Reden mit Kriegsherren Das Afghanistan-Konzept der Opportunisten
Ist es Realpolitik, mit afghanischen Aufständischen zu reden, wie es Guttenberg jetzt fordert? Mitnichten, es ist schnöder Opportunismus. Einmal mehr zeigt sich: Der Westen hat es nie ernst gemeint mit Afghanistan. Ein Kommentar
© Michael Kappeler/AFP/Getty Images

Schnöder Opportunismus: Die Afghanistan-Politik der Bundesregierung hat mit Realpolitik nichts gemein
Gestern noch zog der gesamte Westen in Afghanistan unter der Flagge der Menschenrechte und Demokratie in den Krieg – und heute ist das alles schon vergessen. Es ist nur mehr von Stabilität die Rede, mehr könne man eben nicht erreichen in Afghanistan. Eben noch waren es Kämpfer für Demokratie, die Menschen in den Tod schicken wollten, um afghanische Frauen zu befreien. Jetzt nennen sie sich Realisten, die sich gerne auch mit Kriegsherren gemeinmachen, wenn sie denn nur "uns schützen" (wie beispielsweise im Kommentar des Kollegen Monath argumentiert wird).
Der Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nur das prominenteste Beispiel unter vielen. Gestern noch, als er ein verzweifelt nach Aufmerksamkeit heischender, einfacher Abgeordneter war, prügelte er den damaligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck dafür, dass er mit den gemäßigten Taliban reden wollte. Heute vertritt er mit großem Trara ebendiese Position. Ein Fall von fulminanter Wetterwendigkeit, der nach einer Erklärung verlangt.
"I face the world as it is" hat US-Präsident Barack Obama bei seiner Friedensnobelpreis-Rede gesagt, um damit zu erklären, warum er, der für seine Bemühungen um den Frieden ausgezeichnet wurde, trotzdem gezwungen ist, gleich zwei Kriege zu führen, den einen, in Afghanistan, sogar noch zu eskalieren. Es ist ein Wunder, dass Guttenberg, der sich immer gerne ins Kielwasser großer Geister wie Plato oder Henry Kissinger hängt, nicht auch gleich Obama hinterher gesprungen ist: "Weil die Welt eben so ist wie sie ist, werden wir mit den gemäßigten Taliban reden müssen!" Das hätte Guttenberg sagen können. Es passte zu seinem Stil.
Diese realpolitische Wende – die in Wahrheit keine ist, dazu aber später – ist schnell erklärt. Der Westen will aus Afghanistan raus, so schnell wie möglich. Der Abzug aber darf nicht wie eine Niederlage aussehen, darum wird schon seit Längerem die Rhetorik heruntergefahren. Alles Hehre ist dahin, es bleibt nur mehr der schnöde Alltag, der in Afghanistan meist hässlich ist.
Der Westen, das ist die Botschaft, hat es versucht, aber leider, leider sind die Afghanen nicht reif für unsere Hilfe. Sie wissen ja, Clanstruktur, Stammesgesellschaft und all das andere archaische Zeugs! Da müsse man eben leider, leider die eigenen Überzeugungen und Werte hintanstellen, Leuten die Hand schütteln und mit ihnen ins Geschäft kommen, denen man ansonsten weiträumig ausweichen würde.
Schön ist es nicht, aber weil die Welt so ist wie sie ist, schicken wir unseren Außenminister Guido Westerwelle nach Kabul, um den Wahlfälscher Hamid Karsai und seinem Vize, dem Kriegsverbrecher Mohammed Fahim, zu ihrer Inauguration zu applaudieren. Bitte, das ist unappetitlich, aber diese Afghanen wie sie nun mal sind, lassen uns keine Wahl. Kurzum: Die Afghanen sind schuld! Das ist die propagandistische Linie, welche die Niederlage des Westens kaschieren soll. Öffentlich wird das nicht gesagt, da redet man eben von Realpolitik, die jetzt, nach acht Jahren, von Politikern und Kommentatoren entdeckt wird.
Aber wie real ist eine Politik, die behauptet, dass Kriegsherren die deutsche Sicherheit garantieren könnten? Es waren doch diese Kriegsherren, die Afghanistan so zugerichtet haben, dass es al-Qaida erst möglich war, sich dort einzunisten. Es waren die Kriegsherren, welche die Afghanen dermaßen bis zur völligen Erschöpfung geschunden haben, dass sie sich nicht gegen die Taliban wehren konnten.
Mag sein, dass man an diesen Kriegsherren heute nicht vorbeikommt, aber das war nicht immer so. Nach dem Sturz der Taliban im Jahr 2001 zitterten viele dieser Kriegsherren vor Angst, weil sie glaubten mit dem Einsatz des Westens sei ihre Zeit vorbei. Sie versteckten sich geradezu, weil sie ernst nahmen, was die westlichen Regierungen behaupteten, nämlich dass nun das Zeitalter der Menschenrechte und Demokratie auch für dieses Land angebrochen sei. Und das afghanische Volk hoffte. Doch beides wäre nicht nötig gewesen: Weder die Angst noch die Hoffnung. Denn die westlichen Regierungen haben es nie ernst gemeint mit Afghanistan – das ist der Kern dieses rasanten Opportunismus, der einem die Haare zu Berge stehen lässt.
- Datum 24.12.2009 - 14:45 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wollte man unter dem Banner des Artikel 1 Grundgesetz weltweit militärisch antreten, dann könnten wir den Verteidigungshaushalt verdoppeln.
Unser Soldaten haben den Auftrag, bei Angriffen auf Deutsches Staatsgebiet, in den Einsatz zu ziehen. Gleiches gilt, wenn unsere Nato-Freunde unmittelbar angegriffen werden.
Wir haben uns darüber hinaus im Rahmen der UNO verpflichtet, bei friedensstiftenden Maßnahmen Soldaten in den Einsatz zu schicken.
Ich denke: Dieser Artikel setzt falsche Prämissen und kommt deshalb auch zu falschen Ergebnissen, um es höflich zu formulieren.
"Ich denke: Dieser Artikel setzt falsche Prämissen und kommt deshalb auch zu falschen Ergebnissen, um es höflich zu formulieren."
Danke. Ich bin so wütend über diesen Artikel, dass ich ohne Ihre Hilfe ausfallend geworden wäre.
Wie kann man sich im Jahr 2009 darüber empören, "der Westen" habe "es nie ernst gemeint mit Afghanistan"? Sagen wir so: das ist bestenfalls naiv.
Ausserdem:
- Die Behauptung, die Nato-Operation in Afghanistan habe mit Menschenrechten oder Terror zu tun, war von vornherein eine Lüge.
- "Die Kriegsherren" haben also Afghanistan ruiniert? Nicht England, Russland, die USA?
- Ist der Karzai und seine korrupte Bande von Wahlfälschern legitimer als die Taliban?
"Ich denke: Dieser Artikel setzt falsche Prämissen und kommt deshalb auch zu falschen Ergebnissen, um es höflich zu formulieren."
Danke. Ich bin so wütend über diesen Artikel, dass ich ohne Ihre Hilfe ausfallend geworden wäre.
Wie kann man sich im Jahr 2009 darüber empören, "der Westen" habe "es nie ernst gemeint mit Afghanistan"? Sagen wir so: das ist bestenfalls naiv.
Ausserdem:
- Die Behauptung, die Nato-Operation in Afghanistan habe mit Menschenrechten oder Terror zu tun, war von vornherein eine Lüge.
- "Die Kriegsherren" haben also Afghanistan ruiniert? Nicht England, Russland, die USA?
- Ist der Karzai und seine korrupte Bande von Wahlfälschern legitimer als die Taliban?
Der Westen hätte längst seine militärische Stärke demonstrieren sollen, indem er den Krieg innerhalb eines Jahres zum Sieg führt. Dazu müsste man lediglich alle militärischen Kapazitäten mobilisieren und die Taliban vernichtend schlagen. Der jetzt vorgenommene "Surge" ist ja ein Witz, geht es doch um eine Existenzbedrohung: den Terrorismus. Diesen zu bekämpfen, muss uns alle Mittel wert sein.
Wir laufen Gefahr, von anderen Nationen als sprichwörtlich "leichte Beute" angesehen zu werden, wenn wir uns weiterhin so blamieren. Die NATO ist nicht mehr furchteinflößend, sondern ein schwaches Verteidigungsbündnis, das seine geopolitischen Interessen nicht mehr wahrnehmen kann. China und Russland werden dann gemeinsam im Kampf um die Rohstoffe und Ressourcen der Welt gewinnen und uns Afrika wegnehmen.
In Afghanistan geht es jetzt nur noch um Gesichtswahrung. Aber manchmal ist Gesichtswahrung eben überlebensnotwendig.
"dann gemeinsam im Kampf um die Rohstoffe und Ressourcen der Welt gewinnen und uns Afrika wegnehmen."
Sie zeigen genau um was es hier eigentlich geht!
Danke für diesen Beitrag!
seinerzeit wollte eine, nein, DIE beste aller nationen, ein land, nordvietnam, "in die steinzeit bombardieren".
im vergleich zu afghanis†an wars ein recht 'übersichtlicher' krieg.
geblieben ist dieses bild: saigon, us-botschaft, helikopter = last exit vie†nam.
gedanken wie ihre hießen damals 'nuke 'em', etwas früher hieß es "totaler krieg".
sie tönen hier rum "LEDIGLICH ALLE MILITÄRISCHEN KAPAZITÄTEN MOBILISIEREN UND DIE TALIBAN VERNICHTEND SCHLAGEN."
so einfach, so 'simple-minded'
find ich witzig, vor allem ihr "lediglich", was lediglich nur zeigt, dass sie nichts verstanden haben von dem abenteuer der sowjetunion, die gedacht hatte, sie müssten "lediglich'...
"dann gemeinsam im Kampf um die Rohstoffe und Ressourcen der Welt gewinnen und uns Afrika wegnehmen."
Sie zeigen genau um was es hier eigentlich geht!
Danke für diesen Beitrag!
seinerzeit wollte eine, nein, DIE beste aller nationen, ein land, nordvietnam, "in die steinzeit bombardieren".
im vergleich zu afghanis†an wars ein recht 'übersichtlicher' krieg.
geblieben ist dieses bild: saigon, us-botschaft, helikopter = last exit vie†nam.
gedanken wie ihre hießen damals 'nuke 'em', etwas früher hieß es "totaler krieg".
sie tönen hier rum "LEDIGLICH ALLE MILITÄRISCHEN KAPAZITÄTEN MOBILISIEREN UND DIE TALIBAN VERNICHTEND SCHLAGEN."
so einfach, so 'simple-minded'
find ich witzig, vor allem ihr "lediglich", was lediglich nur zeigt, dass sie nichts verstanden haben von dem abenteuer der sowjetunion, die gedacht hatte, sie müssten "lediglich'...
Liebe Redaktion,
ich habe einen Vorschlag.
Wie wäre es, wenn Sie redaktionelle Beiträge - in diesem Fall den Monath-Kommentar "Realpoplitik am Hindukusch" - mit einem Hinweis versehen, dass ein sinnvoller Beitrag zum Thema - hier der Ladurner-Kommentar - folgt. Ich hätte mir dann meinen realpolitischen Monath-Kommentar von 18:41 sparen können.
@la borsa: Erklären Sie mir den Bezug Ihres Beitrags zum Artikel?
@m-bergman: Krieg zum Sieg führen? Taliban vernichtend schlagen? Geopolitische Interessen der NATO in Afghanistan? China und Russland werden uns Afrika wegnehmen? Aus welcher Zeit sind Sie denn übrig geblieben?
auf den realpolitischen Aspekt von Außenpolitik konzentriert und Rahmenbedingungen unseres militärpolitischen Handelns aufgezeigt.
Das Stichwort des Opportunismus hat mich besonders angeregt, auf das Grundsätzliche einzugehen.
auf den realpolitischen Aspekt von Außenpolitik konzentriert und Rahmenbedingungen unseres militärpolitischen Handelns aufgezeigt.
Das Stichwort des Opportunismus hat mich besonders angeregt, auf das Grundsätzliche einzugehen.
... als am Gewusst-Wie.
Meines Erachtens ist es die Pflicht der BRD und der anderen Staaten, die die Taliban zumindest aufgerüstet haben, für eine stabile allgemein akzeptierte Lage zu sorgen.
Das muss nicht aussehen wie im Westen, es soll je kein Kulturimperialismus sein, aber es kann nicht sein, dass wir aus bloßer Verdrossenheit unsere ethischen Standards herunterschrauben und die Afghanen in den Händen von Warlords und Taliban zurücklassen.
Über den richtigen Weg kann man streiten, ich denke die Kombination aus Aufbau und Kampf sind entscheidend. Man kann nicht mit jedem zivilisiert verhandeln und man kann bewaffnete Streitkräfte rein polizeilich bekämpfen, aber man kann auch nicht ein Land mit Krieg wieder aufbauen.
Wie das Unkraut gejätet werden muss, damit auf dem Boden Früchte wachsen können, so müssen in einem Land die zerstörerischen Kräfte neutralisiert werden, damit der Staat aufgebaut werden kann, wie auch auf dem Acker gepflügt, gepflanzt und je nachdem auch gedüngt werden muss. Und wenn man dem Boden zu wenige Nährstoffe (Geld) gibt, darf man sich nicht wundern, wenn die Pflanzen schwach werden.
Anders als gern kolportiert sind die Taliban nicht das Geschöpf des Westens - in diesen Theorien immer vertreten durch einen allmächtigen CIA (der es in 40 Jahren noch nicht mal auf die Beine gebracht hat, einen Karibik-Diktator vom Sockel zu stoßen) - sondern des pakistanischen ISI, zum größten Teil finanziert durch saudisches Geld.
Anders als gern kolportiert sind die Taliban nicht das Geschöpf des Westens - in diesen Theorien immer vertreten durch einen allmächtigen CIA (der es in 40 Jahren noch nicht mal auf die Beine gebracht hat, einen Karibik-Diktator vom Sockel zu stoßen) - sondern des pakistanischen ISI, zum größten Teil finanziert durch saudisches Geld.
"dann gemeinsam im Kampf um die Rohstoffe und Ressourcen der Welt gewinnen und uns Afrika wegnehmen."
Sie zeigen genau um was es hier eigentlich geht!
Danke für diesen Beitrag!
Da wird sich hier in dutzenden von Artikeln darüber aufgeregt, dass bei einem kleinen BW-Einsatz eine immer noch nicht bekannte Zahl von Unbewaffneten umgekommen ist - kann man machen.
Jetzt aber ein Kommentar, der bemängelt, dass die am Chaos in Afghanistan schuldigen "Kriegsherren" nicht ausreichend bekämpft worden sind - und jetzt so "real" noch da sind, dass sich Politik und Diplomatie mit ihnen ins Benehmen setzen müssen, wenn sich in Aghanistan was zum Besseren wenden soll.
Und weil an diesen "Kriegsherren" 1000 Jahre zivilisatorische Entwicklung spurlos vorbei gegangen sind, ist das Ganze eine ziemlich undankbare Aufgabe.
Militärisch/technisch wäre es kein Problem, mittels eines 3-monatigen Massakers den "Kriegsherren" beizukommen und dabei auch noch reichlich Zivilisten zu morden, hinter denen sie sich verstecken.
Ich dachte, wir wollten das gerade NICHT!
"Es waren doch diese Kriegsherren, die Afghanistan so zugerichtet haben, dass es al-Qaida erst möglich war, sich dort einzunisten."
Angesichts der tatsächlichen Ereigmisentwicklung ist ein solcher Satz in einem Artikel etwas undifferenziert und verleitet den uninformierten Leser leicht zu falschen Überlegungen oder Meinung.