Organisierte Kriminalität in China

Parteisekretär Bo und die Politmafia

Eines der großen Probleme Chinas ist das mafiöse Geflecht von Lokalpolitik und Kriminalität. In der Stadt Chongqing will der Sohn eines Mao-Vertrauten nun damit aufräumen.

Die Boote vermitteln noch etwas vom herkömmlichen China: Die Hafenmetropole Chongqing am Yangtse erlebt Dank Förderung einen Boom.

Die Boote vermitteln noch etwas vom herkömmlichen China: Die Hafenmetropole Chongqing am Yangtse erlebt Dank Förderung einen Boom.

Mafiaboss in spe Li Qiang bewahrt bis zuletzt Stil. Sauber rasiert und mit ruhiger Stimme bedankt sich der 51-jährige am letzten Verhandlungstag vor einem Gericht der westchinesischen Metropole Chongqing für den "Rechtsunterricht". Für die Staatsanwälte sei es sicherlich anstrengend gewesen. Auch er sei müde. Man möge seine ungebildete Ausdrucksweise entschuldigen. Bei einem gerechten Urteil würde er sich auch nicht beschweren. Aber er sei kein Mafiaboss.

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Li ist Chef der rund 200 Millionen Euro schweren Immobilien- und Verkehrsgruppe Yuqiang, Abgeordneter im Volkskongress Chongqings und Kopf der Handelskammer im größten Stadtviertel Banan. Mit seinen ebenfalls angeklagten 30 Komplizen kontrollierte er den Verkehrssektor und Infrastrukturprojekte in der Hafenmetropole am Yangtse. Angeklagt als Boss einer "schwarzen Bande", einer Mafiagruppe, droht ihm nun die Todesstrafe.

Lis Fall ist der bisherige Höhepunkt eines monatelangen Feldzuges gegen das organisierte Verbrechen – der bis dato größte in der Geschichte der Volksrepublik. Er gibt einen erstaunlichen Einblick in die Welt der chinesischen Lokalbürokratie. Reiche Unternehmer herrschen mit einflussreichen Politikern unter dem Schutz der Polizei wie Fürsten, deren Macht keiner kontrolliert.

In Chongqing haben seit Juli dieses Jahres 25.000 Sonderermittler über 1000 Fälle geknackt und dabei 1544 Verdächtige, darunter 20 höhere Kader und 100 Polizisten, festgenommen. 67 Bandenchefs, viele von ihnen reiche Unternehmer, wird nun samt ihren Komplizen der Prozess gemacht. Sie bestachen Beamte, verschacherten öffentliche Aufträge, vergaben Wucherkredite und erpressten Schutzgelder. Wer nicht mitspielte, wurde verprügelt oder ermordet. Die Kampagne begann im Juni mit einer Razzia in einer illegalen Waffenfabrik. 1700 Waffen wurden dabei beschlagnahmt. Weiteren Ermittlungen brachten Schritt für Schritt immer neue Verzweigungen des komplexen Kriminalitätsnetzwerkes von Chongqing zutage.

Chongqing ist heute die größte Stadt der Welt, nachdem die Zentralregierung in Peking 1997 Verwaltungsflächen der Nachbarprovinz Sichuan der Stadt angliederte. Mit rund 81.000 Quadratkilometern ist Chongqing heute so groß wie Österreich. Die Stadt sollte zum Zugpferd für die Wirtschaftsentwicklung im ärmeren Westchina werden, eine boomende Megacity wie Shanghai.

Doch Chongqing entwickelte sich zu einer überfrachteten und charakterlosen Industriestadt. Um die Flusspromenaden ist ein Amüsement-Milieu entstanden. Hier ist das Terrain der kriminellen Banden, die durch den Geldfluss aus Peking für die Infrastruktur reich und skrupellos geworden sind. Während der Prozesse gegen die Mafiabosse versammeln sich täglich Hunderte Chongqinger Bürger vor den Gerichten. Sie halten Schilder mit ermordeten Angehörigen hoch. Sie erzählen von Schießereien und von der Angst, nachts aus dem Haus zu gehen.

Von Mord- und Totschlag ist im Fall Li nichts bekannt geworden. Der Chef von 20 Unternehmen, darunter Busgesellschaften, Fahrschulen, Mietautofirmen und Reparaturbetriebe, kontrollierte die Transportwirtschaft der Stadt. Damit wurde der Bauernsohn innerhalb von knapp zehn Jahren zum Millionär. Li hatte sein Imperium mit der richtigen Mischung aus Großzügigkeit und Härte, Cleverness und Glück aufgebaut. Er war freundlich und konnte gut reden. Sein Schwiegervater verschaffte ihm nach der Heirat einen Posten als Zuständiger für Fahrzeugsicherheit in der Fabrik seiner Tochter. So knüpfte Li, der sich mit Vornamen "der Starke" nennt, erste Kontakte mit lokalen Kadern, besonders jenen aus dem Verkehrsbüro. Nach der Fabrikschließung 1992 gründete Li sein erstes Unternehmen.

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Leser-Kommentare

  1. Echte oder künstliche Familien leben im Raum des schwarzen Marktes - doch was ein schwarzer Markt ist bestimmen nicht unbedingt die Kriminellen sondern auch eine verdusselte Gesellschaft!

    http://freigeldpraktiker....

  2. ... sondern Protektion. Der Name bezieht sich auf die erpressten Schutzgelder. In einer chaotischen Massengesellschaft, wie sie heute in Chongqing existiert, bilden mafiose Organisationen oft die einzig funktionierende Struktur. Zuerst muss also eine ordentlich funktionierende Verwaltung geschaffen werden, ehe man das korrupte alte System beseitigt.

    • 03.11.2009 um 11:02 Uhr
    • Csab

    ZEIT-ONLINE schreibt:

    "Und deshalb wollte Bo schließlich Li und seinen Komplizen eine Lehre erteilen, so dass Blatt."

    Es muesste heissen:

    [Und deshalb...], so das Blatt.

    Ausserdem hat Oesterreich eine Flaeche von 83,872 qm und nicht 81,000 qm.

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