Atomverhandlungen Die Zeit spielt für die Iraner
Iran trifft die mächtigsten Länder der Welt zu Gesprächen. Auf der Tagesordnung steht das Atomprogramm. Teheran wird keine Zugeständnisse machen. Von Michael Thumann
© Atta Kenare/AFP/Getty Images

Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad verteidigt das Atomprogramm seines Landes - es diene ausschließlich zivilen Zwecken
Man stelle sich zwei Menschen vor, die seit Langem miteinander sprechen wollen, sich aber kurz vor dem Stelldichein noch mal heftig angiften, erpressen und beleidigen. Das kann kein gutes Gespräch werden. So in etwa darf man sich das Treffen der fünf ständigen Mitglieder des UN- Sicherheitsrats und Deutschlands am Donnerstag in Genf mit Iran vorstellen. Kurz vor dem Sorgengipfel in der Schweiz gab Iran zu, eine zweite Anreicherungsanlage für nuklearen Brennstoff aufzubauen. Und als reichte das noch nicht aus, zündete Teheran noch rasch ein paar Raketen, die mit bis zu 2000 Kilometern Reichweite schon zur Langstreckenkategorie zählen. Amerika, Großbritannien und Frankreich drohten darauf Iran mit harten, empfindlichen Sanktionen. Und dann machten sich alle zum Verhandeln bei Kaffee und Klarsichthüllen nach Genf auf.
Iran möchte gern über die ganz großen Dinge reden, Friedensinitiativen im Mittleren Osten, Zusammenarbeit im Sinne der ganzen Menschheit, eine bessere Welt. Das ist schön, aber verfehlt das Thema. Die westlichen Gesandten werden vor allem konkret über Irans Atomprogramm sprechen wollen. Daran hat Teheran bisher wenig Interesse gezeigt. Iran kann warten, die Zeit arbeitet für die Regierung in Teheran. Ganz gleich, mit welcher Erklärung die Diplomaten am Ende ihre Flugtickets nach Genf rechtfertigen, es wird kaum Greifbares sein. Zu weit liegen die Ziele auseinander: Iran möchte die nuklearen Zentrifugen weiter drehen lassen, um dereinst die Bombe herstellen zu können – oder zumindest jederzeit die Option dafür zu haben. Der Westen will genau das nicht. Kann er es verhindern?
Vom Krieg gegen Iran wurde schon viel geraunt. Natürlich wägt Israel weiter seine militärischen Optionen ab. Aber ein Angriff auf Iran passt herzlich wenig in das Gesamtkonzept von US-Präsident Barack Obama, der in Afghanistan schon einen Krieg zu verlieren scheint. Ein Angriff auf Iran würde dem Land sicher schaden, aber nicht das Atomprogramm stoppen: Während über der Erde die Trümmer rauchten, würden unter der Erde die Zentrifugen weiterdrehen. Oder kurz darauf an neuen Stellen. Kurz: Krieg bringt nichts.
Deshalb reden westliche Politiker lieber von harten und "zerstörerischen" (Hillary Clinton) Sanktionen gegen Iran. Das ist sicher ein gutes diplomatisches Placebo, wahrscheinlich auch eine halbwegs sinnvolle Politik, um das Gesicht zu wahren, aber beileibe kein Mittel, das Atomprogramm zu stoppen. Da kann der Verkehr im Iran zusammenbrechen, weil kein raffiniertes Benzin mehr hineinkommt, da können alle Auslandskonten gesperrt, alle Flugverbindungen gekappt, alle Handelsbeziehungen abgebrochen sein, da können die Iraner unter schwersten Krisen leiden. Das einzige, was immer geht, wird die Arbeit am Atomprogramm sein. Nuklearmacht zu werden, hat in Iran mittlerweile etwas von einer quasireligiösen Verheißung. Und im Gegensatz zur Rückkehr des Mahdi kann das islamistische Regime daran auch konkret arbeiten.
Machen wir uns nichts vor: Wenn Iran eine Atommacht werden will, dann kann keiner das Regime stoppen. Darum ist es höchste Zeit, über eine Welt und einen Mittleren Osten nachzudenken, in dem Iran als Nuklearmacht seine Karten ausspielt. Und es ist Zeit, sich auf drei Feldern darauf vorzubereiten: militärisch, machtpolitisch – und durch Friedenspolitik.
Beim atomaren Iran denken viele immer gleich an Israels Bedrohung. Gemach. Israel hat selbst Atomwaffen und wird Iran in der Entwicklung derselben weiter um Jahrzehnte voraus sein. Hier gelten immer noch die Naturgesetze der Abschreckung. Wirklich in Bedrängnis sind die nichtnuklearen Golfstaaten, die Türkei, Ägypten und viele europäische Staaten. Diese Länder könnten sich nun alle – jeder für sich – Raketenschirme anschaffen. Besser aber wäre es, analog zur Nato-Erfahrung aus dem Kalten Krieg über Bündnisse nachzudenken, die ohne amerikanische Führung wahrscheinlich unmöglich sind. Hillary Clinton hat die Errichtung eines "Abwehrschirms" für einige arabische Staaten bereits angedeutet. Für Israel gilt er heute schon. Insbesondere die Golfstaaten aber brauchen diese Sicherheit, denn sie stehen Iran heute ähnlich schutzlos gegenüber wie Westeuropa in den fünfziger Jahren der Sowjetunion. Solche Bündnisse brauchen Vorbereitung, die heute beginnen sollte.
Unter diesem nuklearen Schutzschirm sollten Amerikaner und Europäer den Aufstieg neuer Regionalmächte im Mittleren Osten bewusst fördern: Saudi-Arabien, die Golftiger von Qatar bis Dubai und die Türkei haben Iran heute wirtschaftlich und technologisch längst hinter sich gelassen. Sanktionen gegen Teheran werden diese Kluft weitern. In dem Sinne: Greift Iran nach der Vorherrschaft, hilft der Westen der Konkurrenz auf. Der nukleare Vorsprung Irans könnte durch den Entwicklungsschub seiner Nachbarn neutralisiert werden.
Entscheidend wird es am Ende sein, ob Iran seine Manövrierräume im Mittleren Osten genommen werden. Die Konfrontationen der Bush-Jahre nach dem 11. September schufen das perfekte Klima für Iran, Unfrieden zu säen und seinen Einfluss auszubauen. Eine Entschärfung des israelisch-palästinensischen Konflikts und der Blutfehden im Irak sind deshalb ebenso wichtig wie die Errichtung von Gegengewichten und Abwehrschirmen gegen die iranischen Ambitionen. Wenn der Westen diese drei Aufgaben beharrlich verfolgt, wird er mit Iran irgendwann entspannter sprechen können. Denn Atomwaffen allein machen noch keine regionale Vormacht aus. Wer’s nicht glaubt, reise nach Pjöngjang.
- Datum 01.10.2009 - 19:13 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 30
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Sehr geehrter Herr Thumann,
was macht Sie da so sicher? Daß auch Amerika Kriege verloren hat, können Sie doch nicht zur Beweisführung heranziehen. Logik!
Mir wird angst und bange! Die Zeit spielt für die Iraner? Möglicherweise verursacht dieses bei den Israelis, dass der Druckpunkt am Gewehr immer empfindlicher wird. Ein leichtes Zucken und da wird so manches punktweise pulverisiert im Lande Iran.
mir auch!
Aber einer muß es machen!
mir auch!
Aber einer muß es machen!
er schadet uns allen massiv. Der Artikel ist klug und bringt eine bestechende Analogie (Atommacht=Mahdi), die nicht zuletzt wegen ständiger westlicher Verneigung vor eigener und fremder Atommacht von UNS plausibel gemacht wurde. Anrainer stärker, nicht das hysterische Gehabe bestimmter Mitspieler aufgreifen, Ruhe bewahren. Wir waren von 1960 bis 1990 lange Jahre durch tausende Atomwaffen bedroht und haben das auch klug gemeistert.
...daß es nichts bringt ständig dem Nachbarn in den Teich zu pinkeln.
Eine Option haben Sie allerdings ausgelassen: Europa hätte die Möglichkeit im Nahen und Mittleren Osten und damit in der Weltpolitik eine eigenständige Rolle zu spielen.
Was soll das gebetsmühlenhafte credo für USA ? Wir sind nicht der Wurmfortsatz von Washington, auch wenn manche EU Neuzugänge das gern so hätten (Neue Europäer vs. alte Europäer).
Die USA haben eigene Energievorräte, gerade wurde wieder ein riesiges Ölfeld im Golf von Mexico identifiziert.
Wir sind auf Gedeih und Verderb auf Länder angewiesen, die uns an ihren Rohstoffen teilhaben lassen, und uns im Gegenzug unsere Ingenieurkunst abnehmen.
Es stünde uns gut zu Gesicht zumindest eine einigermaßen neutrale Haltung einzunehmen, besser wäre enge Zusammenarbeit mit Iran, Libyen, Türkei, sowie eine aktive Rolle bei der Befriedung Israels unter Integration der palästinensischen Bevölkerung, von Afrika ganz zu schweigen.
Wissen Sie, was passiert, wenn Sie das machen, was hier im Artikel dargestellt wird?
Hier geht man auf das alte Rezept für Irak zurück: ausbluten lassen, bis das Volk nicht mehr kann.
In der Zwischenzeit passiert dann genau das, was wohl Oberst Ghaddafi mit Terrorinszenierung meinte: dann hat man künftig Al Quaida, die es z.B. im Irak vor 2002 nicht gab (weil legitime Herrscher sich hüten, in einen Bund mit Widerstandskämpfern bzw. Terroristen einzuwilligen, denn das ist international Selbstmord) auch im Iran. D.h. das - inzwischen kann man es wohl so nennen - Terrorsystems bin Ladens erfährt noch mehr Zulauf.
Für Iran wäre das einzig Richtige, wenn man ihn als Partner anerkennen würde, der genauso wie alle anderen den Frieden möchte.
Diese Isolationspolitik ist dermaßen atmosphärisch zersetzend, daß es böse enden wird.
Im übrigen bin ich mir nicht so sicher, daß Staaten wie die Türkei, Ägypten gegen den Iran stehen: wenn allerdings so geschürt wird, wie im Moment, dann wird die Lage gespannter.
Aber Iran ist nicht allein. Was macht man mit Syrien / dem Libanon?
Offensichtlich sind derzeit keine friedensfähigen Politiker an der Macht, die den Mut hätten, Iran als einem etwas anderen Partner, die Hand zu reichen.
Jedenfalls wüßte ich gerne, mit welchem Recht man versucht, einen Krieg gegen den Iran zu starten. Deswegen greift man auf Sanktionspolitik aus der Ära Clinton zurück, die völlig menschenverachtend, ganz langsam ein Land in den Ruin trieb.
Die Iraner können sich bei ihren Drohgebärden gegen den Westen und Israel bis jetzt nur auf Sympathie in Teilen der arabischen Staaten verlassen. Wenn sie erst einmal über A-Waffen verfügen, werden sie die Rolle des Sprechers der arabischen Welt einfordern und bekommen. Es geht ihnen nicht primär um die Zerstörung Israels, auch wenn die iranische Führung das immer wieder mit aller Härte proklamiert. Es geht zunächst um die Führung des arabischen Blocks.
Und wenn die mit militärischen Mitteln erreicht ist, werden sich die Nachbarn der wirtschaftlichen Zusammenarbeit nicht verschließen. Nord-Korea ist isoliert, weil keiner es braucht. Das sieht bei den Golfstaaten und ihren Nachbarn anders aus. Erst recht mit dem großen Bruder im Rücken.
"Wenn sie erst einmal über A-Waffen verfügen, werden sie die Rolle des Sprechers der arabischen Welt einfordern und bekommen"
Die Rolle des Sprechers des arabischen Blocks werden die Iraner als Schiiten kaum einnehmen können. Auch wenn es Iran gelingt, sich in der Rolle als regionale Vormacht fest zu etablieren, so wird die religiös-kulturelle Kluft zwischen dem Land und den arabischen Staaten sich wohl kaum in Luft auflösen. Die Antipathien sind teils groß, auch oder gerade unter der Bevölkerung. Die Angst der arabischen Staaten vor dem wachsenden Einfluss Irans könnte tatsächlich dazu führen, dass sie einen amerikanischen Schutzschirm annehmen. Diese Möglichkeit ist nicht zu unterschätzen, könnte sie als wahrgenommene Kooperation zwischen westlichen und arabischen Welt das angespannte Verhältnis womöglich verbessern. Dabei hinge jedoch viel davon ab, wie das Projekt kommuniziert und von den jeweiligen Bevölkerungen empfunden würde.
"Wenn sie erst einmal über A-Waffen verfügen, werden sie die Rolle des Sprechers der arabischen Welt einfordern und bekommen"
Die Rolle des Sprechers des arabischen Blocks werden die Iraner als Schiiten kaum einnehmen können. Auch wenn es Iran gelingt, sich in der Rolle als regionale Vormacht fest zu etablieren, so wird die religiös-kulturelle Kluft zwischen dem Land und den arabischen Staaten sich wohl kaum in Luft auflösen. Die Antipathien sind teils groß, auch oder gerade unter der Bevölkerung. Die Angst der arabischen Staaten vor dem wachsenden Einfluss Irans könnte tatsächlich dazu führen, dass sie einen amerikanischen Schutzschirm annehmen. Diese Möglichkeit ist nicht zu unterschätzen, könnte sie als wahrgenommene Kooperation zwischen westlichen und arabischen Welt das angespannte Verhältnis womöglich verbessern. Dabei hinge jedoch viel davon ab, wie das Projekt kommuniziert und von den jeweiligen Bevölkerungen empfunden würde.
mir auch!
Aber einer muß es machen!
Irak hat man ja auch jahrelang mit Sanktionen gewürgt, bis wirtschaft und Militär ab Boden lagen um es dann schließlich anzugreifen.
Ich weiss das klingt als ein Hirngespinst, aber möglicherweise sind das die Überlegungen einiger Iraner welche, trotz sanktionen an dem Atomprogramm festhalten wollen.
Denn die Sanktionen greifen schon: Iran verkauft Rohöl, das vergleichsweise billig ist, und muß teures Benzin kaufen, weil es nicht über die nötigen Raffinerien verfügt: die können derzeit nicht gebaut werden, dank der Sanktionen.
Und um der Sache die Krone aufzusetzen, hatte man die grandiose Idee, die Benzinlieferungen zu boykottieren.
Genau dieser Sachverhalt bestätigt sich, wenn Netanjahu davon spricht, Iran lahmlegen zu wollen.
@10 Rubel, Sie könnten mit Ihren Mutmaßungen vollkommen Recht haben.
Wie oft hat Präsident Bush denn die Kreuzer seiner Navy vor Iran auffahren lassen? Wie oft schon hat Israel - das Atomwaffen besitzt - dem Iran gedroht?
Wenn der Nachbar andauernd mit Angriffen droht, sichert wohl ein Jeder das eigene Haus, auch mit Raketenversuchen....
Denn die Sanktionen greifen schon: Iran verkauft Rohöl, das vergleichsweise billig ist, und muß teures Benzin kaufen, weil es nicht über die nötigen Raffinerien verfügt: die können derzeit nicht gebaut werden, dank der Sanktionen.
Und um der Sache die Krone aufzusetzen, hatte man die grandiose Idee, die Benzinlieferungen zu boykottieren.
Genau dieser Sachverhalt bestätigt sich, wenn Netanjahu davon spricht, Iran lahmlegen zu wollen.
@10 Rubel, Sie könnten mit Ihren Mutmaßungen vollkommen Recht haben.
Wie oft hat Präsident Bush denn die Kreuzer seiner Navy vor Iran auffahren lassen? Wie oft schon hat Israel - das Atomwaffen besitzt - dem Iran gedroht?
Wenn der Nachbar andauernd mit Angriffen droht, sichert wohl ein Jeder das eigene Haus, auch mit Raketenversuchen....
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