Schweizer Referendum Das erste Land der Welt verbietet Minarette
Die Schweizer haben entschieden, den Bau von Minaretten künftig zu verbieten. Muslime sind entsetzt. Regierung und Wirtschaft fürchten die Reaktionen in der islamischen Welt.
© Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Ein Minarett-Modell als Protest gegen die Volksabstimmung
Eine satte Mehrheit von rund 58 Prozent des Schweizer Volkes will den Bau von Minaretten in Zukunft verbieten. Nie zuvor sagten Bürger eines Landes an der Urne Nein zu Moscheetürmen. Die Vertreter der 400.000 Muslime in dem Acht-Millionen-Einwohner-Land zeigten sich fassungslos: "Die Moslems fühlen sich als Glaubensgemeinschaft in der Schweiz nicht akzeptiert", kommentierte Farhad Afshar, Präsident der Koordination islamischer Organisationen Schweiz, das Resultat. Der Soziologe und Autor Jean Ziegler macht in Helvetien bereits eine "Pogromstimmung" gegen Muslime aus.
Doch die Folgen des Volksentscheids werden weit über das kleine Land hinaus zu spüren sein. Es wird erwartet, dass das Misstrauen zwischen den Muslimen und der gesamten westlichen Welt weiter wachsen wird. Nach den Kontroversen um den Islam in den Niederlanden und in Dänemark ist nun die Schweiz ins Zentrum dessen geraten, was man gemeinhin Kulturkampf nennt.
Der Bundesrat – die Regierung des Landes – ist sich dessen bewusst. Wie das Parlament hatte auch der Rat die Initiative der rechtspopulistischen SVP (Schweizerische Volkspartei) und der rechtsnationalen Kleinpartei Eidgenössische Demokratische Union (EDU) abgelehnt. Nachdem das Ergebnis klar war, sagte Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf, im Kampf gegen Extremismus sei ein Minarett-Verbot kein taugliches Mittel. Die Regierung in Bern sei zwar über die Mehrheit für das Bauverbot enttäuscht, müsse die Entscheidung aber respektieren. Nach Ausgang der Abstimmung sei der Bau von Minaretten damit künftig verboten. Dies gelte auch für bereits laufende Planungen. Nicht betroffen seien dagegen die vier bereits bestehenden Minarette.
Auch die Neue Zürcher Zeitung hatte sich gegen das Verbot ausgesprochen: „Für den ohnehin angeschlagenen Ruf der Schweiz dürfte ein Schaden zu befürchten sein“ warnte das Blatt des Schweizer Establishments. Der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze erklärte: "Die Glaubwürdigkeit der Schweiz wird leiden." Nicht zuletzt fürchten viele Eidgenossen um den Erfolg jener Schweizerischer Unternehmen, die global aufgestellt sind.
Die Anführer der Anti-Minarett-Kampagne hingegen brachen offen in Jubel aus. „Ich bin sehr zufrieden“, sagte Ulrich Schlüer, Abgeordneter der SVP. Schlüer und seine Mitstreiter hatten die Schweizer wochenlang mit antimuslimischen Parolen und Hetzreden bearbeitet. Sie wetterten gegen die Minarette als ein Symbol des islamischen "Herrschaftsanspruchs" über die christliche Schweiz. Die Muslime wollten dem Land ihr mittelalterliches Recht aufzwingen, Frauen würden gesteinigt, Männer zum Hass auf den Westen angestachelt. Auf das Minarett folge zwangsläufig der Muezzin. Befürworter des Bauverbots ließen durchblicken, dass sie als nächsten Schritt auch einen Abriss der vier bestehenden Minarette fordern könnten.
Schlüer hatte seiner Abscheu gegenüber Muslimen bereits in seiner Zeitschrift Schweizerzeit freien Lauf gelassen. Dort druckte er einen Artikel ab, der zur "Massenausschaffung der Muslime" aus der Schweiz aufruft.
Das Nein der Schweizer zu Moscheetürmen markiert einen weiteren Erfolg für die SVP als nationalkonservative politische Kraft – als einzige große Partei unterstützte sie die Anti-Minarett-Initiative. Die SVP um ihren Anführer Christoph Blocher gewann in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Anhänger. Mit harter Rhetorik macht die Partei gegen die EU, gegen Asylsuchende und generell gegen alles Fremde mobil. Dabei gerieten besonders nach den Terrorattacken islamistischer Fanatiker verstärkt die Muslime in das Visier der SVP.
Vor allem auf dem Land und in den Regionen der Deutschschweiz verfing die Kampagne gegen den Islam: In Appenzell-Innerrhoden hießen über 70 Prozent der Wähler ein Bauverbot für Minarette gut. Die Gegner des Bauverbots verbuchten nach den ersten Auszählungen nur im Kanton Genf mit rund 60 Prozent Nein-Stimmen einen klaren Erfolg. Meinungsforscher wiesen darauf hin, dass vor allem parteiunabhängige Bürger an der Urne den Ausschlag für das massive Nein zu weiteren Minaretten gaben. Bis kurz vor der Abstimmung prognostizierten die Meinungsumfragen noch ein Nein der Eidgenossen zu dem Minarett-Bauverbot.
Ob das Bauverbot tatsächlich in die Verfassung des Landes aufgenommen wird, ist jedoch fraglich. Rechtsexperten sagen, eine derartige Vorschrift verstoße mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gegen die Europäische Menschenrechtskonvention, insbesondere gegen das Recht auf Religionsfreiheit. "Es darf nicht sein, dass religiöse Minderheiten jetzt damit rechnen müssen, ungleich behandelt zu werden", warnte Thomas Wipf, Präsident des Rates der Schweizerischen Evangelischen Kirche.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte könnte das Vorhaben stoppen, er würde sich somit gegen den klaren Willen der Schweizer stellen. Justizministerin Widmer-Schlumpf sagte zu den Konsequenzen eines möglichen Urteils: "Würden wir ein solches Urteil trotz mehrmaliger Mahnung ignorieren, könnte die Konsequenz sein, das wir aus dem Europarat ausgeschlossen würden."
- Datum 30.11.2009 - 08:06 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 10
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ERSTER!
;-)
EuGh für Menschenrechte dieses Gesetz kippt tut er der SVP einen großen Gefallen die sowieso leidenschaftlich gegen die EU agitiert. Das würde ihr nur weiteren Zulauf bringen.
Ironischerweise würde ich jetzt behaupten, daß die Schweiz konsequenterweise keine Geldgeschäfte mehr mit "islamischen" Staaten macht.
Oder???
Wies soll ein Verbot von Minaretten eine Einschränkung des Glaubens sein? Der Moslem kann seinen Glauben auch ohne Minarett weiterhin ungestört ausüben. Der Jude ist durch das Verbot des Schächtens, resp. der Hindu durch das Verbot öffentlicher Leichenverbrennungen mehr in der Religionsfreiheit eingeschränkt, als nun der Moslem, ohne dass es bislang zu Komplikationen gekommen ist.
Im übrigen nerven die deutschen Kommentatoren mit iher einseitigen Berichterstattung ganz enorm. Solcge Verunglimpfungen wie "rechtspoulistische Partei", "Islam-Progrom", etc. zeigen höchstens auch nach 70 Jahren eine nicht bewäligte Vergangenheitsproblematik auf. Dies hat jedoch mit der Schweiz nichts zu tun!
Das Volk hat entschieden und die Minderheit muss sich nun fügen.
Was ist mit christlichen Kirchen in moslemischen Ländern?
Verboten, abgebrannt, bestenfalls notdürftig geduldet wie z.B. in der Türkei. Ihren Kummer darüber sollten Politiker und geistliche Würdenträger ihren Entschuldigungen vorausschicken.
In Deutschland wären das Ergebnis noch eindeutiger.
Ein treffende Logik. Weil es in den moslemischen Ländern so gemacht wird, müssen wir das natürlich als Rache genauso machen......Auge um Auge, Zahn um Zahn.......
Ein treffende Logik. Weil es in den moslemischen Ländern so gemacht wird, müssen wir das natürlich als Rache genauso machen......Auge um Auge, Zahn um Zahn.......
Der Schaden ist angerichtet, die Debatte über Vereinbarkeit von Westen und Islam wird weiter unsachlich angeheizt. Nun ist Europa gefragt, diesen populisitschen Ausrutscher zu korrigieren und eine Eskalation zu verhindern. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, dies auf eine Weise zu schaffen, die die Schweizer nicht als zu demütigend empfinden. Sonst würde nur weiteren Isolationsglüsten und Nationalismus Vorschub geleistet. Für die Schweizer stellt sich nun erneut die Frage, welche Grenzen für Abstimmungen in der direkten Demokratie gelten sollten und ab wann Rechtsstaatlichkeit zum Rechtspositivismus wird.
Für Europa stellt sich die Frage, ob in Zukunft noch mehr auf die Sachlichkeit der Diskussion geachtet werden kann. Gerade Islamkritiker sind diesbezüglich gefragt: Polemiker wie Broder sollten ihre Rolle überdenken. Dem radikalen Islamismus Einhalt zu gebieten ist ein akzeptables Ziel, aber Methoden wie das polemische Vermengen von radikalem und gemäßigtem Islam schaffen eben generelle Ablehnung und Ängste. Hoffen wir, dass die nächste Islamkonferenz die Debatte wieder in konstruktivere Bahnen lenkt.
warum eine Mehrheit in einer Demokratie in Frage gestellt wird... da muss ein gewisser Hang zur romantischen Veranlagung bestehen, sonst würden sie nicht dazu tendieren, Mehrheit gesetzlich zu unterbinden...
warum eine Mehrheit in einer Demokratie in Frage gestellt wird... da muss ein gewisser Hang zur romantischen Veranlagung bestehen, sonst würden sie nicht dazu tendieren, Mehrheit gesetzlich zu unterbinden...
Ein treffende Logik. Weil es in den moslemischen Ländern so gemacht wird, müssen wir das natürlich als Rache genauso machen......Auge um Auge, Zahn um Zahn.......
... in HB gibt es eine kleine Anzahl sog. Gebetshäuser die schon lange geschlossen gehören - es traut sich von den Verantwortlichen nur keiner und die "allgemeinheit" fragt hier keiner.
Es gibt eine vielzahl doku. "Zwischenfälle" in Schulen, oder aus Berichten und Aussagen weit aus aufgeschlossener integre.williger Muslime über die übermäßige Härte der dort praktizierende Koranschulen - keinesfalls konform mit dem Schutz zum Wohle des Kindes - oder aber auch der dort betriebener radikale Gedanke im Blick auf Muslime vs. Christen - ich dachte immer das Mittelalter sei vorbei, aber nein es spielt sich immer noch ab....ich könnte jetzt meine eigene berufliche Erfahrung zu diesem Thema aufführen, was aber jetzt zu weit führt...
Jetzt wird es wieder "reaktionen hageln, in pkto. Einzefälle und so, aber hier sind es halt vier (mir bekannter) solcher "Einzefälle" , allseits bekannt, macht halt nur keiner was - Thema Vergangenheitsbewältigung = kommt endlich mal runter von Dem Schwachsinn....
Hut ab Schweizer, denn sie machen öffentlich was ja wie gesehen, die Mehrheit denkt.