, welche die Zukunftsfähigkeit Deutschlands infrage stellt)
    4. Land ist weltpolitisch bedeutungslos und hat ein neurotisches Verhältnis zu sich selbst

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    5. Deutschland ist das Land der groessten Bedeutung in der EU

    5. Deutschland ist das Land der groessten Bedeutung in der EU

  2. So kaum weisst der Autor dieses Beitrag über die Türkei und deren Eliten und wie die Bundeswahl sich auf die Türkei, insbesondere auf die türkische Medien, ausgewirkt hat. Ich habe mich Tod gelacht als ich den Unterschied zwischen klassischen Eliten und derzeitigen Eliten gelesen habe. Einfach cliché! Vor der solchen Oberflaeclichkeit der Internet Journalismus kann man durch gute Untersuchung des Themas vermeiden aber leider hat unser Autor sich nicht darum bemüht.

    • Tröte
    • 23.09.2009 um 10:18 Uhr

    Wenn in Deutschland über die Türkei berichtet wird, dann geht es meist um EU Beitritt, Kurdenproblem oder Integration. Migrationsfragen also. Außerdem wird der Beitritt glücklicherweise nicht von Frau Merkel alleine entschieden sondern von der EU.

    Ganz schön anmaßend, einem Volk erst jahrelang Honig um den Mund zu schmieren, sie dann vor ihrer Zeit kalt ablitzen zu lassen und sich hinterher auch noch über mangelndes Interesse zu beschweren.

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    Meines Wissens nach haben die Mitgliedsstaaten der EU in dieser Frage ein Veto-Recht, d.h. die EU kann sich zwar für die Aufnahme eines Landes entscheiden, aber nicht gegen ein EU-Mitgliedslandes durchsetzen.

    Meines Wissens nach haben die Mitgliedsstaaten der EU in dieser Frage ein Veto-Recht, d.h. die EU kann sich zwar für die Aufnahme eines Landes entscheiden, aber nicht gegen ein EU-Mitgliedslandes durchsetzen.

    • bet123
    • 23.09.2009 um 10:38 Uhr

    ich als in deutschland lebender türke der regelmäßig die türk. nachrichtenkanäle durchzappt kann nur sagen, dass Herr Thumann dies anscheinend nicht macht. Cnntürk und NTV die seriösesten und angesehnsten nachrichtenkanäle in der Türkei berichten regelmäßig über die bevorstehende Bundestagswahl und deren möglichen Auswirkungen auf die Türkei dabei kommen die türkischstämmigen Kanditaten sowie die Wähler auch nicht zu kurz zusätzlich veransteletn diese beiden Sender am Wahlabend eine ausgedehnte Berichtserstattung, abgesehn davon ist der Tagesablauf in der türkei alles andere als langweilig siehe Ergenekon, cem garipoglu, tayip erdogan vs. baykal u. Bahceli und und und die liste ist lang, sodass die Wahl in den zeitungen selbsvterständlich etwas in den Hintergrund rückt.

  3. Also ich bezweifle ja mal, dass Erdogan überhaupt sein Land in der EU haben will ... mal ganz abgesehen davon, dass die EU schon genug Probleme hat, Erweiterungsstopp ist angesagt.

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    Ich lebe in Istanbul und möchte nicht dass, dieses schöne Land in eine Vereinigung gerät, die nur die oberste Schicht befriedigt und die Lira (im Moment sehr stabil und stärker werdend), wie in Deutschland, um die Hälfte entwertet wird.

    Der "kleine Mann" in Deutschland wünscht sich sein Deutschland wieder. Nur die oberen Profiteure verbreiten weiterhin ihre Vorteilspropaganda...Dann lieber Modell Türkei. Auf allen Seiten die Rosinen rauspicken, wie die Schweiz und GB.

    Frankreich überlegt auch schon mal aus der Nato aus zu steigen...es bleibt spannend...

    Ich lebe in Istanbul und möchte nicht dass, dieses schöne Land in eine Vereinigung gerät, die nur die oberste Schicht befriedigt und die Lira (im Moment sehr stabil und stärker werdend), wie in Deutschland, um die Hälfte entwertet wird.

    Der "kleine Mann" in Deutschland wünscht sich sein Deutschland wieder. Nur die oberen Profiteure verbreiten weiterhin ihre Vorteilspropaganda...Dann lieber Modell Türkei. Auf allen Seiten die Rosinen rauspicken, wie die Schweiz und GB.

    Frankreich überlegt auch schon mal aus der Nato aus zu steigen...es bleibt spannend...

  4. Meines Wissens nach haben die Mitgliedsstaaten der EU in dieser Frage ein Veto-Recht, d.h. die EU kann sich zwar für die Aufnahme eines Landes entscheiden, aber nicht gegen ein EU-Mitgliedslandes durchsetzen.

    Antwort auf "Seh ich auch so"
    • Tröte
    • 23.09.2009 um 11:33 Uhr

    Stimmt. Wenn ich richtig informiert bin hat zum Beispiel Slowenien gerade ihre Veto Androhung gegen Kroatien zurückgezogen. Übrigens mal ein anderer Aspekt des vielgelobten Demokratiedefizites.

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