Auch die US-japanischen Beziehungen werden sich neu definieren: US-Präsident Obama am Freitag mit Japans Premier Hatoyama. © Saul Loeb/AFP/Getty Images

Am Wochenende trifft US-Präsident Barack Obama in Singapur am Rande des APEC-Gipfels mit den Führern der ASEAN-Staaten zusammen. Es ist ein Antrittsbesuch in jener Weltregion, die heute die Lokomotive der Weltwirtschaft ist. Obama wird es dort nicht einfach haben, denn die Region hat sich während der Weltwirtschaftskrise neu sortieren können: "Wie werden wir wirtschaftlich unabhängiger von den amerikanische Schwankungen?", war dabei die wichtigste Frage für das moderne Asien. Schon vor dem kürzlichen Treffen der Finanzminister der asiatisch-pazifischen Wirtschaftskooperation (APEC) in Singapur hatte nämlich US-Finanzminister Timothy Geithner Federn lassen müssen.

In einem gemeinsamen Zeitungstext mit den Finanzministern von Singapur und Indonesien hatte Geithner bereits eingeräumt: Nun, da "amerikanische Haushalte mehr sparen müssen und die Regierung das Haushaltdefizit verringern muss, sollten andere den privaten Konsum in ihren Ländern ankurbeln". Was bedeute, dass Amerika nicht mehr das Zugpferd sein kann. Auf der Veranstaltung selbst wurden beide Seiten dann noch deutlicher: Die Zeiten des Konsums auf Pump in den USA, der bisher die Wirtschaft in Schwung hielt, seien vorbei. Die Weltwirtschaft werde nie wieder zu den Mustern vor der jüngsten Krise zurückkehren, fügte Singapurs Finanzminister dann diplomatisch hinzu. Er hätte auch sagen können: Amerika wird schwach bleiben.

Geithner wird Obama in seinem Briefing hoffentlich deutlich gemacht haben, auf was er sich einstellen muss: Die Asiaten sind selbstbewusster geworden, nehmen ihr Schicksal in die Hand und haben sich in der Krise erstaunlicherweise nicht entzweit, sondern sind enger zusammengerückt.

Schon 1990 hat der damalige Premierminister von Malaysia, Mahathir Mohamed, ein ausgesprochener Verfechter asiatischer Werte, sich für eine ostasiatische Freihandelszone starkgemacht. Diese sollte die ASEAN-Staaten sowie China, Südkorea und Japan umfassen, also rein asiatisch sein und nicht einmal Australien und Ozeanien einbeziehen. Mahathirs Vorstoß war eine direkte Antwort auf die Gründung der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) ein Jahr zuvor, für die sich vor allem Australien, die USA und Japan eingesetzt hatten. Japan hatte sich seinerzeit von der rein asiatischen Gemeinschaft distanziert, um die engen Verbindungen zu den USA nicht aufs Spiel zu setzen. 1990 war Mahathirs Konzept noch ein frommer Wunsch. Ohne Amerika ging es nicht. Und China war allen noch suspekt, die blutige Niederschlagung der Protestbewegung in Peking war gerade ein Jahr her. Inzwischen jedoch haben sich Verhältnisse zu Gunsten einer asiatischen Lösung verschoben.

Jahrelang diente das APEC-Treffen für die USA als Gradmesser, wie weit die asiatischen Länder die Idee eines regionalen Bündnisses vorantreiben. Nach dem Obama-Besuch jedoch wird es für die Amerikaner eher darum gehen zu überlegen, was sie bieten können, um in Asien politisch weiter im Spiel zu bleiben. Sie haben den Einigungsprozess durch ihre schweren wirtschaftspolitischen Fehler befördert. Erstaunlich ist dabei, dass die Asiaten im Verlauf der Krise weiter zusammengerückt sind, während sich westliche Industrienationen inzwischen wieder auseinander bewegen - nachdem sie sich anfangs geschockt zusammengerauft hatten. Man streitet um eine stärkere Finanzmarktkontrolle, die von den Amerikanern abgelehnt wird.

In Asien hingegen ist die Lage anders, denn während beispielsweise in Europa zwei bis drei Länder um den Führungsanspruch buhlen, sind in Asien die Machtverhältnisse klar und in der Krise richtig deutlich geworden: China ist die politische und wirtschaftliche Lokomotive. Nicht einmal mehr Japan, die zurzeit noch größte Wirtschaft Asiens und eine Demokratie obendrein, ist noch in der Lage, China diese Rolle streitig zu machen. Das Land hat in der Finanzkrise noch einmal stark an Schwung verloren und steht an einem außenpolitischen Scheideweg, der es zum Innehalten zwingt. Während Japan einerseits enge militärische und politische Verbindungen zu den USA pflegt, weiß die Regierung andererseits genau, dass die japanische Wirtschaft den chinesischen Markt braucht, nach dem amerikanischen Konsumeinbruch dringender denn je. Zudem ist China der wichtigste Standort für japanische Unternehmen, um kostengünstig für die Welt zu produzieren.

Hin- und hergerissen also befürwortetet Japan gegenwärtig noch eine asiatische Lösung, die die USA nicht ausschließt. Der neue Premierminister Yukio Hatoyama hat dies jüngst deutlich gemacht. Auch Australien ist noch unschlüssig. Doch sind beide Länder derzeit die einzigen am Pazifik, die noch Sonderwege vorschlagen. Sonderwege, die zur Kenntnis genommen werden, wahrscheinlich aber nicht mehr mehrheitsfähig sind. In Asien nicht und wahrscheinlich auch im eigenen Land nicht.