Ägypten und Algerien Ein Fußballspiel wird zum Politikum
Brennende Autos, zerstörte Läden, Krawalle vor der Botschaft: Der Fußballstreit zwischen Algerien und Ägypten eskaliert. Befeuert wird er von der hysterischen Kairoer Presse.
© Cris Bouroncle/AFP/Getty Images

Aufgeladene Stimmung vor der algerischen Botschaft in Kairo: Ägyptische Demonstranten verbrennen algerische Flaggen
"Terror im Sudan" titelten Kairos Zeitungen, "Algerier raus", skandierten Tausende aufgebrachte Ägypter vor der algerischen Botschaft. Bis in die frühen Morgenstunden attackierten sie das Gebäude im Kairoer Stadtteil Zamalek mit Steinen und Feuerwerkskörpern, verbrannten unter lautem Gejohle algerische Flaggen. Mehrere Autos gingen in Flammen auf und viele Schaufenster zu Bruch – nur mit Mühe und hartem Knüppeleinsatz konnten schließlich die schwarzen Hundertschaften des Innenministeriums die Lage wieder unter Kontrolle bringen. Elf Beamte wurden verletzt, seitdem ist die Umgebung um die algerische Mission weiträumig abgesperrt.
Auslöser der Krawalle war ein Entscheidungsspiel zwischen Algerien und Ägypten am Mittwochabend, bei dem sich Algeriens Fußballteam dank eines 1:0-Sieges für die Weltmeisterschaft in Südafrika qualifizierte. Das Spiel musste auf neutralem Boden im Sudan ausgetragen werden, weil beide Mannschaften in den vorherigen Gruppenspielen mit exakt gleichem Punkte- und Torverhältnisstand abgeschnitten hatten. Bereits am Wochenende war es beim Heimspiel Ägyptens gegen Algerien in Kairo zu Ausschreitungen gekommen. Dabei wurden dutzende Fußballfans verletzt und zwei algerische Spieler nach Steinwürfen auf ihren Mannschaftsbus am Kopf getroffen.
Befeuert wurden die jüngsten Unruhen von groß aufgemachten Schlagzeilen in der Kairoer Presse, die Übergriffe algerischer Hooligans auf ägyptische Fans in der sudanesischen Hauptstadt Khartum anprangerten. Fotos zeigten bandagierte Köpfe, gebrochene Finger sowie einen sudanesischen Polizisten mit einem Schlachtermesser, das er zuvor einem algerischen Schläger abgenommen haben will. Augenzeugen beklagten, ihre Busse seien auf dem Rückweg zum Flughafen in regelrechte Steinhagel geraten. "Als wir ankamen, waren sämtliche Scheiben kaputt. Alle hatten wahnsinnige Angst, auch der Fahrer", berichtete einer.
Andere mussten sich offenbar stundenlang in sudanesischen Privathäusern verstecken. Zusätzlich erfuhren die ägyptischen Zeitungsleser von Familien, die sich in den letzten Tagen Hals über Kopf per Flugzeug von Algier nach Kairo retten mussten. Die meisten sind Angestellte bei dem ägyptischen Konzern Orascom, dem in Algerien ein Mobilfunkanbieter gehört. 15 Läden der Kette wurden verwüstet, genauso wie zwei Niederlassungen der ägyptischen Fluglinie Egypt Air – der Sachschaden beläuft sich nach Angaben der Firmen auf rund fünf Millionen Euro. So berichtete ein Geschäftsmann der Zeitung Almasry Alyoum, wie er von Sicherheitskräften in einem Restaurant in Algier vor Jugendlichen in Sicherheit gebracht werden musste und dann zusammen mit anderen Ägyptern als Polizisten verkleidet zum Flughafen eskortiert wurde.
Längst haben die Raufereien auf der Straße auch die politische Ebene erreicht. Die ägyptische Regierung rief am Donnerstag seinen Botschafter aus Algerien "zu Konsultationen" nach Kairo zurück und bestellte den algerischen Botschafter erneut ins Außenministerium, um ihm "die tiefe Empörung über die Angriffe gegen seine Bürger in Khartum" zu übermitteln. Sudan wiederum bestellte den ägyptischen Botschafter ein und protestierte gegen die "absolut übertriebene" Berichterstattung über die Vorfälle am Rande des Spiels. Dies beleidige das Land und seine Bevölkerung. Und der Chef der Arabischen Liga, Amr Mussa, rief inzwischen alle Seiten zur Besonnenheit auf: "Diese Affäre sollte auf ihre wirkliche Größenordnung reduziert werden – schließlich sind beides arabische Nationen", erklärte er.
Doch Ägypten, einmal in Fahrt, lässt sich nicht so leicht besänftigen. So kündigten seine Fußballgewaltigen ihre Mitgliedschaft im nordafrikanischen Fußballverband, wegen "systematischer Angriffe auf die eigenen Fans", wie es in dem Schreiben heißt. Kairos Gesundheitsminister Hatem al-Gabali allerdings musste am Freitag im staatlichen Fernsehen einräumen, es seien lediglich 21 Ägypter leicht verletzt aus dem Sudan zurückgekehrt.
- Datum 20.11.2009 - 15:32 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 24
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steht im Bericht nicht, dass es auch in Frankreich zu bürgerkriegsähnlichen Vorfällen kam? Dort haben die Algerier in mehreren Städten randaliert. Darf der Europäer so etwas nicht wissen?
Evtl. sollte sich der Autor damit anfreunden, dass die Geschehnisse in Algier, Khartoum genauso wie die in Kario relativ ernst waren und nicht nur den Hirngespinsten der aegyptischen Presse entsprungen sind. Was wenn sich dort tataechlich unsaegliche Szenen abgespielt haben (und nicht nur abgespielt haben 'sollen')?
Diese voellig zusammenahngslose Diskreditierung von auslaendischen Medien durch die 'objektive' westliche, bzw. deutsche Presse ist wirklich schamlos und imperialistisch, zumal hier ja noch nicht nicht einmal der Versuch unternommen wurde diese Meinung durch unabhaengige Recherchen aus Khartoum und Algier zu stuetzen. Eine kurze Google Suche haette hier vegleichsweise eindeutiges Bildmaterial geliefert, das diese 'hysterischen' Anschuldigen doch ganz gut belegt.
Was man auch gut als ethnische Saeuberungen von Aegyptern in Algerien verstehen kann, wird hier als Nichtigkeit abgetan, das es ja 'noch nicht einmal' offiziell bestaetigte Todesopfer gab. So, who cares?
[...]
[entfernt. Bitte vermeiden Sie rassistische Inhalte. Die Redaktion/vv]
Schade, dass sich die Zeit auf dieses Spiegel Niveau herablaesst.
"Klar sind diese Araber alle nur hysterisch und erfinden irgendwas, um dann eine Entschuldigung fuer ihren genetisch bestimmten Drang nach taeglichen Auschreitungen zu haben."
Ziemlich heftig was Sie da verzapfen, spätestens bei "genetisch" schrillen alle Alarmglocken.
Aber Rassismus? Nein natürlich nicht... :o
Ob nun Algerier oder Ägypter...ob es zu so massiven Ausschreitungen gekommen "sein soll" oder wirklich so war...sind die nicht alle total neben der Spur? Was hat das denn mit Sport noch zu tun? Sind das nicht Religionskriege, die da der (offenbar breit gefächerte) Mob aufführt? ...und ich frage mich, ob es wirklich die tief Gläubigen sind, die so ins Extrem einbrechen, oder eben gerade die, die nur vorgeben, gläubig zu sein und in Wirklichkeit im religiösen Sinne längst desillusioniert sind? ...ihr heimlich erahntes "Gott ist tot" tragen sie so kompensatorisch ins Fussballstadion und machen einen dschihad aus einem banalen Balltreter-Spielchen...
Es bleibt bei nationalen Gefuehlen..
Hooligans gibt es uebrigens auch ueberall, auch im saekularen, christlich-gepraegten, rationalen England...und es gibt die auch in Deutschland..warum sonst gibt es die Polizei beim Stadium hier?? das ist Fanatismus fuer die Nation bzw. fuer die eigene Mannschaft... sonst nichts...
Es bleibt bei nationalen Gefuehlen..
Hooligans gibt es uebrigens auch ueberall, auch im saekularen, christlich-gepraegten, rationalen England...und es gibt die auch in Deutschland..warum sonst gibt es die Polizei beim Stadium hier?? das ist Fanatismus fuer die Nation bzw. fuer die eigene Mannschaft... sonst nichts...
"Ironie ist die letzte Phase der Enttäuschung."
Anatole France
...auch wenn ihr Webteam damit offensichtlich nicht vertraut ist.
Warum legen Sie die 'Vermeidung von Rassismus' nicht Ihrem Autor nahe?
Wie waere der Bild-Aufmacher, wenn das Lufthansa Buroe demoliert wurde, nach einem verlorenen Spiel in einem anderen Land?
Bitte keine ethno-, euro-zentrische Berichterstattung. Der Anlass ist zwar harmlos (Fussball) aber algerische Reaktionen zur Gewalt gegen Aegypter, war alles Andere als angemessen.
Es bleibt bei nationalen Gefuehlen..
Hooligans gibt es uebrigens auch ueberall, auch im saekularen, christlich-gepraegten, rationalen England...und es gibt die auch in Deutschland..warum sonst gibt es die Polizei beim Stadium hier?? das ist Fanatismus fuer die Nation bzw. fuer die eigene Mannschaft... sonst nichts...
Naja...das ist ja immerhin kein Zufall, dass ausgerechnet zu einer Zeit (letztes Drittel des 19. Jh.s; massive Industrialisierung) die Diagnose "Gott ist tot" gestellt wurde...und sich - eben kompensatorisch - alles auf Nationalgefühle und das Nationale überhaupt nun stürzte (mit "hübschen" Folgen wie zwei Weltkriege etwa)...jedenfalls ist dieser "heilige" Nationalstolz oder, noch banaler, der auf eine Fussballmannschaft doch nichts anderes als eine Ersatzreligion...und damit zumindest insofern ehrlich, dass die so Beteiligten ihren Gott verloren haben (auch wenn sie noch ein wenig Glauben heucheln mögen).
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