Einiges deutet daraufhin, dass bald die Affäre um den von der Islamistengruppe Hamas entführten Soldaten Gilat Schalit ein Ende nehmen kann, nach mehr als drei Jahren. Natürlich gilt hier weiterhin: Solange man sich nicht über alles geeinigt hat, hat man sich über nichts geeinigt. Aber so nahe scheint ein Durchbruch in den – unter deutscher Vermittlung gesteuerten – Verhandlungen zwischen Israel und der in Gaza herrschenden Hamas noch nie gewesen zu sein. Und schon jetzt ist klar, dass ein solcher "Deal" von ungeahnter Tragweite ist.

Er wird zunächst einmal das innerpalästinensische Machtverhältnis zugunsten von Hamas beeinflussen. Sie kann dann nicht nur die Freilassung von 450 palästinensischen Gefangenen als ihren Triumph verkaufen, sondern noch andere Errungenschaften vorweisen: Bei der Hamas geht man davon aus, dass eine Einigung die Erleichterung der israelischen Wirtschaftsblockade des Gaza-Streifens miteinschließt und dass die Übergänge zu Israel und Ägypten zumindest teilweise wieder geöffnet werden. In jedem Fall würde ein Gefangenenaustausch das Ansehen der Hamas-Islamisten in der Bevölkerung des Westjordanlandes verbessern und die dort ohnehin schon schwer angeschlagene, von Fatah kontrollierte Autonomiebehörde weiter schwächen.

Manche sehen darin bereits einen Gnadenstoß für Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der sich, wie er vor Kurzem erklärte, "aus Frust über die amerikanische und israelische Politik" nach Ablauf seinen Mandats im Januar ohnehin schon nicht mehr um eine weitere Präsidentschaft bewerben wollte. Jetzt hat er zumindest angekündigt, in jedem Fall bis zu den nächsten Wahlen – wann immer diese auch stattfinden werden – im Amt zu bleiben. Damit ist erst einmal die Gefahr eines Machtvakuums gebannt. Aber ein Gefangenenaustausch macht seine Lage nur noch prekärer.

Da hilft es auch nicht mehr sonderlich, dass der israelische Premier jetzt ganz offiziell einen partiellen Siedlungsstopp verkündet hat. Denn der verbessert zwar Israels Beziehungen zu Washington, aber nicht unbedingt zu Ramallah. Denn gerade jetzt kann Abbas noch schwerer von seiner bisherigen Forderung nach einem kompletten Siedlungsstopp als Vorbedingung für die Wiederaufnahme von Gesprächen mit Israel abrücken – ohne noch mehr Rückhalt in der Bevölkerung zu verlieren. Andererseits sind Fortschritte im Friedensprozess das einzige, was die Autonomiebehörde langfristig vor einem Zusammenbruch zu bewahren vermag.

Fatah-Politiker wie Ziad Abu Ein, in der Autonomiebehörde stellvertretender Minister für Gefangene, versuchen dennoch die Verhältnisse aufrecht zu erhalten. Es sei das erste Mal, dass Hamas irgendwelche Gefangenen freibekomme, sagt er. Die PLO wiederum habe im Laufe der Jahre die Freilassung von "Zigtausenden" erreicht. Er erinnert auch daran, dass die Bevölkerung von Gaza zunächst einmal – durch das von Israel verhängte Embargo – einen hohen Preis für die Gefangennahme von Gilat Schalit bezahlen musste.

Der interessanteste Aspekt des Gefangenenaustausches aber ist die Namensliste. Denn nach palästinensischen Angaben schließt sie den Fatah-Anführer Marwan Barguti mit ein, der von Israel 2004 wegen Terrorismus angeklagt und zu fünf Mal lebenslänglich und vierzig Jahren Haft verurteilt wurde. Der 51jährige Palästinenser aus Ramallah ist der einzige Fatah-Mann, dem zugetraut wird, die Nachfolge von Abbas zu übernehmen. Was aber, wenn Barguti seine Freiheit ausgerechnet Hamas verdankt?

Um die Palästinenserbehörde nicht weiter zu schwächen, dürfte Israel ihn eigentlich nicht im Rahmen eines Gefangenenaustauschs mit Hamas freilassen. Anderseits: Er muss freigelassen werden, um der Palästinenserbehörde überhaupt eine Chance zu geben. Als denkbare Lösung gilt jetzt eine zeitlich verschobene Freilassung Bargutis, die dann als unabhängige israelische Geste deklariert wird.