Israel-Besuch
Westerwelle begegnet seiner Vergangenheit
Tipps von Kinkel und eine glaubwürdige Begleitung: Westerwelle hat seinen Israel-Besuch penibel geplant - alles für eine Botschaft: Er hat aus den Fehlern gelernt.
© David Silverman/Getty Images

Außenminister Westerwelle in der Gedenkstätte Jad Vashem
Es gibt Fehler im Leben eines Politikers, die vergisst man nicht so leicht. Sie mögen verblassen nach einer gewissen Zeit, aber dann plötzlich kehrt die Erinnerung an sie doch wieder zurück, sie sind wieder da wie ein Albtraum.
Guido Westerwelles Albtraum war mehr als sieben Jahre verschüttet. An diesem Montag ist er zurückgekehrt. Westerwelle steht mit gebeugtem Kopf in der "Halle der Erinnerung" in Jerusalem. Hier, in der Gedenkstätte Jad Vaschem, hält Israel den Mord an sechs Millionen Juden durch die Deutschen im Gedächtnis der Welt wach. Westerwelle hat ein schwarzes Käppchen auf dem Kopf, die jüdische Kippa. Seit knapp drei Wochen ist er Deutschlands Außenminister und wird jetzt gleich die ewige Flamme entzünden und einen Kranz ablegen. Alle seine Vorgänger haben das in den letzten Jahrzehnten getan. Es ist etwas Besonderes und dennoch auch so etwas wie ein Routinegang, eine Ehre erweisende Selbstverständlichkeit für deutsche Spitzenpolitiker.
Für Guido Westerwelle ist es mehr. Denn in diesem Moment, in dem er sich nach vorne beugt und das kleine Eisenrad nach rechts dreht, wird nicht nur die Flamme entfacht. Es werden auch die Erinnerungen an seine eigene Vergangenheit wieder wach. Wie er als ganz junger Mann auf den Golan-Höhen stand und die Angst der Israelis vor den Angriffen der Araber verstand. Wie er es dann später, 2002, nicht vermochte, als Vorsitzender der FDP den Landesvorsitzenden seiner Partei in Nordrhein-Westfalen, Jürgen Möllemann, in dessen antisemitischem Populismus-Wahlkampf zu stoppen. Wie er es hinnahm, dass Möllemann den Vizepräsidenten des Zentralrates der Juden, Michel Friedman, beschimpfte – "Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art" –, wie er Möllemanns Angriffe sogar rechtfertigte. Und wie er damit sich selbst und seine liberale Partei dem Verdacht aussetzte, auf dem Rücken Israels im braunnationalen Sumpf und mit antisemitischen Klischees deutsche Wählerstimmen zu ködern. Eine Unverzeihlichkeit für eine demokratische Partei im Nachkriegsdeutschland wie die FDP. Und ein Makel, der seither an ihrem Vorsitzenden klebt.
Zwei Tage hat sich Guido Westerwelle jetzt Zeit genommen, um sich von ihm zu befreien. Nach Warschau, Paris und Washington durften Tel Aviv und auch Ramallah auf keinen Fall im Reigen seiner ersten Antrittsbesuche fehlen. Jeder soll sehen, dass er nicht mehr der junge unbedarfte FDP-Mann mit der 18 unter den Schuhsohlen ist. Dass er seinen Fehler erkannt hat. Niemand soll fortan noch den Verdacht hegen können, dass den Außenminister Guido Westerwelle keine lauteren Motive treiben, wenn er sich auf internationalem Parkett mit dem Konflikt im Nahen Osten auseinandersetzt. Zum Beispiel, wenn er Israel und Deutschland "ehrliche Freunde" nennt und damit meint, dass sich solche Freunde auch mal ehrlich die Wahrheit sagen dürfen. Über den fortschreitenden Bau von Wohnsiedlungen etwa, mit dem die israelische Regierung die Palästinenser seit Jahren reizt und den Friedensprozess. Dann soll keiner behaupten können, die Kritik habe wohl weniger aktuell politische denn antisemitische Hintergründe.
Als Westerwelle am Montagmorgen in Berlin ins Flugzeug steigt, spielt er die ganze Sache von damals erst einmal herunter. Alles eine medieninszenierte "innenpolitische Debatte", winkt er ab. Soll man doch mal die Israelis fragen. Kein Mensch wisse dort, wer Jürgen W. Möllemann war. Und wer kann sich schon erinnern an Namen wie Jamal Karsli, jenen einstigen Ex-Grünen, der ebenfalls im Jahr 2002 vor allem durch israelfeindliche Äußerungen auffiel und dem Möllemann damals den Weg in die nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktion ebnete?
Doch so gleichgültig er auch tut, Westerwelle ist sich sehr wohl bewusst, dass diese Reise als Außenminister nach Israel seine bislang wichtigste sein wird. Ein unbedachtes Wort, eine falsch zu verstehende Geste, und die Sache von damals ist wieder auf der Tagesordnung. "Westerwelle tritt wieder daneben": Es sind Schlagzeilen wie diese, die er ein für allemal ins Reich der Vergangenheit abschieben will. Er scheint sich zu häuten, dieser Politiker namens Guido Westerwelle. Wieder einmal. Ganz gleich, was er vorher auch immer gewesen ist. Ab Mittwochmorgen, wenn er wieder in Berlin ist, will er ein Außenminister sein, der sich unbelastet von seiner eigenen Vergangenheit der Lösung von Weltkonflikten zuwenden kann.
- Datum 24.11.2009 - 19:47 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 66
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Es ist doch eher wohl die finstere braune deutsche Vergangenheit, die hier noch immer nicht überwunden ist.
Bei allem Respekt für die 6 Millionen von Hitlers Regime ermordeten Juden sollte man einmal erwähnen, daß jeder, der nicht auf Hitlers Linie war, entsorgt wurde, wenn er sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte: Kommunisten, Sozialisten, Schriftsteller, Schauspieler, die es wagten, eine eigene Meinung zu haben zu diesem Terrorregime, endeten ebenfalls im KZ.
Die Deutschen sollten sich wirklich aus dieser devoten, Fettnäpchen vermeidenden Haltung befreien - denn nicht nur die Juden waren Opfer!!
Über 60 Jahre nach dem letzten Weltkrieg sollten man den neuen Generationen, sei es in Israel, Deutschland, Palästina und den anderen arabischen Ländern eine Zukunft ohne alte Schuldzuweisungen ermöglichen, indem man sich partnerschaftlich auf gleichem Niveau begegnet.
Wahr eine sehr bedrohliche Begegnung mit einem ... moellemann.pdf - unvergesslich und einschüchternd - stand ja im Buch!
wen Sie vergessen haben zu erwähnen, wären Roma und Sinti, Homosexuelle, Geistig Behinderte (,Körperlich Behinderte?!) und und und.
Allerdings: Diese Gruppen wurden nicht bis in die 2. oder 3. Generation hinein ermordet, wie es bei den Juden war. Oder kennen Sie nicht den Begriff des Halb, Viertel- und Achteljuden?
Auch ist mir neu, dass nach Kommunisten und Schauspielern "mit eigener Meinung" derartig konsequent und in bester Manier eines bürokratischen Staates gefahndet wurde. Als Kommunist konnte man ganz einfach die Schn... halten. Als Jude ging das schlecht, mit dem "Erkennungszeichen" an der Brust.
Man muß eigentlich auch nicht mehr erwähnen, dass es bei den Juden nicht um irgendwelche politischen Einstellungen ging, sondernn um die Tatsache an sich, zu einem ganz bestimmten Volk zu gehören. Viele haben es vorher bestimmt gar nicht mehr für möglich gehalten, einmal als Jude definiert zu werden, da die Anstrengung (der Druck), sich zu assimilieren, schon Jahrhunderte vorher gegeben war. Ein prominentes Beispiel mag da Heine gewesen sein.
Also vergleichen Sie das doch bitte nicht mit Schauspielern und Sozialisten, die "nur" aufgrund einer Meinung (die man ja ändern kann, es gab da genügend Schauspieler...) verfolgt wurden. Sowas gab es auch in der DDR, mitsamt Plänen für Straflager - und nennt man das etwa Holocaust?!
Du siehst das falsch. Vor allem jüdische, kommunistische Schriftsteller und Schauspieler waren Opfer des Nationalsozialismus... Und es ist schon eine Frechheit, dass "die Juden" nachdem die Nazis sie fast zur Gänze ermordet hatten (was sind schon 6 Millionen Menschen)..., sich jetzt auch noch als Opfer verstehen und auch noch eine "Wiedergutmachung" und Erinnerung an Ihr Schicksal erwarten. Pfui, dass macht man nicht, gelle?!
Deine Meinung ist boshaft und Du hast von der NS Zeit nichts verstanden (aus der KPD konnte man austreten, Jude wurde als Rasse und nicht als Religionsgemeinschaft definiert, sodass auch Taufe keine Rettung vor dem Tod war) und solltest dringend Guido Knopp um Nachhilfe bitten.
...kann sich Herr Westerwelle ja jetzt um ein Amt in Israel bemühen, hier wird ihn keiner vermissen.
woher die annahme, ihn werde keiner vermissen?
die wähler, die fdp angekreuzt haben wollten ihn ;-)
auch auf mich wirkt er glaubwürdig.
In der Wikipedia sind alle NSDAPler aufgeführt, die nach 1945 Karriere gemacht haben.
Im Westen viele bei der FDP, die nicht umsonst im Bundestag ganz rechts platziert wurde, in der DDR übrigens die meisten bei der SED und in Österreich bei den Sozialdemokraten. Aber das sollte die FDP auch mal aufarbeiten!
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_tätig_waren#Deutsche_Demokratische_Republik_.28bzw._Sowjetische_Besatzungszone.29
...lassen wir doch den Außenminister wenigstens mal ein paar Monate im Amt, bevor wir jede seiner Aktionen zerbeißen.
"Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art"
Warum soll man Herrn Westerwelle schelten für etwas, was damals wie heute stimmt. Hut ab vor seinem damaligen Mut
Solange man sich in Deutschland wieder und wieder mit der Schuld der Väter und Großväter belädt, wird man das Thema Integration nie produktiv erarbeiten können.
>>Warum soll man Herrn Westerwelle schelten für etwas, was damals wie heute stimmt. Hut ab vor seinem damaligen Mut.<<
[...].
[entfernt. Bitte verzichten Sie auf derartig heikle Vorwürfe und bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/vv]
damals wie heute.
hat noch immer den Selben Wissenstand wie 2002 und wir alle können ruhigen Gewissens behaupten das wir ebenfalls über den Selben verfügen, wird uns doch täglich vor Augen geführt wofür der Deutsche die Schuld trägt und immer tragen wird.
Aber vielleicht ändert es sich ja in circa 30 Jahren wenn die Israelis den 6 Millionsten Palestinenser getötet haben.
Dann haben wir gelernt!
Nämlich das Grausamkeit, Mord, Krieg und all die anderen Dinge nichts mit Nationalitäten zu tun haben.
Zu : "Dann haben wir gelernt!
Nämlich das Grausamkeit, Mord, Krieg und all die anderen Dinge nichts mit Nationalitäten zu tun haben."
Genau! ...und schon gar nichts mit Frieden!
Wenn wir gelernt haben, warum wird dann in Israel (legalisiert und unterstützt durch den Westen) diese "Politik" betrieben?
Und vor allem, warum wird dem kein Einhalt geboten?
Jaja, wir wissen warum, und der eine oder andere machthabende Politiker auch sogar -aber sagen dürfen wir nicht, was offensichtlich ist! -und ändern können wir das noch weniger.
So ist alles, was hier so schön debattiert wird umsonst.
Es sei denn, es kommt einer mit Mut daher, der da bereit ist, seine politische Karriere zu gefährden und damit zu beenden.
Ne, schon verständlich, Westerwelles "Politik", hat er gut gemacht, weil halt nicht angeeckt.
Denn zum Anecken sind wir und die Welt noch nicht fähig, leider zum Bedauern der HEUTIGEN und morgigen Opfer. Besser wird die Welt durch ewiges Entschuldigen, Verantwortlichsein und Ignoranz nicht.
Auch Herr Westerwelle hätte das dritte Reich wohl eher nicht überlebt. Dies erhebt ihn über jeden hämischen Kommentar.
Er wirkt für mich extrem glaubwürdig.
Wahr eine sehr bedrohliche Begegnung mit einem ... moellemann.pdf - unvergesslich und einschüchternd - stand ja im Buch!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren