Bürgermeisterwahl in New York Bloombergs Glanz bekommt RisseSeite 2/2
Felix aus Washington Heights unterstützte trotzdem anfangs Bloomberg. Auch, wenn sein Unternehmen vermutlich im Jahr weniger abwirft, als Bloomberg in einer Stunde verdient und sein Viertel auf einem anderen Planeten zu liegen scheint als die Wall Street. Denn Bloombergs Philosophie, dass es allen gut geht, wenn es nur der Wall Street gut geht, schien aufzugehen. Die Menschen in Washington Heights hatten Arbeit - als Taxifahrer, Bauarbeiter, Kellner, Kindermädchen, Putzfrauen, Rezeptionisten, Handwerker und Bauarbeiter. Und
der Stadtsäckel war so voll, dass es für die Sanierung herunter gekommener Viertel reichlich Steuervorteile und Subventionen gab. Washington Heights blühte auf.
Mit dem Kollaps der Wall Street im vergangenen Jahr kollabierte jedoch auch Bloombergs Vision eines goldenen New York. Am deutlichsten ist dies wohl am Scheitern der ehrgeizigen Städtebauprojekte des Bürgermeisters abzulesen. Ganze Viertel wollte er neu erfinden, indem er Nutzungsbeschränkungen aufhob und Investoren einen roten Teppich aus Steuernachlässen sowie billigen Staatsdarlehen ausrollte. Alteingesessenen Handwerksbetrieben wie etwa den Schneidern des Garment District, den Blumenhändlern im Flower District und den Metzgern im Meatpacking District wurde dafür der Schutz entzogen. Wenn sie die Mieten nicht mehr zahlen konnten, mussten sie gehen. Die alten Handwerksbezirke, die über viele Jahrzehnte das Stadtbild bestimmt hatten, verschwanden.
Der Bedarf an Luxuswohnungen, Büros und Edelboutiquen in New York ist mit der Krise jedoch praktisch erloschen, die Projekte sind nicht mehr finanzierbar. Traurigstes Symbol dieses jähen Stillstands ist wohl Ground Zero. Mit viel politischem Druck haben zwar jetzt die Bauten am Prunkstück des Master-Plans, dem sogenannten Freedom Tower begonnen. Kommerzielle Mieter dafür gibt es jedoch bislang nicht. Für die daneben geplanten Bürotürme fehlt ganz das Geld. Ob und wann das Gelände jemals vollständig neu bebaut wird steht in den Sternen.
Bloombergs Traum der goldenen Stadt ist vorerst gescheitert. Und auf die Frage, wie die Folgen dieses Scheiterns behoben werden können, hat er auch keine gute Antwort. Nach neuesten Statistiken ist die Arbeitslosigkeit in New York auf über 10 Prozent geklettert, ein Viertel der New Yorker leben unterhalb der Armutsgrenze. In der Bronx sind es sogar 28 Prozent. Die Obdachlosigkeit ist so hoch wie noch nie und sie kriecht langsam auch wieder in das so penibel gesäuberte Manhattan. Unter den Brücken sieht man morgens
wieder Schlafsäcke und Matratzen, in den Bahnhofshallen schieben zerlumpte Gestalten in Einkaufswägen ihr Hab und Gut vor sich her.
Bloomberg versucht all das herunter zu spielen. Bill Thompson hingegen gibt zumindest ein Lippenbekenntnis für die kleinen Leute ab, für Leute wie Felix. Das reicht dem Eisenwarenhändler dafür, den Herausforderer zu unterstützen, auch wenn dieser allen Prognosen zufolge keine Chance gegen den Milliardär hat, der den teuersten Lokalwahlkampf aller Zeiten führt.
Letztlich weiß Felix in der Tiefe seines Herzens, dass es niemand wird verhindern können, wenn die Vorhut der Mittelschicht wieder aus seinem Viertel auszieht, wenn die Wohnhäuser wieder verfallen, wenn Washington Heights wieder zum Slum wird und wenn bald nachts wieder Schüsse durch die Straßen gellen.
Felix‘ Hoffnung ist es insgeheim, dass er dann nicht mehr hier ist. Er ist jetzt 62 und er baut sich gerade ein Haus am Strand in seiner Heimat. Nur das Geld für die Veranda muss er sich noch zusammen sparen.
- Datum 03.11.2009 - 12:47 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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