Afghanistan Regierung mit schwachem Mandat

Die Lehre aus dem Wahldesaster: Afghanistan hat keine stabilen Institutionen, das gesamte politische System gehört reformiert.

Präsident mit schwachem Mandat: Hamid Karsai in Afghanistan

Präsident mit schwachem Mandat: Hamid Karsai in Afghanistan

Die Absage der Stichwahl in Afghanistan ändert wenig an der politischen Lage im Land. Ob zweite Wahlrunde oder nicht, die Wahlen wären genauso manipuliert gewesen wie beim ersten Urnengang. Die Aufhebung der Wahl am 7. November ist nichts anderes als die Weiterführung des Betrugs durch afghanische Amtsträger. Sie zeigt einmal mehr die wachsende Unrechtmäßigkeit der Regierung Karzai auf.

Afghanistan hat jetzt einen Präsidenten, der erstens nicht von einer Mehrheit der Wähler gewählt wurde und zweitens nur zum Sieger erklärt wurde, weil er der einzige Kandidat im Rennen war. Längst haben die Afghanen das Vertrauen in den Staat und in seine noch jungen demokratischen Institutionen verloren. Auch das Ansehen der internationalen Gemeinschaft ist in der lokalen Bevölkerung beschädigt. Obwohl die Wahlen zum ersten Mal unter afghanischer Führung durchgeführt wurden, war die Unterstützungsmission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA) stark an der Vorbereitung der Wahlen beteiligt.

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Der Zeitpunkt dieser Blamage könnte unpassender nicht sein. Die Sicherheitslage hat sich dramatisch verschlechtert. In den Wochen vor den Wahlen im August wurde das Land von der schlimmsten Gewaltwelle seit 2001 erfasst. Am Wahltag selbst herrschte 24 Stunden Gewalt, ja es waren sogar die brutalsten Stunden seit dem Sturz der Taliban: rund 300 gewalttätige Vorfälle wurden gemeldet und mindestens 31 Menschen getötet. Und auch diesmal drohten die Taliban, Wahlhelfer und Wähler gleichermaßen anzugreifen. Fehlende Sicherheit in vielen Regionen, überwiegend in den Paschtungegenden, macht eine unabhängige Wahlüberwachung relativ unmöglich. Die Wahlbeteiligung wäre mit Sicherheit noch niedriger gewesen als bei der ersten Runde.

Um künftig Wahlmanipulationen zu verhindern und das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederzugewinnen, muss die verschmähte unabhängige Wahlkommission unbedingt reorganisiert werden. Ihr Vorsitzender Azizullah Ludin sollte ersetzt werden, dazu auch alle in den Wahlbetrug verwickelten Kommissionsmitarbeiter und Regierungsvertreter. Die internationale Gemeinschaft muss zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen rund um Wahllokale und –materialien bieten. Im Anschluss an einen Urnengang sollten sowohl die Wahlkommission, als auch das Komitee für Wahlbeschwerden auf eigene Initiative Untersuchungen aller Betrugsvorwürfe einleiten.

Ob Karzai nun gewählt wurde oder nicht, ist kaum mehr wichtig. Der Präsident Afghanistans sieht sich nicht nur mit einem geschwächten Mandat konfrontiert, sondern steht auch vor der Herausforderung, die wiedererstarkten Taliban und die weitverbreitete Korruption zu bekämpfen.

Der Kern des Wahldesasters sind die fehlenden stabilen Institutionen. Das gesamte politische System Afghanistans muss reformiert werden. Auch das Justizsystem wurde bisher zu stark vernachlässigt. Das Ergebnis ist grassierende Korruption. Eine schwache Legislative hingegen ist die Folge der Fixierung des Westens auf die Macht des Präsidentenamtes. Für die Reform muss die afghanische Regierung, unterstützt von der internationalen Gemeinschaft, auf die Verfassung zurückgreifen, geleitet von der Loya Dschirga, der großen Versammlung.

Ihrerseits muss die internationale Gemeinschaft die Fehler eines Systems einsehen, dass es größtenteils mit erschaffen hat. Seit der Invasion 2001 und der Vertreibung der Taliban von der Macht, hat sich der Westen wiederholt für kurzfristige statt für dauerhafte Lösungen entschieden.

Eine erfolgreiche Transformation Afghanistans wird mit Sicherheit ein langer und schmerzhafter Prozess sein, gesät von Rückschlägen. Doch Weglaufen ist keine Option, weder für die USA, noch für Europa. Vor allem in Afghanistan müssen wir unsere Fehler korrigieren.

Candace Rondeaux ist Senior Analyst Afghanistan der International Crisis Group, www.crisisgroup.org

 
Leser-Kommentare
    • colca
    • 03.11.2009 um 15:49 Uhr

    Herr Karzai sollte sich rechtzeitig einen sicheren Platz im Helikopter besorgen, damit ihn die NATO nicht aus Versehen zurücklässt, wenn Kabul fällt.
    Der letzten Marionette der Russen, Mohamed Najibullah, ist das schlechte Timing gar nicht gut bekommen. Den haben die Taliban 1996 öffentlich ermordet.
    Ein ähnliches Schicksal steht m.E. Karzai als Marionette des Westens bevor, falls er nicht rechtzeitig den Absprung schafft. Sein Geld dürfte ja schon sicher im Ausland geparkt sein...

    • Yadgar
    • 03.11.2009 um 17:22 Uhr

    ...die drauf und dran ist, die ganze Welt zu verpesten! Die Truppen aus Afghanistan abziehen, das wäre der Super-GAU - spätestens nach einem Vierteljahr stürmen die Taliban Kabul und Karzai setzt sich mit dem letzten UNO-Konvoi nach Indien ab oder findet sich wie weiland Najibullah am nächstbesten Laternenmast aufgeknüpft wieder. So traurig das klingt: was wir brauchen, sind nicht 100000, nicht 200000, nicht einmal 500000, sondern mehrere Millionen Soldaten in Afghanistan, in der gegenwärtigen Situation kann Afghanistan nur durch ein konsequentes Besatzungsregime stabilisiert werden, für eine Selbstregierung des afghanischen Volkes ist es noch viel zu früh. Afghanistan und die paschtunischen Stammesgebiete in Pakistan müssen ähnlich umerzogen werden wie (West-)Deutschland nach dem 2. Weltkrieg - für die gleichermaßen archaische wie anarchische Stammeskultur insbesondere der Paschtunen ist in der Welt des 21. Jahrhunderts einfach kein Platz mehr! Daher wird man mindestens die nächsten 40 Jahre buchstäblich hinter jeden erwachsenen männlichen Afghanen einen ausländischen Soldaten stellen müssen, während parallel dazu westliche Technokraten unter UNO-Mandat auf allen Ebenen der Verwaltung den afghanischen Staat völlig neu schaffen und erst, wenn nach einer Generation die ersten Absolventen des von diesen Technokraten aufgebauten Bildungssystems einsatzbereit sind, die Regierung und Verwaltung allmählich in afghanische Hände geben.
    Einen anderen Weg sehe ich nicht...

  1. Das Problem des Legitimitätsverlustes der Regierung begann bei dieser Wahl lange vor dem Wahlgang. Beide Lager, das Karzais und das Abdullahs, verlassen sich auf die Unterstützung von Warlords, von denen viele eigentlich wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ebenso wie der bosnische Serbe Karadzic vor ein internationales Gericht gezogen werden müssten. Der Taliban-Anschlag gegen die UN zeigt auch, dass die Bevölkerung wegen solcher Konstellationen das Vertrauen in die Internationale Gemeinschaft verloren hat. Schließlich können Guerilleros wie die Taliban nicht ohne wenigstens den Rückhalt eines Teils der Bevölkerung agieren. Am 29. Oktober hat die Gesellschaft für bedrohe Völker eine Presseerklärung veröffentlicht, in der eine Auswahl von Verbrechen einiger der wichtigsten Warlords beider Lager angeführt werden.
    URL: http://www.gfbv.de/presse... Tillmann Schmalzried, Afghanistan-Referent der GfbV

  2. Besser wäre ein "demokratischer" Staatshalter der eine starke Armee aufbaut und Rechtstaatlichkeit einführt. Die Afghanen brauchen und wollen keine Demokratie, vor allem nicht diese linke.

  3. Ganz egal ob er gewählt wurde oder nicht. Was zählt ob er seine Aufgaben ausführt, nämlich eine starke Armee aufbauen damit diese die Taliban töten kann und ein Rechtstaat.

    Demokratie brauchen nicht alle Länder.

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