US-Gesundheitsreform

Der Weg für Obamas Prestigeprojekt ist noch weit

Es war ein historischer Durchbruch: Das US-Repräsentantenhaus hat für eine umfassende Gesundheitsreform gestimmt. Allerdings wird dieser Entwurf wohl nie umgesetzt werden

US-Präsident Barack Obama spricht bei einer Pressekonferenz am 8. November 2009 im Rosengarten des Weißen Hauses über die Verabschiedung der Gesundheitsreform

US-Präsident Barack Obama spricht bei einer Pressekonferenz am 8. November 2009 im Rosengarten des Weißen Hauses über die Verabschiedung der Gesundheitsreform

Ein pathosgeladener Auftritt Barack Obamas wie in seinen besten Wahlkampfzeiten gab den Ausschlag für den historischen und zugleich so knappen Erfolg. Mit 220 zu 215 Stimmen verabschiedete das Abgeordnetenhaus am Sonnabend eine Gesundheitsreform, die einem Großteil der 47 Millionen unversicherten Amerikaner eine Option auf eine Krankenversicherung gibt und Firmen ab einer bestimmten Betriebsgröße vor die Wahl stellt, für alle Angestellten eine Krankenversicherung abzuschließen oder Strafen zu bezahlen. Der Entwurf sieht eine öffentlich getragene Versicherung ("public option") als Konkurrenz zu privaten Anbietern vor und verbietet Klauseln, die bisher zu Leistungsausschlüssen führten: zum Beispiel, dass Versicherer nicht für Kosten aufkommen, die sich aus einer Krankheit vor Vertragsabschluss ergeben.

Anzeige

Angesichts des harten Widerstands der Republikaner und der Skepsis gegen das Modell bis weit in die Demokratische Partei hinein ist es allerdings unwahrscheinlich, dass diese Version Gesetzeskraft erlangt. Im Senat, der zweiten Kongresskammer, wird ein anderer Entwurf debattiert, der sich weit weniger an Obamas Wahlkampfversprechen orientiert und, zum Beispiel, die "public option" aushöhlt. Demnach könnte jeder US-Staat die öffentliche Versicherung auf seinem Gebiet ausschließen. Der Senat muss nun seine Version verabschieden. Danach werden beide Entwürfe in einem Vermittlungsverfahren zusammengeführt, und die Kompromissfassung muss anschließend eine Mehrheit in beiden Kammern finden.

Dennoch gilt diese Zwischenetappe in den USA als historischer Durchbruch. Obamas Vorvorgänger Bill Clinton war mit seinem Anlauf zur Gesundheitsreform nicht so weit gekommen, sondern in einem früheren Stadium an der Ablehnung der Kongressmehrheit gescheitert.

Versicherungspflicht

Die Gesundheitsreform von US-Präsident Obama sieht vor, dass künftig jeder Amerikaner eine Krankenversicherung abschließen muss. Andernfalls ist ein Steuerzuschlag von 2,5 Prozent fällig.

Bislang noch Nichtversicherte sollen kurzfristig über einen Risikopool versorgt werden. Zudem soll die staatliche Versicherung "Medicaid" künftig auch Amerikanern zugute kommen, deren Einkommen nicht mehr als 150 Prozent über der Armutsgrenze von 900 Dollar pro Kopf liegt.

Im Rahmen einer Familienversicherung dürfen Eltern ihre Kinder bis zu deren Alter von 27 Jahren mitversichern.

Wenn die Beiträge die tatsächlichen Ausgaben für ihre Gesundheitsversorgung deutlich übersteigen, erhalten die Versicherten Rückerstattungen.

Versicherungsmarkt

Ein reformierter Versicherungsmarkt soll gewährleisten, dass Kleinunternehmen und Verbraucher künftig ihre Versicherung auswählen können. Neben die privaten Anbieter soll eine neue staatliche Krankenversicherung treten. Zudem sollen genossenschaftliche Krankenkassen ihre Produkte frei verkaufen dürfen.

Zudem ist es Versicherern künftig verboten, Kunden wegen Vorerkrankungenabzulehnen. Sie dürfen von ihnen auch keine höheren Gebühren verlangen.

Weiterhin müssen die Versicherungen Gebührenerhöhungen künftig vor einer Kontrollbehörde rechtfertigen.

Arbeitgeber

Die meisten Arbeitgeber müssen ihre Mitarbeiter künftig selbst versichern und für Vollzeitangestellte mindestens 72,5 Prozent der Prämien übernehmen. Bei Familienversicherungen beträgt der Anteil 65 Prozent. Anderenfalls drohen den Unternehmen Gebühren zwischen zwei und acht Prozent der Löhne und Gehälter.

Ausgenommen sind Kleinbetriebe mit Personalausgaben von weniger als 500.000 Dollar. Steuernachlässe sollen es ihnen aber erleichtern, ihren Mitarbeitern Krankenversicherungen anzubieten.

Finanzierung

Die Gesundheitsreform belastet den US-Haushalt voraussichtlich mit voraussichtlich 1,2 Billionen Dollar (808 Milliarden Euro).

Ausgleich für die Kosten soll vor allem aus einer Sondersteuer für Großverdiener kommen. Zudem soll Steuerflucht vor allem multinationaler Konzerne strenger geahndet werden.
 

Präsident Obama hatte den Wochenendausflug mit seiner Familie nach Camp David um einen halben Tag verschoben, um die demokratischen Abgeordneten zu ermahnen: Dies sei der "Ruf der Geschichte". 70 Jahre liegt der "New Deal" unter Präsident Roosevelt zurück, der Beginn substanzieller Arbeitnehmerrechte in den USA. Vor 40 Jahren wurde Medicare, die allgemeine Krankenversicherung für Rentner und Pensionäre, eingeführt. Seither kämpfen die Demokraten für ein Gesundheitssystem, das alle Amerikaner versichert – bisher vergeblich.

Obama redete Demokraten aus konservativen Wahlkreisen, die um ihre Wiederwahl im Herbst 2010 fürchten, ins Gewissen. Sie sollten nicht dem Druck der Republikaner nachgeben. "Wenn ihr glaubt, sie schonen euch, falls ihr mit Nein stimmt, denkt nochmal nach!", sagte er unter dem Jubel der Fraktionsmehrheit. Am Ende könnten alle sagen, sie hätten bei einer historischen Stunde mitgewirkt.

Der US-Präsident hatte die Reform zum zentralen Wahlkampfversprechen gemacht. Nach langen Verhandlungen hatte das Abgeordnetenhaus für Sonnabend die Abstimmung angesetzt. Die Stimmenmehrheit war zuvor fraglich. Die Fürsorge für die Unversicherten ist in der Reformdebatte seit Monaten in den Hintergrund getreten. Die Bürger fürchten vor allem eine weitere Kostenexplosion im Gesundheitswesen. Republikaner und Demokraten aus konservativen Wahlkreisen hatten erfolgreich vor einer zu starken Einmischung des Staats in das Versicherungswesen gewarnt und Budgetdisziplin verlangt. Die Kosten des 1990 Seiten umfassenden Gesetzesentwurfs werden mit 1,02 Billionen Dollar über die nächsten zehn Jahre beziffert.

Um die Erfolgschancen zu erhöhen, entschloss sich die demokratische Führung im Kongress zu einem schmerzlichen Zugeständnis. Vor der Abstimmung über das Reformpaket wurde eine Zusatzbestimmung verabschiedet, die konservative Demokraten gefordert hatten. Demnach wird es weitgehend verboten, die Kosten einer Abtreibung aus Versicherungskassen zu bezahlen. Der Vorschlag passierte mit 240 zu 194 Stimmen. Danach stimmten 219 Demokraten und überraschenderweise auch ein Republikaner für die Gesundheitsreform, 39 Demokraten und 176 Republikaner dagegen.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2009)

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. Die gesetzliche Krankenversicherung wurde als erste Leistung 1883 in Deutschland eingeführt und genau 126 Jahre später versucht man es einmal wieder in den USA.

    Die Menschenwürde steht da vielleicht in der Verfassung aber Papier ist geduldig!

    Es ist ganz einfach - ein Leut' ist krank und muss zum Arzt - hat kein Geld - und stirbt - das nennt man dann FREIHEIT und man sagt nicht: "Der Wert des Menschen wird exakt bestimmt durch sein Bankkonto"!

    Wollen die Typen da drüben nicht mehr rauchen da sollen wir auch nicht mehr wollen und so weiter und so fort - unser Weg sollte nicht mehr der Angloamerikanische sein - die Einen gehören nicht zum Kontinent weil die das glauben und die Anderen sitzen auf einem Eigenen! Sollen sie - aber ohne Uns!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Waren Sie eigentlich mal in Deutschland beim Arzt oder im Krankenhaus? Als Kassenpatient? Dann werden Sie sicher erfahren haben, was zwei-Klassen-Medizin ist.

    Wir wollen auch nicht vergessen, dass es auch in Deutschland eine wachsende Zahl Unversicherter gibt. Insbesondere unter kleinen Gewerbetreibenden.

    Überheblichkeit ist da fehl am Platz.

  2. Waren Sie eigentlich mal in Deutschland beim Arzt oder im Krankenhaus? Als Kassenpatient? Dann werden Sie sicher erfahren haben, was zwei-Klassen-Medizin ist.

    Wir wollen auch nicht vergessen, dass es auch in Deutschland eine wachsende Zahl Unversicherter gibt. Insbesondere unter kleinen Gewerbetreibenden.

    Überheblichkeit ist da fehl am Platz.

  3. Das sehe ich ähnlich Oma_Kruse.

    Ich habe es sogar schonmal frech wie ich bin ausprobiert. Ein Termin bei meinem Magen-Spezi dauert in der Regel 6-8 Wochen.
    Also Privatpatient vorgetäuscht wurde mir 1 Woche gesagt.

    Man kann die 2-Klassenmedizin selber überprüfen, wenn man den vielen Studien die nach und nach bekannt werden nicht glaubt.

    Ich kann Mr.Obama nur Glück wünschen, denn wenn eines NICHT im Interesse der oberen Kruste ist, dann ist es das Wohl "aller anderen".

    Naja, zumindest hat es für ihn selber ein gutes: Wenn er es nicht schafft, muss er sich nichts vorwerfen, denn er hat es versucht. Wenn diese Idee wegen der Blockade grundkonservativer und egoistischer Elemente, die die Worte Solidarität und Menschlichkeit im Wörterbuch nachschlagen müssen, scheitert, dann sollten die dummen Wähler auch diese Elemente abstrafen, nicht den Präsidenten.

    Aber da die unermüdliche mediale Verdummungskampagne in den USA vorzüglich funktioniert, sehe ich schwarz.

  4. Es musste ein Schritt kommen, schon vor Obama´s Antritt...Das Gesundheitssystem ein gravierendes Problem ist und das soll die Supermacht sein ?
    Also ich warte und bin gespannt, welches System wohl entwickelt wird.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Christoph von Marschall
  • Datum 8.11.2009 - 21:02 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Kommentare 4
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Gesundheitspolitik | Gesundheit | USA | Barack Obama
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service