Bürgermeisterwahl in New York Bloombergs Glanz bekommt Risse

New York wählt: Michael Bloomberg will heute zum dritten Mal Bürgermeister werden. Aber die Krise hat auch die Stadt getroffen, und der Milliardär hat viele enttäuscht.

Seine Träume für die Stadt gingen nicht alle auf: Michael Bloomberg führt den bislang teuersten lokalen Wahlkampf

Seine Träume für die Stadt gingen nicht alle auf: Michael Bloomberg führt den bislang teuersten lokalen Wahlkampf

Es ist noch nicht lange her, da war Felix Figueroa stolz darauf, den Bürgermeister seinen Freund nennen zu dürfen. Hinter der Theke seines Eisenwarenladens an der 151ten Straße hängt bis heute ein Foto, auf dem  Felix Michael Bloomberg die Hand schüttelt und beide in die Kamera strahlen. Aufgenommen wurde es im kleinen Saal über dem Geschäft, einem Treffpunkt der  Latino-Gemeinde hier in Washington Heights im nördlichen Manhattan. Vor  genau vier Jahren, vor der letzten Bürgermeisterwahl war das, Felix hatte für Bloomberg eine Wahlkampfveranstaltung organisiert.

Felix ist ein einflussreicher Mann hier. Kein Politiker, der die Latino-Stimmen von Washington Heights haben will kommt an ihm vorbei. Bisher hat Felix sein Gewicht in der Community stets treu für Bloomberg in die Waagschale geworfen. Doch diesmal ist das anders. Bloomberg tritt an diesem Dienstag zum dritten Mal an, die Amtszeitbegrenzung auf zwei Wahlperioden hat er eigens streichen lassen. In Felix' Schaufenster stecken wwischen den Töpfen und Bohrern große Papp-Schilder, die für Bloombergs Herausforderer
Bill Thompson werben. „Ich mag Mike immer noch“, sagt der stets makellos gekleidete Dominikaner, der vor 40 Jahren aus der Karibik hierher zog. „Aber die Zeiten haben sich geändert.“

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Was sich geändert hat, sieht man, wenn man von Felix‘ Laden aus den Broadway hinunter läuft. An jedem Block sind bei wenigstens einem Geschäft die Rollgitter heruntergelassen und es hängt ein großes Schild davor, auf dem  „For Rent“ steht. Ein ähnliches Bild in den Seitenstraßen: Überall stehen leere Wohnhäuser zum Verkauf. Die Wirtschaftskrise hat voll durchgeschlagen hier, an der Grenze zwischen dem schwarzen Harlem und den vorwiegend hispanischen Heights.

Die Heights sind ein Arbeiterviertel, Lichtjahre von jenem parfümierten Manhattan entfernt, das man aus Sex and the City zu kennen meint und das nur wenige U-Bahn Stationen entfernt in Richtung Süden liegt. Doch in den vergangenen Jahren hatten die Heights sich gemausert: Die Straßen wurden sauber, die meisten Wohnhäuser renoviert, man konnte ohne Furcht nachts von der U-Bahn aus nach Hause laufen. Immer mehr Weiße und Asiaten trauen sich, hierher zu ziehen und sich unter die schwarze und die Latino-Bevölkerung zu mischen. Doch in den letzten Monaten hat man Angst, dass die schlimmen Zeiten zurückkommen.

Felix erinnert sich noch allzu gut daran, wie das war, als man jede Nacht Schüsse in der Gegend hörte und die Drogengangs die Straßen in ihrem Würgegriff hielten; als die Hälfte der Häuser vernagelt war, weil niemand mehr hier wohnen wollte; als die Verkäufer in den Schnapsläden am Broadway hinter kugelsicheren Glasscheiben saßen, weil jedes Geschäft mindestens einmal im Monat überfallen wurde.

Aber dann kamen die neunziger Jahre und Bürgermeister Rudy Giuliani räumte mit eiserner Polizeigewalt die Stadt auf. In einer seiner symbolträchtigsten Aktionen ließ Giuliani eine Hundertschaft von Polizisten mit Knüppeln anrücken, um den Park am Tompkins Square auf der Lower East Side zu säubern. Seit Jahren hatten dort Obdachlose gezeltet, von den Anwohnern nicht nur geduldet, sondern mitversorgt.

Heute ist der Tompkins Square von schicken Restaurants umringt, der gepflegte Park hat sogar einen eigenen Hundespielplatz. Eine Zweizimmerwohnung am Parkrand ist nicht mehr unter zweieinhalbtausend Dollar pro Monat zu haben.

Im Wohnzimmer seines klassischen Einfamilienhauses am Westrand des Central Park, etwa in der Mitte zwischen den und der Lower East Side, sitzt der Architekt Julian Lamb, 40 Jahre alt. Lamb ist in diesem Haus, einer dreistöckigen Bürgervilla aus dem 19. Jahrhundert, aufgewachsen, und auch in seiner Gegend spürte er deutlich die drastischen Umwälzungen der neunziger Jahre. „Man hatte das Gefühl, dass es mit einem Mal für den weißen Mainstream akzeptabel wurde, in New York zu leben. Vorher, in den siebziger und achtziger Jahren, war das doch nur etwas für Hippies.“ Künstler und Bohemiens so wie Lambs Eltern bestimmten das Lebensgefühl der Stadt bis Giuliani sie in einen Spielplatz für Yuppies verwandelte, für die Horden von gut verdienenden weißen Angestellten der Finanz- und der Medienbranche.

Wirklich absurd wurden die Veränderungen jedoch erst Ende der neunziger Jahren. Es war eine Explosion in zwei Wellen, welche die Stadt heimsuchte, erst die Dotcom Blase und dann der Börsen- und Immobilienboom nach dem 11. September 2001. „Die Finanztypen hatten schon vorher die Stadt bestimmt, aber sie haben damals auch nicht mehr verdient als Anwälte oder Ärzte“, erinnert sich Lamb, der selbst von Luxussanierungen lebt. „Doch dann kamen auf einmal die Millionengehälter.“

Die Ära von Bloomberg brach an. Jenem Mike Bloomberg, der mit seinem Finanzinformationsdienst eines der größten Vermögen der USA angehäuft hatte. Auf 13 Milliarden Dollar schätzt das Fortune Magazine den New Yorker Bürgermeister; jenen Michael Bloomberg, der einmal gesagt hat, New York sei ein Luxusprodukt und wer es sich nicht leisten könne, müsse eben fort bleiben; der sich beharrlich weigert, hohe Einkommen zusätzlich zu besteuern und der seit der Finanzkrise wiederholt sein Befremden darüber ausgedrückt hat, wie sich der Volkszorn gegen seine Freunde von der Wall Street richtet.

Felix aus Washington Heights unterstützte trotzdem anfangs Bloomberg. Auch, wenn sein Unternehmen vermutlich im Jahr weniger abwirft, als Bloomberg in einer Stunde verdient und sein Viertel auf einem anderen Planeten zu liegen scheint als die Wall Street. Denn Bloombergs Philosophie, dass es allen gut geht, wenn es nur der Wall Street gut geht, schien aufzugehen. Die Menschen in Washington Heights hatten Arbeit - als Taxifahrer, Bauarbeiter, Kellner, Kindermädchen, Putzfrauen, Rezeptionisten, Handwerker und Bauarbeiter. Und
der Stadtsäckel war so voll, dass es für die Sanierung herunter gekommener Viertel reichlich Steuervorteile und Subventionen gab. Washington Heights blühte auf.

Mit dem Kollaps der Wall Street im vergangenen Jahr kollabierte jedoch auch Bloombergs Vision eines goldenen New York. Am deutlichsten ist dies wohl am Scheitern der ehrgeizigen Städtebauprojekte des Bürgermeisters abzulesen. Ganze Viertel wollte er neu erfinden, indem er Nutzungsbeschränkungen aufhob und Investoren einen roten Teppich aus Steuernachlässen sowie billigen Staatsdarlehen ausrollte. Alteingesessenen Handwerksbetrieben wie etwa den Schneidern des Garment District, den Blumenhändlern im Flower District und den Metzgern im Meatpacking District wurde dafür der Schutz entzogen. Wenn sie die Mieten nicht mehr zahlen konnten, mussten sie gehen. Die alten  Handwerksbezirke, die über viele Jahrzehnte das Stadtbild bestimmt hatten, verschwanden.

Der Bedarf an Luxuswohnungen, Büros und Edelboutiquen in New York ist mit der Krise jedoch praktisch erloschen, die Projekte sind nicht mehr finanzierbar. Traurigstes Symbol dieses jähen Stillstands ist wohl Ground Zero. Mit viel politischem Druck haben zwar jetzt die Bauten am Prunkstück des Master-Plans, dem sogenannten Freedom Tower begonnen. Kommerzielle Mieter dafür gibt es jedoch bislang nicht. Für die daneben geplanten Bürotürme fehlt ganz das Geld. Ob und wann das Gelände jemals vollständig neu bebaut wird steht in den Sternen.

Bloombergs Traum der goldenen Stadt ist vorerst gescheitert. Und auf die Frage, wie die Folgen dieses Scheiterns behoben werden können, hat er auch keine gute Antwort. Nach neuesten Statistiken ist die Arbeitslosigkeit in New York auf über 10 Prozent geklettert, ein Viertel der New Yorker leben unterhalb der Armutsgrenze. In der Bronx sind es sogar 28 Prozent. Die Obdachlosigkeit ist so hoch wie noch nie und sie kriecht langsam auch wieder in das so penibel gesäuberte Manhattan. Unter den Brücken sieht man morgens
wieder Schlafsäcke und Matratzen, in den Bahnhofshallen schieben zerlumpte Gestalten in Einkaufswägen ihr Hab und Gut vor sich her.

Bloomberg versucht all das herunter zu spielen. Bill Thompson hingegen gibt zumindest ein Lippenbekenntnis für die kleinen Leute ab, für Leute wie Felix. Das reicht dem Eisenwarenhändler dafür, den Herausforderer zu unterstützen, auch wenn dieser allen Prognosen zufolge keine Chance gegen den Milliardär hat, der den teuersten Lokalwahlkampf aller Zeiten führt.

Letztlich weiß Felix in der Tiefe seines Herzens, dass es niemand wird verhindern können, wenn die Vorhut der Mittelschicht wieder aus seinem Viertel auszieht, wenn die Wohnhäuser wieder verfallen, wenn Washington Heights wieder zum Slum wird und wenn bald nachts wieder Schüsse durch die Straßen gellen.

Felix‘ Hoffnung ist es insgeheim, dass er dann nicht mehr hier ist. Er ist jetzt 62 und er baut sich gerade ein Haus am Strand in seiner Heimat. Nur das Geld für die Veranda muss er sich noch zusammen sparen.

 
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