Israel-Besuch Westerwelle begegnet seiner VergangenheitSeite 2/2

 Es muss deshalb alles perfekt funktionieren in diesen 20 Stunden in Israel. Westerwelle hat bei der Reisevorbereitung nichts dem Zufall überlassen. Wie andere vor einer Afrikareise ihren Arzt um Malariaprophylaxe bitten, hat Westerwelle Klaus Kinkel um Ratschläge für die Tour in den Nahen Osten gebeten. Und was empfiehlt der frühere FDP-Außenminister dem Israel-Reisenden Westerwelle? Einen Schutzschirm soll er mitnehmen, ein Unbedenklichkeitszeugnis gegen jedweden Verdacht der deutsch-israelischen Liederlichkeit: Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland. Eine Frau, die als Kind den Holocaust erlebt hat und heute das Erinnern der Deutschen an das schrecklichste Kapitel in ihrer Geschichte begleitet. Sie soll den Eintritt des neuen Außenministers in die israelische Politik erleichtern. Noch nie hat sich ein deutscher Chefdiplomat zuvor für seinen Antrittsbesuch solche Hilfe gesucht. Von wegen innenpolitische Lappalie, die böswillige Medien aufbauschen.

 Nein, er hat sie bis heute nicht vergessen, die Zeit vor sieben Jahren. Als er, genau wie an diesem Montag, im Frühjahr 2002 in Berlin ein Flugzeug bestieg, sich auf den Weg machte zu Israels Regierungschef Ariel Scharon, um ihn und die Welt davon zu überzeugen, dass die FDP nicht ins Braune driftet. Und ihm Möllemann, mit erneuter Kritik an Friedman in der deutschen Presse, ein verfaultes Ei ins Reisegepäck gelegt hatte. Scharon hatte damals vor laufenden Kameras von neu keimendem Antisemitismus in Deutschland gesprochen, und Westerwelle stand neben ihm, feuerrot bis unter die Haarwurzeln. Ganz genau weiß der FDP-Vorsitzende bis heute, wie er und Hans-Dietrich Genscher danach wütend auf Möllemann eingeredet und ihn zur Umkehr von seinen Angriffen auf Israel und den Zentralrat der Juden und zur Entschuldigung bewegen wollten. Damals hätte er Möllemann rausschmeißen sollen. Hat er aber nicht. Ein Fehler, der ihm all die Jahre weniger als Akt fehlenden Mutes denn als Hinweis darauf ausgelegt wurde, er habe klammheimlich selbst auf mögliche Wählerstimmen geschielt, die ein Möllemann an sich binden könnte, der im antisemitischen Becken fischt.

 Als wollte ihm Tel Aviv den Beginn eines neuen Kapitels ein bisschen leicht machen, haben die Regierenden in Israel den Außenminister Westerwelle jetzt, sieben Jahre später, empfangen. Kaum angekommen, sprach Premier Benjamin Netanjahu fast eine ganze Stunde mit dem neuen deutschen Außenminister. Beinahe freundschaftlich soll es zugegangen sein, wird darüber später berichtet. Erst im großen Kreis, dann sogar unter vier Augen, sei geplaudert worden über die Finanzkrise, die Wirtschaftsbeziehungen und natürlich den Nahost-Konflikt. Und kein Wort über die alte Sache, selbstverständlich. Wobei Westerwelle diesbezüglich wohl auch ein kleines bisschen Glück hatte. Schließlich kommt die israelische Regierung kommenden Montag zu bilateralen Regierungskonsultationen nach Berlin. Deutschland ist eine wichtige Handelsgröße für Tel Aviv und zweifellos der engste Verbündete in der EU. Da verdirbt man nicht eine Woche vorher die Stimmung.

Welche Rolle der neue, der Außenminister Guido Westerwelle im Nahen Osten spielen will, welchen Einfluss er überhaupt haben wird – das alles steht noch in den Sternen. Vorerst wagt sich Westerwelle keinen Millimeter vom Weg ab, den seine Vorgänger gezeichnet haben. Vorsichtig weist er auf das Problem des israelischen Siedlungsbaus hin, mahnt eine israelisch-palästinensische Zwei-Staaten-Lösung an. Setzt auf eine Neuwahl des amtierenden Palästinenser-Präsidenten Mahmud Abbas und sichert der palästinensischen Autonomiebehörde weitere – und größere – Hilfe beim Aufbau einer funktionierenden Verwaltung zu. Alles Weitere soll die Zeit bringen. Westerwelle will bei diesem Antrittsbesuch nicht gleich den Eindruck vermitteln, er wisse, wo es langgeht. Kleine Brötchen backen, heißt die Devise.

Deutlich allerdings wird Westerwelle beim Thema Iran. "Unsere Geduld ist nicht unendlich", sagt er nach einem Treffen mit dem israelischen Außenminister Avigdor Lieberman, "eine atomare Bewaffnung des Iran ist für uns nicht akzeptabel." Und noch deutlicher: "Die Sicherheit Israels ist für niemanden, und für uns erst recht nicht, verhandelbar." Sanktionen? "Da wird nicht jeder mitmachen. Aber wir wissen, was zu tun ist."

Die Kinkel-Empfehlung, Charlotte Knobloch mit nach Jerusalem zu nehmen, hat sich dann übrigens voll ausgezahlt. Wenn auch weniger in ihrer Schutzschild-Funktion nach außen denn als innere Stütze für Westerwelle selbst. Immer wieder suchte der nämlich die Nähe der alten Dame auf seinem langen Gang in die Geschichte des Holocausts, der ihm im Museum von Jad Vaschem vor Augen geführt wurde. Ein Ort, der jedem Besucher die eigene Verletzlichkeit und Kleinheit vor Augen führt. Dicht an dicht gedrängt standen Westerwelle, Knobloch und der deutsche Botschafter in Israel später in der finsteren "Halle der Erinnerung". Als suchten sie in der körperlichen Nähe Schutz. Und Westerwelle schrieb zum Schluss in das Gästebuch einen Satz, wohl nicht nur für Deutschland, sondern auch ein wenig für sich selbst: "Wir werden nicht vergessen. Unsere Verantwortung bleibt – unsere Freundschaft wächst."

(Erschienen im Tagesspiegel)

 
Leser-Kommentare
  1. Es ist doch eher wohl die finstere braune deutsche Vergangenheit, die hier noch immer nicht überwunden ist.
    Bei allem Respekt für die 6 Millionen von Hitlers Regime ermordeten Juden sollte man einmal erwähnen, daß jeder, der nicht auf Hitlers Linie war, entsorgt wurde, wenn er sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte: Kommunisten, Sozialisten, Schriftsteller, Schauspieler, die es wagten, eine eigene Meinung zu haben zu diesem Terrorregime, endeten ebenfalls im KZ.
    Die Deutschen sollten sich wirklich aus dieser devoten, Fettnäpchen vermeidenden Haltung befreien - denn nicht nur die Juden waren Opfer!!
    Über 60 Jahre nach dem letzten Weltkrieg sollten man den neuen Generationen, sei es in Israel, Deutschland, Palästina und den anderen arabischen Ländern eine Zukunft ohne alte Schuldzuweisungen ermöglichen, indem man sich partnerschaftlich auf gleichem Niveau begegnet.

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    Wahr eine sehr bedrohliche Begegnung mit einem ... moellemann.pdf - unvergesslich und einschüchternd - stand ja im Buch!

    wen Sie vergessen haben zu erwähnen, wären Roma und Sinti, Homosexuelle, Geistig Behinderte (,Körperlich Behinderte?!) und und und.

    Allerdings: Diese Gruppen wurden nicht bis in die 2. oder 3. Generation hinein ermordet, wie es bei den Juden war. Oder kennen Sie nicht den Begriff des Halb, Viertel- und Achteljuden?

    Auch ist mir neu, dass nach Kommunisten und Schauspielern "mit eigener Meinung" derartig konsequent und in bester Manier eines bürokratischen Staates gefahndet wurde. Als Kommunist konnte man ganz einfach die Schn... halten. Als Jude ging das schlecht, mit dem "Erkennungszeichen" an der Brust.

    Man muß eigentlich auch nicht mehr erwähnen, dass es bei den Juden nicht um irgendwelche politischen Einstellungen ging, sondernn um die Tatsache an sich, zu einem ganz bestimmten Volk zu gehören. Viele haben es vorher bestimmt gar nicht mehr für möglich gehalten, einmal als Jude definiert zu werden, da die Anstrengung (der Druck), sich zu assimilieren, schon Jahrhunderte vorher gegeben war. Ein prominentes Beispiel mag da Heine gewesen sein.

    Also vergleichen Sie das doch bitte nicht mit Schauspielern und Sozialisten, die "nur" aufgrund einer Meinung (die man ja ändern kann, es gab da genügend Schauspieler...) verfolgt wurden. Sowas gab es auch in der DDR, mitsamt Plänen für Straflager - und nennt man das etwa Holocaust?!

    Du siehst das falsch. Vor allem jüdische, kommunistische Schriftsteller und Schauspieler waren Opfer des Nationalsozialismus... Und es ist schon eine Frechheit, dass "die Juden" nachdem die Nazis sie fast zur Gänze ermordet hatten (was sind schon 6 Millionen Menschen)..., sich jetzt auch noch als Opfer verstehen und auch noch eine "Wiedergutmachung" und Erinnerung an Ihr Schicksal erwarten. Pfui, dass macht man nicht, gelle?!
    Deine Meinung ist boshaft und Du hast von der NS Zeit nichts verstanden (aus der KPD konnte man austreten, Jude wurde als Rasse und nicht als Religionsgemeinschaft definiert, sodass auch Taufe keine Rettung vor dem Tod war) und solltest dringend Guido Knopp um Nachhilfe bitten.

    Wahr eine sehr bedrohliche Begegnung mit einem ... moellemann.pdf - unvergesslich und einschüchternd - stand ja im Buch!

    wen Sie vergessen haben zu erwähnen, wären Roma und Sinti, Homosexuelle, Geistig Behinderte (,Körperlich Behinderte?!) und und und.

    Allerdings: Diese Gruppen wurden nicht bis in die 2. oder 3. Generation hinein ermordet, wie es bei den Juden war. Oder kennen Sie nicht den Begriff des Halb, Viertel- und Achteljuden?

    Auch ist mir neu, dass nach Kommunisten und Schauspielern "mit eigener Meinung" derartig konsequent und in bester Manier eines bürokratischen Staates gefahndet wurde. Als Kommunist konnte man ganz einfach die Schn... halten. Als Jude ging das schlecht, mit dem "Erkennungszeichen" an der Brust.

    Man muß eigentlich auch nicht mehr erwähnen, dass es bei den Juden nicht um irgendwelche politischen Einstellungen ging, sondernn um die Tatsache an sich, zu einem ganz bestimmten Volk zu gehören. Viele haben es vorher bestimmt gar nicht mehr für möglich gehalten, einmal als Jude definiert zu werden, da die Anstrengung (der Druck), sich zu assimilieren, schon Jahrhunderte vorher gegeben war. Ein prominentes Beispiel mag da Heine gewesen sein.

    Also vergleichen Sie das doch bitte nicht mit Schauspielern und Sozialisten, die "nur" aufgrund einer Meinung (die man ja ändern kann, es gab da genügend Schauspieler...) verfolgt wurden. Sowas gab es auch in der DDR, mitsamt Plänen für Straflager - und nennt man das etwa Holocaust?!

    Du siehst das falsch. Vor allem jüdische, kommunistische Schriftsteller und Schauspieler waren Opfer des Nationalsozialismus... Und es ist schon eine Frechheit, dass "die Juden" nachdem die Nazis sie fast zur Gänze ermordet hatten (was sind schon 6 Millionen Menschen)..., sich jetzt auch noch als Opfer verstehen und auch noch eine "Wiedergutmachung" und Erinnerung an Ihr Schicksal erwarten. Pfui, dass macht man nicht, gelle?!
    Deine Meinung ist boshaft und Du hast von der NS Zeit nichts verstanden (aus der KPD konnte man austreten, Jude wurde als Rasse und nicht als Religionsgemeinschaft definiert, sodass auch Taufe keine Rettung vor dem Tod war) und solltest dringend Guido Knopp um Nachhilfe bitten.

  2. ...kann sich Herr Westerwelle ja jetzt um ein Amt in Israel bemühen, hier wird ihn keiner vermissen.

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    woher die annahme, ihn werde keiner vermissen?
    die wähler, die fdp angekreuzt haben wollten ihn ;-)

    auch auf mich wirkt er glaubwürdig.

    woher die annahme, ihn werde keiner vermissen?
    die wähler, die fdp angekreuzt haben wollten ihn ;-)

    auch auf mich wirkt er glaubwürdig.

  3. In der Wikipedia sind alle NSDAPler aufgeführt, die nach 1945 Karriere gemacht haben.
    Im Westen viele bei der FDP, die nicht umsonst im Bundestag ganz rechts platziert wurde, in der DDR übrigens die meisten bei der SED und in Österreich bei den Sozialdemokraten. Aber das sollte die FDP auch mal aufarbeiten!

    http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_tätig_waren#Deutsche_Demokratische_Republik_.28bzw._Sowjetische_Besatzungszone.29

    • luccas
    • 24.11.2009 um 20:19 Uhr

    ...lassen wir doch den Außenminister wenigstens mal ein paar Monate im Amt, bevor wir jede seiner Aktionen zerbeißen.

    • jeises
    • 24.11.2009 um 20:50 Uhr

    "Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt, leider, die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art"

    Warum soll man Herrn Westerwelle schelten für etwas, was damals wie heute stimmt. Hut ab vor seinem damaligen Mut

    Solange man sich in Deutschland wieder und wieder mit der Schuld der Väter und Großväter belädt, wird man das Thema Integration nie produktiv erarbeiten können.

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    >>Warum soll man Herrn Westerwelle schelten für etwas, was damals wie heute stimmt. Hut ab vor seinem damaligen Mut.<<

    [...].
    [entfernt. Bitte verzichten Sie auf derartig heikle Vorwürfe und bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/vv]
    damals wie heute.

    >>Warum soll man Herrn Westerwelle schelten für etwas, was damals wie heute stimmt. Hut ab vor seinem damaligen Mut.<<

    [...].
    [entfernt. Bitte verzichten Sie auf derartig heikle Vorwürfe und bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/vv]
    damals wie heute.

    • b2e
    • 24.11.2009 um 21:01 Uhr

    hat noch immer den Selben Wissenstand wie 2002 und wir alle können ruhigen Gewissens behaupten das wir ebenfalls über den Selben verfügen, wird uns doch täglich vor Augen geführt wofür der Deutsche die Schuld trägt und immer tragen wird.

    Aber vielleicht ändert es sich ja in circa 30 Jahren wenn die Israelis den 6 Millionsten Palestinenser getötet haben.

    Dann haben wir gelernt!

    Nämlich das Grausamkeit, Mord, Krieg und all die anderen Dinge nichts mit Nationalitäten zu tun haben.

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    Zu : "Dann haben wir gelernt!

    Nämlich das Grausamkeit, Mord, Krieg und all die anderen Dinge nichts mit Nationalitäten zu tun haben."

    Genau! ...und schon gar nichts mit Frieden!
    Wenn wir gelernt haben, warum wird dann in Israel (legalisiert und unterstützt durch den Westen) diese "Politik" betrieben?
    Und vor allem, warum wird dem kein Einhalt geboten?

    Jaja, wir wissen warum, und der eine oder andere machthabende Politiker auch sogar -aber sagen dürfen wir nicht, was offensichtlich ist! -und ändern können wir das noch weniger.
    So ist alles, was hier so schön debattiert wird umsonst.
    Es sei denn, es kommt einer mit Mut daher, der da bereit ist, seine politische Karriere zu gefährden und damit zu beenden.
    Ne, schon verständlich, Westerwelles "Politik", hat er gut gemacht, weil halt nicht angeeckt.
    Denn zum Anecken sind wir und die Welt noch nicht fähig, leider zum Bedauern der HEUTIGEN und morgigen Opfer. Besser wird die Welt durch ewiges Entschuldigen, Verantwortlichsein und Ignoranz nicht.

    Zu : "Dann haben wir gelernt!

    Nämlich das Grausamkeit, Mord, Krieg und all die anderen Dinge nichts mit Nationalitäten zu tun haben."

    Genau! ...und schon gar nichts mit Frieden!
    Wenn wir gelernt haben, warum wird dann in Israel (legalisiert und unterstützt durch den Westen) diese "Politik" betrieben?
    Und vor allem, warum wird dem kein Einhalt geboten?

    Jaja, wir wissen warum, und der eine oder andere machthabende Politiker auch sogar -aber sagen dürfen wir nicht, was offensichtlich ist! -und ändern können wir das noch weniger.
    So ist alles, was hier so schön debattiert wird umsonst.
    Es sei denn, es kommt einer mit Mut daher, der da bereit ist, seine politische Karriere zu gefährden und damit zu beenden.
    Ne, schon verständlich, Westerwelles "Politik", hat er gut gemacht, weil halt nicht angeeckt.
    Denn zum Anecken sind wir und die Welt noch nicht fähig, leider zum Bedauern der HEUTIGEN und morgigen Opfer. Besser wird die Welt durch ewiges Entschuldigen, Verantwortlichsein und Ignoranz nicht.

  4. Auch Herr Westerwelle hätte das dritte Reich wohl eher nicht überlebt. Dies erhebt ihn über jeden hämischen Kommentar.

    Er wirkt für mich extrem glaubwürdig.

  5. Wahr eine sehr bedrohliche Begegnung mit einem ... moellemann.pdf - unvergesslich und einschüchternd - stand ja im Buch!

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