Europas Linke Der Mythos der rationalen WahlentscheidungSeite 2/2

Vor fünf Jahren besipielsweise hat der kognitive Linguist George Lakoff bereits die Frage gestellt, warum George W. Bush gegen John Kerry gewonnen hat, obwohl die Politik Kerrys im persönlichen Interesse von weit mehr Amerikanern war als die Politikinhalte von George W. Bush. Warum haben in diesem Fall die Wähler gegen ihre eigenen Interessen gestimmt?

Die erste wichtige Erkenntnis Lakoffs ist, dass Rationalität nicht eindeutig ist und nur in Verbindung mit Emotionen funktioniert. Menschen treffen Entscheidungen nicht mit Hilfe eines Taschenrechners, sondern in erster Linie basierend auf ihrer Gefühlslage, die stark mitbestimmt was als "rational" empfunden wird. So funktioniert unser Gehirn. Dies bedeutet dass Phrasen wie "gute Politik ist, was funktioniert" keinen Sinn machen, da sie keinen wirklichen Inhalt haben. Was funktioniert ist eben nicht offensichtlich, sondern individuell durch etliche Perzeptionsfilter beeinflusst.

Zweitens, wenn es so etwas wie einen "rationalen Wähler" nicht gibt, wie treffen Menschen dann ihre Entscheidungen? Die Antwort lautet: Sie geben ihre Stimme nach Kriterien wie Identifikation und Empathie ab. Und wenn man darüber nachdenkt, macht das auch viel Sinn. Man denke an die Wirtschaftskrise. Menschen sind gewillt, entgegen ihren wirtschaftlichen Interessen zu wählen (wie es oft geschehen ist in jüngster Zeit, wenn Sozialdemokraten Wahlen verloren haben), solange sie sich mit einem Politiker oder einer Partei identifizieren können, und solange deren Politik vertrauenswürdig und glaubwürdig erscheint.

Menschen mögen nie schlechte Neuigkeiten, aber sie sind gewillt, ihre Stimme demjenigen Kandidaten und der Partei zu geben, von denen sie glauben, dass sie ihr bestes versuchen werden, um eine schlechte Situation zu verbessern. Der Wähler ist bereit Opfer zu bringen, wenn er an den Sinn glaubt. Anderen Kandidaten und Parteien wird hingegen oftmals nicht geglaubt, positive Versprechen tatsächlich einzuhalten.

Aus diesem Grund sind Vertrauenswürdigkeit, Authentizität und programmatische Identität so wichtig. Und genau in diesen Bereichen haben Sozialdemokraten in Europa in den letzten Jahren starke Einbußen hinnehmen müssen. Politische Identität und Vertrauen sind verloren gegangen. Und genau diese Aspekte müssen neu entwickelt werden, wenn Sozialdemokraten ernsthaft an einer Verbesserung ihrer Situation interessiert sind.

Ein Beitrag aus dem Social Europe Journal

 
Leser-Kommentare
  1. Ja, klar, alle Amis litten an kollektiver Gefühlsblödheit, als sie Bush wiedergewählt haben. Oder sie dachten, er wäre doch besser als der Multimillionär Kerry, der zudem keine vier Jahre Berufserfahrung im Präsidentenamt hat. Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten! Darf ich hier mal aus der taz zitieren
    50 Posten - und keinen einzigen Migranten. Keinen Cem Özdemir, keine Emine Demirbüken. SPD-Politiker beklagen stets routiniert mangelnde Aufstiegschancen der Migranten in der Gesellschaft. Deren Aufstiegschancen in der SPD sind gleich null. "Kommen Sie zu uns, zur SPD", rief Gabriel den Migranten forsch zu. Ernst gemeint ist das nicht.
    http://www.taz.de/1/polit...
    Die Ebert-Stiftung ist ein Stipendienpool für die Elite der Studierenden, die deren komische Kriterien erfüllen, statt den Bedürftigen zu helfen. Die Frauenförderung ist ein Witz, die ganze Partei ist ein Haufen selbstverliebter Märchenonkel, wie der Rest der europäischen Sozialdemokratie. Wie lange wollen Sozis, Linke und Grüne uns eigentlich noch für dumm verkaufen. Glauben sie eigentlich, wir seien zu blöd, um ihre leeren Versprechen zu durchschauen. Was haben SoDems und Grüne eigentlich in sieben Jahren für die Migranten getan?

    • B.V.
    • 16.11.2009 um 10:40 Uhr

    ...müßte die Sozialdemokratie auf europäischer Ebene erst schaffen. Eine nahe anstehende Aufgabe. Ein Europaprogramm für alle europäischen Bürger (das für diese auch europaweit wählbar ist!)und worin sie dann ihren Gegnern ein Schritt voraus wäre, wenn ein einheitliches europäisches Auftreten gelingen würde. Klingt noch irgendwie nach Zukunftsmusik, aber die Sozialdemokratie muß das hin bekommen, will sie selber eine Zukunft haben.

  2. sind in jedem europäischen Land anders.
    Es gibt kein gemeinsames Programm, geschweige denn eine gemeinsame Identität. Gibt es eigentlich die sozialistische Internationale noch ?

    Linke, Sozialisten, Sozialdemokraten und andere können nicht in einen Topf geworfen werden, auch wenn "die Linke" das gerade in Deutschland versucht.
    Alle treibt nur der Hunger nach der Macht und die Gier nach Posten und Fleischtöpfen, die Programme heissen nur Ich und Steuererhöhung.
    Die Parteien spiegeln nicht mehr die Interessen der Bürger wieder, sondern nur ihre Partikularinteressen.
    Damit gewinnt man keine Wähler in keinem Land, auch wenn man kurz vor den Wahlen den Bürgern nach dem Munde zu reden versucht und unerfüllbare Versprechen macht.
    Wie findet man Ansehen und Identität wieder ?
    Wie wäre es in der Zukunft mal mit ehrlicher konsequenter Arbeit, statt mit greller substanzloser Show ?

    • Clerk
    • 16.11.2009 um 17:54 Uhr

    Den Abstieg haben sie doch denen zu verdanken, die sich die "Neue Mitte" ausdachten. Sozialdemokratisch und gleichzeitig Neoliberal, das ist doch ein Widerspruch in sich, der so gut wie überall in Europa meiner Meinung nach gerecht abgestraft worden ist. Die Sozis sollten sich lieber zu ihren eigenen Ursprüngen zurückbesinnen, dann wird's auch wieder mit den Wahlen klappen..

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