Tanklaster-Bombardement in Kundus Bundeswehr-Führung lässt wichtige Fragen unbeantwortet

Im September starben Dutzende Afghanen bei einem Luftschlag, der von einem deutschen Offizier angefordert wurde. Ein Nato-Bericht entlaste den Oberst, sagt die Bundeswehr.

Offizielle der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan besuchen ein Opfer des Luftangriffs auf die Tanklastzüge in Kundus

Offizielle der Internationalen Schutztruppe für Afghanistan besuchen ein Opfer des Luftangriffs auf die Tanklastzüge in Kundus

Der höchste Soldat der Bundeswehr trat vor die Mikrofone der Reporter, las seinen Bericht ab und ging wieder. Fragen ließ Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan nicht zu. Obwohl es viele Nachfragen gegeben hätte. Denn Schneiderhan verfügte über exklusives Wissen, das er nur mit einer kleinen Gruppe von hochrangigen Militärs und Politikern der Nato-Staaten teilt: Er hat den Untersuchungsbericht über einen Luftangriff auf zwei Tanklaster in der Nähe von Kundus lesen dürfen. Viel preisgeben von seinem Wissen wollte Scheiderhan jedoch nicht. Viele Fakten sind bereits bekannt, doch wie diese von der Nato interpretiert werden, war die spannende Frage, die auch am Donnerstag unbeantwortet blieb.

Eine Nato-Kommission hatte den Luftschlag in Afghanistan untersucht, dessen Bomben in der Nacht zum 4. September nahe Kundus ein tödliches Inferno am Boden entfesselten. Zwar wurden die Bomben von einem amerikanischen Kampfjet abgeworfen – den Befehl dazu jedoch hatte der deutsche Oberst Georg Klein gegeben. Er soll die Luftunterstützung angefordert haben, weil er eine akute und unmittelbare Gefahr für den deutschen Stützpunkt in Kundus vermutet hatte. Er meldete laut Spiegel, dass Kampftruppen unter Beschuss stünden und Feindberührung hätten.

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Doch die Tanklaster steckten in einem Flussbett fest, konnten weder vor noch zurück und sollen sich außerdem von dem deutschen Feldlager wegbewegt haben. Kein deutscher Soldat war vor der Bombardierung wegen einer Bedrohung durch die Fahrzeugen ausgerückt. Dennoch sagte Schneiderhan, dass er die Entscheidung des Oberst nachvollziehen könne. "Haben die deutschen beteiligten Soldaten auf die Lage militärisch angemessen reagiert?", fragte Schneiderhahn zu Beginn seines Vortrags und beantwortete sie mit Ja. "Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."

Um kurz nach 10 Uhr hatte die Bundeswehr die Hauptstadtjournalisten zur Pressekonferenz um bereits 12 Uhr geladen. Ein äußerst unüblicher Vorgang, sonst erfolgen Einladungen meist Tage vor dem Termin. Diesmal klang es dringend, und so drängten sich die Journalisten vor dem Generalinspekteur. Doch die vermeintliche Pressekonferenz entpuppte sich als Verteidigungsrede für den Oberst. Den Vorwurf aus Nato-Kreisen, Klein habe seine Kompetenzen überschritten oder die internen Richtlinien verletzt, konnte Schneiderhan nicht entkräften. Zumal er nur seine Interpretation des Berichts wiedergab, ohne daraus zu zitieren oder Passagen zu verteilen.

Der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg nahm an der Pressekonferenz nicht teil. Der Vorfall fiel in die Amtszeit von Franz Josef Jung, der nun das Arbeitsministerium verantwortet. Er verkündete am Donnerstagmorgen die aktuellen Arbeitslosenzahlen – Guttenberg übergab erst das Wirtschaftsministerium an seinen Nachfolger und verabschiedete dann am Nachmittag fern der Hauptstadt einen altgedienten General. Jung war im In- und Ausland heftig kritisiert worden, weil er lange von einem Erfolg der Bombardierung gesprochen hatte.

Angefertigt hat den Bericht der kanadischen General Sullivan. Adressat des Berichts war der Verteidigungsminister. Vor die Presse musste Schneiderhan aber alleine treten. Er dankte Sullivan für dessen Arbeit, die er "sehr sorgfältig und sehr umfassend" nannte. Der Generalinspekteur bedankte sich außerdem überraschend beim Isaf-Kommandeur McChrystal. Der amerikanische General hatte das Vorgehen Kleins öffentlich kritisiert und den Zorn der Bundeswehr auf sich gezogen, weil er einen Reporter der Washington Post zu Besprechungen mit Klein mitgenommen hatte. Auch zu den Misstönen zwischen Bundeswehr und Nato schwieg Deutschlands höchster Soldat.

Die Nato habe in dem Bericht in mehreren Punkten Empfehlungen ausgesprochen, die den Ablauf für die Zukunft verbessern könnten, und auch eine bessere Fachausbildung der Soldaten angeraten. Die Bundeswehr werde dies prüfen. Auch auf den Vorwurf, die Tanklaster hätten ohne Probleme von Boden ausgeschaltet oder zurückerobert werden können, ging Schneiderhan nicht ein.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 29.10.2009 um 17:46 Uhr

    Ist es eigentlich "verlogen", wenn man auf die wichtigen Fragen nicht eingeht und Nicht erklärt, wieso gilt: "Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."
    Ich tendiere zu glauben, dass er vielleicht Recht haben könnte, aber er sollte schon auch erklären, wieso es verurteilenswert war, als die NATO Truppen so handelten, wie seine Leute jetzt. Oder will er die politische Führung und deutschen Medien lediglich nicht der Naivité oder des Pharasäertums bezichtigen.

  1. Man sollte der Oberst vor Den-Haag stellen.

    • kayob
    • 29.10.2009 um 18:14 Uhr
    3. xeno

    was sie äußern ist verleumdung.
    sicherlich wurden weder fahrlässig noch bewußt zivile opfer in kauf genommen.
    außerdem werden in dan haag, nicht davor, verbrechen gegen die menschlichkeit verhandelt. ein angriff, der gelungen ist, aber unerwartet zu zivilen opfern führte ist, a kein verbrechen, und b keine handlung gegen die menschlichkeit.
    mann etwas genauer dürfen sie schon sein, wenn leute ihren kopf in dieser gegend für uns hinhalten. ob wir das wollen oder nicht, aber sie tun s. und genauigkeit in der beurteilung ist das mindeste was sie erwarten dürfen.

  2. Das selektive Schweigen von Schneiderhan erklärt sich vermutlich mit seiner "Schnittstellenfunktion" zwischen Soldaten und Politkern.

    Würde er offen erklären, dass die Politik die Schuld an möglichen zivilen Opfern trägt, würde das seinen politischen Dienstherren gar nicht gefallen.

    Gegen jeden fachlichen Rat hat die Politik aus Wahlkampf-Gründen einen weitern QRF- Verband nicht genehmigt. Die dringend benötigte PZH2000 wurde ebenfalls nicht in den Einsatz geschickt, weil das zu sehr nach Krieg aussehen würde.

    Als dann an besagtem Abend alle einsatzfähigen Soldaten anderorts in Gefechten gebunden waren, fehlte es an Truppe und Artillerie, um die Tanklaster- Diebe zu bekämpfen. Da man sie nicht davon kommen lassen darf, blieb nur die Option der Bombardierung.

    Wieder ein Beispiel, wie zu wenig Soldaten Zivilisten gefährden. Man muss allerdings klar feststellen, dass Zivilist in diesem Fall nicht unbeteiligt oder gar unschuldig heißt.

    Herr Hauke als Autor dieses Artikels sollte sich vielleicht mal erkundigen, was man mit Systemen wie Sniper ATP und Rover so alles sehen und machen kann. Er würde dann alberne Spekulationen über "schlechte Aufnahmen amerikanischer Aufklärer" unterlassen.

    • HHuber
    • 29.10.2009 um 19:02 Uhr

    "Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."

    hat jemand etwas anderes erwartet? Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus - das gilt auch für Militärs...

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    • keox
    • 30.10.2009 um 18:27 Uhr

    "Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."

    Übersetzt heißt das:

    "Wir gehen davon aus, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."

    • TDU
    • 30.10.2009 um 19:49 Uhr

    Eine Krähe.... Das Argument kommt immer, wenn Fachleute oft Standesberufe Schaden anrichten. Ärzte, Rechtsanwälte, Offiziere Politiker, Manager. Die Kleinen sind immer unbequem oder Opfer.

    Also kann man folgern: Eine bestimmte Gruppe ist grundsätzlich schuld, eine andere grundsätzlich unschuldig.

    Ich will Ihre Ansicht gar nicht angreifen, aber eigentlich ist die Struktur diese Arguments doch genau wie: alle was weiss ich sind so oder so, um Beispiel aus bestimmten Volksgruppen nicht zu nennen.

    Im Grunde also was für den Stammtisch oder nicht?

    • keox
    • 30.10.2009 um 18:27 Uhr

    "Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."

    Übersetzt heißt das:

    "Wir gehen davon aus, dass deutsche Soldaten in jener Nacht in operativer Hinsicht nicht militärisch korrekt gehandelt haben."

    • TDU
    • 30.10.2009 um 19:49 Uhr

    Eine Krähe.... Das Argument kommt immer, wenn Fachleute oft Standesberufe Schaden anrichten. Ärzte, Rechtsanwälte, Offiziere Politiker, Manager. Die Kleinen sind immer unbequem oder Opfer.

    Also kann man folgern: Eine bestimmte Gruppe ist grundsätzlich schuld, eine andere grundsätzlich unschuldig.

    Ich will Ihre Ansicht gar nicht angreifen, aber eigentlich ist die Struktur diese Arguments doch genau wie: alle was weiss ich sind so oder so, um Beispiel aus bestimmten Volksgruppen nicht zu nennen.

    Im Grunde also was für den Stammtisch oder nicht?

  3. Einen Sprecher, der sagt, wir haben gesündigt, und es tut uns unendlich leid, dass wir zurückgeschlagen haben? http:/kallewestrich.blogspot.com

  4. Das scheinen hier viele Kommentatoren zu vergessen.
    Man kann viel spekulieren, doch müssen wir der Einschätzung des Generalstabs und der Bundesregierung als institutioneller Aufsicht schon folgen.
    Ansonsten kann man nur die gesamte Regierung dafür haftbar machen, bei der nächsten Wahl.
    Alles andere ist Stänkerei!
    Das Geschäft der Soldaten ist es Risikoentscheidungen zu treffen, auch solche die falsch sein können und das Leben Unbeteiligter kosten.
    Es ist verdammt arrogant und realitätsfremd so mit diesem Thema umzugehen, ebenso davon auszugehen, das die Öffentlichkeit immer einen Anspruch auf vollständige Information hätte.
    Dafür gibt es gewählte Repräsentanten oder Untersuchungsausschüsse.
    Die implizite Unterstellung, das hier mal wieder gemauschelt wurde, kann der Realität entsprechen. Es ist jedoch undemokratisch, anmassend und illoyal dies auf diese Weise zu unterstellen.

    H.

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    • Lodda
    • 29.10.2009 um 19:58 Uhr

    Wer Bomben auf andere Menschen abwirft oder abwerfen lässt muss seine Unschuld nicht mehr beweisen - die hat er nämlich schon längst verloren.

    • keox
    • 30.10.2009 um 18:29 Uhr

    "Ansonsten kann man nur die gesamte Regierung dafür haftbar machen, bei der nächsten Wahl."

    • Lodda
    • 29.10.2009 um 19:58 Uhr

    Wer Bomben auf andere Menschen abwirft oder abwerfen lässt muss seine Unschuld nicht mehr beweisen - die hat er nämlich schon längst verloren.

    • keox
    • 30.10.2009 um 18:29 Uhr

    "Ansonsten kann man nur die gesamte Regierung dafür haftbar machen, bei der nächsten Wahl."

    • Lodda
    • 29.10.2009 um 19:58 Uhr

    Wer Bomben auf andere Menschen abwirft oder abwerfen lässt muss seine Unschuld nicht mehr beweisen - die hat er nämlich schon längst verloren.

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    aber mach mich nicht naß!

    Dieselben Leute, die damals die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt haben in der blauäugigen Annahme, sie könnte sich dort lediglich auf humanitäre oder friedenssichernde Maßnahmen beschränken, reagieren äußerst empört, wenn es sich wie vorhersehbar herausstellt, daß in einem Krieg scharf geschossen wird und Menschen sterben. Die Verhältnisse des Friedens lassen sich auf die Zustände eines Krieges nicht übertragen, und es ist ein Krieg, der dort in Afghanistan tobt. Dann tritt auch die Logik eines Kriegs in Kraft. Wem das nicht gefällt, der sorge bitte dafür, daß die eigenen Soldaten nicht in ein solches Land geschickt werden, oder soll aufhören, sich von seinem sicheren und warmen Platz in einem Redaktionsessel aus über das böse und völlig unkorrekte Verhalten der Bundeswehr zu erregen.

    Nu lassen Sie doch die Taliban aus dem Spiel. Internationale Friedenstruppen sind nicht angreifbar, sie sind immun.

    aber mach mich nicht naß!

    Dieselben Leute, die damals die Bundeswehr nach Afghanistan geschickt haben in der blauäugigen Annahme, sie könnte sich dort lediglich auf humanitäre oder friedenssichernde Maßnahmen beschränken, reagieren äußerst empört, wenn es sich wie vorhersehbar herausstellt, daß in einem Krieg scharf geschossen wird und Menschen sterben. Die Verhältnisse des Friedens lassen sich auf die Zustände eines Krieges nicht übertragen, und es ist ein Krieg, der dort in Afghanistan tobt. Dann tritt auch die Logik eines Kriegs in Kraft. Wem das nicht gefällt, der sorge bitte dafür, daß die eigenen Soldaten nicht in ein solches Land geschickt werden, oder soll aufhören, sich von seinem sicheren und warmen Platz in einem Redaktionsessel aus über das böse und völlig unkorrekte Verhalten der Bundeswehr zu erregen.

    Nu lassen Sie doch die Taliban aus dem Spiel. Internationale Friedenstruppen sind nicht angreifbar, sie sind immun.

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