Palästina Abbas’ Rücktritt: Ein genialer Schachzug?

Palästinenserpräsident Abbas hat seinen Rückzug angekündigt. Doch vermuten viele Beobachter dahinter ein Manöver, aus dem er am Ende politisch gestärkt hervorgeht.

Sie wollen, das Abbas bleibt: Fatah-Anhänger am Montag in Ramallah

Sie wollen, das Abbas bleibt: Fatah-Anhänger am Montag in Ramallah

Ein Paukenschlag erschütterte vergangenen Mittwoch den Nahen Osten: Mahmud Abbas, Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde und Chef der säkularen Fatah erklärte seinen Rückzug aus dem politischen Leben. Angesichts ausbleibender Fortschritte in der Lösung des seit Jahrzehnten schwelenden israelisch-palästinensischen Konflikts habe er "kein Interesse", an den für den 24. Januar angesetzten Wahlen als Kandidat teilzunehmen. Daher werde er sein Präsidentenamt "sehr bald" niederlegen.

Entscheidungsträger in der Region reagierten geschockt. Nahost-Granden vom ägyptischen Staatschef Hosni Mubarak bis zum israelischen Präsidenten Schimon Peres versuchen seitdem, den Palästinenserpräsidenten von seinem Entschluss abzubringen. Zeitgleich schalten Fatah-Kader großflächige Durchhalteappelle in der palästinensischen Presse, während in Jenin, Bethlehem, Hebron und anderen palästinensischen Städten Tausende seiner Anhänger auf die Straße gehen, um Abbas zum Bleiben zu bewegen.

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Die überhitzen Reaktionen sind durchaus verständlich. Wie kaum ein anderer steht der Palästinenserpräsident für den Versuch, die nahöstliche Tragödie auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Seit Jahren symbolisiert Abbas geradezu prototypisch den 1993 in Oslo eingeschlagenen Weg von Verhandlungen mit dem Endziel einer Zweistaatenlösung. Und in dieser Hinsicht gilt er bisweilen als Repräsentant einer aussterbenden Art – östlich und westlich der israelisch-arabischen Waffenstillstandlinie von 1949.

Schon im Mai 2002 verurteilte er öffentlich die Gewalt der zweiten Intifada und trat im September 2003 aus Protest gegen Jassir Arafats ambivalente diplomatische Schachzüge als Premierminister der Palästinensischen Autonomiebehörde zurück. In den folgenden Jahren hielt er stets an Verhandlungen fest und zeigte sich weitgehend unbeeindruckt davon, wer in Jerusalem die politischen Zügel in der Hand hielt. Ariel Sharon, Ehud Barak, Ehud Olmert, Zipi Livni: Für eine ganze Generation von israelischen Entscheidungsträgern bedeuteten Friedensverhandlungen mit den Palästinensern in erster Linie Gespräche mit Abbas.

Vor diesem Hintergrund interpretieren Beobachter den angekündigten Rücktritt derzeit nicht nur als mögliches Ende einer beachtlichen Politikerkarriere, sondern auch als Abgesang an eine Ära. Das Ende Abbas’ wird dabei bisweilen mit dem möglichen Zusammenbruch der Palästinensischen Autonomiebehörde gleichgesetzt.

In dieses Horn stieß jüngst nicht zuletzt Saeb Erekat, der langjährige palästinensische Chefunterhändler, der in der Tageszeitung Al-Quds offen darüber spekulierte, ob Abbas nun nicht sowohl das Ende der Friedensverhandlungen als auch das Ende der Autonomiebehörde bekannt geben solle. Im Nachgang forderte Hassan Khraisheh, der stellvertretende Sprecher des Palästinensischen Legislativrates, erst gestern, dass Abbas "eine Auflösung der Autonomiebehörde ernsthaft erwägen" solle.

Leser-Kommentare
  1. Man kann wirklich nur hoffen, dass Abbas sich entschliesst noch etwas weiter zu machen. Allerdings kann ich auch verstehen, dass er keine Lust mehr auf diese Schauspielerei hat.

  2. Ein Nachtrag: Ich glaube nicht, dass Abbas bewusst pokert. Dafür waren die Demütigungen in den letzten Wochen einfach zu offensichtlich.

  3. Es wird keinen Friedensprozess mehr geben, jedenfalls keinen, der auf einer diplomatischen Lösung beruht. Nach dem die Palästinenser den Rückzug aus dem Gaza-Streifen mit Raketenterror beantwortet haben, sind die Israelis offenbar nicht mehr bereit, Zugeständnisse zu machen. [...] (Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Die Redaktion /ft)
    Israel braucht auch keine Zugeständnisse zu machen, es befindet sich schließlich nicht in einer Situtuation, in der es irgendwie auf den guten Willen der Palästinenser angewiesen ist. Deren Terror kann Israel auch mit Sicherheitspolitik abwehren. Deshalb ist der Rücktritt von Abbas auch kein Problem. Es wird sich halt nichts am Status Quo ändern, aber Israel kann mit dem Status Quo hervorragend auskommen.

    • eras
    • 09.11.2009 um 18:08 Uhr

    So sehr ich die Analysen der FES im Allgemeinen schätze, ich halte diesen spezifischen Text für ein wenig naiv. In der Bewertung von Abbas Arbeit wurde so ziemlich jeder negative Punkt weggelassen. Es gibt sicher viele Dinge, bei denen er schlicht machtlos ist, so zum Beispiel die ungelöste Frage der jüdischen Siedlungen (obwohl eigentlich jeder weiss, dass am Ende alles auf einen Gebietstausch herausläuft).

    Blickt man aber auf die Dinge, die innerhalb seines Machtbereichs liegen, dann hat er fast vollständig versagt. Überbordende Korruption im Staatswesen, die ungelöste Spaltung (bzw. der kalte Krieg) zwischen Fatah und Hamas, die Unfähigkeit der PLO, ihre eigene Charta von Aufrufen zum bewaffneten Kampf und Vernichtungsphantasien gegenüber Israel zu säubern, dazu Folter und politischer Mord an den eigenen Bürgern. Die Liste ist lang, und all diese Probleme existieren teilweise seit langer Zeit.

    Abbas hat in vielen Bereichen versagt. Die Israelis betrachten ihn letztlich als zu schwach, um jeden (wie auch immer geartetes) Frieden gegenüber den eigenen Leuten zu verkaufen. Hier könnte zum Beispiel eine Person wie Marwan Barghuti weit mehr bewirken.

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