Italien Zehntausende demonstrieren gegen Berlusconis “Medien-Maulkorb“

Der italienische Staatschef besitzt fast die Hälfte der privaten TV-Sender des Landes. Nach seinen Klagen gegen kritische Medien formt sich nun international Opposition.

Demonstration für Medienfreiheit: Zehntausende versammeln sich am Sonntag auf Roms Piazza del Popolo, um ihrem Unmut über die Medien-Macht ihres Regierungschefs Ausdruck zu verleihen

Demonstration für Medienfreiheit: Zehntausende versammeln sich am Sonntag auf Roms Piazza del Popolo, um ihrem Unmut über die Medien-Macht ihres Regierungschefs Ausdruck zu verleihen

Bei einer Großkundgebung in Rom haben am Samstag Zehntausende von Journalisten, Gewerkschaftern und besorgten Bürgern in Rom für die Medienfreiheit und gegen "Einschüchterungsversuche" durch Silvio Berlusconi demonstriert. Die Demonstranten warfen dem italienischen Ministerpräsidenten vor, eine kritische und offene Berichterstattung über sein pikantes Privatleben unterdrücken zu wollen. "Nein zum Informations-Maulkorb", so lautete einer der Slogans auf der Kundgebung am Samstag, zu der der nationale Journalistenverband FNSI aufgerufen hatte. Nach seinen Angaben beteiligten sich rund 300.000 Menschen an der Protestaktion gegen "Medien-Knebelung", die römische Polizei zählte dagegen 60.000. Berlusconi tat die Kundgebung als "absolute Farce" ab. Die Medien in Italien seien frei.

Auslöser der Proteste waren die Schadensersatzforderungen, mit denen der konservative Berlusconi gegen die linken Zeitungen La Repubblica und L'Unità wegen der kritischen Berichterstattung über seine angeblichen Sex-Affären und wilden Feste vorgeht. Beide Blätter sollen dem Regierungschef Schadenersatz in Millionenhöhe zahlen, was Journalisten als Versuch anprangern, sie zum Schweigen zu bringen. Sie werden in einer Welle der Solidarität von etlichen Kulturschaffenden und Intellektuellen unterstützt. So stellten sich unter anderen die Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass, Doris Lessing und Elfriede Jelinek hinter diese Zeitungen und traten für Meinungsfreiheit ein.

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Wie andere europäische Organisationen begrüßte auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) die Anti-Berlusconi-Protestaktion. "Die ständigen Versuche Berlusconis, Presse und Rundfunk gefügig zu machen, sind mit den Grundprinzipien von Meinungsfreiheit und Demokratie nicht vereinbar", kritisierte der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken. Auch in anderen europäischen Hauptstädten wie Paris und London gab es - kleinere - Aktionen gegen eine Einflussnahme des Medienzars auf die Presse und das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Italien.

Berlusconi besitzt drei der sieben privaten terrestrischen TV-Sender in Italien und eine Reihe weiterer Medienunternehmen. Einer Untersuchung der US-Forschungsgruppe Freedom House zufolge, liegt Italien bei der Freiheit der Berichterstattung auf Platz 73 von 195 und ist als "teilweise frei" einzustufen. Die Organisation Reporter ohne Grenzen sieht Italien auf dem letzten Platz der EU-Staaten.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Berlusconi hat ebenfalls gegen El País geklagt und sich, so schon vor einiger Zeit sein Anwalt und Parlamentsabgeordnete Ghedini, gegen weitere Zeitungen, insbesondere britische und französische, Klagen vorbehalten. Die Gründe sich unterschiedlich.
    Gegen l'Unità klagt der Ministerpräsident wegen einer Artikelserie um angeblich abgehörte Telefonate zwischen Ministerinnen und anderen Damen, wo es angeblich um Belohnungen für „erwiesene Dienste“, sexuelle Praktiken und Hilfestellungen geht. Streitwert derzeit: Rund 2 Mio. Euro. Gegen la Repubblica geht er dagegen vor, weil diese seit Juni dJ. 10 seither jeweils leicht abgewandelte Fragen an Herrn Berlusconi stellt, die sich ua. mit den Hintergründen seines Verkehrs mit minderjährigen Mädchen, mit Prostituierten und seiner daraus resultierenden potentiellen Erpressbarkeit befassen. Fragen, auf die er sich ausdrücklich weigert, zu antworten und stattdessen, weil es angeblich nur „rhetorisch“ und daher ehrverletzend seien, Millionenbeträge als Schadensersatz will. El País hat dagegen einige Fotos des italienischen Reporters Zappadu veröffentlicht, die das Treiben in der Villa des Tycoons auf Sardinien, La Certosa, dokumentieren. In den Strudel um diese Photos geriet auch der Ex-Premier Tschechiens Topolanek, der am Rande des villeneigenen Schwimmbades abgelichtet worden war. Deren Veröffentlichung waren in Italien unterbunden worden, aber eben nicht in Spanien.

  2. der Unterschied liegt darin, dass Berlusconi nicht nur der Medientycoon ist, sondern als Ministerpräsident mit seiner Parlamentsmehrheit auch über die Besetzung sämtlicher Gremien im öffentlich-rechtlichen Programm bestimmen kann. Das hat er in den letzten acht Wochen weidlich genutzt.
    Konzentration ist die eine Seite der Madaille, was man daraus machen will, die andere. Insoweit ist Spoo nicht wirklich erhellend.

  3. Berlusconi missbraucht seine position als Regierungschef und Medienmogul um die Pressefreiheit und Demokratie zu untergraben.Die Medien die er nicht gleichschalten kann diffamiert und bekämpft er mit alle Macht.
    eine Schande für die zivilisierte Welt.

    Antwort auf "MEDIEN-MAULKORB?"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Keine Schande für die zivilisierte Welt, sondern vor allem eine Schande für das italienische volk, das immer wieder so dämlich ist diesen ekelerregenden Mafiosi zu wählen.

    Keine Schande für die zivilisierte Welt, sondern vor allem eine Schande für das italienische volk, das immer wieder so dämlich ist diesen ekelerregenden Mafiosi zu wählen.

  4. Keine Schande für die zivilisierte Welt, sondern vor allem eine Schande für das italienische volk, das immer wieder so dämlich ist diesen ekelerregenden Mafiosi zu wählen.

  5. wenn der Ministerpräsident als Unternehmer jahrelang und heute noch eine Fernsehfrequenz rechtswidrig besetzt, obwohl der EuGH ihn dazu verurteilt hat, diese freizugeben,
    wenn die gleiche Person Inhaber einer Gesellschaft ist, die gerade vorgestern zur Zahlung von 750 Mio Euro Schadensersatz verurteilt wurde, weil sie durch Korruption eines Richters und von zwei Anwälte rechtswidrig einen Verlag übernehmen konnte,
    wenn diese Person sich zum Neujahrsfest auf Sardinien mit mindestens zwei minderjährigen Mädchen umgab, ohne Begleitung derer Eltern und mit denen er auch nicht verwandtschaftlich verbunden ist,
    wenn ebendieser der Tatsache überführt ist, dass er fremde Frauen (gleich ob gegen Bezahlung oder nicht) nicht nur in seinen Palazzo Grazioli, sondern auch in "Putins Bett" einlädt und damit als Chef einer europäischen Macht erpressbar wird,
    wenn derselbe, um diesen Nachrichten zu entgehen, einen Chefredakteur Vittorio Feltri für "Il Giornale" engagiert, um nacheinander Boffo, Mauro, Scalfari und die Familie Agnelli anzugreifen,
    zur gleichen Zeit der von dieser Person eingesetzte Direktor des TG1 davon in den Nachrichten keine (!) Meldung gibt,
    dann ist nicht in dem Staate Dänemark etwas faul, sondern in Italien.
    E Le assicuro, carissimo, che l'Italia la conosco davvero.

    Antwort auf "MEDIEN-MAULKORB?"
  6. Es ist ziemlich eindrucksvoll, wer von den freien deutschen Journalisten bzw. Schriftstellern nach Italien(!) fährt, um dort für Pressefreiheit zu kämpfen. Als ob es in deutschen Medien Karrieren unabhängig von Parteibuch und Kumpanei gäbe.
    Unser Bundeskanzler Kohl hat sehr geschickt konitnuierlich reine Selbstdarstellungssendungen auf den Privatsendern organisiert.
    Anne Will und die anderen Talkshows sind nichts als eine Plattform für Profilneurotische Politiker, die dort erzählen können, wie schwer es alles für sie ist und weshalb sie wieder Geld von untern nach oben verschieben müssen.
    Deutschland hat genug Dreck vor der eigenen Tür. Aber es ist natürlich einfacher sich selbst darzustellen, indem man zum bekannten Buhmann geht und ihn für etwas anklagt, von dem man eigentlich nicht so genau weiss, ob er es wirklich getan hat oder nicht, denn alles was man weiss, hat man aus wirklich nicht gerade dem Objekt freundlich gesinnten Zeitungen.

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