"Es geschieht selten, dass eine Person wie jetzt Obama die Aufmerksamkeit der Welt derart auf sich zieht und neue Hoffnungen auf eine bessere Zukunft entfacht": Mit diesen Worten begründete das Nobelpreiskomitee seine für viele völlig überraschende Entscheidung. US-Präsident Barack Obama erhält den Friedensnobelpreis 2009.

Der Vorsitzende des Osloer Nobelkomitees, Thorbjörn Jagland, verteidigte die Entscheidung gegen Kritik. Zwar sei Obama erst seit neun Monaten im Amt, doch alles, was seitdem in der Welt geschehen sei, sei mehr als genug, um zu sagen, "dass er das erfüllt, was in Alfred Nobels Testament steht. Nämlich, dass der Preis an denjenigen gehen soll, der im vorausgegangenen Jahr am meisten für internationale Verbrüderung und Abrüstung sowie die Förderung von Kooperation und Dialog getan hat".

Zu dem Vorwurf, das Komitee habe eine "populistische Entscheidung" getroffen, sagte er: "Wer das meint, der soll sich die Realitäten in der Welt vor Augen führen. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen." Es habe positive Reaktionen aus Russland und China zu Obamas bisherigen Initiativen gegeben.

In Washington herrschten Staunen und Sprachlosigkeit über die Vergabe des Preises an Obama: Offiziell gab das Weiße Haus auch rund zwei Stunden nach Verkündung noch keine Stellungnahme ab. Wie der TV-Sender CNN unter Berufung auf Berater des Präsidenten berichtete, habe Obama mit "Demut" auf die Ehrung reagiert. Laut dem TV-Sender CBS habe sich Regierungssprecher Robert Gibbs mit einer E-Mail an den Sender gewendet, die lediglich aus einem einzigen Wort besteht: "Wow!". Erst sechseinhalb Stunden nach Bekanntwerden äußerte sich Obama: Er sei überrascht und voller Demut. Was er in der Welt erreichen wolle, sei nicht Angelegenheit einer einzelnen Person oder eines Landes, sondern aller gemeinsam. Insofern habe er den Preis eigentlich nicht verdient.

Das sah die konservative US-Zeitung The Wall Street Journal auch so, allerdings aus anderen Gründen: "Barack Obama gewinnt den Nobelpreis: Wofür?", kommentiert das Blatt. Das sei "grotesk", hieß es. "Nun kann ein politischer Führer einen Friedenspreis gewinnen, weil er sagt, er wolle irgendwann in der Zukunft Frieden bringen." Zugleich weist das Blatt darauf hin, dass Obama derzeit über eine Aufstockung der Truppen im Afghanistankrieg zu entscheiden hat. CNN kommentierte milder: Der Nobelpreis sei die "Anerkennung für seine Versprechen", sagte CNN-Starreporterin Christiane Amanpour und traf damit den Ton der meisten US-Reaktionen. "Eine Überraschung, aber ein großer Tag für Amerika" meinte der Publizist John Avlon.

Weltweit begrüßten Würdenträger, Politiker und Persönlichkeiten die Entscheidung als "Hoffnungszeichen". Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela sagte: "Wir hoffen, dass dieser Preis Obamas Engagement stärken wird, als Staatschef der mächtigsten Nation der Erde weiter den Frieden und die Ausmerzung der Armut zu propagieren."

Ein erstes Glückwunschschreiben erreichte Obama aus der Heimat seines afrikanischen Familienzweigs. Kenias Präsident Mwai Kibaki sprach in dem Brief von einem "Meilenstein". Mit dem Preis werde Obamas Beitrag für einen besseren Zustand der Menschheit gewürdigt. "Ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Preis Ihren Anstrengungen für dauerhaften Frieden in Gebieten, in denen schon lange Krieg gewütet hat, neue Schubkraft geben wird." Simbabwes Präsident Morgan Tsvangirai, selbst einst Anwärter auf die Ehrung, sagte: "Er hat ihn verdient".

Mir fällt niemand ein, der diese Ehre mehr verdient hätte
IAEA-Direktor El Baradei

Die Familie selbst zeigte sich voller Stolz. "Das ist eine große Ehre", sagte sein Halbonkel Said Obama, der bei Obamas Stiefgroßmutter Sarah Obama im westkenianischen Kogelo lebt. Für Wangari Maathai, kenianische Umweltschützerin und Friedensnobelpreisträgerin von 2004, ist Obama eine Inspiration". In dem ostafrikanischen Land wird Obama als "Sohn Afrikas" verehrt.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon gratulierte US-Präsident Barack Obama "von ganzem Herzen". Die Vereinten Nationen "applaudieren ihm und dem Nobelkomitee zu seiner Wahl". In einer Grußbotschaft sagte Ban, Obama "verkörpert den neuen Geist des Dialogs und des Engagements".

Obamas Absicht, Probleme wie den Klimawandel und die nukleare Abrüstung zusammen mit den Vereinten Nationen zu lösen, "gibt den Menschen in aller Welt neue Hoffnung und Perspektiven".

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Mohammed el Baradei, äußerte sich begeistert: "Mir fällt niemand ein, der diese Ehre mehr verdient hätte", zitierte die IAEA el Baradei in Wien. In weniger als einem Jahr im Amt habe Obama es geschafft, "die Hoffnung auf eine Welt, die mit sich selbst in Frieden ist, wiederaufleben zu lassen".

Auch habe er einen herausragenden Führungsstil mit Hinblick auf eine atomwaffenfreie Welt gezeigt. El Baradei lobte zudem Obamas "unerschütterlichen Einsatz für Diplomatie, gegenseitigen Respekt und Dialog" als besten Weg zur Konfliktlösung. Der US-Präsident habe der Welt eine "eine neue Vision" geschenkt, die auf "menschlichem Anstand, Fairness und Freiheit" beruhe. Dies sei eine Inspiration für alle Menschen.

Sie haben uns die Lizenz zum Träumen und zum Handeln in in eine noble Richtung gegeben
Israels Premier Peres

Viele bewerteten die Entscheidung aus Oslo allerdings als "verfrüht" und "Vorschusslorbeeren". Der polnische Friedensnobelpreisträger Lech Walesa zeigte sich überrascht. "So schnell? Zu schnell", sagte er in einem Interview. Der Bundesausschuss Friedensratschlag, ein Zusammenschluss deutscher Friedensinitiativen, sprach von einem "kolossalen Fehlgriff". Der US-Präsident sei in seiner bisher kurzen Amtszeit noch nicht über rein atmosphärische Verbesserungen der internationalen Beziehungen hinausgekommen, sagte der Bonner Friedensforscher Andreas Heinemann-Grüder. "Insofern kann man nur sagen: Hoffentlich setzt es Obama entsprechend unter Druck, den Erwartungen dann auch gerecht zu werden."

Dementsprechend fiel auch die Reaktion der Palästinenserführung aus. Sie verlangte zusätzliche Anstrengungen von Seiten Amerikas für einen Frieden in Nahost. "Ich hoffe, dass der Preis ein zusätzlicher Ansporn für Präsident Obama ist, noch härter für einen Frieden in unserer Region zu arbeiten", sagte der Sprecher der Palästinensischen Autonomiebehörde Ghassan Chatib. "Der Preis wird Obama eine zusätzliche Verantwortung auferlegen, sich für den Frieden in der Welt zu engagieren."

Der israelische Staatspräsident Schimon Peres schrieb in einem Telegramm, "Nur sehr wenige Führer, wenn überhaupt, haben es geschafft, die Stimmung in der gesamten Welt in solch kurzer Zeit und mit solch tiefgehenden Auswirkungen zu verändern". Unter Führung Obamas sei Frieden wieder zu einem echten und originären Programm geworden. "Sie haben uns die Lizenz zum Träumen und zum Handeln in eine noble Richtung gegeben", schrieb Peres. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy wertete den Preis als weltweite Ermutigung, mit dem US-Präsidenten für Frieden und Gerechtigkeit zu wirken. Japans Premier Yukio Hatoyamam sagte, er sei "wirklich erfreut" über die Nachricht. "Wir teilen Präsident Obamas Ziel (einer nuklearen Abrüstung) und schätzen seine Führerschaft hoch."  

Russland reagierte verhalten positiv. Die Anerkennung stärke die Hoffnung auf eine tatsächliche "Erwärmung" der russisch-amerikanischen Beziehungen, sagte der Vizechef des Auswärtigen Ausschusses der Staatsduma, Leonid Sluzki. Die Preisvergabe lasse auch hoffen, dass es mit Hilfe Obamas weniger Gefahren für die globale Sicherheit geben werde. Der russische Friedensnobelpreisträger und frühere Sowjetpräsident Michail Gorbatschow schrieb an Obama, er sei "eine würdige Ergänzung in unserer Familie der Nobelpreisträger". Obama habe mit seinen Initiativen die diplomatische Atmosphäre in der Welt wesentlich verbessert, so der 78-Jährige.

Es ist ihm in kurzer Zeit gelungen, weltweit einen neuen Ton zu setzen und Gesprächsbereitschaft zu schaffen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

Bundespräsident Horst Köhler gratulierte und zeigte sich erfreut darüber, dass Obamas Wirken "verdiente Anerkennung und Würdigung findet". Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hob Obamas Wirken und sein Bemühen um die Deeskalation internationaler Konflikte hervor: "Es ist ihm in kurzer Zeit gelungen, weltweit einen neuen Ton zu setzen und Gesprächsbereitschaft zu schaffen." Obamas Eintreten für eine atomwaffenfreie Welt sei ein Ziel, das in den nächsten Jahren umgesetzt werden müsse. "Die Auszeichnung ist sicherlich ein Ansporn für den Präsidenten und für uns alle", sagte die Kanzlerin.

Ihr künftiger Koalitionspartner, FDP-Chef Guido Westerwelle, würdigte die Vergabe als Ansporn für dessen Bemühungen um eine bessere globale Zusammenarbeit. "Dieser Friedensnobelpreis ist weniger die Auszeichnung für bereits Erreichtes, sondern eine Rückenstärkung für eine Politik, die auf Kooperation statt Konfrontation und auf Abrüstung statt Aufrüstung setzt". Diese Richtschnur gelte nicht nur für Washington. "Zusammenarbeit und Vertrauensbildung sind auch die beste Tradition deutscher Außenpolitik."

Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso gratulierte den US-Präsidenten. "Es ist auch ein Zeichen der Erwartungen an Präsident Obamas Entschlossenheit, eng mit den Partnern der USA bei der Entwicklung globaler Antworten auf globale Herausforderungen zusammenzuarbeiten." Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg meinte: "Der Preis kommt nicht zu früh. Es ist spannend, wenn er an jemanden geht, der mitten in der Verantwortung steht und etwas durchzusetzen hat."

Komiteechef Jagland wischte all die kritischen Stimmen mit dem trotzigen Hinweis auf ähnlich "frühzeitige" Vergaben beiseite: Man habe ja 1971 Willy Brandt mit dessen Ostpolitik und 1990 Michail Gorbatschow bei der Perestroika auch schon ausgezeichnet, als der Ausgang dieser politischen Projekte noch völlig offen war, sagte er.