Italien Berlusconi ist endlich Einhalt geboten worden
Das höchste italienische Gericht hat das Immunitätsgesetz für Silvio Berlusconi für verfassungswidrig erklärt. Ein sensationelles und mutiges Urteil. Von Birgit Schönau, Rom
© Alberto Pizzoli/AFP/Getty Images

Schwere Schlappe für Silvio Berlusconi: Ein Gesetz, das ihm Immunität gewährte, wurde vom italienischen Verfassungsgericht gekippt
Sensationell, weil niemand in Regierung und Opposition wirklich damit gerechnet hatte. Bei der Anhörung am Dienstag hatte das Verfassungsgericht nur die Anwälte Silvio Berlusconis zugelassen, nicht aber die Vertreter der Mailänder Staatsanwaltschaft, die das Verfahren angeregt hatten.
Alle Zeichen deuteten darauf hin, dass der Regierungschef von allerhöchster Stelle grünes Licht für ein 2008 verabschiedetes Gesetz erhalten würde, das ihn für die Dauer seines Mandats von allen Strafverfahren befreit. Zumal Berlusconi nach seinem Wahlsieg im Frühjahr letzten Jahres alles getan hatte, um das höchste Gericht mit seinen Gewährsmännern zu besetzen. Deshalb ist das Urteil so überraschend.
Die Richter haben außerdem aber auch Mut bewiesen. Sie berieten am Mittwoch unter der Androhung des Reformministers und Lega-Nord-Führers Umberto Bossi, das “Volk aufzuwiegeln”, falls das Verfassungsgericht Berlusconis Immunität ablehnen würde. Wer die Position des Premiers bestreite, urteile gegen das Volk, behauptete Bossi. Berlusconis Anwälte, die beide auch für seine Partei im Parlament sitzen, hatten vor dem höchsten Gericht ähnlich argumentiert. Berlusconis Regierung sei der Wille des Volkes – darüber dürfe sich kein Richter erheben. Der Regierungschef könne vor Gericht nicht wie jeder andere Bürger behandelt werden.
Das ist eine Argumentation, die weit aus der Demokratie herausführt. Genau dieser Gedanke lag dem Immunitätsgesetz zugrunde, das die vier höchsten Staatsämter vor Strafverfolgung schützen soll – und auf Silvio Berlusconi zugeschnitten ist. Denn gegen den Premier laufen verschiedene Prozesse. So ergingen in einem Verfahren um Richterbestechung bisher zwei Urteile. In beiden wurde Berlusconis Schuld festgestellt.
Strafrechtlich konnte der Premier jedoch bislang nicht belangt werden, dafür sorgte ja das Gesetz. Zivilrechtlich aber wird der Premier noch wie jeder andere Bürger behandelt. Vor wenigen Tagen wurde er zu der Rekordsumme von 750 Millionen Euro Schadensersatz verurteilt – zu zahlen an einen Konkurrenten, den er mit der Korruption des damals zuständigen Gerichts beim Poker um das größte italienische Verlagshaus Mondadori ausgestochen hatte.
Seit Jahren kämpfen Berlusconis Medien mit allen Mitteln gegen Richter und Staatsanwälte, die es wagen, Ermittlungen über die Machenschaften des Premiers anzustellen. Auch Berlusconi selbst wird nicht müde, die Juristen sogar in Bausch und Bogen als Berufsstand zu attackieren und ihnen “umstürzlerische Pläne” anzuhängen. Mit immer demselben Argument: Wen das Volk gewählt hat, den kann kein Richter mehr beurteilen.
Ein Argument, das in letzter Konsequenz alle Institutionen außer der Exekutive entkräftet, weil es den gewählten Regierungschef zum mystisch überhöhten Führer macht. Tatsächlich betreibt Berlusconi auch die Entmachtung des Parlaments. Dies Unterfangen aber ist genauso verfassungswidrig wie der Versuch, die Legislative für Ad-personam-Gesetze zu instrumentalisieren.
Das Immunitätsgesetz, so die römischen Richter, verstoße gegen den Grundsatz, dass jeder Bürger vor Gericht gleich sei. Außerdem hätte es für das Immunitätsgesetz einer Verfassungsänderung mit der dafür üblichen Zweidrittelmehrheit bedurft. Stattdessen war die Norm mit Berlusconis Parlamentsmehrheit gegen die Stimmen der Opposition verabschiedet worden.
Nun ist ihm endlich Einhalt geboten worden. Das Urteil ist ein Sieg der demokratischen Justiz in Italien. Ob es auch zum Sieg der Demokratie werden kann, ist noch nicht abzusehen. Die Erfahrung zeigt, dass Silvio Berlusconi mit allen Waffen für das kämpft, was er für sein Recht hält.
- Datum 07.10.2009 - 19:33 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 36
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Mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen ...
Es gibt also noch Menschen mit Sinn für Anstand und Gerechtigkeit. Bravo! Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass das Urteil auch handfeste Konsequenzen nach sich ziehen wird.
"Berlusconis Regierung sei der Wille des Volkes – darüber dürfe sich kein Richter erheben."
Was ist denn das für eine selten dämliche Argumentation?
Das ist nicht dämmlich, sondern das System Silvio Mussolini. Und genau so will es die italienische Mehrheit.
Das ist nicht dämmlich, sondern das System Silvio Mussolini. Und genau so will es die italienische Mehrheit.
Es wäre notwendig, wenn andere Staaten, Parlamente, Staatsoberhäupter dieses Urteil öffentlich begrüssen würden, um B. und seine Claqueure auch politisch zu isolieren!
Der Link "Deshalb ist das Urteil so überraschend." verweist auf einen Artikel, in dem steht: "Das Urteil kam nach zweitägigen Beratungen nicht unerwartet." Was ist nun korrekt? Die Infomationen der Journalistin vor Ort oder die der Agenturen?
Juristisch war das Urteil erwartet worden, denn es ist nicht das Erste in dieser Richtung, wie auch die Lodo Alfano nicht Pappis erster Versuch ist. Das entsprechende Schifani-Gesetz wurde auch vom Verfassungsgericht kassiert. Aber politisch war man in Italien der Meinung, dass er diesmal bessere Chancen hat mit der Methode B. So berichten es mir zumindest italienische Freunde und Berufskollegen. Dazu muss man wissen, dass die Zusammensetzung des italienischen Verfassungsgerichts nicht nach deutschem Muster erfolgt, sondern im Ergebnis Silvio zu etwa 2/3 die Richter (mittelbar) bestimmen konnte.
Juristisch war das Urteil erwartet worden, denn es ist nicht das Erste in dieser Richtung, wie auch die Lodo Alfano nicht Pappis erster Versuch ist. Das entsprechende Schifani-Gesetz wurde auch vom Verfassungsgericht kassiert. Aber politisch war man in Italien der Meinung, dass er diesmal bessere Chancen hat mit der Methode B. So berichten es mir zumindest italienische Freunde und Berufskollegen. Dazu muss man wissen, dass die Zusammensetzung des italienischen Verfassungsgerichts nicht nach deutschem Muster erfolgt, sondern im Ergebnis Silvio zu etwa 2/3 die Richter (mittelbar) bestimmen konnte.
"Berlusconis Regierung sei der Wille des Volkes – darüber dürfe sich kein Richter erheben. Der Regierungschef könne vor Gericht nicht wie jeder andere Bürger behandelt werden."
Wenn die Sonne der Anständigkeit untergeht, werfen auch Unanständige lange Schatten - von wem war das noch? Oder hab ich das falsch zitiert? Wie auch immer - der Mann hat das Amt des Regierungschefs nicht usurpiert, sondern ist zu wiederholtem Male von Geblendeten in freien Wahlen gewählt worden.
werfen auch Zwerge große Schatten." Den Satz meinten Sie vermutlich. Er wird Karl Kraus zugeschrieben und ist offensichtlich in Varianten in Umlauf.
So erfreulich das Urteil ist, ich frage mich ebenfalls, was eigentlich mit der EU los ist? Ganz offensichtlich kann hier ein Staatschef eine Autokratie errichten, ohne dass irgendwelche Reaktionen kommen. Das fällt schwer auf die Waagschale "EU = nicht demokratisch", die sowieso schon ziemlich Gewicht hat.
werfen auch Zwerge große Schatten." Den Satz meinten Sie vermutlich. Er wird Karl Kraus zugeschrieben und ist offensichtlich in Varianten in Umlauf.
So erfreulich das Urteil ist, ich frage mich ebenfalls, was eigentlich mit der EU los ist? Ganz offensichtlich kann hier ein Staatschef eine Autokratie errichten, ohne dass irgendwelche Reaktionen kommen. Das fällt schwer auf die Waagschale "EU = nicht demokratisch", die sowieso schon ziemlich Gewicht hat.
für diesen geschliffenen Artikel. Es ist ihm nichts hinzuzufügen.
Den Lesern mag es sonderbar erscheinen, dass ein solches Urteil überraschend kam, überhaupt überraschend sein kann. Der Italiener dagegen durfte miterleben, dass Berlusconi mit zwei der Richter, die heute entschieden haben, vor kurzem privat zu Abend speiste, auf Einladung und im Haus eines von ihnen. Dieses sonderbare Tête-à-Tête machte viel von der Spannung aus, ob denn nun auch die höchste Judikative umfallen würde, nachdem sich bereits die Legislative, das Parlament, durch Verabschiedung des Immunitätsgesetz selbst entmannt hatte. Das Urteil wurde denn auch nicht einstimmig gefaßt, von 15 Richtern nahmen 6 an, es sei verfassungskonform.
das Vertrauen in die italienische Justiz zurück. Das Ausland wird jetzt genau das Weitere beobachten. Ich wünsche den Italienern, dass sie standhaft bleiben und sich von diesem Schauspieler nicht mehr für blöd verkaufen lassen.
Wenn man in Berlusconien noch Vertrauen in demokratische Ideen haben konnte, dann hat sich dieses Vertrauen immer auf die Justiz gestützt. Dass diese Säule der Demokratie die letzte ist, die funktioniert, hat sich heute gezeigt. Bravo Italia, auch wenn es die Mehrheit dort heute anders sehen wird.
Wenn man in Berlusconien noch Vertrauen in demokratische Ideen haben konnte, dann hat sich dieses Vertrauen immer auf die Justiz gestützt. Dass diese Säule der Demokratie die letzte ist, die funktioniert, hat sich heute gezeigt. Bravo Italia, auch wenn es die Mehrheit dort heute anders sehen wird.
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