Kopenhagen Europa will Vorbild sein
Zwischen Hoffnung und Skepsis: Während die EU mit einem Hilfspaket andere Geberländer zu Zugeständnissen bewegen will, warnen Kritiker vor schwachen Kompromissen.
© Keld Navntoft/dpa

Alles ist vorbereitet, die Klimakonferenz im Konferenzraum des Bella Centre in Kopenhagen kann beginnen. Viele aber zweifeln daran, dass der Gipfel ein Erfolg sein wird
Mit gutem Beispiel voran: Die EU-Staaten wollen mit einem mehrere Milliarden Euro umfassenden Hilfspaket Entwicklungsländer unterstützen – und dadurch andere Geberstaaten beim Weltklimagipfel in Kopenhagen zu Zugeständnissen bewegen. Nach Informationen der Financial Times Deutschland ist das Geld als eine Art Anschubfinanzierung für die Jahre 2010 bis 2012 gedacht. Diplomaten zufolge solle der Betrag zwischen einer und drei Milliarden Euro liegen.
Wofür das Geld konkret verwendet werden soll, ist noch unklar. Es könnte nach Informationen der Zeitung für Dämme gegen Überschwemmungen in Küstenregionen oder aber für den Aufbau von Verwaltungsstrukturen für spätere Hilfen eingesetzt werden. Genaueres wollen die 27 europäischen Staats- und Regierungschefs beim parallel zur Klimakonferenz tagenden EU-Gipfel ab Donnerstag aushandeln.
Die Hoffnung ist groß, dass der Vorstoß der EU andere Industrienationen zu Zugeständnissen animiert. Schon seit Langem ist in der internationalen Klimadiplomatie klar, dass die reichen Staaten den armen bei der Bewältigung der Erderwärmung helfen müssen. Über Anpassungshilfen für die Dritte Welt ist man sich im Prinzip einig – und das bereits seit 1997, als in Kyoto ein Klimaanpassungsfonds für Entwicklungsländer beschlossen wurde. Nach der Klimakonferenz in Kopenhagen soll er nun endlich starten.
Vergangene Woche hatte zudem Großbritanniens Premier Gordon Brown einen weiteren Klimafonds in Höhe von zehn Milliarden Euro vorgeschlagen. Dieser solle bereits zu Jahresbeginn zur Verfügung stehen.
Kritik an Kurzfristigkeit der Finanzhilfen
Trotz der verschiedenen geplanten Finanzhilfen für Dritte-Welt-Länder sehen Kritiker deren Nutzen skeptisch. Sie warnen davor, dass es bei den kurzfristigen Zahlungen und Planungen bleibt. Denn auf langfristige Zusagen an die Entwicklungsländer wollen sich viele Länder nicht festlegen – so beispielsweise der schwedische EU-Ratspräsident Fredrik Reinfeldt. Auch die USA und Japan zögern mit konkreten Finanzzusagen über 2012 hinaus.
Der Leiter des UN-Umweltprogramms (UNEP), Achim Steiner, kritisierte die zurückhaltende Politik vieler Industrienationen hinsichtlich der Klimahilfen an die Entwicklungsländer: Sie seien völlig unzureichend. "Beispielsweise der derzeit diskutierte Sofortfonds von zehn Milliarden Euro bewegt sich unterhalb des Minimums dessen, was für konsequente Klimapolitik tatsächlich notwendig wäre", sagte Steiner der Neuen Osnabrücker Zeitung. Mittelfristig seien rund 100 Milliarden Euro jährlich vorgesehen. "Ich würde mir wünschen, dass eine solche jährliche Summe nicht erst ab 2020 gilt."
- Abschmelzen
Verschwinden mit der Erwärmung des Klimas die Gletscher, erhöht sich der Meeresspiegel. Konsequenzen hat der Verlust der Eismassen auch vor Ort in den Alpen. Die Gletscher sind riesige Wasserspeicher. Sie halten Niederschläge zurück und geben diese dosiert weiter. Fehlt dieser Puffer, drohen vermehrte Überschwemmungen. Weil schmelzendes Eis und schwindender Permafrost Geröll freigeben, ist auch mit Steinschlag und Erdrutschen zu rechnen. Die ETH Zürich erwartet bei 49 helvetischen Gletschern, dass deren Abschmelzen in den nächsten Jahrzehnten Siedlungen oder Verkehrswege beschädigen wird.
- Grindelwaldgletscher
Alarm schlagen die Forscher in Grindelwald. Dort hat sich in den vergangenen vier Jahren auf dem Eis des Unteren Grindelwaldgletschers ein rasch wachsender See gebildet. Bricht die Zunge darunter durch, könnte sich der See innerhalb weniger Stunden entleeren – und das Tal überfluten. Mit Drucksonden und Kameras wird der Gletschersee rund um die Uhr überwacht.
- Folgen
Gletscher garantieren, dass die meisten Bäche und Flüsse im Gebirge kontinuierlich Wasser führen. Fallen sie als regulierende Instanzen aus, hätte das nicht nur Folgen für die Vegetation, sondern auch für die Energieversorgung. 60 Prozent ihres Stroms produziert die Schweiz mit Wasserkraft. Die Elektrizitätsbranche rechnet mit schweren Einbußen.
- Grenzverschiebung
Ein wenig profitiert die Schweiz aber auch vom Wandel. Das Land durfte seine Grenze neu ziehen, weil sich mit dem Schwinden der Eismassen im Grenzgebiet zu Italien die Wasserscheide verschoben hat und eine neue Geografie entstand. 40 der 578 Kilometer Grenzlinie zu Italien liegen oder lagen auf Schneefeldern und Gletschern. An einigen Stellen musste sie um bis zu 150 Meter verschoben werden – meist nach Süden. Die kleine Republik ist etwas größer geworden.
Mahnende Worte insbesondere für die deutsche Regierung gab es auch vom früheren Bundesumweltminister und ehemaligen Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Klaus Töpfer (CDU). Er forderte die Bundesregierung auf, mehr Einsatz im Interesse des Klimaschutzes zu zeigen. "Es ist noch nicht zu sehen, wie wir unser Ziel von fast 40 Prozent weniger CO2-Emissionen im Jahr 2020 gegenüber 1990 auch wirklich realisieren können", sagte der Umweltexperte der Passauer Neuen Presse.
Experten warnen vor Erwärmung um 3,5 Grad Celsius
Viele Organisationen und Politiker sind ebenfalls skeptisch, ob der zweiwöchige Gipfel den Durchbruch in der internationalen Klimapolitik bringen wird. Die Herausforderungen für die Politiker aus 192 Staaten sind riesig. So will man sich – neben der Hilfe für Entwicklungsländer – auf eine Begrenzung der Klimaerwärmung um zwei Grad einigen. Was dafür aus wissenschaftlicher Sicht dafür notwendig wäre: Bis 2050 muss der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen im Vergleich zu 1990 halbiert werden. Für die Industriestaaten wie Deutschland bedeutet dies, ihre Emissionen bis dahin um 80 bis 95 Prozent zu senken.
Das Ringen um eine Begrenzung der globalen Erderwärmung gilt als Jahrhundertaufgabe. Ob ein Klimaabkommen die globale Erwärmung aber wirklich stoppen kann, ist fraglich. Auch mit den aktuellen Klimaschutzzielen der einzelnen Länder steuert die Welt nach Angaben von Experten auf eine katastrophale Erwärmung um 3,5 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts zu.
Für Hoffnung unter Klimaschützern sorgte am Wochenende die Ankündigung von US-Präsident Barack Obama, Ende nächster Woche zu den entscheidenden Verhandlungen zum Finale des Gipfels nach Dänemark zu reisen. Daraufhin sagte auch Indiens Regierungschef Manmohan Singh seine Teilnahme zu.
Bei der Eröffnung des Gipfels am Montagvormittag gab es einen riesigen Ansturm. Nach Angaben der Organisatoren waren mehr als 15.000 Teilnehmer aus aller Welt angereist. Ursprünglich hatten 34.000 Menschen dabei sein wollen – viele von ihnen mussten aber abgewiesen werden. Zu Beginn der Eröffnungszeremonie wurde ein Film gezeigt, der die dramatischen Auswirkungen des Klimawandels für die Kinder zeigen soll.
- Datum 07.12.2009 - 11:04 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters
- Kommentare 4
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So ist das, wofür das Geld konkret verwendet werden soll ist noch nicht klar. Das sagt doch alles.
So wird es gemacht, erstmal das Geld irgendwo deponieren und mal schauen, sicherlich findet sich ein Weg.
Vielleicht noch ein Schwager oder Bruder oder jemand aus der dritten Linie der noch nicht genug hat.
Die E-Werke haben ja schon die Pläne für das Sahara-Vorhaben in der Tasche, da wird es landen. Nur bei wem?
Tüüs und alles Gute, talkletts
Europa wollte schon immmer ein Vorbild sein, auch bei der Kolonisierung (Sicherung der Rohstoffe)! Es hat mehr geschadet als geholfen, die heutigen Probleme sind weitgehend die Konsequenz davon.
Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass die besseren Lösungen diesmal anderswo herkommen - und uns womöglich sehr, sehr weh tun werden. Ob wir die Größe haben werden, dies zu akzeptieren ?
...sein will, sollte es sich wenigstens etwas zusammenreißen. Euro 100 Mrd sind viel Geld. Schätzen wir einmal Euro 20 Mrd von Deutschland. Die Summe ist allerdings weniger als 1/3 des von China geforderten Betrages, der gemessen an den Kosten eher tief denn als ausreichend bewertet werden könnte. Zudem ist die Verfügung über die Ausgaben des Fonds umstritten. Die BRIC Länder bestehen darauf selbst zu bestimmen während die Europäer dieses Recht wollen.
Zum Basisjahr 1990 ist zu sagen, dass man den aufgeben sollte, weil die meisten Länder bisher so gut wie unbeteiligt waren an der CO2 Reduzierung. Das gilt auch für die meisten Länder Europas und vor allem Deutschland, dessen CO2 Reduktionen lediglich die Folge eines ganz anderen Zusammenhangs sind und ohne das keine wesentliche Reduzierung stattfand. Man war gezwungen die DDR Industrie zu schließen, die so hoffnungslos ineffizient CO2 verschleuderte. Warum sollte China oder Indien an diesem zufälligen Zeitpunkt deutscher Geschichte gemessen werden?
...ist, dass die Veränderungen, die eine Umstellung auf Null-Emissionsenergie fordern werden, so komplex sind. Kein Mensch weiss was das erfordert und welche Industrien gewinnen oder verlieren. Neulich sah ich eine Studie nach der ein mittle grosser Hund so viel CO2 mehr bedeutet, wie die Produktion eines schweren SUV. Bedeutet nun Klimaschutz, dass nur noch Reiche einen Lumpi dürfen?
Wenn wir wirklich weiterkommen wollen und das scheint politisch unausweichlich ist der effizienteste Weg nach Vorne, wenn wir den Preis ab Förderung (egal ob Kohle oder Weizen) hochsetzen. Das sollte wohl auch supranational erfolgen. Das wird schwer.
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