Karadžić-Prozess "Durch Zufall verfehlten mich die Kugeln"

Das Massaker von Srebrenica hat er wie durch ein Wunder überlebt. Nun will Ivo Dudic am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegen Radovan Karadžić aussagen.

srebrenica
Der bosnische Bauer Ivo Dudic überlebte das Massaker von Srebrenica und wird gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Karadzic in Den Haag aussagen. Um Dudic zu schützen, wurde sein Name geändert

Der bosnische Bauer Ivo Dudic überlebte das Massaker von Srebrenica und wird gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher Karadzic in Den Haag aussagen. Um Dudic zu schützen, wurde sein Name geändert

ZEIT ONLINE: Haben Sie Ihre Koffer schon für die Reise nach Den Haag gepackt?

Ivo Dudic: Sie haben gesagt, ich soll mich bereithalten. Normalerweise meldet sich Den Haag einen Monat, bevor sie mich brauchen, und das haben sie bisher nicht getan. Die Ankläger arbeiten ein Verbrechen nach dem anderen ab, Schauplatz um Schauplatz, und Srebrenica ist wohl erst später dran.

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ZEIT ONLINE: Sie haben dort während des Bosnienkriegs zwei Söhne verloren. Mehr als 8000 Männer wurden 1995 von den bosnischen Serben umgebracht, alles Muslime wie Sie.

Dudic: Aus meiner Familie haben außer mir nur meine Frau und zwei Töchter überlebt. Sie waren in einem der Busse, in denen die bosnischen Serben die Frauen aus Srebrenica wegschafften. Mich hielten sie mit Hunderten anderen tagelang gefangen und brachten uns dann auf eine Wiese, um uns zu erschießen. Durch Zufall verfehlten mich die Kugeln. Ich floh in die Wälder.

ZEIT ONLINE: Ihre furchtbaren Erlebnisse haben Sie im ZEITmagazin 33/2009 zum ersten Mal der Öffentlichkeit erzählt. Dreimal waren Sie zuvor in Den Haag, Sie sind einer der wichtigsten Zeugen der internationalen Strafjustiz. Wie ertragen Sie es, die Erinnerungen immer wieder zu wecken?

Dudic: Ich muss nach Den Haag. Ich muss meine Geschichte erzählen.

ZEIT ONLINE: Wird es Ihnen schwer fallen, Karadžić in die Augen zu blicken? 

Dudic: Wenn er kommt, sitzen wir im selben Raum. Ich im Zeugenstand den Richtern gegenüber, rechts die Staatsanwälte. Karadžić wird links von den Richtern sitzen, mit seinen Anwälten. Manchmal habe ich links rüber geschaut. Noch nie hat einer dieser Verbrecher irgendeine Regung gezeigt.

ZEIT ONLINE: Wie lange werden Sie sprechen?

Dudic: Es dauert wohl ein paar Stunden, ich weiß es nicht genau. Ich habe dann kein Gefühl mehr für die Zeit. Ich rede ruhig und langsam, so ist es vorgeschrieben. Jeder zu laut vorgebrachte Satz würde aus dem Protokoll gestrichen.

ZEIT ONLINE: Nimmt man Sie danach ins Kreuzverhör?

Dudic: Ja, die Anwälte der Angeklagten stellen Fragen, sie versuchen meine Geschichte kaputtzumachen. Das schaffen sie aber nicht. Alles ist wahr. Ein Staatsanwalt bereitet meine Aussage vor der Verhandlung mit mir vor, jedes Detail. Ich muss manchmal aufpassen, dass ich die Zeit nicht durcheinanderbringe.

ZEIT ONLINE: Niemand da, der Sie tröstet?

Dudic: In den Pausen während der letzten Prozesse haben mich auf dem Flur Leute angesprochen und in den Arm genommen. Sie sagten: Danke, dass Sie diese Geschichte erzählen. 

ZEIT ONLINE: Wären Sie zufrieden, wenn Karadžić als Kriegsverbrecher zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wird?

Dudic: Weniger darf er auf keinen Fall bekommen! Selbst 200 Jahre Haft wären nicht genug. Karadžić stand an der Spitze der bosnisch-serbischen Regierung. Alles, was geschah, hat er befohlen. Auch Ratko Mladić muss bestraft werden. Ich habe ihn selbst in Potocari gesehen, einem Vorort von Srebrenica. Wahrscheinlich werden sie mich wieder rufen, um gegen ihn auszusagen. Ich werde gern kommen.

Leser-Kommentare
  1. Alles schon dagewesen:

    Nazi Morde
    »Ohne Geschrei oder Weinen zogen sich diese Menschen aus, standen in Familiengruppen beisammen, küßten und verabschiedeten sich und warteten auf den Wink eines anderen SS-Mannes, der an der Grube stand und ebenfalls eine Peitsche in der Hand hielt.
    Ich habe während einer Viertelstunde, als ich bei den Gruben stand, keine Klagen oder Bitten um Schonung gehört. Ich beobachtete eine Familie von etwa 8 Personen, einen Mann und eine Frau, beide von ungefähr 50 Jahren, mit deren Kindern, so ungefähr i-, 8- und 10 jährig, sowie 2 erwachsene Töchter von 20-24 Jahren. Eine alte Frau mit schneeweißem Haar hielt das einjährige Kind auf dem Arm und sang ihm etwas vor und kitzelte es. Das Kind quietschte vor Vergnügen. Das Ehepaar schaute mit Tränen in den Augen zu.
    --- Dicht aneinandergepreßt lagen die Menschen so aufeinander. Von fast alle Köpfen rann Blut über die Schultern

    Aus Nürnberger Tagebuch 1945 / G.M.Gilbert

  2. Ich finde es sehr schrecklich was dort unten immer wieder passiert. Ich bin Mazedonier und stehe den Kulturen dort also sehr Nahe. Ich musste auch eine Träne verdrücken als ich das hier las, weil es mich an Zeitzeugen der Nazizeit erinnert, die an uns an der Schule waren und ihre Geschichte erzählten.

    Dennoch! Ich finde es abscheulich, dass der eine vermutliche Massenmörder einen Prozess bekommt, während der andere als ehrenhafter Präsident der Vereinigten Staaten seine Rente antritt. Was untercheidet den einen Mörder vom anderen? Was utnerscheidet einen Mladić, Karadžić von einem Bush? Oder von einem Italienischen Präsidenten der Flüchtlinge im Mittelmeer sterben lässt? Warum selektieren wir so stark? Letzte Woche wurde eine Mensch von den USA umgebracht weil er jemanden umgebracht hatte. Bush hat tausende Zivilisten auf dem Kerbholz. Fischer im Mittelmehr finden leichen in ihren Netzen. Die EU schaut zu beim Streit der Italiener mit Malta. Warum werden diese Führer nicht angezeigt? Warum ist uns das egal?

    Genau deswegen empfinde ich derartige Prozesse als kosmetisch, als zynisch, als unehrlich.

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