ZEIT ONLINE: Herr Barghouti, der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat für den 24. Januar Wahlen angesetzt, obwohl er  im Gaza-Streifen faktisch keine Regierungsgewalt ausüben kann. Was halten Sie davon?

Mustafa Barghouti: Nur im Westjordanland zu wählen, wäre ein Fehler. Im Gaza-Streifen leben rund 40 Prozent der Palästinenser – die dürfen nicht einfach ausgeklammert werden, das ist einfach unvorstellbar. Wir brauchen eine freie, faire Wahl, an der jeder Berechtigte teilnehmen darf. 2005 haben wir mit den dahin besten Wahlen in einem arabischen Land gezeigt, wie es geht. Unter diesen Standard dürfen wir nicht zurückfallen. Eine Wahl wie in Afghanistan, nach der die Regierung keinerlei Legitimität hat, müssen wir vermeiden.

ZEIT ONLINE:Hamas lehnte freie Wahlen bisher ab. Was macht sie optimistisch, dass die Partei sich das anders überlegen könnte?

Barghouti: Hamas braucht Garantien, dass sie sich auch nach einer verlorenen Wahl in das politische System einbringen kann und nicht vom Sieger an den Rand gedrängt und unterdrückt wird. Wir müssen Hamas einbinden.

ZEIT ONLINE: Gleichzeitig Wahlen im isolierten Gaza-Streifen und im Westjordanland abzuhalten, klingt nach einer Mammutaufgabe. Schaffen die Palästinenser das allein?

Barghouti: Wir werden massive Hilfe von außen, von den Vereinten Nationen und anderen, brauchen. Und Israel muss dazu gedrängt werden, wirklich freie Wahlen zu ermöglichen. Momentan ist es vom Westjordanland aus nicht möglich, direkt nach Gaza zu gelangen, umgekehrt auch nicht.

ZEIT ONLINE: Mit seinem Alleingang zeigt Abbas der Hamas die kalte Schulter. Wie zerrüttet ist das Verhältnis beider Parteien?

Barghouti: Die bewaffneten Kämpfe zwischen beiden Gruppen haben aufgehört. Aber im Westjordanland erlaubt die Fatah den Hamas-Aktivisten nicht, sich politisch zu betätigen und die Hamas benachteiligt die Fatah-Anhänger im Gaza-Streifen. Doch 2007 ist es uns gelungen, zwischen beiden Parteien zu vermitteln und gemeinsam eine Regierung der Einheit zu bilden. Das ist wieder möglich. In der Fatah und in der Hamas gibt es sehr viele vernünftige Leute.

ZEIT ONLINE: Momentan regiert die Fatah im Westjordanland, die Hamas im Gaza-Streifen. Um die großen Probleme zu lösen, fehlt beiden die Kraft. Was könnte eine geeinte Regierung leisten?

Barghouti: Nur eine Regierung der Einheit kann erfolgreich sein, ein schwacher Präsident nutzt ausschließlich Israel. Es gibt so viele Aufgaben. Wichtig ist, dass das israelische Apartheid-System beendet wird und die Palästinenser die Kontrolle über das Westjordanland und den Gaza-Streifen erhalten. Denn beide Gebiete stehen eigentlich immer noch unter israelischer Militärherrschaft. Die Israelis kontrollieren fast alle Straßen, überall gibt es Checkpoints und Kontrollen, sie bewachen die Grenzen, die See und den Luftraum.

ZEIT ONLINE: Halten sie es wirklich für möglich, dass mit der Hamas die Bildung einer demokratischen Regierung möglich ist?

Barghouti: Ja, auch innerhalb der Hamas gibt es zahlreiche Politiker, die Demokratie wollen. Sie finden aber in der Hamas ebenso wie in der Fatah auch Leute, die glauben, dass ihnen die Palästinenser-Gebiete gehören. Wenn im Westjordanland die Zugehörigkeit zur Fatah darüber entscheidet, ob jemand eine öffentliche Anstellung, etwa als Krankenschwester bekommt, dann ist das beschämend. Und im Gaza-Streifen sieht es genauso aus. Klientelismus und Korruption sind große, aber keine unlösbaren Probleme.