Korea Scharmützel vor der Obama-Reise
Ein Gefecht zwischen nord- und südkoreanischen Kriegsschiffen hat die internationale Gemeinschaft aufgeschreckt. Doch die Lage ist weniger gefährlich, als sie erscheint.
© Jung Yeon-Ye/AFP/Getty Images

Die Nachricht des Tages in Südkorea: Das Scharmützel mit einem Patrouillenboot aus dem Norden im Gelben Meer
Nordkorea sorgt im Nordosten Asiens weiter für Spannungen: Ein Patrouillenboot der Volksarmee des stalinistischen Landes ist laut Regierungskreisen in Seoul am Dienstag in südkoreanische Gewässer vorgedrungen. Ein Kriegsschiff aus dem Süden soll darauf mehrere Warnschüsse abgegeben haben, um die Nordkoreaner zur Umkehr zu zwingen. Diese hätten das jedoch ignoriert und stattdessen zurückgefeuert. Es heißt, das nordkoreanische Boot sei bei dem Feuergefecht beschädigt worden, Tote habe es nicht gegeben.
Die Seegrenze zwischen beiden Staaten, die offiziell immer noch im Kriegszustand sind, ist umstritten. Die sogenannte Northern Limit Line wurde nach Ende des Korea-Kriegs von 1953 von der UNO festgelegt, da es keinen Friedensvertrag gab. Der Norden erkennt die Grenze jedoch nicht an. Das Eindringen in südkoreanisches Gebiet muss dennoch als eine kalkulierte Provokation Pjöngjangs angesehen werden, trotz des Scharmützels, mit dem es endete.
Der Hintergrund dazu ist der dringende Wunsch Nordkoreas, direkt mit den Vereinigten Staaten unter anderem über sein Atomprogramm zu verhandeln, und dies aus einer möglichst starken Position heraus. Und so ist es wohl auch kein Zufall, dass sich der Vorfall gerade in jener Woche ereignet, in der US-Präsident Barack Obama seine große Asienreise beginnt, die ihn auch nach Südkorea und China führen wird.
In den vergangenen Monaten hatte das Regime in Pjöngjang die Nachbarstaaten wiederholt mit Tests von Kurz- und Mittelstreckenraketen aufgeschreckt. Der Abschuss von Langstreckenraketen misslang zwar, doch mit der unterirdischen Zündung einer Atombombe im Mai dieses Jahres reihte sich Nordkorea in die Gruppe der Atomstaaten ein. Immerhin hat sich die Obama-Regierung nach langem Zögern nun zu direkten Gesprächen mit Nordkorea entschlossen. In den nächsten Wochen schon soll der Sondergesandte Stephen Bosworth in Pjöngjang über Nordkoreas Atomprogramm verhandeln.
Auch die neuerliche Provokation dürfte daher als weiteres Zeichen und Druckmittel Nordkoreas gewertet werden, dass man sich an einem Tisch zusammensetzen setzen solle und die kommunistische Führung des Landes dabei sehr ernst genommen werden möchte. Das hat bislang auch gut funktioniert: Die Nordkoreaner konnten im Grunde Bedingungen und jeweils Anfang und Ende der Gespräche mit den USA, China und Südkorea bestimmen – und alle Beteiligten hielten sich weitgehend daran.
Die Frage ist jedoch, warum es so wenig Fortschritte in den Beziehungen Nordkoreas zur internationalen Staatengemeinschaft gegeben hat. Der entscheidende Punkt ist hier, dass die Nordkoreaner eine Garantie der Amerikaner haben wollen, dass – wenn sie sich wirtschaftlich öffnen – die USA ihnen nicht in den Rücken fallen. So etwas ähnliches hat es schon mal gegeben, als Anfang der siebziger Jahre der damalige amerikanische Präsident Richard Nixon seinerzeit Mao Tse-tung und später US-Präsident Jimmy Carter Maos Nachfolger Deng Xiaoping die Garantie gegeben hatten, dass bei einer wirtschaftlichen Öffnung Chinas Amerika die Volksrepublik unterstützen und die anfängliche Schwäche nicht ausnutzen werde.
Solange er eine solche Garantie nicht bekommt, wird es Nordkoreas Herrscher Kim Jong Il nicht riskieren, sein international isoliertes Land zu öffnen, obwohl er schon mehrfach flammende Reden für den chinesischen Entwicklungsweg gehalten hat. Die Chancen, dass sich etwas bewegt, sind indes mit der neuen US-Regierung gewachsen, wie der angekündigte Besuch des Gesandten Bosworth zeigt. Auch wenn die Nordkorea-Frage für Barack Obama angesichts der zahlreichen Brennpunkte wie Afghanistan oder Irak derzeit nicht ganz oben auf seiner Agenda steht.
Das zeigt wiederum auch, dass die Lage in Nordostasien nicht ganz so gefährlich ist, wie man auf den ersten Blick befürchten muss. Die Anrainerstaaten und auch die Amerikaner gehen offenbar davon aus, dass in Nordkorea politisch einigermaßen stabile Verhältnisse herrschen, solange Kim Jong Il an der Macht ist. Und keiner der Nachbarn ist an einem unkontrollierten Zusammenbruch Nordkoreas interessiert; höchstwahrscheinlich sind es auch die Amerikaner nicht.
Südkorea will im besten Fall eine Konföderation, aber keine abrupte Wiedervereinigung mit dem wirtschaftlich unterentwickelten Norden. Japan wiederum will kein starkes wiedervereinigtes Korea neben sich, die Russen wollen in ihrem Hinterhof keine schwer kontrollierbare Situation; sie schauen mehr nach Europa und haben im Kaukasus genug Probleme. Und China hat allein deshalb schon kein Interesse an einer Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten, weil damit die amerikanische Einflusszone direkt an die Volksrepublik grenzen würde.
Die Grundsituation rund um den Krisenstaat Nordkorea ist also im Moment durchaus stabil, auch wenn die Raketentests oder das Scharmützel im Gelben Meer einen anderen Eindruck erwecken.
- Datum 10.11.2009 - 14:55 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 1
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






"Im Osten nichts Neues" also, um es kurz zu sagen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren